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Hinweis: Dieser Bericht spiegelt die persönlichen Erfahrungen von einem EIRENE-Freiwilligen wieder und nicht in jedem Fall die Meinung von EIRENE Internationaler Christlicher Friedensdienst e.V. . Viel Spaß beim Lesen. Zur Rückkehr auf die "offiziellen" EIRENE-Seiten. Bevor Sie dieses Fenster verlassen: Dieses Fenster schließen. Was mich hier immer wieder begeistert ist die Natur, die Weite der Landschaft und die Stille. Ich mache oft lange Spaziergaenge oder fahre mit dem Auto, ohne einem Menschen zu begegnen Heidrun Herrenbrück beschreibt in ihrem 1. Rundbrief die Vorbereitung auf ihren Friedensdienst, die Ankunft in den USA und auf der Gould Farm und gibt ihre ersten Eindrücke wieder (Juni 2008)
Heidrun Herrenbrueck Rundbrief Nr. 1 Gould Farm Juni 2008 Monterey Massachusetts 01245 - USA
Inhalt: Wie alles begann… EIRENE Ausreisekurs - BVS Orientation Mein Projekt: Gould-Farm Mein Arbeitsplatz Meine Freizeit
Liebe Unterstuetzerinnen und Unterstuetzer, liebe Verwandte, Freunde und Bekannte,
hier kommt mein erster Bericht aus der grossen, weiten Welt, d.h. aus Monterey, Massachusetts, einem kleinen Dorf mit Kirche, town hall, library, general store, post office, fire department, wie aus einem alten Film, und natuerlich Gould-Farm, ein ganz besonderer Platz. Aber damit bin ich schon mittendrin.
Wie alles begann: Ich hatte schon jahrelang den Wunsch fuer eine laengere Zeit ins Ausland zu gehen. Aber als ich dann endlich die Zeit hatte, d.h. nicht mehr arbeiten brauchte, war es doch noch ein grosser Schritt, meinen Traum zu verwirklichen. Nach einigen Recherchen im Internet stiess ich auf EIRENE, die mich auch nach einem Informationsseminar, Bewerberseminar, ausfuehrlichen Bewerbungsunterlagen usw. akzeptierten und fuer ein Jahr in die USA schicken wollten.
EIRENE ist ein oekumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnuetziger Verein in Deutschland, als Traeger des Entwicklungsdienstes und des sogenannten “Anderen Dienstes im Ausland” (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist. 1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegruen- det, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fuehlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufruestung und fuer das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gruendern gehoeren die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versoehnungsbund und den EIRENE-Zweigen in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den EIRENE-Mitgliedern zaehlen. In ueber 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und EntwicklungshelferInnen mit EIRENE in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Aus- landsdienstes taetig gewesen. (www.eirene.org) .
Ausreisekurs und Orientation:
Nach einer sehr lustigen und herzlichen farewell-party wurde es am 13.01.08 ernst, d.h. Freunde brachten mich mit meinem Gepaeck fuer ein Jahr nach Neuwied, wo der Aus- reisekurs von EIRENE stattfand. In einer Gruppe von 19 TeilnehmerInnen in unter- schiedlichen Lebensphasen, die z.B. nach Irland, Nordirland, Rumaenien, Bolivien, Nicaragua und in die USA ausreisten wollten, hatten wir eine 14-taegige intensive Vorbereitung, in der wir sehr gut auf das kommende Jahr im Ausland vorbereitet wurden.
Am 26.01.08 stand ich dann mit zwei anderen Frauen in meinem Alter und einem jungen Mann am Frankfurter Flughafen und startete zu einem 13-stuendigen Flug nach Atlanta, Georgia, dem groessten Flughafen der Welt. Die US-Einwanderungsbehoerde empfing uns freundlich und weiter ging es nach Orlando, Florida. Hier wurden wir von Mitarbei- tern von BVS – Brethren Volunteer Service – empfangen und zu unserem Camp gebracht, wo die Orientation stattfand. BVS ist eine Organisation der Church of the Brethren, eine der historischen Friedens- Kirchen, die schon seit 1948 Freiwillige vermittelt und begleitet. (www.brethren.org)
Ziel dieser 3-woechigen Vorbereitung war das Vertrautmachen mit dem einfachen Leben in einer Gemeinschaft unter erschwerten Bedingungen, das Finden eines Projektplatzes fuer das kommende Jahr und das Einleben in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Wir waren mit 5 jungen Amerikanerinnen und Amerikanern in einem Camp untergebracht, sehr schoen gelegen, aber Standard Deutschland 50-er Jahre. Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich habe fuerchterlich gefroren, besonders nachts. Ich muss zuge- ben, dass mir diese 3 Wochen sehr schwer gefallen sind, wobei ich aus heutiger Sicht nicht einmal sagen kann, woran es gelegen hat. Die fachliche Durchfuehrung durch die Mitarbeiterinnen von BVS war sehr gut, aehnlich der Vorbereitung von EIRENE. Wir hatten einen sehr geregelten Tagesablauf, wenig Freizeit, taegliche devotions (Andachten), die wir abwechselnd zu gestalten hatten. Eingeteilt in food groups lernten wir das guenstige Einkaufen und Kochen fuer 11 Perso- nen mit einem Tagesbudget von $ 2,25 pro Person und Tag, eine gute Erfahrung.
Ein Wochenende verbrachten wir in Miami, wo wir u.a. auch einen Tag beim Hausbau fuer die Organisation “Habitat for Humanity” (www.habitat.org) geholfen haben, zusammen mit vielen anderen Gruppen oder Einzelpersonen, die regelmaessig an Wochenenden hier ihre Freizeit verbringen und helfen, eine neue und beeindruckende Erfahrung fuer mich. Ich denke, in dieser Beziehung koennen wir viel von den Amerikanern lernen. Freiwillige / volunteers haben wir an vielen Orten bei der Arbeit gesehen, sei es im Camp Ithiel, wo RentnerInnen die Anlagen und Haeuser in Ordnung hielten, bei unserem Einsatz in der food-bank, wo ganze Schulklassen beim Sortieren der Waren geholfen haben.
Einen Vormittag waren wir zu Gast in der Wohnung von SueZann Bosler, einer jungen Amerikanerin, die sich sehr stark fuer die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt, die es in 38 von 50 Bundesstaaten immer noch gibt. In 18 Staaten duerfen 16-Jaehrige hingerich- tet werden. SueZann hat einen Ueberfall in ihrer Wohnung lebensgefaehrlich verletzt ueberlebt, ihr Vater ist dabei umgebracht worden. Sie hat die Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe fuer den Moerder ihres Vaters hart erkaempft, eine starke Frau !
Am Nachmittag dieses Tages dann das Kontrastprogramm: Baden und Schwimmen im herrlichen blauen Wasser von Miami Beach mit Picknick am Strand.
Einen grossen Teil unserer knapp bemessenen Freizeit im Camp verbrachten wir mit der Suche nach einem geeigneten freien Projekt fuer das anstehende Jahr. Fuer mich war eigentlich von Anfang an klar, dass meine erste Wahl die Gould-Farm in Massachusetts ist, nachdem ich im Ausreisekurs von EIRENE einen Film ueber das Leben auf der Farm gesehen hatte. Und es hat geklappt ! Nach einem bewegenden Abschiedsabend mit Fusswaschung und vielen Umarmungen und guten Wuenschen ging es dann am 15.02.08 zum Flughafen nach Orlando. Hier trennten sich unsere Wege. Mein Flug ging nach Newark, New Jersey, und weiter nach Albany, New York.
Mein Projekt: Gould-Farm in Monterey, Massachusetts (www.gouldfarm.org)
Bedingt durch ein Unwetter hatte ich in Newark 4 Stunden Aufenthalt und landete gegen 24 Uhr in Albany. Ein junger deutscher Volunteer holte mich ab und mir fiel ein Stein vom Herzen. Wir fuhren dann noch ca. 2 Stunden durch die verschneite Landschaft und Alex machte mich mit den wichtigsten Dingen vertraut. Es tat gut, bei soviel neuen Eindruecken wenigstens in meiner gewohnten Sprache zu sprechen. Gegen 2 h lieferte mich Alex in meinem neuen Zuhause ab. Da sass ich nun etwas verloren in meinem schoenen grossen Zimmer, ohne meine Koffer, die kamen einen Tag spaeter. Samstag und Sonntag fuehlte ich mich sehr einsam, niemand war fuer mich zustaendig. Durch lange Spaziergaenge in der herrlichen Schneelandschaft besserte sich meine Stimmung. Montag ging es dann aber richtig los mit Gespraechen beim Human Resources Director und viel Papierkram. Mit Rich hatte ich schon von Florida aus telefoniert. Er hatte mir vorgeschlagen im Roadside Café zu arbeiten, wo ein Volunteer gebraucht wurde. Zuerst musste ich aber in einer zehntaegigen Orientation alle Arbeits- teams der Farm kennenlernen, Kueche, Garten, Baeckerei, Forest and Ground, Farm, Residential und Roadside-Café. Aber zuerst eine kurze Vorstellung der Gould-Farm, meinem Zuhause fuer ein Jahr.
Gould-Farm ist fuer mich, und sicher auch fuer viele Andere, ein ganz besonderer Platz. Sie ist die aelteste therapeutische Gemeinschaft ihrer Art in den USA, gegruendet 1913 von William J. Gould. Sie ist eine psycho-soziale Rehabilitationseinrichtung in einem nicht-institutionellen Programm fuer Gaeste ab 18 Jahren mit Schizophrenie, schizoaffektiven Stoerungen, bipolaren Stoerungen und Depressionen. Um diesen Menschen zu helfen und erfolgreich zu arbeiten, wurde eine besondere Form geschaffen, die aus drei interaktiven Bereichen besteht: 1. das Behandlungsprogramm 2. das Work-Programm 3. das Leben in einer Gemeinschaft.
Die guests leben durchschnittlich 6-9 Monate auf der Farm mit der Moeglichkeit, die Aufenthaltsdauer bis zu 3 Jahren zu verlaengern. Das besondere dieses Programmes ist, dass die Arbeit als Behandlung der psychischen Krankheit einen wichtigen Teil darstellt und dass alle in den einzelnen work-teams zusammen arbeiten, staff, volunteers und guests. Am Anfang meiner Arbeit hier auf der Farm konnte ich oft nicht unterscheiden, wer wer ist.
Mein Arbeitsplatz:
Die ersten 6 Wochen habe ich im Roadside-Café gearbeitet, ein oeffentliches typisch amerikanisches Fruehstueckscafe, was zwar zur Farm gehoert, aber von vielen Touristen besucht wird. Am Wochenende ist es dort sehr voll und die Arbeit ist sehr anstrengend. Zusammen mit Newada, dem Manager, der am Grill steht, und 2-3 guests, erledigen wir alles, was im Café ansteht: Gaeste bedienen, kassieren, Gemuese putzen, Cookies backen, Pfannkuchenteig vorbereiten, spuelen, putzen, Kaffee kochen usw. Zu meinen Aufgaben gehoert ausserdem das Fahren der guests, das Café liegt ca. 1 km von der Farm entfernt, und Besorgungen mit dem Auto.
Am Wochenende beginne ich um 7 h mit den Vorbereitungen, wir oeffnen um 7.30 h. Der Kontakt mit den Besuchern des Cafes ist sehr gut, Amerikaner sind sehr freundlich, man nennt sich beim Vornamen und unterhaelt sich. Der Zugang zu unseren guests gestaltete sich anfaenglich sehr schwierig, was sicher auch an meinen unzureichenden Sprachkenntnissen liegt.
Ich habe sehr schnell gemerkt, dass das nicht der richtige Arbeitsplatz fuer mich ist. Ich musste mir eingestehen, dass die physische Belastung zu gross ist. Diese Einsicht ist mir sehr schwer gefallen, habe ich doch bisher alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Zum Glueck fuer mich suchte man im Gartenteam dringend Hilfe. Im Augenblick arbeite ich 3 Tage im Garten und 2 Tage im Café und hoffe, bald Vollzeit im Garten sein zu koennen, wenn im Café Ersatz gefunden ist.
Die Arbeit im Garten macht mir sehr viel Spass. Im Augenblick arbeiten wir natuerlich meistens draussen. Hier wird Gemuese, Salat, Tomaten, Spargel, Spinat, Kuerbis usw. gesaet, gepflanzt, bearbeitet, was in der Gemeinschaftskueche zubereitet wird. Oft wird morgens geerntet und mittags steht es frisch auf dem Tisch. Auch hier wird im Team mit den guests gearbeitet, wobei aber erst um 8.30 h nach dem Morgenmeeting mit der Arbeit begonnen wird.
Hier auf der Farm beginnt der Arbeitstag um 7.30 h mit einem herrlichen Fruehstueck mit Milch, Joghurt u. Eiern aus eigener Produktion, oft gibt es Pfannkuchen mit maple syrup, auch selbst hergestellt. Anschliessend ist Morgenmeeting fuer alle, d.h. fuer guests, staff, volunteer, Besucher. Hier werden Aktivitaeten des Tages vorgestellt, neue Gaeste begruesst, meetings bekanntgegeben, der Wetterbericht wird ausfuehrlich erlaeutert. Zum Schluss wird gemeinschaftlich gesungen, oft mit Gitarrenbegleitung. Ich liebe diese Morgenmeetings. Ich erlebe das wirklich als eine grosse Gemeinschaft.
Mein Part im garden-team ist die Arbeit eines work-leaders, das Befoerdern der guests, Fahren mit dem garden-truck usw.
Zu den allgemeinen Aufgaben der Volunteers gehoert die Teilnahme an den woechent- lichen staff-meetings, community-meetings, das Fahren der guests zu Terminen und Veranstaltungen.
Meine Freizeit:
Ich bin inzwischen umgezogen und wohne mit 2 Amerikanerinnen in einem herrlichen Haus etwas 2 km von der Farm entfernt, mitten im Wald, mit einem Garten, in dem ich auch meinem Hobby, der Gartenarbeit, nachkommen kann.
Seit April gehe ich dreimal woechentlich in einen English-Kurs, der in einer Mittelschule stattfindet und kostenlos ist. Die meisten Teilnehmer sind aus spanischsprechenden Laendern, die Lehrerin ist aus Irland. Es macht mir sehr viel Spass, der Unterricht ist locker, aber sehr herzlich, ganz anders, als ich es von Deutschland gewohnt bin. In dieser Beziehung habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Ich erlebe die Amerikaner im allgemeinen als sehr freundlich und hoeflich. Oft bedanken sie sich bei mir, wenn sie hoeren, dass ich als Volunteer arbeite.
Da das Essen auf der Farm einfach zu gut ist, war es notwendig, dass ich mich sportlich betaetige, aber auch, weil es mir Freude macht und ein guter Ausgleich zur Arbeit auf der Farm ist. Ich gehe sof oft wie moeglich mit einer Bekannten in ein Fitness-Studio in Great-Barrington, der naechsten Stadt, die ca. 7 km entfernt ist.
Sandy und Candy, Schwestern in meinem Alter, die auf der Farm arbeiten, kuemmern sich ruhrend um mich. Sie haben mir auch beim Kauf eines alten Ford Escort geholfen, der zwar schon 145.000 Meilen gelaufen ist, mir aber noch gute Dienste tut. Ohne Auto fuehlt man sich hier einsam und verlassen, oeffentliche Verkehrsmittel gibt es hier auf dem Lande nicht.
Was mich hier immer wieder begeistert ist die Natur, die Weite der Landschaft und die Stille. Ich mache oft lange Spaziergaenge oder fahre mit dem Auto, ohne einem Menschen zu begegnen. Was ich sehe sind herrlich duftende Rhododendron-Buesche im Wald, wilde Truthaehne, Rehe, Streifenhoernchen, Biber, Kolibris, nur einem Baeren bin ich leider noch nicht begegnet, habe mir aber von Anderen erzaehlen lassen, dass das durchaus nicht ungewoehnlich ist. In der Naehe der Farm liegt ein schoener See, in dem man herrlich schwimmen und die Ruhe ringsherum geniessen kann. Berkshire County ist ein wunderschoenes Fleckchen Erde. Die Freude am Wandern und der Natur wird leider etwas durch das zahlreiche Auf- kommen von dear-ticks (Zecken) beeintraechtigt.
In den vergangenen Monaten habe ich auch einige Facetten der amerikanischen Kultur kennengelernt, country music, contra dance, Bach-Konzerte. Besonders beeindruckt hat mich die Live-Uebertragung von einigen Opernauffuehrungen aus der Metropolitan Opera in New York, die regelmaessig im Theater in Great-Barrington stattfinden.
Wie Sie/Ihr sicher meinem Bericht entnehmen koennt, geht es mir richtig gut. Ich musss zugeben, am Anfang habe ich mich schwer getan, mich einzuleben und wohlzufuehlen. Auch jetzt gibt es noch einsame Augenblicke, aber das ist sicher normal und darauf war ich auch vorbereitet. Der Austausch per e-mail mit anderen Volunteers aus Deutschland hat mir oft sehr geholfen und natuerlich die woechentlichen Telefongespraeche mit meinen Kindern und meinen Freunden in Deutschland.
An dieser Stelle moechte ich mich nochmals bei allen Unterstuetzerinnen und Unter- stuetzern bedanken. Ohne Ihre/Eure Beitraege waere mein Aufenthalt hier nicht moeglich gewesen.
Herzliche Grusse von der Gould-Farm aus Massachusetts
Heidrun Herrenbrueck |