Internationaler Christlicher Friedensdienst

Freiwilligenberichte

Diese Zusammenstellung aus Berichten von Freiwilligen vom Mai wurde von Ingeborg Ott bereitgestellt. Ingeborg war 1981/82 selbst EIRENE-Freiwillige in Irland. Sie verbindet die Berichte zu einer "Brücke" zwischen den EIRENE-Freiwilligen zusammen (vielen Dank für diese umfangreiche, ehrenamtliche Arbeit!)

Aus den Berichten
von
Clodagh und Hans Heagny-Zomer, Tschad
Martin Lohnecke, Ingrid Miosga, Michael Uhrig, USA
Florian Hofmann, Sebastian Seibert, Republik Irland
Arist von Hehn, Nordirland Christiane Disser, Christoph Kniffke, Jonas Gieseke, Frankreich

Ich bin ganz glücklich, dass diesmal Post aus dem Südprogramm dabei ist.

Clodagh und Hans Heagny-Zomer, Koordinatoren im Tschad, schreiben im Oktober - ich versuche, einige Abschnitte zu übersetzen:

"- Es gab Afrikaner in Britannien, bevor die Engländer dort hinkamen -

Die Römer landeten 45 v.Chr. in Britannien, und in den Römischen Legionen waren Soldaten aus Nordafrika. Die Angelsachsen kamen erst einige Jahrhunderte später. ...

- Europäische Exporte -

Was täte Europa, wenn Afrika nicht existierte? Wohin auf der Welt würden sie alle diese Missionare und Entwicklungshelfer schicken? ...

- Geburtstagsparty beim Nachbarn -

Warum bin ich die einzige schäbig angezogene Person hier? Ist dies der Tschad oder eine Episode aus dem Prinz von Bel Air? Sind das Perücken, oder was? ...

- Segnungen der Natur 1 -

In manchen Jahren kommt der Regen überhaupt nicht; dieses Jahr kam er: die Erdnüsse verfaulen auf den Feldern, und überall fallen die Häuser zusammen.

Tschadische Antwort: 'Wir haben Glück: Es gibt hier weder Erdbeben noch Taifune'. ...

- Segnungen der Natur 2 -

Das mag zwar stimmen, aber der Tschad kennt durchaus seine biblischen Plagen, und jede Woche ist es eine andere: Heuschrecken, Wasser-Skorpione, Frösche, Fliegen, grüne Fliegen. Eine Welle nach der anderen mit einer unglaublichen Vielzahl von Insekten. ...

- Gute Nachrichten -

Warum ist es so viel leichter, über 'Afrika' zu klagen als über die guten Dinge zu sprechen, so wie über die Frauen auf dem Markt, die zu dir kommen, um dir zu sagen, dass der Fisch, den du gerade kaufen willst, nicht gut ist? Das Kind, das dir nach zwei Tagen die Erdnüsse bringt, die du zwei Tage vorher gekauft hattest, die aber nicht mehr vorrätig waren? Der Witz der Frauen, die für 400 Jugendliche kochen, die in der örtlichen Schule abgestiegen sind, um eine Woche Musik zu machen? Die Freude der Leute in der hiesigen Bar, die unter den Sternen tanzen? Der Ausdruck auf dem Gesicht unseres Elektrikers, als er eine Arbeit erledigt hatte, von der wir beide annahmen, sie würde eine Stunde dauern; aber dann kam das Auswechseln sämtlicher Leitungen im ganzen Haus und von 30m Kabel unter der Erde dazu: 'Nein, Sir, das kostet nichts extra!' " ...

Martin Lohnecke:
Jetzt überqueren wir die halbe Erdkugel bis nach Texas, wo Martin Lohnecke (geboren 1977) seinen anderen Dienst im Ausland leistet. Es war ein langer Weg für Martin von seinen ersten Überlegungen '

'Zivildienst oder Bundeswehr?' bis er endlich bei EIRENE gelandet war. Nach einigem Hin und Her und vielem Organisieren waren noch einmal schwierige Aufgaben zu bewältigen: einen Unterstützerkreis aufzubauen und das Visum zu erhalten.

"Es war wirklich nicht einfach für mich, meine Freunde und Bekannte um Geld zu fragen. Um so überraschter war ich über die vielen netten Zusagen die mich sehr erfreut haben. Es waren natürlich auch ein paar negative Erfahrungen dabei und mir wurde bewusst, dass vielen Menschen Geld nunmal wichtig ist und es ihnen sehr schwer fällt sich davon zu trennen. ...

Das Visum zu bekommen war eine weitere Strapaze für mich. ... Ich habe es erst eine Woche vor meiner Abreise bekommen...."

Nach dem Ausreise-Seminar bei EIRENE und der BVS-Orientation in Orlando war Martin mit Ingrid Miosga, einer anderen EIRENE-Freiwilligen, 26 Stunden in einem Greyhound-Bus unterwegs, bevor sie in San Antonio, Texas ankamen!

Martin schreibt:

"Ich lebe mit vier weiteren Freiwilligen zusammen ... in einem Haus, das Anfang der 20er Jahre gebaut wurde und dementsprechend erhalten ist. Jeden morgen wenn ich aufstehe, denke ich, dass ich besoffen bin, denn der Boden senkt sich zur einen Seite um mehrere Zentimeter. Im Badezimmer kommt langsam die Wand runter, das Abwassersystem verstopft auch alle zwei Wochen, die Isolierung der Fenster ist gleich null und wir haben keine Klimaanlage. Das ist für uns Deutsche ja nichts besonderes, aber hier in Texas schon, denn der Sommer wird sehr heiß (bis zu 45° C). Wir leben wirklich sehr einfach, aber man gewöhnt sich sogar an die Kakerlaken die jetzt vermehrt in unser Haus kommen. ...

Ca 50.Meter hinter unserem Wohnhaus liegt das Catholic Worker House. Dies ist der Ort, wo wir hauptsächlich arbeiten und jeden Tag literweise Schweiß verlieren. Unsere Arbeit teilt sich in zwei große Bereiche auf:

1. Soupline (Suppenschlange):

Wir öffnen Mo,Di,Mi und Fr unser Haus für Obdachlose und alle Bedürftige in unserer Gegend. ...

Wir kochen immer so viel, dass ca.40 Leute davon satt werden könnten. ...

Der 2.Teil unserer Arbeit bezieht sich auf obdachlose Familien. ... Es gibt ein Auswahlverfahren, weil wir nicht nur einfach eine Art 'kostenloses Hotel' sind, sondern wir wollen gemeinsam mit den Familien eine Lösung finden, damit sie in Zukunft wieder auf eigenen Füßen stehen können. Die meisten Familien haben Schulden, wenn sie zu uns kommen. Manchmal haben wir sehr junge Eltern, die ihre Schule noch zu Ende machen wollen. Wir versuchen ihnen die lebensnotwendigen Dinge zu geben, damit sie ihre ganze Energie auf Schule, Arbeit, Job- und Wohnungssuche konzentrieren können. ...

Dann erzählt Martin "noch ein paar allgemeine Dinge über San Antonio und Texas: Texas gehört mit zu den größten Staaten in den USA und ist flächenmäßig ungefähr so groß wie die gesamte BRD. Ein großer Teil davon gehörte früher noch zu Mexiko; einschließlich San Antonio. Texas hat einen besonderen Status in Nordamerika, so ungefähr wie Bayern in Deutschland (am liebsten wären sie unabhängig). Ein großes Problem in diesem Staat ist die Todesstrafe. In keinem anderen Staat der USA wurden mehr Menschen für ihre Verbrechen hingerichtet wie in Texas. Also für alle Besucher: 'Benehmt euch anständig!'

Die Landschaft besteht hauptsächlich aus Steppe und ist in den meisten Gebieten eher flach. Nur im Nord-Westen kann man ein paar größere Berge sehen, die Ausläufer der Rocky Mountains. Das Stinktier und die Klapperschlange sind wohl die berühmtesten Tiere aus dieser Gegend. Außerdem gibt es noch Opossums (welche unter unserem Haus leben), Adler und viele verschiedene Arten von bunten Singvögeln.

San Antonio liegt relativ zentral im Süden Texas'. Ca.50% der Einwohner sind mexikanischer Herkunft, was wohl auf die Geschichte und die geringe Entfernung zu Mexiko zurückzuführen ist. Mitten durch die Stadt fließt der San Antonio River. ..."

Im Brief vom Juli erzählt Martin:

"Der Alltag in den ersten Wochen bestand hauptsächlich aus kochen, abwaschen, putzen, Spenden sortieren und Büroarbeiten. Alles Sachen, die ich natürlich eine Weile machen kann, allerdings nicht ein ganzes Jahr! Alle Achtung an alle Hausmütter die das Meiste von den Sachen ein halbes Leben machen/gemacht haben. ...

Nun möchte ich euch noch ein wenig berichten, was man als Catholic Worker noch so alles zu erledigen hat. ...

Um 9 Uhr wird das Büro geöffnet. Zur Büroarbeit gehört auch das Sortieren der Spenden. Manchmal ist der Raum vor dem Büro so voll, dass man Schwierigkeiten hat durchzukommen. Teilweise sind richtig gute Sachen dabei, aber viele benutzen diesen Weg zur einfachen Abfallentsorgung. ...

Um 14 Uhr heißt es dann für einen von uns, Downtown zu fahren, um Suppe von einem mexikanischen Restaurant abzuholen. ...

Um 17 Uhr schnappt sich einer von uns die Kinder und spielt mit ihnen eine Stunde. Ich denke, dies ist einer der härtesten Jobs hier. Sie schreien, weinen, machen alles unordentlich und springen einem unvorbereitet auf den Rücken. Es sind wirklich kleine Bestien und sie rauben einem den letzten Tropfen Energie, aber trotzdem macht es Spaß!

Nachdem um ca.19 Uhr auch der Berg vom Abendessen abgewaschen ist, kann jeder nun seinem Hobby nachgehen, ins Kino fahren oder nach ein paar E-mails und Briefen tot ins Bett fallen.

Außer am Donnerstag. Denn dies ist der entscheidende Tag für uns und unsere Bewohner. Um 19.30 Uhr treffen wir uns mit allen Familien, um über ihre Fortschritte und Probleme zu reden. ...

Unsere eigenen Schwierigkeiten sind nicht gerade WG-typisch. Bei uns gab es nie Probleme über Essen im Kühlschrank oder liegengelassene Sachen. Auch das Putzen war nie ein Thema, wobei wahrscheinlich jeder seinen Sinn für Sauberkeit etwas heruntergeschraubt hat. Wie soll man hier auch als ordentlicher Deutscher mit Kakerlaken, Ameisen, Mäusen und viel Staub leben können. Die Wand in der Dusche ist schon so morsch, dass jedesmal irgendwelche Kriechtiere einem vor die Füße fallen, wenn man duscht. Als ich die Küche neu gestrichen hatte, fand ich zwei tote Mäuse hinter dem Herd, welche schon am Boden festgeklebt waren. .. Und wenn man abends aufs Klo geht, sieht man zu 80% einen daumengroßen Kakerlak. ... Aber was soll ich sagen, mir gefällt es, auch wenn ich jeden Abend alleine nur vom Liegen in meinem Bett literweise Schweiß verliere!

Die größten Probleme entstehen/entstanden wirklich untereinander. Denn es ist nicht gerade einfach ein Privatleben zu haben. Sämtliche Entscheidungen die das Haus oder die Arbeit betreffen, werden gemeinschaftlich gelöst. Ich glaube, ich brauch' wohl nicht zu erklären, dass es schwierig wird, wenn alle verschiedener Meinung sind. Aber irgendwie renkt sich alles wieder ein und nach ein paar lauten Worten und beleidigten Gemütern kehren wir dann zurück in eine harmonische Beziehung. ..."

Ingrid Miosga (Jahrgang 1938) arbeitet im Catholic Worker House in San Antonio, Texas. Von ihr kam im Sommer ein Brief:

"...Es macht Spaß für die Obdachlosen zu kochen und mit den Wohnungslosen zu arbeiten. Bei den Interviews, die die Familien vor ihrem Einzug ins Haus mit uns haben, hatte ich manchmal den Eindruck, das geht nicht gut. Aber ich wurde von den Jungen überstimmt. Wir nahmen sie auf und bald mussten wir sie auffordern wieder zu gehen, da sie gegen unsere Regeln und Auflagen verstießen. Es ist schön Familien zu helfen, aber es sollte die richtige Hilfe sein, um sie wieder 'flott' zu machen. Bei einem Rausschmiss leiden immer die Kinder am meisten die Erwachsenen ziehen in ein anderes Heim und so läuft alles wieder in den alten Bahnen. In Chicago wird der Lohn für sie gespart und sie bekommen nur ein Taschengeld. Meines Erachtens kann ihnen nur so geholfen werden, da diese Leute nicht mit Geld umgehen können. ... "

Michael Uhrig (Jahrgang 1937) ist für ein Jahr in der "tri city homeless coalition" in Fremont.

Im BVS (Brethren Volunteer Service)-Einführungskurs, der sogenannten 'Orientation', hat sich Michael "Gedanken auch um die 2 dollar 25 cent gemacht, die jeder zur verfügung hatte für drei mahlzeiten, was in den USA der sozialhilfesatz ist, aber ihr hättet unsere mahlzeiten sehen müssen. extraklasse! jeden tag obst oder obstsalat, jeden tag anderes schönes, kurz, der mensch braucht nicht viel, wenn er klug ist und sich umschaut und gut einkauft, müsli, kartoffeln, frisches gemüse, es gab alles. ...

wir haben auch viel praktisch gearbeitet, also an der front.

michael war: einen tag orangenernter, einen tag erdbeerpflücker, einen tag bauarbeiter für hurricanopfer, einen tag anstreicher für haitiflüchtlinge. ich lebte zwei tage in miami mit einer achtköpfigen haitifamilie, lieb und nett, mein bett und meine dusche hättet ihr sehen sollen: meine dusche: eine dose mit wasser. ...

in unserer orientation in usa ... entschied ich mich schließlich für das haus für heimatlose in fremont, californien. ...

das heimatlosenzentrum bietet platz für 66 personen ...:

ehefrauen mit kindern, die geschlagen wurden ..., weggelaufene junge menschen, menschen, die ihre arbeit verloren und plötzlich nicht mehr die miete bezahlen können, menschen, die unter brücken schliefen u.a.

sie bekommen hier quartier auf zeit, aber, und das überzeugt mich, nur, wenn sie sich strikten reintegrationsregeln unterwerfen. alkoholverbot, drogenverbot, schlafenszeiten beachten, ausgehverbot ab 18.00 usw. fast alle arbeiten, fast alle haben ein auto, fast alle sind besser gekleidet als michael, alle müssen ihr geld in einem sparplan nach vertrag abgeben, damit sie dann ein neues zuhause finden. und: es klappt. das haus hat einen guten namen - und die vier internationalen freiwilligen auch - wie auch die 16 profis, die hier arbeiten. prima klima, prima stimmung. ...

meine arbeit hier: ich bin shelter counsellor, was heißt, ich bin in der eingangshalle des zentrums hinter einem 'desk' der ansprechpartner für alles, von problemen über arbeit und nachbarn über sorgen und leiden bis zum telefondienst und ausgeben von medizin und seife, kurz, mädchen für alles, meine arbeitszeit ist immer von 15-23 uhr, und ich bin immer todmüde, aber zufrieden, wenn die arbeit vorbei ist, zwei tage in der woche habe ich frei. ..."

Michael erzählt jeden Monat von seinem Leben in Californien.Im März sagt er:

"... ich bin zufrieden, mein leben hat sinn, ich lebe ein einfaches leben für ein jahr, ich teile mit denen, die es schlechter haben als ich, und zu schnell könnten wir alle in situationen kommen, die uns vergleichbar alt aussehen ließen: unfall, scheidung, arbeitslosigkeit, drogen. ...

fehler habe ich auch schon genug gemacht: so habe ich den mann unserer direktorin nicht mit seiner frau pam verbunden per telefon, sondern mit einer anderen pam, die hier auch arbeitet, unserm finanzminister habe ich telefondaten gelöscht, weil ich das gerät falsch bediente. gelächter am nächsten tag. was ich so schätze hier: hier darf der mensch fehler machen, es wird ihm weiter mut gemacht....

ihr glaubt nicht, was die menschen hier spenden. keinen schrott! sie spenden zeit und liebe und bestes parfum und natürlich alles, was man zum leben braucht.

alte menschen kommen helfen, jeden tag andere in der küche, kleine kinder bringen bilder und kekse!

jetzt mache ich einen kleinen schlenker nach golden san franzisko, crazy town, crazy people!

da fahre ich im bus bis an den großen herrlichen ozean. endstation. dann steigt ein: michael. abfahrt, nächste station ein althippie dazu, langhaarig grau und mit gitarre, auf der er spielt. dann fängt die schwarze busfahrerin an zu singen, einen gospel nach dem anderen mit einer großen stimme, dass es mir das herz zerreißt. dann steigt eine tüdeltante ein, die immer selbstgespräche führt. so geht es weiter, hier ist alles möglich.

ausgestiegen und bei fisherman's wharf, herrliches einkaufs- und vergnügungscenter am ozean, läuft ein halbnackter und etwas irrer zwischen vielen autos und mit einem football, diesem amiei, in der hand, das er immer menschen zuwirft, keiner hupt, keiner meckert, die menschen akzeptieren hier verrücktsein mehr als bei uns. ..."

Im Mai:

"wie ein bunter mandala mit schillernden farben ohne anfang und ende erscheint mir manchmal das leben. neue farben kommen hinzu, andere verbleichen. und auch, wenn wir uns bemühen, wir wissen nicht anfang und ende. und auch, wer wie michael 61 jahre alt ist, weiß nur, dass seine tage gezählter sind als die jüngerer menschen. ... was und warum macht ein mensch, der gerade das arbeitsleben hinter sich hat und damit in seinen letzten lebensabschnitt eintritt, das, was michael tut. ...was ich jetzt tue ist auch ein stück danke an das leben, danke für all die großen augenblicke, danke an all die menschen, die mich begleitet haben, danke an die unbekannten! das ist das eine. das andere: es ist etwas unbezahlbares zu spüren, wie hier im shelter: du bist gebraucht. dein lachen, dein spaß, dein helfen spiegelt sich in den augen deiner gegenüber, für den augenblick dieser dankbaren augen lohnt sich der einsatz schon und es ist auch die erkenntnis, dass ich vielleicht nur noch ein paar jahre die power habe, die mich so handeln lässt. gerade dies ... verleiht mir flügel, die vielleicht bald gebrochen sein könnten. ... es gibt noch viel mehr gründe, so zu handeln, wie ich es tue, es ist und bleibt auch das stück neugierde auf das leben und die fremde, und es ist auch das stück abenteurer in mir, was ungestillt ist. ...

dienst der älteren bedeutet auch hier verzicht auf vieles. es bedeutet einfachstes leben. .... stellt euch vor, ihr teilt ein - herrliches - apartment mit drei twens, die eure kinder sein könnten. ... wir älteren sehen und lernen mit anderen augen, was komischerweise jüngere nicht leicht nachvollziehen können. ...

um nichts in der welt würd ich für geld das auf mich nehmen, was ich hier tue. es ist der gedanke der freiwilligkeit, der mich stark macht. ...

es ist schön, helfen zu können und dieses helfen mit anderen schönen dingen verbinden zu können. ...aber zur gleichen zeit weiß ich auch, dass mich meine sicherheit in deutschland so sprechen und handeln lässt, wer mich fragen würde, ob ich lieber einen dienst nur unter und mit älteren tun möchte, ...dem würde ich klar sagen: nein. ... für meinen nächsten dienst würde ich mir vielleicht eine kürzere zeit wählen, etwa ein halbes jahr, ... und nicht jeden tag 8 stunden arbeiten. aber hier an diesem ort und zu dieser zeit ist es für michael gut, wie es ist.

könnte ich einen wunsch für mich äußern, ich wünschte mir und den anderen älteren nichts als ein kleines kämmerlein für mich selbst. ...

es ist seltsam: manches begleitet mich in meinem leben bis heute: so auch die wildgänse. sie sind auch hier in californien an meinem geliebten see elisabeth, den ich jeden tag umwandere oder umradle. sie wollen nicht zurück nach canada. als kleiner junge lauschte ich ihrem flügelschlag und wollte mit ihnen fliegen. als das nicht ging, erkannte ich in der musik ihrer flügel meine sehnsucht nach fernem. wildgänse begleiteten mich immer ab dann. in mecklenburg an den seen. im eisigen canada. in schneverdingen, wenn sie zur rast auf ihrem weiten flug nach norden oder süden auf den grünen wiesen weideten. und nun schließt sich wieder ein kreis in kalifornien. das gefällt mir."

Im September berichtet Michael von seinen täglichen Radtouren an den 4 km entfernten See. Was er da alles sieht!:

"... die schildkröten sonnen sich auf kleinen ästen, die aus dem wasser ragen. wenn michael sie ärgern will, tauchen sie schnell unter. der zierliche und freche kolibri schwirrt derweil um die duftenden blüten und saugt den süßen honig aus ihnen. enten und wildgänse und taucher und reiher und kormorane schwimmen zu hunderten auf dem blauen see, hatten viele junge, aber fast alle sind inzwischen von den raubvögeln oder ratten gefressen. ...

derweil joggen die menschen um den see, andere radeln, andere rollerskaten, manche joggen rückwärts, andere gehen mit gewichten in den händen, wieder andere machen auf dem gehweg kniebeugen, verrückt sind die menschen schon ein bisschen hier - eben wie michael - einige sitzen um ein feuerchen, liebespaare kuscheln sich eng aneinander - bis es nacht wird und abkühlt und plötzlich ganz still wird. dann kommen auf der wiese am see die vielen erdhörnchen aus ihren löchern und müssen aufpassen, dass die zwei kleinen eulen sie nicht erwischen, die lautlos leise und still auf dem feld auf beute lauern. ..."

Im Oktober zieht Michael einen Vergleich "dreier projekte hier in den usa, die alle menschen in not helfen: san antonio in texas, chicago und eben fremont.

in texas wird das projekt nur von freiwilligen getragen, suppenküche und familien beherbergen! das find ich doll. was getan werden soll, was gekocht wird, wie die spenden rankommen, alles, alles muss besprochen und von den freiwilligen koordiniert werden. was für ein konfliktpotenzial. die freiwilligen sind ja keine profis, und sie sind nur für ein jahr zusammen. ihr programm? wer zu ihnen kommt, soll in frieden und ohne verpflichtung und belastung versuchen, sich zu reintegrieren. wie realistisch ist das? ich hätte in dem projekt probleme, weil mir die kooperation fehlt und ich nicht glaube, dass eben diese menschengruppe von heimatlosen es schafft, ohne leitende hand den weg zurück zu finden in die lebensrealität

in chicago ist es ähnlich, allerdings arbeiten hier profis und freiwillige zusammen. in beiden projekten, was mir gefällt, leben und wohnen heimatlose und mitarbeiter enger zusammen als in meinem projekt. in chicago werden die heimatlosen auch zu kleinen pflichten herangezogen, aber keines der projekte ist so professionell und gelenkt und mit auflagen belegt wir meines. da ich glaube, dass nur eine leitende hand labilen menschen helfen kann, halte ich in diesem punkt die politik unseres shelters für die richtigere. die hohe erfolgsquote der reintegration gibt der politik auch recht. gleichzeitig weiß ich und bekomme es auch zu spüren, dass eben diese striktheit auch fesselt. ich selber fühle mich in unserem projekt auch wegen der professionalität der arbeit und den auflagen am wohlsten. ..."

Florian Hofmann
In der Republik Irland leistet Florian Hofmann (geb.1978) seinen Freiwilligendienst. Florian leistet seinen Dienst bei College Orchards in Dublin.

Florian schreibt, als er in Dublin ankam

..."gab es da ein Problem: ich hatte noch keine Wohnung, nicht mal einen Schlafplatz. Und Mary, meine Chefin, war fest davon überzeugt, dass ich kaum eine Chance hätte, eine billige Unterkunft in Dublin zu finden. Ich sollte mich mindestens auf zwei Wochen Suche einstellen, und selbst dann könne ich noch nicht sicher sein. Das war für den Anfang nicht gerade ermutigend. Kurzfristig konnte ich in die Wohnung meines EIRENE-Vorgängers einziehen, weil ich noch in Kontakt mit dessen Mitbewohnern war. Da diese WG aber schon voll belegt ist, musste ich dringend etwas Eigenes finden. Und schon nach zwei Tagen intensiver Suche hab ich zum Glück meine jetzige Bleibe bekommen. Es ist ein winziges Reihenhaus, 15 Minuten mit dem Fahrrad vom Stadtkern entfernt. Ich teile es derzeit mit einem Spanier, einer Australierin und einem Mädchen aus den USA. Es ist also richtig Muli-Kulti bei mir zuhause. Ich komme mit allen Dreien super gut aus. ...

Der Workshop in Horticulture hat im Moment einige Probleme mit seinem neuen Garten. Mary und ihre Kollegen mussten letztes Jahr ihren alten Garten verlassen, in dem sie 15 Jahre gearbeitet hatten. ...

Der Workshop betreibt aber auch noch ein Büro in der Innenstadt. Es ist im Keller eines ehemaligen Regierungsgebäudes und besteht aus dem Büroraum und einem Aufenthaltsraum für die Jugendlichen. Dort trudeln sie alle so zwischen 8 und 10 Uhr morgens ein. Die Gruppe besteht derzeit aus vier Mädchen und fünf Jungen. Sie werden hier in Mathematik und Englisch unterrichtet und jeden Freitag gehen sie zum Fußballspielen. Die restliche Zeit ist für Gespräche und sozialen Austausch gedacht."

Alle diese Jugendlichen haben eine schlimme Vergangenheit hinter sich und Schwierigkeiten, ihr Leben zu bewältigen.

..."Ich glaube", so Florian, "ich habe hier einen ganz guten Stand, weil ich kein richtiger Sozialarbeiter bin und auch kein wirklicher Trainer. Dadurch haben die Jugendlichen in vielen Sachen mehr Vertrauen zu mir als zu den workern. ...

Da der Garten derzeit nicht genützt werden kann, hat sich Mary um einen anderen Garten gekümmert. Dieser liegt ebenfalls etwas außerhalb, hinter einem Haus für Obdachlose. Dort habe ich zusammen mit einem Kollegen Vorbereitungen getroffen, um ihn bewirtschaften zu können. ...

Des weiteren haben wir den Aufenthaltsraum in unserem Büro total renoviert. Wände streichen, Teppich erneuern, Regale und Tische bauen, gehörte ebenso zu meiner Tätigkeit wie neue Maschinen zu installieren. Diese sind notwendig, um zu Töpfern. Das Arbeiten und Gestalten mit Ton will meine Chefin jetzt noch neben dem Gartenbau anbieten. Deshalb haben wir den Raum zur Töpferwerkstatt umgestaltet. ...

In meiner Freizeit lerne und übe ich viel mit meiner Guitarre, das bringt mir Spaß und auch sonst fühle ich mich in Dublin sehr wohl. Ich hab schon ganz viele Kontakte geknüpft, treffe hier Menschen aus allen Ländern der Erde und lerne trotzdem sehr viel von der irischen Mentalität kennen. ... "

Sebastian Seibert (geb.1979) ist beim merchant's quay project in Dublin tätig.

"Das merchant's quay project", schreibt Sebastian, "ist Teil des Engagements der Franziskaner für soziale Gerechtigkeit. Neben der Hilfe für Drogenbenutzer setzen sich die Franziskaner in anderen Projekten auch für Obdachlose, Flüchtlinge und sozial Schwache ein.

Das merchant's quay project wurde 1989 als Reaktion auf das immer größer werdende Heroinproblem Dublins ins Leben gerufen und ist seitdem stetig gewachsen. Inzwischen arbeiten um die 70 Hauptamtliche und Freiwillige in den fünf Hauptbereichen Krisenintervention (Crisis Intervention), Stabilisierung (Stabilisation), stationäre Behandlung (Residential Treatment), Integra und St.Francis Farm (in Tullow).

Der Schwerpunkt der Arbeit im Kontakt-Zentrum (Contact Centre = Krisen Intervention) liegt auf der Verbesserung der physischen und psychischen Situation der Drogenbenutzer (Klienten) und der Gefahrenminimierung. Das Contact Centre ist keine Fixerstube - derartige Einrichtungen sind in Irland nicht erlaubt.

Die Stabilisation bietet Klienten, die versuchen möchten, ihr Leben zu stabilisieren, tägliche Programme und gemeinsame Aktivitäten an.

Unter dem Namen Residential bietet merchant's quay ein drei bis vier Monate dauerndes Entgiftungs- und Nachsorgeprogramm für bis zu zwölf Klienten an. Während dieser Zeit leben und arbeiten diese zusammen in High Park.

Integra ist ein von der EU gesponsortes Programm zur Reintegration von früheren Drogenbenutzern in die Arbeitswelt.

Die St.Francis Farm in Tullow (zwei Busstunden südlich Dublins) ist die neueste Projektinitiative. Zehn frühere Drogenbenutzer, die bereits eine gewisse Zeit drogenfrei gewesen sind, wohnen und arbeiten hier gemeinsam auf einer Farm. Sie können hier in einer sicheren Umgebung neue Möglichkeiten entdecken, die Alternativen zu ihrem bisherigen Leben darstellen.

Meine Arbeit begann am 1.Februar im Contact Centre (CC). Vier Wochen dort sowie acht Wochen Residential sollen mich auf Tullow vorbereiten, wo ich den Rest des Jahres verbringen werde. ... In der ersten Woche mühte ich mich vor allem damit, das von z.T. auf Heroin seienden Klienten mit Dubliner Dialekt gesprochene und mit Slangwörtern angereichertes Englisch zu entschlüsseln. ...

Auf meine Bitte habe ich zu Beginn der zweiten Woche dann doch eine Supervisorin bekommen. Gemeinsam haben wir einen ungefähren Plan festgelegt, wann ich was 'shadowen' bzw. vielleicht sogar schon selbst machen kann. ...

Jeden Abend setzen sich die worker noch zu einem 'Wind-Down' zusammen, wo jeder sagen kann wie es ihr/ihm an diesem Tag ergangen ist bzw. was sie/ihn beschäftigt, fröhlich gestimmt oder mitgenommen hat. Aber auch dabei gilt, dass alles, was die Klienten betrifft, vertraulich ist (der oberste Grundsatz des Projektes). Die Inhalte der Gespräche mit Klienten sollen auch unter den workern nicht ausgetauscht werden. ...

Insgesamt kann ich sagen, dass es mir sehr gut geht und ich auch sehr gut aufgenommen worden bin. ..."

Im Mai kommt der 2.Rundbrief von Sebastian:

"... Zwei Monate habe ich in der Residential mitgearbeitet und habe nun diese Woche in Tullow angefangen. ... Wie schon bei meinem ersten Wechsel vom Contact Centre zur Residential ist es nur wieder so, dass ich dann gehe, wenn ich mich gerade erst richtig eingearbeitet und eingelebt und die anderen worker ein wenig kennengelernt habe. ...

In der Residential wird Interessenten, d.h. Drogenabhängigen, die schon clean sind oder eine Entgiftung begonnen haben, ein zwölfwöchiges Therapieprogramm angeboten. ...

Für alle Residents gelten die gleichen Regeln, Rechte und Pflichten, die in den Richtlinien festgelegt sind. ...

Wer neu in die Residential kommt, bekommt einen Kumpel zur Seite gestellt, einen Senior Client, der sich um den Neuankömmling kümmert, d.h. ihm hilft, sich in Haus und Programm zurechtzufinden, alle und alles kennenzulernen und sich sicher zu fühlen. Zudem achtet dieser darauf, dass er alles zur richtigen Zeit tut, an allen Aktivitäten teilnimmt und seinen Teil der Hauarbeit erledigt. ...

In der Einführungsphase geht es in erster Linie darum, dass der Klient mit dem Programm vertraut wird und beginnt, über sich und seine Probleme zu reden. ...

In Phase zwei wird nun alles, was in irgendeinem Zusammenhang mit dem Drogenkonsum und den Gründen dafür steht, tiefergehend erörtert (z.B. Verhaltensweisen, Image, Verhältnis zur Familie, zu Freunden, Partner). Gleichzeitig bekommt der Klient mehr Verantwortung und Privilegien. ...

Nach neun Wochen bekommt er die Aufgabe, seine Lebensgeschichte in Bezug zum Drogenkonsum niederzuschreiben und diese in der Phase 2/3-Gruppe vorzulesen. ...

Gleichzeitig erhält er wesentlich mehr Freiheiten. ... Es wird von ihm aber auch erwartet, dass er sich verantwortungsbewusst und vorbildlich verhält und die anderen Klienten bei ihrer Genesung unterstützt. ...

Um nicht gleich wieder völlig auf sich alleine gestellt zu sein, nehmen die meisten im Anschluss an die Residential an den Tagesprogrammen und Unterstützungsgruppen von Integra teil und wohnen in einer betreuten Wohngemeinschaft im Dubliner Vorort Swords. Wer die Residential beendet hat, kann sich auch um einen Platz in der St.Francis Farm in Tullow bewerben.

Das oben Beschriebene ist der Idealfall. Viele halten nicht bis zum Ende durch und gehen, werden zwischenzeitlich auf 'review' gesetzt (was den Ausschluss aus allen Therapiegruppen bedeutet), um ihr Verhalten und ihre Motivation zu überdenken, oder gar aufgefordert, die Residential zu verlassen. ...

Zahlenmäßig lässt sich sagen, dass diese Einrichtung mit einer Abschlussquote von 53% als erfolgreich gilt. ...

An meinem letzten Arbeitstag bekam ich zu meiner Überraschung ein spezielles Wind Down, in dem ich sowohl von den Klienten wie von workern lauter schöne Sachen über mich anhören durfte und zudem noch ein Abschiedsgeschenk. ..."

Arist von Hehn (geb.1974) arbeitet beim Committee on the Administration of Justice (CAJ) (Komitee zur Handhabung des Rechts) in Belfast. Er beginnt seinen Rundbrief vom Juli mit:

"Hey Folks, mir geht es gerade so richtig gut. Ich liege mit meinem Laptop in einem der wunderschönen belfaster Parks auf englischem Rasen im Halbschatten eines mir unbekannten, aber sehr sympathischen Baumes und genieße das wahrhaft traumhaft irische Wetter."

"Bis vor kurzem spielte in der Nähe eine Kapelle populäre Klänge aus aller Welt. Sie wurde zwischenzeitlich von einem Ghettoblaster abgelöst, aus dem ein wenig modernere Rhythmen dringen, untermalt bis übertönt vom begeisterten (nicht allzeit begeisternden) Begleitgesang dreier leicht angeheiterter Frauen in ihren besten Jahren.

So, nach diesem ziemlich spontanen Beginn wird es jetzt offiziell.

Auf der Suche nach einem passenden Einstieg in diesen Brief fiel mir auf, dass es nur einen gibt, und dass der in einem großen DANKESCHÖN an euch, meine lieben Unterstützer, besteht. Ein DANKESCHÖN an euch, ohne die ich eben nicht rundbriefschreibend im oben beschriebenen Park säße. Die Reaktionen auf meinen Unterstützerbrief waren, wie nicht anders zu erwarten, recht unterschiedlich. Sie reichten von der (nicht völlig unbeliebten) Nichtreaktion, über gelegentliches leichtes Unverständnis, sehr ehrliche Reaktionen des Bedauerns der eingeschränkten eigenen finanziellen Möglichkeiten hin zu einem großen Maß an teilweise sehr spontanen Zusagen von Unterstützung in völlig unerwarteter Größenordnung."

Zu dieser "unerwarteten Größenordnung' zählt Arist wohl auch den "Spitzenlaptop im Wert von 5.ooo DM", den er von einer Augsburger Computer Firma bekommen hat. Nachdem Martin O'Brian, der Direktor von CAJ, Arist angekündigt hatte, dass sie ihm keinen zusätzlichen PC zur Verfügung stellen könnten, hatte er sich, "überzeugt vom Guten in dieser Welt - andere nennen so etwas 'leicht naiv'" auf den Weg zu der Computer Firma gemacht. Und nun bedankt er sich; "Der Laptop ist für meine Arbeit wirklich von unschätzbarem Wert!".

Zum EIRENE-Zwischenseminar sagt Arist:

"Kaum in Belfast angekommen, durfte ich mich auch schon wieder für ein EIRENE-Zwischenseminar in Richtung der kleinen ökologischen 'Kilcranny Farm' an der Nordküste verabschieden. Gedacht, um den (eventuell) geplagten Freiwilligen halbjährlich ein wenig Freiraum zum Reflektieren über den eigenen Dienst, das fremde Land und das eigene Erleben dort zu geben, war das Zwischenseminar für mich der ideale Einstieg, gleich zu Anfang meines Dienstes alle anderen Freiwilligen auf der grünen Insel und ihre Projekte kennen zu lernen.

Zusätzlich haben wir uns noch im Rahmen einer Heckenpflanzaktion nützlich gemacht, zusammen mit drei Freiwilligen, die in Sarajevo ein Jugendbegegnungshaus aufgebaut haben, den Bosnien- und den Kosovokonflikt diskutiert, die Sandstrände Nordirlands und den 'Giant's Causeway' erkundet, einen Morgen mit heiteren bis besinnlichen Kreistänzen und Malen verbracht und eine Einführung in den Themenbereich Meditation genossen. Auf einem Ausflug nach Belfast lernten wir dann noch einige Projekte 'live' kennen, halfen bei dieser Gelegenheit bei der Reparatur alter Werkzeuge, welche Menschen in Afrika zum Aufbau einer eigenen Existenz dienen sollen und bekamen bei einer Stadtführung durch ein Sinn Fein Mitglied des Belfaster Stadtrates einen Einblick in die nordirische Geschichte, so wie sie sich für viele Katholiken darstellt.

Das Ausmaß, in dem Geschichte in Nordirland bis heute sehr subjektiv erlebt und verstanden wird ist immer wieder frappierend, gelegentlich frustrierend immer aber höchst interessant. Diese sehr einseitige Darstellung historischer Fakten macht es auch für mich selbst nicht gerade einfach, mir selbst durch Lesen und in Gesprächen mit den verschiedenen Menschen hier ein auch nur halbwegs objektives, unvoreingenommenes Geschichtsbild aufzubauen. ...

Die politische Situation in Nordirland:

Nach rund drei Jahrzehnten Gewalt wurde vor etwas mehr als einem Jahr, an Karfreitag, dem 10.April 1998, nach harten Verhandlungen von acht nordirischen Parteien sowie der irischen und britischen Regierung das sog. 'Good Friday Agreement' unterzeichnet.

Am 22.Mai 1998 wurde das Agreement dann in einem Referendum auch von einer Mehrheit sowohl der katholischen als auch der protestantischen Bevölkerung angenommen. Vorausgegangen war ein intensiver 'Wahlkampf' um die Annahme der Vereinbarungen, in dem auch von den Befürwortern des Abkommens sehr verschiedene Standpunkte vertreten wurden.

Während auf protestantischer Seite betont wurde, dass die gemachten Zugeständnisse endgültig seien, da sonst die Union mit Großbritannien gefährdet würde, wurde auf katholischer Seite die Auffassung vertreten, dass die Friedensvereinbarungen nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einem vereinten Irland seien.

Das Abkommen ... trifft Vereinbarungen über folgende Themen:

- die Errichtung eines Nord-Süd-Ministerrates (Nordirland und Republik Irland)

- eines Britisch-Irischen Rates

- Menschenrechte, Versöhnung und Wiedergutmachung für die Opfer der Gewalt

- Sicherheit

- Einrichtung einer Kommission zur Überprüfung der Polizei und des Justizsystems

- Freilassung der paramilitärischen Häftlinge

- Einrichtung demokratischer Institutionen in Nordirland

- Entwaffnung der paramilitärischen Terrorgruppen.

Heftig umstritten sind momentan die beiden zuletzt angesprochenen Punkte. Strittig ist dabei vor allem die Reihenfolge, in der sie stattfinden sollen. Die Nationalisten verweisen auf den Wortlaut des Übereinkommens, welches kein obligatorisches Startdatum für die Entwaffnung festlegt, sondern lediglich, dass die Entwaffnung bis 22.Mai 2000 abgeschlossen sein muss. Die Unionisten weigern sich, 'mit Terroristen (gemeint ist Sinn Fein als politischer Arm der IRA) in einer Regierung zu sitzen', solange diese noch nicht angefangen haben, ihre Waffen abzugeben. Sie beschuldigen die Nationalisten, mit ihrer Einstellung gegen den Geist des 'agreements' zu verstoßen. ..."

"Das CAJ, gegründet 1981, ist eine unabhängige Nichtregierungsorganisation, die der International Federation of Human Rights angehörig ist.

CAJ arbeitet für eine gerechte und friedliche Gesellschaft, in der die Rechte aller Menschen respektiert werden. Die Organisation bezieht keine Stellung zum Verfassungsstatus Nordirlands und ist gegen jede Form der Gewalt zur Erreichung politischer Ziele. Nach Auffassung des CAJ ist eine Überwindung des Konflikts in Nordirland nur in Verbindung mit der Achtung der Menschenrechte denkbar, Ziel der Organisation ist es daher, ein möglichst hohes Maß an Respekt und Achtung für diese Rechte zu fördern und durchzusetzen. ... Das betrifft insbesondere ... die seit über 70 Jahren bestehende Notstandsgesetzgebung, die Rechte von Gefangenen, das Poizeiverhalten, insbesondere den Einsatz von Schusswaffen und Plastikgeschossen und das Strafrecht, aber etwa auch Kinderrechte. Wichtig ist auch die Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung aufgrund von Religion oder Geschlecht, und für eine Garantie von Grundrechten (ähnlich denen im Grundgesetz) in einer 'Bill of Rights'.

Um all das zu erreichen, wird jede Menge Öffentlichkeitsarbeit betrieben, findet Lobbyarbeit, insbesondere bei Politikern, auf nationaler wie internationaler Ebene statt, werden Konferenzberichte und Forschungsergebnisse als Broschüren und Bücher veröffentlicht, werden Pressemitteilungen und eine monatlich erscheinende Zeitschrift herausgegeben, Konferenzen organisiert, lokale wie internationale Kampagnen initiiert und unterstützt, eine kleine Bibliothek unterhalten.

Regelmäßig weist das CAJ auch verschiedene UN-Organe und -Organisationen sowie den Europarat auf Verletzungen von Menschenrechten in Nordirland hin und arbeitet intensiv mit renommierten internationalen Menschenrechtsorganisationen .... zusammen.

Die Beobachtung von Märschen ist genauso Teil der Arbeit wie die juristische Bearbeitung individueller Fälle und, wenn nötig, ihre Verfolgung bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Für seine Arbeit wurden Martin O'Brian und dem CAJ eine Reihe von internationalen Auszeichnungen verliehen, unter ihnen der 'Reebok Human Rights Award' und, im letzten Jahr, der sehr angesehene 'Menschenrechtspreis des Europarates'."

Am Anfang war er bei einem der sieben EIRENE-Freiwilligen in Belfast untergekommen.

"Das Haus", so sagt Arist, "befindet sich in einem der ziemlich armen protestantischen Arbeiterviertel in Westbelfast, etwa 150 Meter von der nächsten 'Peaceline' entfernt, die es von einem katholischen Viertel trennt. Immer mal wieder gab es Ärger mit Kids, die Dosen gegen unsere Fenster schmissen oder das Gartentor eintraten. Auf dem Weg von der Innenstadt nach Hause musste ich mich auch gelegentlich von Kindern und Jugendlichen mit Steinen beschmeissen lassen. Allerdings ohne das Gefühl gehabt zu haben, dass sie einen wirklich verletzten wollten. ...

Wie anders das Haus, in dem ich jetzt wohne, gelegen an einer wunderschönen Allee im konfessionell gemischten Universitätsviertel. ...

Ich teile mir das Haus mit fünf anderen jungen Leuten, die auch arbeiten. ... Alle sind sehr nett. ...

Ein Fahrrad gehörte zu den ersten Dingen, die ich mir hier in Belfast zugelegt habe. Und Belfast hat genau die richtige Größe, um es mit dem Fahrrad zu erkunden. Angesichts der vielen Glasscherben auf den Straßen ist es allerdings ein mittleres Wunder, dass ich noch keinen Platten hatte. Dafür springt die Kette so oft runter, dass ich es inzwischen gelegentlich schaffe, sie fahrenderweise wieder zu montieren. ...

Und Belfast selbst? Außer Parks? Ist in jedem Fall ziemlich sicher. Es gibt hier viel Polizei, zivil wie in Uniform, wenn man sie auch viel weniger sieht als noch vor wenigen Monaten. ..."

Christiane Disser (29 Jahre) leistet ihren Freiwilligendienst im "Le Viel Audon" in Südfrankreich. Christiane schreibt:

"Seit 02.Februar lebe und arbeite ich nun schon im Viel Audon, um dort meinen Friedensdienst abzuleisten und dabei meinen Traum zu erfüllen: ein Jahr in Frankreich zu verbringen. ...

In Deutschland musste ich von sehr vielen Dingen Abschied nehmen, angefangen bei meiner Wohnung. ...Auch meine Arbeitsstelle habe ich gekündigt ... und fünfmal mit den unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen und einmal mit meinen KollegInnen Abschied gefeiert. ...

Insgesamt wurde meine Entscheidung, dieses Jahr in Frankreich unter dem Zeichen eines Friedensdienstes zu verbringen, mit teils neidischer Anerkennung meines 'Mutes', teils mit der Bemerkung 'das wäre nichts für mich' und sehr selten mit offener Abwertung kommentiert. Dieser 'Test' meines Freundes-, Familien- und Bekanntenkreises hat mir deutlich gemacht, auf wen ich zählen kann und auf welch breiter und fester Basis ich diesbezüglich stehe.

Wie wichtig mir dieses Eingebettetsein in stabile Beziehungen ist, habe ich hier in 'der Fremde' und 'ganz alleine' vor Augen geführt bekommen. ... Es ist für mich schon eine große Herausforderung, ohne meine vertraute Umgebung diese lange Zeit auszukommen. Dieses Heraustreten aus der bisherigen Sicherheit bringt das bis dahin konstruierte und gepflegte Selbstbild doch ganz schön ins Wanken. Bescheidenheit tritt an die Stelle, wo man vorher leicht überheblich und zu selbstsicher war. Der plötzliche Verlust der gekannten Welt und das völlige Eintauchen in ein Leben mit neuen Regeln, verbreitete Unsicherheit auf ganzer Linie. Ich fühlte mich in die Zeit meiner Pubertät zurückversetzt. Ungefestigt, und gleichzeitig bestimmt das Beurteiltwerden durch andere das eigene Lebensgefühl. ...Nach zwei 1/2 Monaten ist dieses Gefühl zwar schwächer, aber doch immer noch vorhanden. ... Andererseits gab es in der Anfangszeit auch immer wieder dieses ungläubige und auch stolze Gefühl, meinen Traum in die Realität umgesetzt zu haben und nun tatsächlich in Frankreich zu leben.

D i e a n d e r e W e l t

Le Viel Audon ist ein Dorf mit sieben ineinander verschachtelten Gebäuden. Vor ca.100 Jahren wurde es von seinen damaligen Bewohnern verlassen und zerfiel zu Ruinen. Vor etwa 25 Jahren kauften vier Freunde die erste Ruine. Hit Hilfe von vielen hundert Jugendlichen aus aller Welt, die jeden Sommer an den 'chantier d'été' teilnehmen, wurde das Dorf immer weiter aufgebaut. Heute besteht es aus folgenden Teilen:

- dem Haupthaus für die permanenten BewohnerInnen

- dem Tagungshaus mit 28 Plätzen für Seminar- und Schulgruppen

- der Herberge mit 18 Plätzen für Wanderer und Urlauber

- der Wohnung für zwei der permanenten BewohnerInnen und die PraktikantInnen

- einem Raum, in dem die Geschichte des Viel Audon beschrieben wird

- einem Stall, wo Ziegen und Kühe untergebracht sind

- 'la fromagerie', wo Ziegenkäse hergestellt wird

- einem kleinen Geschäft, in dem der Käse und andere Produkte aus der Region verkauft werden

- dem neuen, großen Büro

- einem kleinen Raum mit Holzofen, um Brot zu backen

- der Werkstatt.

Das Dorf schmiegt sich an eine Felswand und läuft mit Wiesen zur Ardèche hin aus. Während der 'chantier d'été' der vergangenen 25 Jahre wurden am Hang Terrassen angelegt, auf denen Obst- und Olivenbäume wachsen. Ein weiterer Teil der Terrassen wird als Gemüsegarten genutzt. Daneben gibt es noch einen Hühnerstall, der neben 50 Hühnern und fünf Hähnen drei Gänse und fünf Enten beherbergt.

Das alles ergibt ein Ensemble von großer Komplexität und wäre ohne all die vielen Menschen, die hier wirken, bald nichts weiter als wieder eine tote Steinmasse. Man könnte nun meinen, dass 10-15 Menschen im Viel Audon angesiedelt sind, die den Betrieb am Laufen halten. Aber nein - es sind vier.

... Sie bilden den festen Stamm, um den herum ständig PraktikantInnen kreisen. ...

Sie schuften wie verrückt. Das Wort 'Langeweile' gibt es im Viel Audon nicht. Es gibt kein ruhiges Verweilen, das einem zu lange wird. Ständig wuseln alle herum, um etwas zu planen, vorzubereiten, durchzuführen, abzuändern, weiterzumachen, zu beenden, zu modifizieren, einen neuen Plan zu entwerfen, und das nicht nur für ein Projekt, sondern für möglichst viele gleichzeitig. ...

Der Lebensrhythmus im Viel Audon ist geprägt von den vielen unterschiedlichen Aktivitäten. Ebenso von spontanen Programmänderungen und dem Muss des ständigen Informationsaustausches. ...

Es ist klar geworden, dass die vier Permanenten zwar die Basis des Viel Audon darstellen, dass aber ohne all die PraktikantInnen viel weniger am Laufen gehalten werden könnte. Sie sind die wichtige Subbasis, die man auf den ersten Blick nicht sieht.

Meinen Platz in diesem sich ständig bewegenden Menschengeflecht zu finden, fällt mir nicht leicht. Die feste Equipe besteht aus zwei Pärchen, dazu kommen immer wieder neue Gesichter, die zwei oder vier Wochen bleiben, um dann wieder zu gehen. Dieser ewige Wechsel an Mitmenschen bringt zum einen eine große, interessante Dynamik in das Leben, zum anderen erlaubt er es aber kaum, stabile, menschliche Beziehungen aufzubauen. Die feste Equipe bildet dagegen einen Kern, auf den Verlass ist, und der sich für Alltagsbelange interessiert, darüber hinaus aber doch in sich geschlossen ist. Was mir fehlt, ist von daher eine echte Vertrauensperson. ...

Ich bin zur Malerin des Viel Audon ernannt worden, da ich doch mehr von Papas Weißbinderswissen mitbekommen habe, als bisher geahnt. So suche ich mir ein Fenster oder eine Tür aus, das wieder aufgemöbelt werden will, und dann versinke ich in der Meditation des Lackabschmirgelns und Streichens. Diese Arbeit wird mir das ganze Jahr über nicht ausgehen. ...

Dann gibt es noch die 'classe découverte', bei denen ich mithelfe, das Alltagsleben zu meistern und (mittlerweile völlig autonom!) die 'animation pain' leite. Insgesamt heißt das von Montag bis Freitag Megastress mit einem Arbeitstag von 7.00 - 23.30 Uhr. Wenn die Gruppe freitags abgereist ist, genehmigen wir uns erstmal einen Apéritif und um 20.00 Uhr gehen dann für mich die Lichter aus, weil ich extrem müde, gereizt und energielos bin. So schön diese Wochen mit den kleinen, französischen Monstern immer sind, so anstrengend sind sie auch. ...

Le Viel Audon ist also kein idyllisches Feriendorf, in dem man sich nett erholen kann. Hier tobt der Bär und andere Tiere, und die eigentliche Aufgabe ist es, in diesem Zirkus mitzumachen, ohne sich zum Narren halten zu lassen."

Christoph Kniffke (19) lebt und arbeitet in der Arche von Lanza del Vasto in La Borie Noble bei Montpellier. Zuerst berichtet Christoph vom Ausreisekurs bei EIRENE:

"... Wir waren eine Gruppe von 14 Freiwilligen mit den verschiedensten Projekten, darunter auch zwei Senioren, die einen Dienst in den USA machen, zwei EntwicklungshelferInnen, die in den Tschad und nach Niger gehen, und drei Teamer (Betreuer).

Es gab Vorträge über Projekte von Ex-Freiwilligen (Irland, Frankreich, Lateinamerika), über kulturelle Besonderheiten der projektspezifischen Länder, über Massenmedien und Workshops, über den Umgang mit Journalisten und Fernsehteams, über Mediation (Konfliktbearbeitung). Außerdem wurde das Süd- und Nordprogramm von EIRENE genau vorgestellt und auch EIRENE selbst - Gründung, Struktur, Finanzierungsprogramm...

Die zwei Wochen waren eine gute Gelegenheit, viele Antworten auf viele Fragen zu bekommen und viele Unklarheiten zu beseitigen.

Zudem erfuhr ich sogar noch, was eine Feuerzangenbowle ist, wie sie schmeckt und lernte, wie man professionell 'Irish Coffee' zubereitet. ..."

Christoph bekam ein Stipendium für einen Sprachkurs beim Deutsch-Französischen Jugendwerk und fuhr

"am 31.1.99 mit viel Gepäck und einem vollen Kopf gen Frankreich.

In Vichy, einer kleinen Kurstadt, die durch die 'Vichyregierung' während des 2.Weltkrieges bekannt geworden ist, wohnte ich bei einer sehr netten Madame mit ihren zwei Söhnen und noch zwei SprachschülerInnen aus Japan und Ecuador. ... Ich hatte morgens und nachmittags in einer Sprachschule Unterricht und abends nochmals 'praktischen Unterricht' mit der Gastfamilie. ...

Es kam nicht selten vor, ... dass wir drei Stunden am Tisch saßen, ein Riesengericht bestehend aus Vorsuppe, Vorspeise, Hauptgericht, Dessert und als Abschluss Käse aller Art zu uns nahmen und dazu eine Menge leckeren Wein tranken.

In diesen vier Wochen lernte ich aber nicht nur die französische Küche kennen, sondern machte auch Riesenfortschritte in der Sprache. Allein mit meinem Schulfranzösisch wäre der Start für mich hier in La Borie wohl um einiges schwerer gewesen. Zumal die Franzosen nicht die geduldigsten Menschen in Sachen Sprache sind. ... "

Ende Februar fuhr Christoph nach La Borie Noble. Er wurde im Bourion einquartiert:

"Der Bourion (Ziegenstall) ist eine kleine gemütliche Wohnung mit drei Zimmern, Küche und Kamin, in dem die Leute untergebracht werden, die längere Zeit hierbleiben.

La Borie Noble - Geschichte, Einführung:

Angefangen hat alles, als der Gründer der Arche-Bewegung, Lanza del Vasto ... sein erstes Treffen mit Mahatma Gandhi in Indien hatte. Er war begeistert von dessen Lebensweise und der Art seines Kampfes ohne Waffen, der Gewaltfreiheit, so dass er nach diesem Treffen den Wunsch hatte, ähnliche Lebensgemeinschaften in Frankreich zu bilden. ...

1963 wurde das Fundament für die Arche-Bewegung geschaffen - das war und ist La Borie Noble. ... Im Mittelpunkt stehen seither 'die Gewaltfreiheit in allen Aspekten des Lebens, das brüderliche Teilen, Einfachheit des Lebens, die Arbeit an sich selbst und das Engagement gegen die verschiedenen Formen der Gewalt'. ...

Im Moment wohnen hier ungefähr 25 Personen im Alter zwischen 8 Monaten und 70 Jahren.

Davon sind 14 Compagnons - das heißt, sie haben ein Gelübde abgelegt und stellen ihr Leben in den Dienst gemäß der Gewaltfreiheit Gandhis und den Grundsätzen der Arche. ...

Als Compagnon ist man jedoch nicht verpflichtet, in einer Arche-Gemeinschaft zu leben. ...

Arche-Gemeinschaften wie La Borie gibt es mittlerweile nicht nur in Frankreich, sondern auch in

Spanien, Italien, Holland, Kanada und Deutschland. ...

Wie siehts hier aus in La Borie Noble?

Die Freiwilligen (Stagiaires) bleiben meist zwischen 1 Woche und 3 Monaten hier und bekommen Unterkunft und Verpflegung im Ausgleich für ihre 'Arbeitskraft'. Arbeit gibt es immer genug und die Hauptbereiche, auf die sich diese verteilt, sind die Farm (20 Kühe, 5 Pferde, 25 Hühner), die Käserei, die Tischlerei, die Töpferei, die Bäckerei, eine kleine Druckerei und vor allem auf dem Garten und in den Feldern. ...

Es gibt eine Menge zu tun, und es wird dadurch nicht weniger, dass im täglichen Leben weitgehenst auf Maschinen und Elektrizität verzichtet wird.

Konflikte entstehen zwischen den absoluten Puristen, die von der Zahnpasta bis zum Kinderspielzeug alles selbst herstellen und den Leuten, die seit 20 oder 30 Jahren hier wohnen und irgendwann beginnen, sich lebenserleichternde Dinge und etwas Luxus wie z.B. Strom, Chemiewaschmittel, Radio ... ins Haus zu holen. Stellt sich dann immer die Frage, wie weit man sich von vielen Dingen lossagen kann und wo die Grenzen sind - was ist wirklich notwendig??? ...

Was macht die Arche sonst noch?

Im politischen oder sozialen Engagement sind meiner Meinung nach den Compagnons die Hände etwas durch die viele Arbeit gebunden.

In diesem Bereich wurde gemeinsam mehr vor 10 oder 20 Jahren getan, z.B. Anti-Atomkampagnen geführt, die Erschließung eines Militärgebietes verhindert, Aktivitäten und Veranstaltungen während des Golfkrieges...

Im Moment beschränken sich solche Aktivitäten mehr auf Einzelpersonen als auf die ganze Gemeinschaft.

So kümmern sich einige Compagnons um Immigranten ohne Papiere und planen und/oder beteiligen sich an Aktivitäten, die wie z.B. im Moment den Kosovo betreffen, setzen sich für die totale Abschaffung der Wehrpflicht in Frankreich ein, engagieren sich um Umweltschutz und einiges mehr... Abgesehen von solchen Themen werden jährlich eine Menge Workshops angeboten wie Singen, Tanzen, arbeiten in der Tischlerei, im biologischen Ackerbau, Seminare über Gewaltfreiheit und Spiritualität...

Meine Arbeit - was mache ich?

Meine Hauptarbeit in La Borie ist die des Bäckers. Ich arbeite dreimal in der Woche. ...

Vor meiner Zeit hier hatte ich eigentlich nie etwas mit größeren Mengen Teig zu tun. Anfangs war es deswegen gar nicht so einfach, mit 100 kg Teig fertig zu werden, vor allem, wenn man ständig 10 Kilo davon an jeder Hand kleben hat. ...

An einigen Festtagen gibt es eine Spezialität - 'La Pagne'. Ein besonderer Kuchen à la Borie Noble.

Was für den Bäcker allerdings auch einen Tag Arbeit zusätzlich heißt. Gründonnerstag und Karfreitag stand ich deshalb mit Patrick in der Bäckerei, um 100 kg Kuchen zu backen. Das Rezept: Man nehme 90 Eier, 12 kg Zucker, 5 kg Rosinen, 0,5 l Orangenaroma, 10 kg Butter, 40 kg Mehl, 30 l Wasser, alles gut durchmengen usw."

Lieber Himmel, sind das Mengen! Dagegen ist ja meine Weihnachtsbäckerei mit mindestens 12 Rezepten ein Kinderspiel! Ich kann mir vorstellen, dass Euer Kuchen köstlich schmeckt!

Aber jetzt wieder zurück zu weniger kulinarischen Ereignissen.:

"An den anderen Tagen", berichtet Christoph weiter, "arbeite ich dann dort, wo es etwas zu tun gibt, also fast überall. ...

Vielleicht stellt ihr euch jetzt die Frage: 'Was macht der eigentlich da und was hat das Leben auf einem Ökohof mit Zivildienst zu tun?' Ich habe mir diese Frage auch schon öfters gestellt. ...

Ich betreue keine älteren Menschen, arbeite nicht mit kranken oder behinderten Menschen zusammen, aber trotzdem meine ich, dass ich hier eine sinnvolle Aufgabe verrichte.

Ich mache hier nicht irgendwelche Arbeiten für irgendwelche Leute, die eine billige Arbeitskraft benötigen. Die Bäckerei ist ein wesentliches Standbein dieses Ortes, zur Zeit sogar die wichtigste Finanzierungsquelle der Gemeinschaft, und ich denke, dass ich dort für La Borie eine wirkliche Hilfe bin. ... Ich trage nicht ganz unwesentlich dazu bei, dass dieser Ort Bestand hat und noch von einer Menge Leute besucht werden kann, wo diese interessante Erfahrungen machen können.

Ich finde es vor allem auch wichtig, in der heutigen Zeit, dass es solche Orte gibt, wo sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zurückbesinnen lässt. ...

Mit der Jeunesse (Jugend) vor Ort habe ich mittlerweile auch Bekanntschaft geschlossen und selbst an diesem sonst so einsamen Ort muss ich glücklicherweise doch nicht vollkommen auf lange Nächte am Wochenende verzichten. ...

Wenn das Wetter einverstanden ist, wird sich so gut wie immer an einem netten Plätzchen getroffen, ein Feuer gemacht, Trommel, Gitarre oder sonstwas gespielt, erzählt. ...

Jeden Samstag gibt es außerdem sogar hier eine Disko - im entferntesten Sinn.

'Disko' heißt hier israelische, rumänische...Pop - oder Folkloremusik bei Zimmerlautstärke, wo als einziges Erfrischungsgetränk frisches Wasser aus der hauseigenen Quelle serviert wird. Hätte nicht gedacht, dass ich jemals bei so etwas dabei sein würde - und auch noch eine Menge Spaß dabei habe. ... "

Jonas Gieseke (19) arbeitet mit den Compagnons Bâtisseurs in Tours/Frankreich. Er schreibt:

"Die Domäne der Equipe-VLT (VolontaireLongTerme = Langzeitfreiwillige) ist die Arbeit mit sozial benachteiligten Familien zur Verbesserung ihrer Wohnsituation. Die Größe der Baustellen reicht von solchen, wo nur tapeziert und gestrichen wird bis hin zu solchen, wo von Dach über Maurer-, Elektro-, Installationsarbeiten bis hin zum Einsetzen von Fenstern und Türen wirklich alles gemacht werden muss, was dann auch mehrere Monate in Anspruch nehmen kann. Zur Bewältigung dieser Arbeiten steht uns ein technischer Anleiter zur Seite. ..."

Es gab Probleme bei der Finanzierung der ersten Baustelle und daher eine Verschiebung des Projektbeginns für Jonas.

"Natürlich bedeutet das nicht", heißt es weiter "dass es für uns keine sinnvolle Arbeit gab. In einem gemeinnützigen Verein wie den Compagnons Bâtisseurs mit sieben fest Angestellten im Büro und auf den Baustellen und Aufgabenbereichen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene, gibt es eigentlich immer genügend Arbeit! ..."

In dieser Zeit nahm Jonas die Gelegenheit wahr, einen einwöchigen Elektriker- und Schindeldachdeckerkurs zu besuchen.

"Auch ein 'Stage Social' stand für alle Freiwilligen der CB in Frankreich auf dem Programm. ... Wir diskutierten über unsere Möglichkeiten, Grenzen und Notwendigkeiten unserer Arbeit. Was können wir tun bei Alkoholismus und Gewalt in den Familien? Haben wir überhaupt ein Recht als Außenstehende in solchen Fällen zu urteilen? Was können wir über die Verbesserung der Wohnverhältnisse hinaus mit und für die Familien tun? Wie sehen die Familien unsere Arbeit? Wo liegt bei unserer Arbeit der Unterschied zum normalen Handwerksbetrieb? ...

Als Synthese vieler solcher Fragen stand am Ende die Forderung nach einer Arbeitsweise MIT den Familien, möglichst schon in der Planungsphase, damit sie am Ende bestenfalls den Mut zur Eigeninitiative haben, um sich verantwortlich um ihre Wohnung/ihr Haus zu kümmern und sei es nur nach dem Motto: 'Wenn diese 20-jährigen Hänflinge das können, dann können wir das schon lange!'.

Während des Kurses wurden wir von einem Referenten auch auf die Wichtigkeit des interkulturellen Lernens bei unserer Arbeit in einem für uns Wohlstandskinder fremden sozialen Milieu am Rand der Gesellschaft hingewiesen. Dieser Begriff des interkulturellen Lernens war mir noch bestens vom EIRENE-Ausreisekurs in Erinnerung: Der Versuch, eine andere Kultur zu verstehen und sich dabei gleichzeitig seiner eigenen Kultur, Prägung, Vorurteilen bewusst zu werden, zu hinterfragen und gegebenenfalls zur Disposition zu stellen. Doch schien mir dies in unserem Ausreisekurs im Zuge unserer anstehenden Auslandsaufenthalte eher auf eine Art zwischennationales Lernen - eben ganz banal: wie komme ich als deutscher Freiwilliger am besten mit den Franzosen klar?

Nun wage ich aber einmal zu behaupten, dass ein Mittelstands-Deutscher weit weniger Probleme haben wird, einen Mittelstands-Franzosen interkulturell zu verstehen als dieser Deutsche, einen deutschen Obdachlosen und umgekehrt. Und so verliert der Begriff der Völkerverständigung für meinen Friedensdienst seine ideologische Spitzenstellung und wird verdrängt von der Arbeit für den sozialen Frieden und soziale Gerechtigkeit! ...

So muss ich mir natürlich auch die Frage gefallen lassen, warum ich dann nicht bei uns in Deutschland einen normalen Zivildienst im sozialen Bereich leiste, wo es doch bei uns genug soziale Probleme gibt. Und zu Teilen ist diese Frage auch berechtigt. ... Ich hatte bisher auch keinerlei Beziehung zu meiner Nationalität und wenn überhaupt dann eine geschichtlich bedingte eher negative. ...

Hier in Frankreich aber bin ich wirklich ständig mit meiner Herkunft konfrontiert - auch bei Kontakten außerhalb des Projektes, und so hat sich daraus ein ganz natürlicher Umgang entwickelt. ...Um Missverständnisse zu vermeiden, würde ich hier den Begriff Nationalität lieber ganz streichen und durch Identität ersetzen. Ich bin ein norddeutsches Landkind! ..."

"Zu den Schwierigkeiten beim Start ins Projekt ... zählt für mich auch das Einleben in die Equipe der Langzeitfreiwilligen. Die Equipe-VLT ist als Arbeits- und Wohngemeinschaft der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Volontariats und als eine Art Zwangsgemeinschaft ein sehr sensibles Gebilde. Rücksicht nehmen, Toleranz üben, verstehen lernen, hinnehmen, sich zurücknehmen, Mund halten, kritisieren, Kritik einstecken, sich durchsetzen, erklären und zuhören - für ein gutes gemeinsames Auskommen; praktisch wie in einer Ehe, nur dass die Liebesbeziehung dabei nicht untereinander, sondern zum Projekt besteht (bestehen sollte!) ...

Mit dem Beginn unserer eigenen, großen, interessanten Baustelle am 17.Mai hat für mich das Leben als VLT bei den Compagnons Bâtisseurs erst richtig angefangen, und nach der langen Wartezeit, dem ewigen hin und her, den vielen Lehrgängen, kann ich gar nicht beschreiben, wie gut das tut und wie ich mich darüber gefreut habe. ..."

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