Freiwilligenberichte
Seid bestens gegrüßt. Ich freue mich darauf, wieder einen Rundbrief aus den Berichten von Euch EIRENE-Freiwilligen zusammenzustellen - diesmal aus dem Ausreisekurs im Sommer l999. Mein Name ist Ingeborg Ott, und ich war 1981/82 für EIRENE bei der Friedenszeitschrift DAWN in Nordirland tätig. Diese Zeit hatte einen starken Einfluß auf mein Leben, und deshalb ist es mir ein Anliegen, Euch ein Stück zu begleiten.
Beginnen möchte ich mit der "Sozi"-Arbeit bei EIRENE in Neuwied, denn so richtig vorstellen, was dort abläuft, konnte ich es mir nicht, bevor ich meinen Dienst angetreten habe. Dazu war die Zeit viel zu kurz, die wir Einblick in den Büro-Alltag nehmen konnten.
Gisela Baur absolviert dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Hier ihre ersten Eindrücke:
"Nachdem ich schon die ersten beiden Wochen in Neuwied in meinem Sozi-Büro verbracht habe und auch mein Zimmer schon einigermaßen wohlfühlbar aussieht, kann ich Euch ganz grob beschreiben, was ich in diesem Jahr so alles tun werde: Arbeitsmäßig gibt es jede Menge zu tun für mich wie z.B. etwa 5.000 'Erstanfragen', also in etwa solche Briefe: 'Hallo EIRENE, ich wollte Dich mal fragen, was Du denn für ein Friedensdienst bist, weil nämlich ich mache nächstes Jahr mein Abi, und da will ich vielleicht meinen Zivildienst im Ausland machen und ...' zu beantworten und mit jeder Menge Info-Material ausgestattet zu verschicken. Ähnlich hört sich das Ganze dann an, wenn ich Telefondienst habe: 'Ja, Guten Tag, mein Sohn und ich wollten uns nach ihren Programmen erkundigen, denn mein Sohn macht im Jahr 2007 sein Abitur und wir wollten eben rechtzeitig Bescheid wissen...". Ja, gut, ich hab' da jetzt ein bisschen übertrieben - aber ich will ja schließlich auch nicht, dass es mir zu schnell langweilig wird. Eigentlich wird das aber sicher nicht so schnell passieren, denn neben den Erstanfragen organisiere ich noch jede Menge Info-Seminare, verschicke Bewerbungsunterlagen, hole, öffne und sortiere - so ganz nebenbei - jeden Morgen die gesamte EIRENE-Post usw. usf.
Und ganz nebenbei bemerkt verstehe ich mich mit 'meinem' Zivi hier auch ziemlich gut, und eigentlich gibt es kaum einen Abend, an dem nicht irgendwas witziges los ist - also, ein gemütliches Jahr wird das wohl kaum, dafür sicherlich ein total spaßiges, abwechslungsreiches (Ich vergaß bisher, die vielen Gäste zu erwähnen, die hier im EIRENE-Haus aus ganz vielen verschiedenen Ländern immer wieder zu Besuch sind!) und sicherlich nicht untätiges oder gar unnützes Jahr!"
Von Neuwied nun nach Frankreich. Dort leistet Lukas Jaworski (Jahrgang 1978) seinen "anderen Dienst im Ausland" bei "L'Hospitalité d'Abraham" in Lyon. Er schreibt:
"Wohl eines der größten Probleme vor der Abreise war, was ich alles aus meinem Leben mit in meinen Rucksack packen muss, damit mir in Frankreich wirklich nichts fehlt. Ich entschied damals zum Beispiel, dass die Mappe mit meiner Abiturvorbereitung für Französisch, in einem schönen DINA4 Hefter zusammengefasst, säuberlich geschrieben, eine gute Reisegefährtin sein müsste, die vielleicht in kritischen Momenten den entscheidenden Tip geben kann und mich weiter bringt. ... Die ersten Gespräche offenbaren schnell, Französischübungen, die wir vor dem Sommer für das Abi gebüffelt haben, stellen keine so große Hilfe im Alltagsleben dar.
Es werden hier andere Anforderungen gestellt, es gibt keine Zeit zur Vorbereitung von Texten, keine Möglichkeiten, unbekannte Vokabeln nachzuschlagen. Gespräche ergeben sich von selbst. Ich machte die Erfahrung, dass kein riesengroßes Vokabular notwendig ist, um sich zu verständigen und sogar bewegende Gespräche zu führen. ... Ich lernte in Gesprächen aufmerksamer zu werden, Gesten oder Gesichtsausdrücken mehr Beachtung zu schenken, ... die Vielfältigkeit von Kommunikation zu entdecken. ... Die sprachlichen Mittel schränken die Handlungsmöglichkeiten teilweise ein und rauben manchmal sogar das Selbstvertrauen. Selbst bei kleinsten Alltagsaufgaben wie dem Einkaufen wird es deutlich... .
Es kann schnell passieren, dass man, vor allem am Telefon, falsch verstanden oder gar nicht richtig ernst genommen wird. Es ist sehr ärgerlich, wenn der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung versucht, das Gespräch möglichst kurz zu halten, weil er vielleicht gerade keine Lust hat, sich ein gebrochenes und schwer verständliches Französisch anzuhören. Es scheint manchmal einfacher den Mund zu halten, sich zurück zu ziehen und lieber abzuwarten. Gleichzeitig entstehen Wut und Ärger; das Gefühl, ignoriert zu werden, kann ungemein stören. ...
Die Jugendlichen in sozial benachteiligten Wohngegenden sprechen meist 'verlan', einen Slang der Vorstädte. Sie haben Eltern, die mit ihnen eigentlich nie Französisch reden, weil sie die Muttersprache besser beherrschen und die Traditionen pflegen möchten. ...Der Lehrer spricht das Französisch viel zu kompliziert und unverständlich. Die einzigen, mit denen sie sich verständigen können, sind die Kumpels aus dem Treppenhaus, die Jungs vor dem Hauseingang. Die haben auch keine besonders guten Jobaussichten, kennen auch eben keinen, der ihre Sprache spricht oder sie versteht. Dass in solchen Gruppen, die von Aussichtslosigkeit, Misserfolg, zerbrochenen Kinderträumen und einer ihnen aufgedrückten Gleichgültigkeit geprägt werden, das Gewaltpotenzial sehr groß ist und die Hemmschwelle mit jedem neuen Tag fällt, sollte keinen wundern.
Eigentlich sollte in dieser Umgebung meine Tätigkeit stattfinden. Eigentlich sollte ich mithelfen, diesen Jugendlichen eine andere Perspektive zu geben, ihnen auch was anderes zeigen als die dreckigen Straßen in ihrer Nachbarschaft.
Es dauerte etwa zwei Jahre von dem ersten Kontakt von Christian Delorme, dem Präsidenten von L'Hospitalité d'Abraham und EIRENE, meinem Träger in Deutschland, bis zu meinem Dienstbeginn in Lyon. Bis ein Projekt vom Bundesamt für Zivildienst anerkannt ist, vergehen mindestens 12 Monate, addiert man die Zeit, die notwendig ist, für das Auswahlverfahren eines Freiwilligen und den tatsächlichen Dienstantritt, ist diese Zeitspanne leicht erklärbar.
Leider bleibt während dieser Periode die Zeit nicht stehen, und es finden Veränderungen statt, die nicht immer vorhersehbar sind, und auf die die Beteiligten wirklich keinen Einfluss haben... .
Christian Delorme erlangte landesweite Aufmerksamkeit, als er einen Protestmarsch für die Veränderung bei der Arbeitserlaubnis von Ausländern in Frankreich von Marseille nach Paris anführte. Begleitet von mehreren Tausend Protestierenden bei der Ankunft in Paris übergab er dem damaligen Präsidenten der Republik, Francois Mitterand, ein Forderungsschreiben für eine Gesetzesänderung, die die Arbeitserlaubnis mit der Aufenthaltserlaubnis verband, und so vielen Emigranten das Finden einer Arbeit erlauben würde. Diese Forderung wurde zum Gesetz umgewandelt.
In den vergangenen Jahren hat Christian mehr und mehr die Arbeit an den eigentlichen Brennpunkten, den Vororten, eingestellt und die Form seines Engagements verändert. Seit mehreren Jahren ist er im Ausschuss des französischen Innenministeriums für die Probleme der Städte. (Dass ein sozialistischer Innenminister einen Priester als seinen Berater auswählt, spricht sicherlich für Christians Fähigkeiten). Mehrere Bücher zu Themen des interreligiösen Dialogs und der Integrationsproblematik konnte er erfolgreich veröffentlichen. ...
Das einzige Wirkungsfeld, das von den ursprünglichen Aufgaben übrig blieb, ist das erlebnisreiche Mitengagement im Pfarrheim, wo täglich Menschen in Not oder Sorge um Hilfe anfragen. Im Winter sind es öfters die Obdachlosen, die nach einer Mahlzeit fragen und ein Gespräch suchen. Sie erzählen von ihren Zukunftsplänen und Träumen, von den Schwierigkeiten des Lebens auf der Straße, von ihren gesundheitlichen Problemen. ... Oder von einer Phantasiewelt, die man nicht wagt zu hinterfragen. Ein Stück erlogenen, nicht verwirklichten Lebens, das wertvoller und ehrlicher zu sein scheint als die Realität. ...
Oder es sind nordafrikanische oder osteuropäische Einwanderer, die Probleme mit den Einwanderungsbehörden haben, die die ihnen zugeschickten Dokumente nicht verstehen oder einfach nicht weiter wissen und Rat einholen möchten. Sie erzählen immer gern von ihrer Heimat, von dem Leben dort, lachen laut über das komische Europa. 'Die Metro hier hält jedes mal auf den Zentimeter genau an der gleichen Stelle, alle fünf Minuten. Bei uns gibt es keine Haltestellen, keine Fahrpläne; der Busfahrer hält an, wenn du ihm vom Straßenrand ein Zeichen gibst, und wenn da natürlich noch Platz frei ist auf dem Dach.'
Diese Gespräche sind die wertvollsten Erlebnisse in meinem Alltag; die Teilnahme an dem Leben im Hause ist interessant und lehrreich - aber kein Fulltimejob. Gemeinsam mit Christian haben wir neue Aufgaben für meinen Dienst gesucht und gefunden. Ich verbringe nun die meiste Zeit mit der Vorbereitung einer Konferenzreihe für das Jahr 2000. Die Idee ist es, dass Gläubige verschiedener Konfessionen zu einem Thema einen Vortrag, eine Vorlesung halten. Das Thema für dieses Jahr ist: 'Der Tod... und danach?'...
Eine neue Idee, die die L'Hospitalité d'Abraham zur Zeit verwirklicht, ist eine interreligiöse frankophone Internetseite, die eine positive Vorstellung der Weltreligionen unter dem Aspekt der Friedensabsichten und Dialogbemühungen der verschiedenen Glaubensrichtungen beabsichtigt. Eine solche Internetseite existiert z.Zt. nicht in französischer Sprache. Ich habe in diesem Bereich eine Koordinatorenrolle übernommen. Weder meine Grundkenntnisse in religiösen Fragen noch mein Minimalwissen der Informatik erlauben mir, wirklich aktiv an der Erstellung der Internetseite zu arbeiten. Ich versuche viel mehr, Menschen zu finden und sie zusammenzuführen, damit die notwendige Recherche- und Textarbeit voran kommt, dass Materialien und Informationen für Basisstruktur der Seite gesammelt und eingeordnet werden. ... Hier liegt sicherlich zukünftig ein großer Bereich meines Engagements im Projekt."
Ich habe aus diesem Bericht deshalb so viel übernommen, weil einige interessante Aspekte anschaulich beschrieben wurden. So wurde deutlich, dass Schulsprachkenntnisse zwar eine Grundlage bilden, aber auch, wie die Sinne eingesetzt werden können, um sich verständlich zu machen. Dann fand ich es bemerkenswert, wie das Migrantenproblem in Frankreich angegangen wird. Und außerdem, wie ein Projekt während der etwa zwei Jahre Wartezeit bis zum Dienstbeginn seine Schwerpunkte verändern kann und es dann doch zu sinnvollen Aufgaben kommen kann.
Alexander Heitmann (Jahrgang 1978) arbeitet bei Emmaus in Paris. Abbé Pièrre, wie Christian Delorme aus der Tradition der französischen Arbeiterpriester stammend, hat Emmaus vor rund 50 Jahren gegründet. Ziel ist es, Menschen, die in Not geraten sind, Unterkunft und Arbeit zu verschaffen, zwei Voraussetzungen für ein würdiges Leben in der Gesellschaft. Es werden gebrauchte Bücher, Möbel, Elektrogeräte und Kleidung gesammelt, sortiert, repariert und weiterverkauft. Alexander berichtet:
"Ich arbeite in einem recht kleinen und kompakten Emmaus, was sowohl unser Platzangebot als auch die Anzahl der Compagnons betrifft. Zur Zeit sind wir zu acht, mich eingeschlossen. Wir schlafen nicht alle unter einem Dach, was ungewöhnlich für Emmaus ist. Vier Compagnons schlafen in Sucy, wo sich unser Laden befindet, zwei andere und ich in einem großen, geräumigen Haus. ... Ein Compagnon schläft außerhalb bei seiner Familie. Gerade weil unser Laden nicht gerade groß ist, haben wir jeden Tag eine Menge zu tun. Jeder hat seinen festen Platz, an dem er dazu beiträgt, dass der Laden nie stillsteht."
Es gibt einen Kleidersortierer (wobei er sich manchmal über den 'Müll' ärgert, der aussortiert werden muss), einen Fahrer, Telefonisten, Bibliothekar, Reparateur, eine Köchin, und eine ist für die Sauberkeit zuständig. Und alle haben ihr Schicksal: es fehlen die Papiere, um nach Nordafrika zurückzukehren, ein anderer hat einen langen Gefängnisaufenthalt hinter sich.
Dann beschreibt Alexander seine eigentliche Aufgabe:
"Ich bin Chauffeur bei Emmaus und fahre den ganzen Tag durch die Gegend, um Kühlschränke, Fernseher, Waschmaschinen, Schränke, Tische, Stühle, Klamotten und alles mögliche andere abzuholen. Dabei nehmen wir ab und zu schon mal unser Werkzeug zur Hand, um Möbelstücke auseinander zu nehmen und in unserem Laster zu verstauen und festzuzurren. Es soll ja nicht alles in der Gegend herumfliegen. Außerdem sollte die Ware immer so bei uns im Laden ankommen, wie wir sie abgeholt haben. Manchmal ist die Arbeit richtig Schweiß treibend und die Arme werden einem immer länger. Aber erst dann weiß man, dass man an diesem Tag was geschafft hat."
Da ist der Radius, in dem Alexander Sladek (Jahrgang 1979) herumkommt, wahrscheinlich etwas kleiner. Alexander ist ebenfalls in Paris, in der Arche. Er beginnt seinen Brief - wie die meisten von Euch - mit einem "riesengroßen Dankeschön für die Unterstützung, ohne die der Friedensdienst überhaupt nicht möglich gewesen wäre" - und fährt fort:
"In den ersten zwei Juliwochen war ich auf dem EIRENE-Ausreiseseminar, bei dem man auf seinen Dienst vorbereitet wird. Man spricht zum Beispiel über die Hoffnungen und Ängste, die man hat, und was man zu Hause zurück lassen wird. Darüber hinaus lernte ich noch eine Menge nette Leute kennen, mit denen es großen Spaß macht, zusammenzusein.
Dann bin ich nach Paris gefahren, um einen einmonatigen Intensivsprachkurs zu besuchen. Ich glaube, dass mir der Sprachkurs sehr viel gebracht hat, vor allem in bezug auf die französische Grammatik. Nun lebe und arbeite ich hier in der Arche. Die Arche ist eine von Jean Vanier gegründete Lebensgemeinschaft, in der geistig Behinderte mit Nicht-Behinderten zusammenleben. Mittlerweile gibt es in sehr vielen Ländern Arche-Gemeinschaften. Die Gemeinschaft in Paris heißt Arc en ciel (Regenbogen) und besteht aus vier Foyers, einem Atelier und dem Service de Suite. Ein 'Foyer' ist eine Wohngemeinschaft, in der Behinderte (genannt 'Personnes') und Betreuer ('Assistants') zusammenleben. Das 'Atelier' ist eine Werkstatt, in der viele Behinderte der Gemeinschaft arbeiten. Hier wird gemalt, getöpfert, gebastelt, aber auch gespielt und Ausflüge unternommen.
Es gibt auch Personnes, die in externen Werkstätten, die nichts mit der Arche zu tun haben, arbeiten. Der 'Service de Suite' betreut Behinderte, die alleine wohnen können, jedoch Hilfe zum Beispiel für die Verwaltung ihres Geldes und den Hausputz benötigen. Das Foyer, in dem ich wohne, heißt 'Le Gué'. Hier wohnen fünf Personnes und drei Assistenten. ...
Nach dem ersten Monat wurden mir die ersten Verantwortlichkeiten übertragen. Ich kümmere mich um die Telefonrechnungen, die Konten und die Buchführung des Foyers und bin Referent von zwei Personnes geworden. Ein Referent kümmert sich um das Geld, Arzttermine, Medikamente, Einkäufe usw. von bestimmten Personnes. ...
Außer mir kommt noch eine Assistentin aus Deutschland. Sie hat zum gleichen Zeitpunkt wie ich angefangen. Die Tatsache, dass sie Deutsche ist, hat Vor- und Nachteile: Schön ist, dass wir uns durch die gleiche Sprache sehr schnell gut kennengelernt haben. Aber es besteht auch die Gefahr, dass wir zu viel Deutsch statt Französisch sprechen. Aber im Moment haben wir das ganz gut unter Kontrolle. Außerdem war es gerade am Anfang sehr gut, ab und zu mal Deutsch zu sprechen. denn das viele Französisch war doch sehr ermüdend. ...
Meine Arbeiten hier sind sehr unterschiedlich. Ein normaler Wochentag beginnt mit dem gemeinsamen Frühstück und dem anschließenden Wohnungsputz, den die Assistenten machen, während sich die Personnes fertig machen zur Arbeit zu gehen. Dann schließen sich je nach Wochentag unterschiedliche Arbeiten an: Am Montag wird für die ganze Woche der Großeinkauf gemacht, am Dienstag ist unsere foyer-interne Assistentenbesprechung, am Mittwoch arbeite ich am Vormittag für den Service de Suite und mache kleine Arbeiten wie Putzen, Reparieren und Sachen kaufen mit Behinderten, die alleine wohnen, am Donnerstag ist nichts Spezielles geplant, und am Freitag habe ich normalerweise frei. Mittags esse ich dann zusammen mit einigen Personnes oder mit Assistenten aus den anderen Foyers. Nachmittags habe ich zwei Stunden frei und mache sonst noch kleine Sachen im Foyer wie bügeln, etwas reparieren oder Besorgungen machen. Um fünf kommen die Personnes zurück, und es wird erstmal zusammen Tee getrunken und über den Tag geredet.
Jeden Tag ist eine andere Personne an der Reihe, beim Kochen fürs Abendessen zu helfen, und ein Assistent macht mit ihr die Küche. Dann wird zusammen gegessen und danach der Abwasch gemacht. An zwei Abenden in der Woche wird Fernsehen geschaut, und am Dienstag ist der sogenannte Foyer-Abend. An diesem Abend wird zusammen über die Woche der einzelnen Leute gesprochen, und danach wird gebetet, da die Arche ja eine christliche Gemeinschaft ist. An den anderen Abenden wird zusammen gesessen, geredet, Tee getrunken und Spiele gespielt. ... Das Wochenende sieht recht ähnlich aus. Am Samstag putzen die Personnes mit unsrer Hilfe ihre Zimmer, und am Sonntag machen wir öfters Ausflüge wie zum Beispiel ins Museum oder ins Konzert, meistens mit einem anderen Foyer zusammen."
In einer anderen Arche ist Philip von Paris (Jahrgang 1979). Er ist in der Arche "Les Trois Fontaines", Ambleteuse. In seinem ersten Rundbrief heißt es:
"Ich konnte anfangs nicht erfassen, was das bedeutet, anderthalb Jahre von zu Hause und Berlin wegzubleiben und neu anzufangen. Je näher ich meinem Ziel kam, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass es mitunter auch eine falsche Entscheidung gewesen sein könnte, ins Ausland zu gehen. Als ich vom Bahnhof abgeholt wurde und dann den ersten Abend in der 'Bergerie', meinem zukünftigen Foyer, verbrachte, waren aber alle düsteren Gedanken verschwunden. Heute, nach einem Monat in der Arche, kann ich folgendes sagen: Von Heimweh oder Reue ist nichts zu spüren. Ich glaube, dass ich es hier gut und gerne aushalten kann.
St.Martin Boulogne. Wo ist das eigentlich? Es ist ein kleiner Vorort von Boulogne, einer Hafenstadt am Ärmelkanal, eine Fährstunde von England entfernt. Dort befinden sich zwei Foyers der Arche Ambleteuse, unter anderem auch die Bergerie. Bis nach Ambleteuse sind es ungefähr 20 Minuten zu fahren. Dort befinden sich die Werkstätten, der Garten, das Büro und die restlichen Foyers. Insgesamt leben in der Arche 'Le 3 Fontaines' rund fünfzig geistig behinderte Menschen in den Häusern zusammen. In der Bergerie sind es zur Zeit sieben. ... In der Bergerie leben außerdem drei Assistenten, Freiwillige, die sich für eine unterschiedlich lange Zeit verpflichtet haben."
Philip geht auf die Sonnenfinsternis am 11.August ein:
"Das war schon ein eindrucksvolles Naturschauspiel. Mit den gerade noch ergatterten Spezialbrillen sah man deutlich, wie der Mond die Sonne verdunkelte. Es wurde richtig kalt und dämmrig, denn wir hatten 98% Abdeckung. Wir Assistenten waren völlig hingerissen, aber die Reaktion der Personnes auf die Finsternis war schon erstaunlich. Zwei waren von den Socken, eine sperrte sich in ihr Zimmer ein, ein anderer wollte noch abends nicht das Haus verlassen, ("es ist doch so dunkel"), und eine dritte betonte immer 'das ist nicht normal, ich mag das nicht'. Es war einerseits natürlich etwas lustig, aber gleichzeitig doch sehr erschreckend. Aber nach ein paar Tagen hatten sich alle wieder beruhigt, und so gingen die Dinge ihren gewohnten Gang."
Im 2.Rundbrief vermeldet Philip "ein freudiges Ereignis. Am 22. November verließ einer der Personnes ein Foyer, um in einer eigenen Wohnung einer eigenen Arbeit nachzugehen. Nach drei Jahren in der Arche glaubt man, den 22-Jährigen in die Unabhängigkeit entlassen zu können."
Der Tagesablauf ist ähnlich wie in anderen Foyers, so wie ihn Alexander schon beschrieben hat. Philip erklärt etwas eingehender die Ateliers:
"Sie sind eine Holz- und eine Polsterwerkstatt sowie der Garten, der auch Haushalte in Ambleteuse mit Gemüse versorgt. Dort arbeiten auch die meisten Externes, Personnes, die bei ihren Familien oder auch allein wohnen."
Auf die Frage "Wie geht es mir in Bouogne?" kann Philip "drei verschiedene Antworten geben. Erste Antwort: 'Besser als erwartet!'. Mir ganz allein persönlich geht es so. Das liegt zum einen am noch recht engen Kontakt zu Freunden und Verwandten. Meine Großeltern rufen regelmäßig an, Eltern und Schwester schreiben, und auch Briefe von ehemaligen Sport- und Schulfreunden trudeln in Frankreich ein. Zum anderen erhalte ich mehr oder weniger regelmäßig eine Berliner Tageszeitung, und da ich sie sehr intensiv genieße, bleibe ich auf Tuchfühlung mit Deutschland und der Welt. Der absolute Knüller ist jedoch, dass ich seit einigen Wochen eine Volleyballmannschaft gefunden habe. ...
Zweite Antwort: 'Superklasse!' So kann ich das Leben mit den Personnes beschreiben. Sie sind eine ständige Energiequelle, auch, wenn es manchmal natürlich nervt. ... Ich kann nur sagen, dass ich dieses Leben hier genieße. Aber es verdeutlicht auch sehr drastisch, wieviel Glück wir 'normalen' Menschen gehabt haben. Für uns in der Ausführung unbewusste Aktionen: Essen, Waschen, Anziehen, Laufen, stellen für die Personnes manchmal zu hohe Klippen dar. Der Grund war teilweise eine Minute während der Geburt, ein Nabelschnurvorfall oder ein verrückt spielendes Chromosom, wie bei den Trisomie-21-Leuten. Auf was für einem schmalen Grat von Glück ich gehen darf, das Privileg zu haben, dass mir die Welt offensteht, ohne zu bedenken, wie leicht es ist, diesen Grat zu verlassen, das habe ich hier gelernt. ... Eine der wichtigsten Lektionen der Arche ist meiner Meinung nach die, dass wir Menschen unser Schicksal so nicht in der Hand haben. Allerdings heißt das auch, das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen. Das alles verdanke ich dem Leben hier; die Personnes geben mir definitiv mehr als ich ihnen." ...
(Dieser Absatz hat mich sehr bewegt, Philip. Anm. von Ingeborg). Philip fährt fort:
"Nach vier Monaten meine ich, bereits mehr als die Hälfte, je nach Gesprächspartner auch mehr, sprachlich verstehen zu können. Sich gegenseitig durch den Kakao ziehen, macht damit natürlich noch einmal soviel Spaß. ...
Dritte Antwort: 'Na ja, Schwamm drüber!' Diese Antwort beschreibt diplomatisch mein Verhältnis zu den anderen Assistenten. ... Trotzdem, es ist alles in Ordnung, wirklich!!"
Auch in Belgien gibt es Arche-Foyers. In einem von ihnen, in der Arche Brüssel, lebt und arbeitet Raphael Kunz (Jahrgang 1980). Nach dem Ausreisekurs von EIRENE nahm Raphael vier Wochen an einem französischen Sprachkurs in La Rochelle teil.
"Am 21.August", schreibt Raphael dann, "sind mein Vater und ich mit dem Auto nach Brüssel gefahren, um meine gesamten Sachen abzuladen und den Umzug nach Brüssel zu vollziehen." ...
Raphaels neues zu Hause ist "'Ruche', das heißt auf Deutsch Bienenkorb, und dieser Name ist sehr gut gewählt, denn dort tummeln sich viele Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, erwachsenen behinderten Menschen ein zu Hause zu geben, wo sie sich entfalten können und einen guten Ersatz für ihre Familie finden können. ..."
Raphael schildert nun über mehrere Seiten sehr zugetan die sechs Personnes und drei Assistenten, die im Hause leben. Es ist schade, dass ich die Beschreibungen aus Platz- (und Diskretions-)gründen nicht übernehmen kann. Und jedesmal nur einen Satz herauszupflücken, würde dem ganzen Menschen nicht gerecht werden. Dieser Einwand trifft auf alle von Euch zu, die Menschen in ihrer Umgebung beschreiben. Das tut mir oft leid, weil es auch etwas über Eure Situation aussagt - aber Ihr wisst ja, dass Ihr bei besonderem Interesse die Berichte von EIRENE bekommen könnt.
"Zu guter Letzt", so Raphael, "sollte ich noch ein paar Worte über meine Arbeit und meine Freizeitgestaltung verlieren." Einige Tage laufen ähnlich ab wie in den anderen Arche-Foyers. Unterschiede gibt es aber doch: "Montags habe ich die Möglichkeit bekommen, eine andere soziale oder politische Arbeit zu machen. ... Ich werde ab dem 10 Januar im Europäischen Parlament in der Grünen Europa Fraktion anfangen mitzuarbeiten. ... Mittwochs morgens besuche ich einen Sprachkurs. In diesem Sprachkurs sind sehr viele Frauen von Nato-Angestellten, Europaparlament-Abgeordneten oder Diplomaten. So sind aus allen Kontinenten Menschen vertreten, was zu schönen und interessanten Gesprächen führt. ... Donnerstags fahre ich eine 76-jährige Assistentin, die von Montag bis Donnerstag im Hause mithilft, in ihr Kloster zurück. ... Und am Abend heißt es dann kochen. Von den Gästen habe ich bis jetzt noch nichts Negatives über meine Kochkünste gehört. Manchmal sind die Personnes da aber anderer Meinung. Meistens koche ich ihrer Meinung nach zu wenig Fleisch und zu viel Gemüse. Ich denke, die Abwechslung muss sein."
In Brüssel gibt es noch eine EIRENE-Freiwillige, Carolin Zerger (Jahrgang 1979) bei Climate Network Europe (CNE). Sie beginnt ihren Rundbrief mit:
"Hartelijke groetjes, meilleures salutations, best greetings und liebe Grüße aus Brussel, Bruxelles, Brussels, Brüssel oder wie auch immer. Zwischen EU-Beamten in riesigen Verwaltungstrakten und Immigranten in halbverfallenen Plattenbauten, Waffeln, Fritten, Pralinen, Grand Place und Europaparlament verbringe ich hier eine spannende und erlebnisreiche Zeit, denn so vielfältig wie ihre Namen ist auch die Stadt selbst."
Dann fährt Carolin fort: "Climate Network Europe (CNE) ist der europäische Knotenpunkt eines weltweiten Netzwerks von Umwelt-Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Forschungsinstitutionen, die zusammen gegen den vom Menschen verursachten Treibhauseffekt arbeiten. Mein Freiwilligendienst bei CNE begann im August, dem ruhigsten Monat des Jahres. Keine wichtigen Verhandlungen, Konferenzen, Tagungen, ganz Brüssel in Urlaub und für mich eine ganze Menge Zeit, mich mit meiner neuen Arbeit vertraut zu machen. Ich wühlte mich durch Berge von Informationsmaterial, um mich ein wenig in das unheimlich komplexe Gebiet des Klimaschutzes einzuarbeiten. ... Meine drei Mitarbeiter haben mir dabei unheimlich viel und nett geholfen und mir alles bereitwillig erklärt. Gerade am Anfang war das gar nicht selten nötig. Durch die vielen Abkürzungen und Fachbegriffe und das Mischmasch aus Englisch, Französisch und Deutsch erschien mir das für mich vollkommen neue Thema Klimawandel zunächst wie ein undurchdringlicher Dschungel. Mittlerweile sehe ich jedoch immer mehr Lichtungen, und je tiefer ich in das Thema eindringe, desto spannender wird es! ...
Ich erledige jeden Tag so unheimlich viele kleine, unterschiedliche Aufgaben, dass ich am Ende gar nicht mehr weiß, was ich alles getan habe. Tatsächlich habe ich (vor diesem Rundbrief) lange nicht mehr an einer Sache länger als 5-10 Minuten gesessen! ... Eine Aufgabe ist z.B. das tägliche Verteilen oder Beantworten aller Briefe, der ca.20-30 e-mails, der Faxe und Telefonanrufe. ... Die Telefonanrufe sind oft gar nicht so einfach, besonders im Brüsseler Sprachenchaos. Am witzigsten war bisher ein Anrufer, mit dem ich mich zuerst mühsam auf Französisch verständigte, bis wir dann ins Englische wechselten, was auch nicht viel besser lief, nur damit er mir dann zum Schluss seine Bonner Telefonnummer und seinen deutschen Namen durchgeben konnte... Aber warum einfach, wenn's auch kompliziert geht!
Einen großen Teil meiner Zeit bei CNE, und auch meiner Freizeit nimmt im Moment mein 'eigenes Projekt' in Anspruch, ''The Bet', die Wette. The Bet ist eine Jugendklima-Kampagne von Schülern und Studenten aus ganz Europa. Zusammen werden wir gegen den Europäischen Rat wetten, dass wir es schaffen, das Klimaschutzziel der EU, das Treibhausgas Kohlendioxyd (CO2) bis 2008 um 8% zu senken, statt in 8 Jahren in nur 8 Monaten zu erreichen. ... Bisher sind schon 25 Länder an 'The Bet' beteiligt".
(Für diese Wette drücke ich ganz fest die Daumen. Anm. v. Ingeborg).
"Stoße ich beim Surfen im Internet auf Hinweise auf interessante Konferenzen, neue Publikationen oder ähnliches, kommen diese Informationen auf meine Liste für das tägliche gemeinsame Mittagessen. Dieses gemeinsame Mittagessen im Büro ist eine klasse Sache: ich lerne so jede Menge über CNE, und wir alle im Büro lernen uns besser auch persönlich kennen. Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum hier im Büro eine so tolle, freundschaftliche Atmosphäre herrscht. ... Sekretariatsaufgaben wie Adressen auf den neuesten Stand bringen, Blumen gießen, kopieren, Briefmarken und alles Bürozubehör von Klebstoff bis Druckerpatronen kaufen, sind auch Teil meines Jobs hier. ... Bei meinen Botengängen zu Copyshop, Post und Bank komme ich endlich auch mal dazu, mein langsam verkümmerndes Französisch anzuwenden, was ich hier sonst wohl ganz verlernen würde: Im Büro sprechen wir nur Englisch, und wenn ich dann nach Hause komme, erwartet mich ein Sprachgewirr aus Holländisch, Schwedisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Polnisch und Ungarisch im Institute of Cultural Affairs (ICA). Das ICA ist ein internationales Praktikanten-Wohnheim, in dem etwa 20-30 Jugendliche und 10 Erwachsene für im Durchschnitt 3-4 Monate zusammenleben.
Hier treffen sich Menschen aus ganz Europa, die bei den verschiedensten Organisationen arbeiten, viele bei der Europäischen Kommission oder beim Parlament, bei den verschiedenen 'Chamber of Commerce' oder wie ich bei Umweltschutz-Organisationen. Abends treffen sich alle beim gemeinsamen Abendessen, das uns täglich gekocht wird. Für Putzarbeiten und Küchenarbeit sind wir selbst verantwortlich. ... Zusammen mit Jugendlichen aus dem ICA habe ich dann auch Brüssel entdeckt. ... Brüssel ist wirklich eine faszinierende Stadt und ohne jede Ordnung. Man kann in einer Viertelstunde von der renovierten, touristischen Innenstadt über das 'Armenviertel' mit hässlichen, verfallenen Häuserklötzen zum 'Quartier Européen' kommen, in dem man sich dann plötzlich zwischen ultramodernen, blitzenden Glasbauten wiederfindet. Besonders schön ist die Stadt wirklich nicht, dafür aber unheimlich abwechslungsreich, international und spannend."
Jetzt verlassen wir diese anregende Stadt und auch das 'Festland' und reisen zweimal übers Meer - in die Republik Irland. Zu Roman Schnura (Jahrgang 1977) ins Glencree Centre for Reconciliation in den Wicklow Mountains. Er schreibt:
"Am 3.August fing mein Freiwilligendienst nach § 14b hier an. Noch das Abitur, das EIRENE-Ausreiseseminar und die vielen Abschiede im Hinterkopf durfte ich erstmal zwei ruhige Glencree-Wochen erleben, weil hier in dieser Zeit keine Gruppen zu Besuch gewesen sind. Dies war für mich ganz praktisch - ich hatte ja noch einige Probleme mit meinem nie richtig praktizierten Englisch und außerdem noch jede Menge deutsches Bewusstsein und Denken im Rucksack. ... Doch dann ging es auch schon mit dem gesamten Spektrum des Glencree-Programmes los:
- Schulgruppen, zumeist aus der Republik, wobei man sich bemüht, mehr Schüler aus Nordirland empfangen zu dürfen. Diese bleiben meistens einen Tag lang und werden hauptsächlich mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontiert, und es werden ihnen die Augen für Vielfältigkeit geöffnet. ... Bis vor ein paar Jahren ist Irland ein Auswanderungsland gewesen. Doch aufgrund des Wirtschaftsbooms der letzten Jahre sind 1997 zum ersten mal mehr Menschen ein- als ausgewandert.
- Politische Versöhnung
Nationalistische (irische bzw. katholische) und unionistische (britische bzw. protestantische) Parteien/-mitglieder werden eingeladen, um die politische Gegenseite verstehen zu lernen und sich miteinander für einen stabilen Frieden einzusetzen. Das ist das Herz von Glencrees Arbeit, wobei es auch der schwierigste Teil ist. Viele wollen gar nicht verstehen und sich auf die andere Seite einlassen. ...
- Glencree Enquiry
Anstatt den Kirchen vorzuwerfen, nicht viel für den Frieden getan zu haben, macht man Vorschläge, zeigt Wege auf und motiviert Vertreter der Kirchen, wie sie helfen können. ...
- Jugendgruppen
Irischen Jugendlichen wird möglich gemacht, andere Länder zu besuchen. Auf diese Weise versucht man, Vorurteile abzubauen und Rassismus vorzubeugen. ...
- LIVE-Programm
Opfer und Überlebende (das ist ein klar definierter Unterschied) des Konflikts treffen sich, um ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen. ... Hier haben sie die Möglichkeit, sich mit den Ungerechtigkeiten zu beschäftigen, die ihnen widerfahren sind und vielleicht mit der Vergangenheit abzuschließen. Das Centre steht außerdem jeder Gruppe zur Verfügung, die sich für Frieden und Verständnis einsetzt. Wir hatten schon Aboriginals und Australier, Abagistani und Armenier und viele Amerikaner und Europäer in Glencree. ...
15 bezahlte und 8 Freiwillige arbeiten hier, wobei nur die Freiwilligen hier auch leben. ... Nicht nur die Vielfältigkeit der Nationalitäten, Kulturen und Mentalitäten der Freiwilligengemeinschaft (Ghana, USA, Griechenland, Italien, Frankreich, Österreich, Schweiz und Deutschland/Polen) trägt dazu bei, dass es bei uns sehr bunt zugeht. ... Oft entdecken wir, dass viele Werte für uns die gleiche Rolle spielen, dass wir gar nicht so verschieden sind, wie man es annehmen würde. ...
Wir leben auf 400 m Höhe, sind von Hügeln und Tälern umgeben, in einer seltsam schönen Torfgewächslandschaft. Deshalb machen wir uns schon manchmal auf, um einen kleinen Gipfel zu erklimmen oder einfach durch die Felder zu wandern und Schafe zu ärgern. Leider ändert sich die Lust darauf drastisch, wenn wir die Sonne drei Wochen lang nicht sehen können und uns nur ein feuchtkalter Wind durch die Hosen weht. ... Noch nie sah ich so viele Pubs auf einem Fleck wie hier - aber das sind nun mal die Kulturzentren Irlands. Grundsätzlich alle Sozial- und Altersschichten treffen sich dort, um zu trinken, zu essen, zu diskutieren, Musik zu hören oder zu machen, zu tanzen und zu allem anderen, was Spaß macht."
Nach diesen vielfältigen Eindrücken geht's nun nach Nordirland, zu Miriam Schader (Jahrgang 1979) ins One World Centre for Northern Ireland (OWC) nach Belfast. Hier Miriams Eindrücke von der Stadt:
"Von den troubles, wie der Konflikt hier genannt wird, ist im privilegierten Süden der Stadt kaum etwas zu spüren. Sicher, manchmal kreisen Militär-Hubschrauber stundenlang auf der Stelle, ausgerüstet mit modernster Kameratechnik, auf dass big brother auch gut sieht. Auch die gepanzerten Polizei-Landrover sind - obwohl grau - kaum zu übersehen. Trotzdem wirkt dieser Teil Belfasts wie ein gepflegtes Studentenviertel einer x-beliebigen westeuropäischen Stadt. Mit ihren glitzernden Fassaden lässt auch die Innenstadt Besucher die traurige Berühmtheit der nordirischen Provinzhauptstadt leicht vergessen. ...
Macht Mensch sich jedoch die Mühe, auch den Norden und den Wilden Westen Belfasts zu erforschen, wird dieses ach so heile Bild schnell relativiert. Hier hat der dreißig Jahre währende Bürgerkrieg zwischen Loyalisten und Republikanern tiefe Wunden gerissen, die noch lange nicht vernarbt sind. ... In den seit je her unterprivilegierten Arbeitervierteln im Westen und Norden Belfasts ist die Last, die den Weg zum Frieden so beschwerlich macht, sehr deutlich zu spüren. In Straßenzügen, in denen teilweise nur jeder fünfte Arbeit hat, spiegeln Wandgemälde (sogenannte 'murals') die immer noch starke Abgrenzung wider. Neben Bildern mit religiösem oder historischen Inhalt, findet mensch hier Darstellungen vermummter Paramilitärs, von Szenen offener Gewalt - mir erscheinen dabei die murals in protestantischen Vierteln oft noch aggressiver zu sein als in katholischen. ...
Wer hier aufwächst, lernt von Anfang an sowohl Armut als auch sektiererische Abgrenzung kennen. Da selbst in diesen sogenannten 'peaceful times' nur ein Drittel der Belfaster Bevölkerung in gemischten Vierteln lebt, die oft zugleich die wohlhabenderen sind, assoziieren sogar Vorschulkinder mit Begriffen wie 'Katholik' bzw. 'Protestant' Befremdung und Feindschaft (Irish Times, Nov.1999). Hinzu kommt, dass in den vorwiegend 'mono-konfessionellen' Stadtteilen paramilitärische Gruppierungen Polizeifunktion übernommen haben und ihre Auffassung von Recht und Gerechtigkeit mit Einschüchterung und Gewalt gegen die eigenen Leute durchsetzen. ...
Belfast ist seltsam, kaum zu beschreiben. Manchmal denke ich, es sei alles gar nicht so schlimm. Manchmal denke ich, nein, es ist noch viel schlimmer. Trotz aller Probleme, trotz dieser schwer zu begreifenden Zerrissenheit, ist Belfast auch eine sehr schöne Stadt: mit Bergen (na ja, Hügeln), mit einem Fluss und jeder Menge Parks. Mit Uni, Theatern, Museen, Kinos, Pubs... Belfasts Wirklichkeit ist mit Worten nicht wieder zu geben. Wahrscheinlich lässt sie sich ohnehin nur bruchstückhaft erfassen - je nach Herkunft.
(Wenn ich das so lese, kommen mir viele Erinnerungen an meine Zeit dort. Obwohl sich die Stadt stark ändert, ist atmosphärisch doch vieles noch so wie vor fast 20 Jahren. Hoffentlich kommt der verhärtete und z.Zt. abgebrochene Friedensprozess bald wieder in Gang!. Anm. v. Ingeborg)
Nun zum One World Centre of Northern Ireland (OWC). Dazu Miriam:
"Vor dreizehn Jahren gründeten 8 Organisationen aus dem Bereich der Entwicklungshilfe bzw. -politik, darunter UNICEF, Oxfam und die UNESCO, ein kleines Zentrum, das Informationsmaterialien zum Themenkomplex Entwicklung, Eine Welt etc. zusammenträgt, herstellt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Hauptziel dieser Arbeit ist eine gerechtere Weltordnung, die allen Menschen ein Leben in Würde ermöglicht. Um die Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit sowohl im lokalen als auch im globalen Zusammenhang ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, wählte das One World Centre zusammen mit anderen den Weg der Bildung und Erziehung. Vielleicht kann so eine Verhaltensänderung weg von Passivität, hin zu aktiver Mitgestaltung unserer Welt angestoßen werden.
Das mag in den Ohren hartgesottener Realisten nach utopischer Weltverbesserei klingen, nach Öko-FriedensspinnerInnen, die immer noch nicht kapiert haben, wer die Fäden in der Hand hat. Mag sein, dass eine Welt, die für alle lebenswert ist, ein Traum ist - doch angesichts der Not überall auf der Welt, ist er wohl wert, geträumt zu werden. Der Leiter des OWC fasste das ungefähr so zusammen: 'Über diese Welt und ihre Machtstrukturen nachzudenken, ist deprimierend. Aber wenn du nicht optimistisch bleibst, gibt es keinen Grund, morgens überhaupt aufzustehen'".
Öffentlichkeitsarbeit ist wohl die wichtigste Aufgabe des One World Centre. Die erklärt Miriam so:
"Ich arbeite vor allem in der Bibliothek des Centres. Diese umfasst über 1.000 Bücher zum Thema Entwicklung und verwandten Themenbereichen, gut 50 Zeitschriften, jede Menge Unterrichtsmaterialien und mehr als 1.000 Videoaufzeichnungen. Hinzu kommen Artikel, Broschüren, Flugblätter u.ä. zu einzelnen Ländern bzw. Themen. Meine Aufgabe ist es, diese Materialien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. ...
Zum anderen bin ich dafür verantwortlich, dass der Wissensdurst aller Informationssuchenden weitgehend gelöscht wird. Wenn also jemand ins Centre kommt, um d a s Buch zu kaufen, ist es mein Job zu erraten, welches denn dieses sein könnte. Oder wenn Soziologie-StudentInnen fragen, ob Jamaika zu Afrika gehöre und wo bitte Asien läge - nein, nicht lachen, Weltkarte holen und zeigen, nebenbei erklären, dass Asien kein Land, sondern ein Kontinent ist. Im Normalfall ganz einfach Besuchern die Struktur der Bibliothek erläutern, bei der Informationssuche helfen, mitgebrachte Kinder davon abhalten, vor Langeweile vom Stuhl zu fallen - und, na klar, hinterher aufräumen, was andere durcheinander gebracht haben. ..."
Auf unserem eigenen Kontinent gelegen und doch sehr fremd mutet die Welt an, in der Claudia Kucharzyk (Jahrgang 1972) als Freiwillige lebt. Sie ist im Centrul Social Cojocna bei Cluj in Rumänien und schreibt:
"Man braucht mit dem Auto nur 22 Stunden, um von Berlin nach Cluj zu fahren, das ist gar nicht weit weg, dachte ich, nur eineinhalbtausend Kilometer. Aber wenn ich dann das tägliche Leben und die Leute hier mit denen bei uns vergleiche, fühle ich mich unerreichbar fern. ...
Bis vor ein paar Wochen war mir noch unwohl hier. ... Nun geht es recht gut: wir Freiwilligen sind jetzt besser involviert, sind auch selbstbewusster geworden, was an den (langsam) zunehmenden Sprachkenntnissen liegt, außerdem sind es herrliche Herbsttage mit viel Sonne, Wärme und Wind. Überall im Dorf laufen die letzten Feldarbeiten. Die Bauern pflügen, hängen den Mais zum Trocknen auf und stapeln das Maisstroh. Cojocna ist ein schönes, normales Dorf, in dem ich mich meist wohlfühle. Wenn ich mich hier jedoch allzu fremd fühle, fahre ich in die Stadt, in der es eigentlich ist wie bei uns. Cluj ist eine 300 000 Einwohnerstadt mit einer großen Universität. Die Stadt hat ein schönes, buntes Zentrum aus der k.u.k.-Zeit und ansonsten unendlich viele Neubaugebiete. ... Die Stadt und die Menschen dort sind für mich eine gute Hilfe, nicht in den Problemen des Dorfs zu versinken.
Zur Gemeinde Cojocna gehören sieben Dörfer. Cojocna selbst ist ein großes Dorf mit ca. 2.800 Einwohnern. In Cojocna gab es zu früheren Zeiten Salztagebau, damals hatte der Ort auch Stadtrecht. Heute zeugen davon nur noch das barocke Rathaus und ein altes, langsam verfallendes Kurhaus. In sozialistischen Zeiten wurde ein Hotelkomplex an den ehemaligen Salzgruben errichtet. Dort war auch ein Sanatorium für TBC kranke Kinder.
In der Hauptstraße, der einzigen Straße, die asphaltiert ist, sind die romano-katholische Kirche und die ungarisch reformierte Kirche, die Polizei und die allg. 8-Klassen-Schule. Auf einem der beiden Berge des Dorfes sind eine greco katholische, die orthodoxe Kirche und ein Bethaus der Neu Apostolen. Die Roma leben in drei Vierteln, jeweils an den Dorfrändern. Die Bevölkerung setzt sich aus Rumänen, Ungarn und Roma zusammen. ... Das Dorf bietet kaum Arbeitsplätze, nachdem die staatlichen landwirtschaftlichen Betriebe aufgelöst wurden. So sind viele arbeitslos oder arbeiten als Saisonarbeiter in der privaten Landwirtschaft. Viele der Roma leben an der Grenze des Existenzminimums. Auch unter den Ungarn und Rumänen gibt es sehr arme Menschen, trotzdem wäre der ärmste Rumäne noch Mittelschicht bei den Roma. Mangelnde und nicht ausgewogene Ernährung macht die Menschen, insbesondere Kinder, krankheitsanfälliger.
Da viele Kinder gerade jetzt im Winter keine entsprechende Kleidung und Schuhwerk haben, gehen sie nicht zur Schule oder in den Kindergarten. Auch sind die Lernbedingungen in ihren meist überfüllten Wohnungen sehr schlecht. Deswegen gibt es unter den Rromakindern einen hohen Prozentsatz, der die 8.Schulklasse nicht beendet oder sogar nicht einmal die 4.Klasse. Das bedeutet, dass sie nie eine Chance auf einen Ausbildungsplatz haben und Analphabeten bleiben. Die Schule Cojocna ist in zwei Sektionen geteilt, in eine rumänische und eine ungarische. ... Die Romakinder gehen alle in die rumänische Sektion. ... Wegen der schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse sind sie sehr unkonzentriert und unruhig. Auch ist der Weg für die Lehrer, die meistens aus Cluj kommen und keine Autos besitzen, beschwerlich. So sieht jeder von ihnen zu, eine Arbeitsstelle in der Stadt zu bekommen. Deswegen ist die Fluktuation an der Schule sehr goß, und es gibt nach den Ferien immer wieder von neuem die Probleme der Stellenbesetzung. ... Es ist so gut wie unmöglich, Lehrer als Freiwillige zu gewinnen, um mit den Kindern etwas in ihrer Freizeit zu machen. Zur Zeit gibt es drei Lehrerinnen, die gegen Bezahlung hier im Zentrum Kurse leiten: zwei Computerkurse ..., einen Alphabetisierungskurs für Kinder und Erwachsene ... und einen Handarbeitskurs mit einer pensionierten Kunstlehrerin. Dieser Kurs ist zwei Mal pro Woche und immer gut und regelmäßig besucht. Das wichtigste dabei ist, dass die Kinder jemanden haben, der ihnen zuhört, wenn sie von Problemen und Sorgen erzählen.
Ein paar Beispiele der Aktivitäten im Centrul Social: Hausmeistertätigkeiten; Kleiderpakete zusammenstellen; Lebensmittel für die Aktivitäten im Zentrum und die zu unterstützenden Familien einkaufen; Transporte nach Cluj mit Leuten, die sich die Fahrt mit dem Bus nicht leisten können; Medikamente einkaufen; den Sozialarbeitern bei Büroarbeiten am Computer helfen; Hilfe für Fundraising; Hausbesuche, Englisch und Deutsch in kleinen Gruppen unterrichten, Büroarbeiten usw. ... Am wichtigsten jedoch finde ich Besuche bei den Leuten zu Hause: Es ist etwas ganz anderes, sie in ihrer gewohnten Umgebung zu sehen. Hier im Zentrum sind sie immer die Bittsteller, dort sind sie normal, reden ganz anders und man bekommt einen viel besseren Eindruck, wie es ihnen geht. Auch kann man Kinder sehen, die nie ins Zentrum oder zur Schule kommen. ...
Es gibt zur Zeit ca.80 Kinder im Kindergartenalter, davon besuchen ihn aber nur 50. Viele werden von ihren Eltern wegen mangelnder Kleidung, nicht ausreichendem Schuhwerk, und weil die Eltern ihnen kein Pausenbrot mitgeben können, nicht in den Kindergarten geschickt. ... Den Kindern aus den umliegenden Dörfern soll in einem Langzeitprojekt nach der 4.Klasse die Möglichkeit eines weiteren Schulbesuches gegeben werden. Zur Zeit kommen sie nicht oder unregelmäßig, da die Wege von den Dörfern weit sind und es keinen öffentlichen Transport gibt. So soll hier in Cojocna mit Hilfe der Gemeinde ein Internat eingerichtet werden, in dem die Kinder die Woche über wohnen und lernen können. Dieses Projekt erfordert viel Zeit, Geld, Organisation. ...
An den Abenden sind wir oft in Cluj, entweder zum Rumänischunterricht, oder um mit Bekannten ins Kino oder in den Musik-Pub zu gehen, einem Keller, der aussieht, als wär' er aus Berlin oder Rostock. Falls ich nicht in Cluj bin, gehe ich gerne irgendwo hier im Dorf zu Besuch. ..."
Für die meisten von uns wird hier wohl eine gänzlich unbekannte Welt darstellt. (Anm. Ingeborg)
Ebenfalls in Rumänien ist Tim Rohardt (Jahrgang 1977). Tim ist eingesetzt bei der Menschenrechtsorganisation Rromani CRISS (Centrul Rromilor Interventie Sociala si Studie) in Bukarest. Sein Bericht kam, als sein Aufgabengebiet noch nicht genau definiert war. Er sagt dazu:
"Jeden Tag lerne ich neu hinzu und glaube mich am Abend einen Schritt weiter, aber ich kann nicht bemessen, wie weit die Strecke sein wird, und wie viele Schritte es brauchen wird, um nur irgend etwas sagen zu können. Wichtig ist es, trotzdem zu gehen".
Er schildert ein paar Eindrücke von der Stadt und nennt sie "Augenblickliche Normalität: Wenn ich an Deutschland denke, dann fallen mir die Unterschiede auf, die ich anfangs noch stark bemerkt habe: Der uralte Mann, der auf dem Gehsteig sitzend Blumen anbot, das Mädchen, das an der roten Ampel Geige spielte, die Kinder, welche die Autos waschen, die Frauen, die ihren Körper verkaufen, die Alten, teils behinderten und orientierungslosen. Diejenigen, die im Müll der Straßen nach essbaren Dingen suchen und dabei den Hunden zuvor kommen müssen. Ich nehme sie wahr, aber es stört mich nicht mehr, es zu sehen, es läßt mich kaum noch erstaunen oder nachdenken, es ist nach zwei Monaten eine andere, aber eben e i n e Normalität.
Gegensätze: Bukarest ist eine Stadt mit vielen Gesichtern, es hat sich den Titel 'Paris des Ostens' nicht bewahren können, aber an vielen Stellen lugt unter einer Schicht aus Staub, Müll und Leuchtreklame der Glanz vergangener Tage hervor. ... Der Diktator ließ fast ein Viertel Bukarests im Zentrum abreißen und neu aufbauen, schnurgerade Straßen mit zehnstöckigen Prunkbauten im stalinistischen Stil durchziehen ein Feld von Ruinen, Baracken und alten Villen mit hohen Mauern. ...
Es gibt die Möglichkeit, vor den Fassaden zu leben oder dahinter. Es ist ein wenig abhängig, wieviel Geld man hat. Die meisten haben wenig. Und dennoch gibt es immer noch genügend, die sich alles leisten können und die hohen Mieten dazu, teure Autos und Verhaltensweisen, rücksichtslose auch.
Die Preise steigen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht," heißt es zum Schluss. "Jeder Tag bringt mehr (Wissen, Erfahrung, Ergebnisse und Pläne, Enttäuschungen und Erstaunen) und noch der letzte Tag wird eine Überraschung bergen".
Bei der Straßenkinderorganisation Casa Deschisa in Bukarest, leistet Nils Freundlieb (Jahrgang 1979) seinen "anderen Dienst im Ausland". Er erzählt:
"Meine Arbeitsstelle, 'Casa Deschisa' (Offenes Haus), ist ein sogenanntes Day center, d.h. die Kinder kommen morgens, werden tagsüber betreut und kehren abends wieder auf die Straße zurück. Es ist somit der Verbindungspunkt zwischen dem Leben auf der Straße und einem sozial-integrierten, 'normalen' Leben. Die Grundgedanken eines solchen Projektes besagen, dass den Kindern nur durch einen langsamen, behutsamen Übergang auf freiwilliger Basis ein wirklicher Absprung ermöglicht werden kann. Neben dem Tagescenter wird noch ein sogenanntes. 'social appartement' für die Kinder, die den ersten Schritt aus der Straße wagen, unterhalten.
Wir sind eine relativ kleine Organisation unter den vielfältigen, staatlichen und nichtstaatlichen Versuchen, das Straßenkinderproblem in Bukarest einzudämmen und haben nur sieben Mitarbeiter. ... Ich habe mich neben den alltäglichen Pflichten, also dem Beaufsichtigen des Waschens und Kochens und viel, viel Spielen, Kontakt herstellen, vorerst auf das Erlernen der Sprache und der Organisationsstrukturen beschränkt, was nicht so einfach ist. ... Ich wohne endlich in meinem eigenen Appartment, in dem ich mich wirklich zu Hause fühle. ...
Manchmal fühle ich sogar das starke Bedürfnis, mich meines guten Lebens hier rechtfertigen, ja, mich entschuldigen zu müssen. Ich lebe mit dem Gefühl, ich führe ein Luxusleben. Sehe ich konkret nach, sieht es ganz anders aus: Gestern habe ich mir zum erstenmal Milch gekauft (oder zumindestens eine weiße Flüssigkeit, die hier Milch genannt wird), ich schlief den ganzen Monat auf einer U-förmigen Matratze mit Unmengen von Mücken und Kakerlaken verschiedenster Größenordnung im selben Zimmer, wasche meine Kleidung per Hand und muss mich nachts vor bedrohlich knurrenden Straßenhunderudeln fürchten.
Demgegenüber zwingt mir die Fremdheit meiner Umgebung einen viel bewussteren Umgang mit meinen Handlungen auf, ein viel stärkerer Interpretationsbedarf meines Tuns und Nicht-Tuns beschäftigt meine Gedanken."
In Nils' zweitem Rundbrief lese ich:
"Ich bin sehr glücklich und zufrieden und noch immer dankbar, hier sein zu dürfen. Das 'hier' zu definieren, fällt nicht allzu schwer, das 'sein' hingegen erforderte tägliche Berichte. ...
Täglich besuchen uns ungefähr 25-30 Kinder jeglicher Altersstufe, und es wird noch intensiver als sonst versucht, sie schnell wieder in Schule oder Familie zu reintegrieren. Manchmal gilt es also, Einzelunterricht in Englisch oder Mathematik zu geben, manchmal wartet eine Herde von hungrigen Kindern auf irgend etwas, was möglichst lecker schmecken und innerhalb von zwei Minuten auf dem Tisch stehen soll.
Meine Freizeit sieht ganz anders aus: Ich gehe ins Theater, wasche meine Kleidung, besuche die Universität und ab und zu Kurse über Filme und Japanisch, koche, lerne Rumänisch, gehe aus, gehe ein, rede, schweige, putze, höre und schlafe ab und zu. ... Ich habe ein Treffen der Freiwilligen organisiert, die mit Straßenkindern arbeiten. Daraus ist eine Gruppe namens AVESC (Association of Volunteers Engaged with Street Children) entstanden, die sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Zusammenarbeit der Nicht-Regierungsorganisationen zu verbessern, untereinander Ideen und Arbeitsmethoden auszutauschen und kleinere Projekte zu organisieren.
Was für ein Land, wo Straßenkinder mehr verdienen als ihre Erzieher. Wo ganz Bukarest während der ersten Kältewelle frieren musste, weil viele die Rechnung vom vorigen Jahr noch nicht bezahlt hatten und die Verantwortlichen ein Exempel statuieren wollten und so einfach die Heizungen kalt ließen, bis sich sogar der Präsident einschaltete und die Ordnung wieder herstellte (dann war es allerdings längst wieder wärmer).
Wir bringen unseren Kindern bei, ihre Kleidung zu waschen, wenn sie verdreckt zu uns kommen. Die Kinder verstehen das nicht, warum auch, man kann doch bei vielen Organisationen Kleidung in Hülle und Fülle bekommen, die verschmutzten werden einfach weggeworfen".
(Diese Erfahrung hat mir bei meinem Besuch in Rumänien auch sehr die Fragwürdigkeit von Kleidersammlungen deutlich gemacht - noch dazu, wenn die Stücke unbrauchbar fleckig und zerrissen waren. Und wir halten uns oft auf solche Art von "Spenden" noch etwas zugute! Anm. v. Ingeborg).
Aber weiter mit Nils:
Es gibt hier sehr viele, sehr bemühte Menschen, die an einer Veränderung arbeiten, aber es tut sich nichts. In welche Richtung auch? Wäre ein gedeutschtes, ein amerikanisiertes Rumänien das Ziel aller Wünsche? So arbeitet jeder für sich ohne gemeinsames Ziel, wurschtelt sich so durch aus Mangel an, ja woran? Die wirklich Armen hier sind nicht diejenigen, die mit möglichst großen Verletzungen auf der Straße betteln, schon gar nicht die das Vaterunser betenden Straßenkinder in den U-bahnen, sondern die Alten in ihren ungeheizten Appartments - und die auf den Müllbergen, fern jeglicher Zivilisation und Betreuung.
Nach relativ zuverlässigen Quellen existieren in Rumänien ungefähr 9.000 Menschen, die mit AIDS infiziert sind. 8.000 davon sind Kinder, die meisten durch unreines Arztbesteck angesteckt.
Man lernt hier schönzuschreiben. Nicht im Sinne einer schönen Handschrift, sondern im Sinne, einen negativen Sachverhalt mit so vielen Worten zu umschreiben, dass er äußerst positiv klingt, wenn man sich nur auf das Lesen beschränkt. Ich habe mich bemüht, ehrlich, auch wenn es nicht so schön ist, zu berichten. Die Subjektivität meines Erlebens, die Einzigartigkeit meiner Erlebnisse wird trotzdem nicht zu umgehen sein. ...".
(Ich staune über diese vielen neuen Informationen. Wie wenig ich - und ich denke, die Mehrheit von uns - doch über das verhältnismäßig nahe Osteuropa wissen. Ingeborg)
Da kommt mir der Sprung in die USA gar nicht so weit vor - zu Georg Krause-Vilmar (Jahrgang 1980) im Brethren House in Washington, DC. Über die dreiwöchige 'orientation' von BVS (Brethren Volunteer Service), über seine Erfahrungen und Gedanken schreibt er:
"Die 'orientation' ist im Grunde nicht anderes als die BVS-Version meines EIRENE-Ausreisekurses bis auf einen wichtigen Unterschied: bei EIRENE weiß (bis auf einige Ausnahmen) jeder bereits, in welches Projekt er kommen wird, bei BVS stellt sich das innerhalb der ersten Woche heraus. In New Windsor, einem kleinen Ort in Maryland, trafen sich um die 20 Freiwillige; eine Japanerin, sechs Deutsche und der Rest US-Amerikaner. Auch die orientation hat viel Spaß gemacht, es wurden jedoch schnell einige (interkulturelle?) Unterschiede zum Ausreisekurs deutlich. Am auffallendsten für mich waren die Differenzen in der Motivation. Während die meisten EIRENE-Freiwilligen 'etwas Sinnvolles tun' oder 'Bedürftigen helfen' wollten, fühlte sich ein Großteil der BVSer 'von Jesus oder Gott zu BVS gerufen'. ... Von uns Freiwilligen vorbereitete 'devotions', meist Gebete und Lieder, gab es in der Regel zweimal am Tag. ... Es war auf jeden Fall interessant; auch wenn die starke Religiosität der Mitfreiwilligen für mich sehr ungewohnt war. Beispielsweise erzählte ich als 'devotion' Lessings Ringparabel, dessen Appell nach Toleranz gegenüber Judentum und Islam nicht allseitig Zustimmung fand. ...
Meine Entscheidung für ein Projekt fiel letztlich dann, als ich die Projektberichte über einen Posten in der Church of the Brethren Washington City Soup Kitchen las. Ich würde - nach 13 Jahren in der Schule - körperlich arbeiten, d.h. in erster Linie kochen, würde direkt armen Menschen helfen und hätte durch die kurzen Arbeitstage genug Zeit für andere Dinge. Das perfekte Projekt. ...
Zufällig hatten auch Hendrik, Stefan und drei weitere Freiwillige meiner orientation ihre Projekte in D.C., so dass wir als Gruppe in unser zukünftiges Zuhause einzogen. Mein erster Eindruck meiner neuen Heimat war nicht gerade begeisternd. Kaum angekommen, wurde uns die Hausordnung vorgelesen: Kein Alkohol, kein andersgeschlechtlicher Besuch über Nacht, generell kein Besuch, der länger bleibt als eine Woche usw., usf. ... Vor- und Nachteile hat das Zusammenleben mit zwei anderen Deutschen. Auf der einen Seite ist es oftmals hilfreich, sich mit jemandem zu unterhalten, dem gewisse amerikanische Eigenarten genauso unbekannt sind wie mir, auf der anderen Seite ist es für mein Englisch sicherlich nicht gerade optimal. Gerade da ich z.Zt. auch mit Hendrik arbeite, spreche ich doch noch sehr viel Deutsch.
Ich hatte in der Suppenküche erwartet, dass mir jeden Mittag das geballte Elend entgegenschlägt, dass meine Gäste mir auf Knien für das Essen, das ich ihnen koche, danken würden, und dass mir jemand beibringt, wie man kocht. Mit all diesen Gedanken lag ich falsch. ... Von Montag bis Freitag 12 Uhr bis 1:30 Uhr nehmen in meiner Suppenküche zwischen 50 und 100 Menschen umsonst eine warme Mahlzeit zu sich. Meine Gäste sind erstaunlicherweise extrem wählerisch, was das Essen angeht. Viele von ihnen bringen zwar regelmäßig ihre Dankbarkeit mir gegenüber zum Ausdruck; wenn ihnen etwas nicht schmeckt, lassen sie es mich jedoch relativ unverblümt wissen. Ich spreche jetzt nicht von verschimmeltem Brot oder verbrannter Suppe, ... nein, selbst bei Kleinigkeiten gibt es Kritik. Meine Gäste trinken ausschließlich Saft mit viel Zucker, haben niemals genug Dressing auf ihrem Salat und wehe, es ist nicht genug Fleisch in der Suppe. Es ist ihnen sehr wichtig, mit Respekt behandelt zu werden, und dazu gehört ein anständiges Essen.
Manche Gäste arbeiten und nutzen die Suppenküche lediglich als Kommunikationsort, wieder andere sind Vietnam-Veteranen und können nur schwerlich von ihrer Invalidenrente leben. Einer war früher Atomphysiker und ist geistig irgendwann zusammengebrochen, ein anderer war einmal Zahnarzt. Die meisten meiner Gäste sind schwarz und obdachlos, ansonsten haben sie die unterschiedlichsten Schicksale. ...
Um 8:30 Uhr beginnt für mich der Arbeitstag. Ich schließe die Küche auf, erhitze Wasser für die zwei Suppen, die wir kochen werden und überlege mir zusammen mit Hendrick, was wir sonst noch zubereiten wollen. ... Das meiste, was wir kochen, besteht aus Fertiggerichten, oftmals sind wir jedoch selbst kreativ. Da wir beide keine großartigen Köche sind, lassen wir uns gerne von den jeweils wechselnden Freiwilligengruppen helfen, die ungefähr dreimal pro Woche kommen. ... Um 11:30 Uhr öffnen wir die Tür für die Gäste, die dann die Möglichkeit haben, sich zu setzen und etwas auszuruhen. ... Um 12 Uhr fangen wir an zu servieren. ... Um 1:30 Uhr schließe ich die Tür, bitte die noch verbliebenen Gäste zu gehen und fange an sauberzumachen. ...
Eine der vielen guten Seiten meines Projektes ist, dass ich täglich um 14:30 Uhr fertig bin. So bleibt mir viel Zeit für andere Aktivitäten, in erster Linie natürlich der F u ß b a l l. ... Montags bis donnerstags von 15 Uhr bis 17 Uhr spiele ich nun im Park mit zwischen 8 und 12 jungen Männern aus El Salvador und Mexico. Die meisten von ihnen arbeiten in Restaurants, so dass sie dann gerade Mittag haben. ...
In D.C. ist alles entweder teuer oder umsonst. Aufgrund meines doch eher bescheidenen Einkommens halte ich mich verständlicherweise eher an Dinge, die nichts kosten. Das fängt bei der öffentlichen Bibliothek an. Nicht nur die Mitgliedschaft und das Ausleihen von Büchern sind umsonst, sondern auch der Zugang zum Internet. ... Inmitten von D.C. gibt es eine Reihe von teilweise weltberühmten Museen, deren Besuch den Besucher nichts kostet. ...
Ein kultureller Unterschied, der mich manchmal denken lässt, ich wäre wieder 15, ist die Altersgrenze 21. Nicht nur, dass man zum Alkoholkaufen dieses Alter haben muss, darüber käme ich ja hinweg; nein, in die meisten Clubs und Bars kommt man unter 21 erst gar nicht rein. Da die Barkeeper für Verstöße gegen dieses Gesetz ins Gefängnis (!!!) kommen, wird dies auch sehr ernst genommen. Sogar Leute, die aussehen wie 35 werden grundsätzlich nach ihrem Ausweis gefragt. ...
Der Unterschied zwischen schwarz und weiß spielt immer noch eine hervorragende Rolle in den USA. Wenn ich in der Suppenküche 60 Gäste habe, sind davon geschätzt 55 schwarz und 5 weiß. ... Einmal kam ein Gast, den ich vorher noch nie gesehen hatte, mit Krücken in die Suppenküche. Selbst mit diesen hatte er große Probleme zu laufen oder nur zu stehen. Da die Gäste für das Essen in aller Regel anstehen müssen, bot ich ihm an, sein Essen für ihn zu holen. Als ich ihm dann das Tablett brachte, sagte er ohne aufzublicken, 'Thank you, man', was vor allen Dingen unter Schwarzen, aber generell unter Gleichgestellten eine gebräuchliche Phrase ist. Dann sah er jedoch auf, erkannte meine Hautfarbe und korrigierte sich 'Oh, I'm sorry. Thank you, Sir!'. Das Schlimme war, dass es ihm wirklich leid tat, und ich hätte nichts mehr gewünscht, als dass er es bei dem 'man' gelassen hätte. ..."
Ja, Georg, das spricht Bände! (Ingeborg)
Alle EIRENE-Freiwilligen in den USA, von denen jetzt Berichte vorliegen, haben unmittelbar mit Menschen zu tun, die arg vom Leben gebeutelt wurden. Hauke Steg (Jahrgang 1979) ist im Catholic Worker House (CWH) in San Antonio, Texas. Er stellt einige Überlegungen und Erlebnisse dar, die noch vor seinem Arbeitsantritt beim CWH liegen:
"Also ... alles begann damit, dass ich mich in der 12.Klasse des Gymnasiums entscheiden musste, ob ich zur Bundeswehr gehen oder Zivildienst leisten will. Ich wusste schon lange, dass ich aus Gewissensgründen und moralischen Gründen den Dienst mit der Waffe nicht antreten würde und verweigerte. Durch einen Bekannten ... erfuhr ich zum ersten Mal über die Möglichkeit eines alternativen Dienstes. Nachdem ich mich über verschiedene Organisationen informiert hatte, die diese Möglichkeit anbieten, entschied ich mich für EIRENE (griechisch: = Frieden). Das Infoseminar ... bekräftigte mich in meinem Vorhaben, einen 'Anderen Dienst im Ausland' zu leisten, der nach $ 14b des Zivildienstgesetzes zwei Monate länger dauern muss als ein normaler Zivildienst. Außerdem darf ich nur ein monatliches Taschengeld erhalten und bin während meiner Dienstzeit nicht rentenversichert, was eigentlich keinen Sinn macht, weil der Staat an meinem Dienst 12.000 DM jährlich einspart. ...
Der von EIRENE vorgesehene "Aufbau des Unterstützerkreises war die erste große Erfahrung für mich, und es fiel mir alles andere als leicht, da 350 DM mal 17 (Monate) eine ganze Menge Heu ist, und ich Freunde, Verwandte, Bekannte und sogar Unbekannte nach einer regelmäßigen Geldspende fragen musste. Denn Vater Staat will ja nicht einen Pfennig dazu bezahlen. Irgendwann hatte ich dann aber trotz einiger Schwierigkeiten noch vor dem Ausreisekurs alles zusammen. ...
In Washington D.C. angekommen, mussten wir uns erst einmal der Einwanderungsbehörde stellen. Nach langen Diskussionen und Erklärungen erhielten wir wenigstens ein Jahr Aufenthaltsgenehmigung und waren froh, überhaupt einreisen zu dürfen. Später erfuhr ich dann, dass BVS das restliche halbe Jahr problemlos für uns beantragen kann, so dass ich meinen Dienst nicht wegen Sturheit der amerikanischen Behörde abbrechen muss."
Zur 'orientation' schreibt Hauke noch:
"Wir lebten für 4 Tage und 3 Nächte in einem Obdachlosenheim in Baltimore und wurden einen Tag irgendwo in der Gemeinde in Kleingruppen ausgesetzt, um für ein paar Stunden umsonst unsere Arbeitskraft anzubieten. Dabei ist es gar nicht so leicht, jemanden zu finden, für den man etwas tun darf, denn die Menschen sind voller Misstrauen."
Auch Hauke bekam sein Wunschprojekt, das Catholic Worker House in San Antonio. Die Catholic Worker Bewegung wurde in den 30ern von der amerikanischen Journalistin Dorothy Day gegründet und hat sich rasch ausgebreitet. Hauke schreibt:
"Das San Antonio CWH das 1985 gegründet wurde, ist zur Zeit eines von über 80 dieser Art in den USA. ... Unser CWH befindet sich in der East Side von San Antonio, zu Fuß nur etwa 10 Minuten von der Innenstadt entfernt. Da die Eastside der ärmste Teil der Stadt ist, herrscht hier logischerweise auch die höchste Kriminalität. Und da kommt es schon mal vor, dass man nachts vorm Einschlafen ein paar Schüsse in der direkten Nachbarschaft hört. ... Das gesamte Haus wird von Freiwilligen wie mir geführt, und dabei ist jeder jedem gleichgestellt. Natürlich haben wir auch eine Koordinatorin, bei der wir uns jede Woche treffen, um über unser Befinden zu reden und Angelegenheiten des Hauses zu besprechen. ...
Die Dienste, die das CWH für die Obdachlosen anbietet, lassen sich in zwei Hauptgebiete einteilen: Wir bieten vorübergehend Unterkunft für bis zu 4 Familien, die im oberen Stockwerk des Hauses leben können, und wir bieten dreimal die Woche unsere Suppenküche für die Öffentlichkeit an. ... Unser Hauptziel ist, dass die Obdachlosen so schnell wie möglich einen Job finden, falls sie noch keinen haben, damit sie Geld sparen und sich im Idealfall nach einiger Zeit eine Wohnung leisten können. Unsere Unterstützung besteht darin, dass sie umsonst bei uns wohnen und essen können und sich Hygieneartikel und Kleider von unseren Spenden nehmen können. Allerdings können wir ihnen keine professionelle Beratung anbieten, da wir alle nur Freiwillige sind. ...
Im Schnitt wohnen sie bei uns zwischen zwei und drei Monaten. ... Für jemanden wie mich, der immer zu Hause gewohnt hat und praktisch keine Verantwortung zu tragen hatte, war die Vielseitigkeit der Arbeit und die Tatsache, dass jeder Freiwillige alles macht, eine recht große Umstellung. ... Wenn man wie wir zusammen arbeitet, zusammen lebt, die Freizeit zusammen verbringt und alle Entscheidungen auf der Basis eines Konsens trifft, ist die Kommunikation untereinander das wichtigste überhaupt. Durch das Gemeinschaftsleben und speziell in Konfliktsituationen, die unweigerlich auftreten, habe ich schon viel über mich selber gelernt. ..."
Ines Wagner (Jahrgang 1980) ist auch in Texas. Sie war im Shalom House, Foundation for the Homeless, in Austin. Dort können obdachlose Familien mit Kindern in Kirchen wohnen. Ich zitiere Ines:
"Die Kirchen sind jeweils nur für eine Woche für die Familien geöffnet, so dass die Familien jeden Sonntag in eine andere Kirche umziehen müssen. Das Programm ist sehr hart, gerade weil man immer wieder umziehen muss, sobald man sich an einen Ort gewöhnt hat, und auch, weil man tagsüber nicht in der Kirche bleiben darf.
Das Shalom House, wo Ines arbeitete, "ist ein Haus für vier obdachlose Familien mit Kleinkindern und Babies. Jede Familie hat einen eigenen Raum, diese sind allerdings sehr klein, und es ist schwierig, mit 3 oder 4 Personen in einem Raum von ca.15 qm zu leben und dort noch alles, was man besitzt, mit unterzubringen. ... Es gelten sehr strenge Regeln, so dass es sich für die Familien nie anfühlt, als wären sie in ihrem eigenen Haus."
(Ich finde es hochinteressant, wieviele verschiedene Modelle der Obdachlosen-Unterstützung unsere Freiwilligen kennenlernen! Anm. v. Ingeborg).
Die Situation der Gäste war sehr unbefriedigend für Ines. Hinzu kam, dass sie "erwartet hatte, viel mehr mit Menschen zu arbeiten und nicht den größten Teil meiner Arbeit im Büro zu verbringen, denn das war es doch eigentlich, warum ich mich zu diesem Jahr entschieden hatte."
Deshalb beschloss Ines, das Projekt zu wechseln und nahm Verbindung auf zu einem "Sterbehospiz für Menschen, die an AIDS erkrankt sind und nur noch bis zu sechs Monaten Lebenserwartung haben. ...
So werde ich also am 23.November im 'Doug's House' als 'Caregiver' anfangen, was eigentlich alle Arbeit beinhaltet, die in einem kleinen Hospiz mit fünf Bewohnern anfällt. Von Wäsche waschen und Medikamente ausgeben über kochen bis hin zu körperlicher, emotionaler und spiritueller Hilfe. Es klingt sehr interessant, und ich hoffe, dass es endlich eine größere Herausforderung wird als die Arbeit bei FFH.
Auch wenn ich das Shalom House und die Menschen dort vermissen werde, bin ich mir doch sicher, dass es richtig ist, dort aufzuhören und etwas Neues zu beginnen. Ich freue mich darauf, und gleichzeitig habe ich Angst, weiß nicht, wie ich mit den Menschen dort richtig umgehen soll, die kurz vor dem Tod stehen. Wie soll ich ihnen helfen, wo ich doch ihre Situation, ihre Gedanken und Gefühle nicht wirklich verstehen kann, solange ich nicht in ihrer Situation bin. Aber ich werde es versuchen und das geben, was mir möglich ist."
(Es tut mir leid, dass ich Deine Erfahrungen hier nicht mehr einbringen kann, Ines, weil ich keinen weiteren Rundbrief von Dir habe. Anm. v. Ingeborg)
Es gibt noch eine EIRENE-Freiwillige in Texas. Silvia Muheim (Jahrgang 1976) ist Schweizerin. Sie hat ihre Arbeitsstelle in Chur aufgegeben und ist zuerst ins Trinity Presbyterian Child Development Center (CDC) in Austin gegangen. Sie schreibt:
"Die erste Zeit in Texas war wirklich geprägt von der extremen Hitze. Zwei Monate kontinuierliche Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad rufen sogar beim sonnenhungrigsten Menschen das akute Bedürfnis nach Klimaanlage und Ventilator hervor. ...
Das CDC befindet sich im Norden von Austin. Es ist eine Krippe speziell für Kinder von Eltern mit einem eher niedrigen Einkommen. ... Ich war Teacher von 4-6 zwei bis dreijährigen Kids. Obwohl ich die Kinder gern hatte, spürte ich immer deutlicher, dass ich nach über sieben Jahren Arbeit mit Kindern unbedingt eine Pause brauche. Ein Hauptgrund, dass ich mich für dieses Sozialjahr entschlossen habe, war, weil ich einen 'Break' wollte; einmal etwas anderes machen und neue Erfahrungen in einem anderen Land sammeln. Ich dachte, dass ich einfach eine Pause von kranken Kindern brauche, um wieder Kraft für meine Arbeit als Krankenschwester zu tanken. Doch ich habe hier erfahren, dass ich eine Pause von Kindern überhaupt brauche und eine Zeit lang mit Erwachsenen arbeiten muss, wenn ich anschließend wieder als Kinderkrankenschwester arbeiten will. ...".
Auch Silvia fand Verständnis für ihren Wunsch nach einem Projektwechsel und der MVS (Mennonite Volunteer Service) hat das in die Hand genommen. Bald war ein neues Projekt für Silvia gefunden. Sie schreibt: "So werde ich ab 1.November bei der Caritas Austin arbeiten. Das ist eine Non-Profit-Organisation, die sich auf drei Gebieten spezialisiert hat. Einerseits bieten sie 'Social Services' an. Sozialarbeiter kümmern sich um Probleme mit Mietbezahlung und Stromrechnungen oder auch um Grundbedürfnisse wie Essen und Kleidung von Minderbemittelten (z.B. Obdachlose, Arbeitslose, etc.).
Sie unterhalten auch einen 'Refugee Service', der Flüchtlingen hilft, die in die USA kommen. Außerdem führen Volontäre von Caritas eine Suppenküche, wo jedermann täglich gratis eine warme Mahlzeit einnehmen kann. Meine Aufgabe bei Caritas wird es sein, den Klienten einerseits via Telefon Informationen zu geben und abzuklären, ob und welchen Service wir ihnen anbieten können. Andererseits werde ich die Kunden an der Reception beraten und zu den zuständigen Personen verweisen. ... Da ich gerne noch etwas näher mit den Klienten zusammenarbeiten möchte, habe ich die Möglichkeit, bei spezifischen 'Fällen' mitzuhelfen, sobald ich an der Reception eingearbeitet bin. Ich freue mich sehr auf diese neue Arbeit, da es sicher mal etwas ganz anderes ist als das, was ich bis jetzt gemacht habe. ...
Die 2 Monate in der Krippe waren in Nachhinein auch eine gute Erfahrung, und es hat sich gelohnt, sie im CDC verbracht zu haben. Ich habe dort sehr nette Menschen kennengelernt, mit denen ich den Kontakt sicher aufrechterhalten werde. ..."
Ende Januar diesen Jahres kommt der 2. Brief von Silvia, aus ihrem neuen Projekt Caritas Austin:
"Ich habe mich gut eingelebt und mich auch schon mehr an die amerikanische Lebensweise gewöhnt. Nur das kalte Wetter bereitet mir ab und zu noch etwas Mühe; unglücklicherweise sind wir seit Mitte November von der Umwelt abgeschnitten, und die Schneepflüge arbeiten fast kontinuierlich auf Hochtouren, um die Straßen einigermaßen schneefrei zu halten. ...
Ich danke Euch von ganzem Herzen für die vielen Rückmeldungen zu meinem ersten Rundbrief. Sie haben mich alle sehr gefreut, und es macht auch richtig Spaß zum Schreiben, wenn man weiß, dass Interesse da ist!
Letztlich haben wir uns über die Unterschiede zwischen Herrn/Frau Amerika und Herrn/Frau Schweizer unterhalten. Was mir am meisten aufgefallen ist, ist das extreme Hygienebewusstsein der Amerikaner. Alles wird mit Bleiche gereinigt, die Handseifen sind mit Bestimmtheit ultra-antibakteriell, und die Hände werden sowieso hundertmal am Tag desinfiziert, damit man ja keine Grippeinfektion kriegt.... Auch wird für jeden Hautbezirk irgendeine spezielle Seife oder Lotion benutzt, damit man ja lange jung und erhalten aussieht. Die Rasierklingen arbeiten auf Hochtouren; schließlich soll auch kein unnötiges Haar für Fremde sichtbar bleiben. Mode hat vor allem ab dem Teenagealter eine große Bedeutung. ...
Das wichtigste Transportmittel in den USA überhaupt ist das Auto. ... Ich muß aber auch ganz ehrlich zugeben, dass ich mich in diesem Punkt schon am ehesten amerikanisiert habe. Es ist natürlich unumgänglich, das Auto für's Einkaufen zu benutzen, und es kam mir letztlich sogar komisch vor, mit dem Fahrrad in die naheliegende Bibliothek zu fahren. ...
Ich habe in alltäglichen Situationen und Gesprächen schon viel gelernt und habe sicher auch ein offeneres Verständnis erlangt für das Andersdenken von Menschen. ...
Eine meiner Lieblingsplätze ist der Mount Bonell, wo man bei Sonnenuntergang einen herrlichen Blick auf Downtown Austin und den Colorado-River hat. Beim stolzen Ausdruck 'Mount' musste ich mich zwar köstlich amüsieren, da es sich dabei eher um einen Mikrohügel als um einen Berg handelt. Die 'Countryside' außerhalb von Austin ist zum Teil flach, teilweise recht hügelig. Wenn man Glück hat, trifft man sogar auf ein 'Longhorn', die traditionelle Kuh von Texas, was in mir immer richtige Heimatgefühle hervorruft. ...
Als ich mich für dieses Programm entschloss, wusste ich, dass ich während einem Jahr für Kost/Logis und ein Taschengeld arbeiten werde. Ich konnte mir jedoch nicht recht vorstellen, wie man mit $ 40 Taschengeld über die Runden kommen soll und ließ mich einfach überraschen. Inzwischen habe ich mich eigentlich gut an meine Volontärsituation gewöhnt. ... Der Vorteil ist, dass man sich über einen kleinen Luxus schon richtig freut. ... Ich glaube auch, dass ich nun meine Kunden besser verstehen kann, die alle sehr genau berechnen müssen, wie sie das Geld ausgeben. Der einzige Unterschied besteht darin, das bei mir der Zustand absehbar ist. ...".
Über ihre Aufgaben bei Caritas hatte Silvia ja schon in ihrem ersten Rundbrief aufgeklärt. Sie fügt hinzu:
"Vor allem die persönlichen Interviews mit den Klienten finde ich total interessant und spannend. Es kann natürlich traurig sein, wenn man die Schicksale dieser Menschen hört, oder wenn man ihnen nicht helfen kann. ... Die Freude und Dankbarkeit der Leute über einen Kleidergutschein von einem 'Second-Hand-Laden' oder einen Buspass ist aber immer sehr beeindruckend und beglückend. Sehr häufig verlassen die Klienten unser Gebäude lächelnd und vielleicht ein bisschen optimistischer. ...
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass es am Anfang ein bisschen ein mulmiges Gefühl war, sich zu all den Leuten von der Straße zu setzen und mit ihnen zusammen in der Suppenküche zu essen. Ich weiß, dass das nicht gerechtfertigt ist, doch war es zu Beginn einfach eine neue und unbekannte Erfahrung. In der Zwischenzeit habe ich schon des öfteren mein Mittagessen in unserer Suppenküche eingenommen, und ich lasse die Stimmung dort immer gerne auf mich wirken. ..."
Zum Schluss schickt uns Silvia noch Wünsche von Halldor Laxness:
Ich wünsche dir,
dass du mit dir und anderen
im Einklang lebst;
dass du auch im Fremdartigen
das Gemeinsame erkennst,
das alle Menschen miteinander verbindet.
Was die Menschen trennt,
ist gering, gemessen an dem,
was sie einen könnte.
Soweit die Nachrichten - und guten Wünsche - aus den USA.
In Nicaragua macht Silvia Hermann (Jahrgang 1979) einen Solidarischen Lerndienst. Vorher hatte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im EIRENE-Büro in Neuwied absolviert. Grüß Dich, Silvia! Silvia ist in San Rafael bei CIVITE (Centro Integral de Vida y Tecnologia) eingesetzt, einer Organisation, die verschiedenste Aktivitäten im ökologischen Landbau umzusetzen versucht. In ihrem ersten Rundbrief steht:
"Seit Januar stand fest, dass ich nach Nicaragua gehen würde. Konkret bedeutete das: Im April eine Woche Landeskunde, d.h. Klima, Landschaftsbild, wirtschaftliche Lage und Geschichte Nicaraguas. War sehr spannend und informativ - unerlässlich, um die momentane politische Situation etwas zu verstehen und vor allem auch, um eine Ahnung von dem Trauma, der Resignation in der Bevölkerung zu bekommen, die Bürgerkrieg, Not durch das wirtschaftliche Embargo der USA und zuletzt die Verwüstungen des Hurrican hinterlassen haben. ...
Ein eher unangenehmer und für meine Familie und mich besonders anstrengender Teil war das 'fundraising'. ... Mir schwirrten Zweifel durch den Kopf, ob es überhaupt zu schaffen wäre, soviel Geld aufzutreiben. Ehrlich gesagt, stand ich manches Mal kurz davor, schon im Vorfeld aufzugeben. Also, noch einmal DANKESCHÖN, dass ich mich durch sie nicht geschlagen geben musste. ...
Im Rückblick auf den Aufbau des Unterstützerkreises muss ich jedoch auch feststellen, wie traurig es mich stimmt, dass solchen Diensten häufig mit Unverständnis begegnet wird: 'Arbeiten, und dafür auch noch bezahlen?!' Dabei ist es doch viel mehr, viel wichtiger als das. Ich wage zu behaupten, dass die Erfahrungen meines Freiwilligendienstes sehr prägend, u n b e z a h l b a r sind. "
Dem kann ich (Ingeborg) auch fast 20 Jahre nach meinem Einsatz noch voll zustimmen. Silvia fährt fort:
"Die letzten Wochen zu Hause - eine sehr eigenartige Zeit - und wunderschön! Fast als schwebte ich zwischen zwei Welten. ... So erfuhr ich das erste Mal, was wirklich damit gemeint ist, im 'jetzt' zu leben. ... ". In Nicaragua angekommen, war Silvia erst einmal "ziemlich verwirrt, Nicaragua ist - eben so ganz anders. Riecht anders, intensiver, die Luft fühlt sich anders an, alles sieht so anders aus (allein schon die Bauweise der Häuser: fast alle ebenerdig, und die Wände reichen nicht bis unter die Decke, damit die Luft besser zirkuliert, und dann die vielen ungewohnten Geräusche.
Das war anfangs das Auffälligste für mich - wie laut Nicaragua ist! Immer und überall laufen Radio und Fernsehen - auf voller Lautstärke und zu jeder Tages- und Nachtzeit, Händler, die mehr gröhlend als anpreisend durch die Straßen ziehen, und Lautsprecherwagen, die für irgend etwas werben, scheinen in Wahrheit die Aufgabe zu haben, das Gehör der Passanten nachhaltig zu schädigen, und hinzu kommen vorzugsweise spät nachts krähende Hähne, bellende Hunde, knatternde Motoren."
Erst später wird Silvia klar, "dass ein Gutteil der verhassten Lautsprecherwagen schlicht dazu dient, Todesfälle bekanntzugeben - logisch eigentlich, bei fehlenden Tageszeitungen."
Über CIVITE und ihre Erfahrungen dort sagt Silvia:
"CIVITE ist ein Zentrum mit 'ganzheitlichem' Ansatz, was sich schon in seinen drei Grundsätzen zeigt: - Ökologie: im bibl. Sinne von Bewahren der Schöpfung; - Gleichberechtigung: bzw. Emanzipation beider Geschlechter, um den Frauen gleiche Chancen in Bildung, Arbeitsmarkt und der Beteiligung am öffentlichen Leben zu eröffnen, - Ökumene: Dialog zwischen den verschiedenen christlichen Richtungen und Rückbesinnung auf das Wesentliche unserer Religion. ...
Offiziell werden in Nicaragua 70% Arbeitslosigkeit bestätigt. Daran wird klar, wie essentiell gerade die Schaffung von Arbeitsplätzen ist. Die Menschen, die hier arbeiten, sind nicht 'nur Angestellte', sondern stellen mittlerweile selbst ein. Darüber hinaus erhalten sich jetzt nach sechs Jahren Arbeit mit diesem System alle Gruppen selbst und sind selbstverantwortlich. ... Die Mitglieder jeder Gruppe erhalten außer ihrem Einkommen noch eine Gewinnbeteiligung. ... Derzeit arbeiten ca.40 Personen hier im Zentrum. Außerdem gibt es verschiedene Kooperationen mit ähnlichen Organisationen auf regionaler, nationaler und inter-zentralamerikanischer Ebene. ...
Ich selbst arbeite in der Produktion der Medicina Natural. Hier werden aus ca.70 verschiedenen Heilpflanzen Tinkturen, Kapseln, Sirups, Cremes und mehr hergestellt. Mit mir sind sechs Frauen beschäftigt. ... Ich bin momentan ziemlich beschäftigt, über die Pflanzen zu lernen. Wenigstens ein paar sind auch bei uns gebräuchlich. Im neuen Jahr werde ich dann auch die Besuche in die Dörfer begleiten und bei den Fortbildungen mithelfen. Und sobald ich fit genug bin, auch in unserer Praxis bei den Behandlungen teilnehmen. ...
Der Kulturschock, der mich kalt erwischte, legt sich. ... Was mir allerdings aufstößt, sind die tief verwurzelten Vorstellungen über die Rollenverteilung, die ich für 'längst aus der Welt geschafft' hielt. Eine Frau hat eigentlich nur drei Aufgaben zu erfüllen: gut auszusehen, tanzen zu können und ein Kind nach dem anderen zu gebären. ... Aber Grundsatzdiskussionen haben hier nicht den leisesten Anhauch von Verbissenheit, mit der bei uns solche Dinge gerne behandelt werden. ... Und da gibt es die vielen Fiestas, obwohl eigentlich gar nichts da ist, wo, geschweige denn, womit man feiern könnte. Aber das stört nicht. Das Wenige, was man hat, wird zusammengelegt - und schließlich ist's ja schon genug, dass man gemeinsam da ist."
Silvia hat neben der Arbeit im Projekt natürlich auch ein Privatleben:
"Mitte Februar sind wir endlich in unser neues Häuschen umgezogen, das für die Freiwilligen gebaut wurde. Es ist schon richtig gemütlich. ... Im März beginnt ein Salsa- und Merengue-Tanzkurs. ... Und ich werde in meiner karg bemessenen Freizeit anfangen, Gitarre spielen zu lernen. ... Ich bin schon ein klein bisschen dabei, Pläne zu schmieden, wann und wie ich hierher in Zukunft zurückkommen könnte ... - auf alle Fälle wird mich Lateinamerika so schnell nicht mehr loslassen. ...
Trotz zeitweiligen Arbeitsfrusts, und obwohl mir Freunde und Familie manchmal fehlen - für nichts auf der Welt möchte ich auch nur eine Sekunde meiner Zeit hier missen. ..."
So, und jetzt fahr'n wir übers Meer, übers Meer nach Afrika. Genauer: nach Südafrika. In Kapstadt leistet Daniel Bendix (Jahrgang 1980) seinen Solidarischen Lerndienst, bei STREETS Community Development.
Nach dem Ausreisekurs bei EIRENE verbrachte Daniel "eine Woche bei der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung in Bad Honnef. ... Hier stand Landeskunde Südafrika im Mittelpunkt. ... Wir wurden von einem sehr kompetenten Referenten über Geschichte, Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Religion des Landes informiert. ... Anschließend habe ich bei der Kontakt- und Beratungsstelle für Straßenjugendliche in Berlin hospitieren können. ... Als letzte Einrichtung werde ich noch das sog. 'sleep-in' in der Nähe des Bahnhof Zoo besuchen, das kurzfristige Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt.
Es war die Begegnung mit einer Welt, die mir bisher verschlossen war. ..."
Dann kommt der Bericht aus Kapstadt: "Nach fast zwei Wochen bei einer mir bekannten Familie bin ich in ein Einzimmerapartement mit kleiner Küche und einem schönen Bad im dritten Stock eines großen Wohnkomplexes gezogen. Die Wohnung liegt in einem Vorort von Kapstadt, Rondebosch. Da Kapstadts größte Uni in Rondebosch ist, leben viele Studenten in meiner Nachbarschaft. ...
Das Alleineleben macht mir doch zu schaffen, und ich vermisse das Zusammenleben mit meinem Bruder und meinen Eltern. ...So lerne ich mich hier selbst besser kennen. Vorher hätte ich wetten können, dass ich ohne Probleme alleine leben könnte. ...
Die Widersinnigkeit von Südafrika wurde mir schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt vorgestellt. Auf beiden Seiten der Autobahn erstrecken sich die Townships. .. Wie durch einen Korridor wurde ich von der Ersten Welt Deutschlands in die Erste Welt der Kapstädter Innenstadt gebracht. Der Anblick der Townships wurde mir durch einen Betonzaun erspart. Südafrikas große Herausforderung, nachdem die institutionelle Apartheid abgeschafft wurde, besteht jetzt darin, die Apartheid aufgrund der ungleichen Einkommen von Schwarzen und Weißen auszugleichen. Ein Südafrika, das versucht, dieses Problem zu lösen, könnte dann als Beispiel für den Ausgleich des globalen Nord-Süd-Gegensatzes dienen. ...
STREETS Community Development hat ein Gebäude, welches in einer der Industriegegenden etwas abseits der Innenstadt gelegen ist. In diesem Zentrum arbeiten zur Zeit 18 bezahlte Mitarbeiter/innen und 14 Freiwillige. Außer mir sind dort noch mehrere Studenten aus Holland, Deutschland und Schweden, die ihr Praktikum bei STREETS absolvieren. Wie fast alle Nichtregierungsorganisationen hat STREETS große Finanzierungsprobleme. ... Sechs Leute sind als Ausbilder in den Werkstätten angestellt. ... Es gibt eine Lackiererei und Karosseriewerkstatt, eine für Lederarbeiten, eine Töpferei, Näherei und T-Shirt-Druckerei. Die Ausbildungskurse dauern jeweils ein Jahr und sollen auf einen richtigen Arbeitsplatz vorbereiten. Zur Zeit ist nur ein Junge dabei, der auf der Straße lebt. Die anderen leben in Heimen oder sind wieder zu Hause. ...
Ins Drop-In Zentrum von STREETS kommen Kinder unter 16 und die älteren, die nicht an den Kursen teilnehmen. Alle werden am Eingangstor nach Drogen und Waffen durchsucht und können/müssen dann duschen. Um 10 Uhr gibt es Frühstück mit Brot oder Porridge und Tee. Danach ist Schule, die von einer Mitarbeiterin organisiert wird. Die Kinder haben seit Jahren keine offizielle Schule mehr besucht und große Probleme, sich zu konzentrieren und ausdauernd eine Fragestellung zu bearbeiten. ... Ein sehr großes Hindernis ist das Inhalieren von Klebstoff und Lösungsmitteln. In schweren Fällen schnüffeln die Kinder und Jugendlichen praktisch den ganzen Tag und sind im Rausch oft unberechenbar und schwer zu motivieren, an Aktivitäten teilzunehmen.
Wir Freiwilligen organisieren die Aktivitäten nach der Schule, nach dem Mittagessen und wann auch immer Zeit dafür ist. ... Es gibt Sportaktivitäten, Musik, Theater oder Tanz, es wird gebastelt, und Freitag wird das gesamte Gebäude saubergemacht. ... Manchmal wird ein Video geguckt, einmal waren wir am Strand, und manchmal halten Experten Vorträge über Themen wie Tuberkulose, AIDS, Drogen u.ä. ....
Sechs Reintegrationsarbeiter bauen Kontakt zu den Kindern in der Stadt auf und laden sie ins Zentrum von STREETS ein. Sie versuchen herauszufinden, warum die Kinder auf der Straße sind, ob es irgendwelche Probleme z.B. mit der Polizei, gibt und ob die Kinder Interesse haben, wieder nach Hause zu gehen. Sie treffen sich mit den Familien und versuchen letztendlich, die Kinder wieder in ihre ursprünglichen Gemeinschaften zu integrieren. Außerdem helfen sie beim Beschaffen von Ausweisen und begleiten Kinder zu Gerichtsverhandlungen. Die Arbeit wird immer schwieriger, weil täglich mehr Kinder auf die Straße kommen und die Gruppen zu groß werden, um mit Einzelnen hilfreiche Gespräche führen zu können. Selbst in der kurzen Zeit, die ich jetzt hier war, konnte ich schon einen Anstieg in der Zahl der Straßenkinder bemerken. ...
Das Schwierige an der Arbeit ist, dass man den Kindern und Jugendlichen so gut wie nie vollends trauen kann, weil das Leben auf der Straße einfach andere Prioritäten setzt. Es geht oft ums nackte Überleben und nicht um das Vertrauen eines Sozialarbeiters. Ich habe das selbst bitter erfahren müssen, als ich einen älteren Jugendlichen mit meinem Fahrrad fahren ließ. Er ist einfach um die nächste Ecke gebogen, und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen. Danach fühlte ich mich ernsthaft betrogen. Bis zu einem gewissen Grad muss man den Kindern aber einfach trauen, sonst ist vernünftige Arbeit überhaupt nicht möglich.
Ich helfe jetzt größtenteils im Drop-In Zentrum; da kann man sich gut unterhalten und Kontakte aufbauen. Viel Zeit verbringe ich auch einfach damit, Kinder zum Duschen zu überreden, sie dazu zu bringen, nicht bei STREETS zu schnüffeln, nicht zu schlafen und lieber etwas Aktives zu tun. Oft helfe ich in der Schule mit, was ziemlich kraftraubend ist. ... Da ist dann toll mitzuerleben, wie jemand mit 22 unbedingt Schreiben lernen will. ...
Einige Male habe ich Kinder zu Gerichtsverhandlungen begleitet. Mein endgültiges Ziel ist es nämlich, im Bereich Straßenkinder und Jugendliche im Konflikt mit dem Gesetz zu arbeiten. Meinem Zukunftsplan, Jura zu studieren, würde das auch sehr entgegenkommen. ... Die Arbeit macht mir trotz vieler schockierender Erlebnisse und mancher Schwierigkeiten rundherum Spaß. Zusammengefasst: Den Entschluss, nach Südafrika zu gehen, habe ich bis jetzt zu keinem Zeitpunkt bereut. ..."
Und nun noch in den Niger, zu Ulrike Stübner (Jahrgang 1951), die im Projekt Schule Indoudou arbeitet.
Ulrike hatte "erste Startschwierigkeiten in Niamey, der Hauptstadt des Niger, verursacht durch die verspätete Ankunft meiner diversen Kisten mit Schulmaterialien und langwierige Zollformalitäten, die meine Weiterreise nach Indoudou verzögerten.
Ich nutzte die Zeit in Niamey, um dem Krankenhaus einen Besuch abzustatten. Erfreulich ist, dass die vor zwei Jahren gelieferten Terra-Tech-Geräte in den Krankenhäusern von Tahoua und Agadez gut genutzt werden und bestens funktionieren. Ansonsten ist die Lage sehr schwierig: die staatlichen Krankenhäuser arbeiten sehr unregelmäßig, da Ärzte und Pflegepersonal seit längerer Zeit keine Gehälter mehr bekommen. Dies ist gerade jetzt, nach der Regenzeit, besonders schlimm, da es sehr viele Malaria-Erkrankungen gibt, die nicht behandelt und auskuriert werden können.
Seit Anfang Oktober bin ich nun in Indoudou, einem kleinen Ort, 22 km nördlich von Agadez. Hier leben hauptsächlich Tuareg. Ernährungsgrundlage sind Produkte aus den umliegenden Gärten, wo Bohnen, Zwiebeln, Paprika, Gurken, Mais, Hirse und Weizen angebaut werden. Einige Familien haben Ziegen, die Milch, Käse und Fleisch liefern. Wasser holen Frauen und Mädchen aus Brunnen, Stromversorgung gibt es hier nicht. Französisch wird nur von wenigen Männern gesprochen, Frauen und Kinder sprechen Tamaschek, wenige Haussa. Meine Tamaschek-Kenntnisse machen kleine Fortschritte - zu einer Unterhaltung reicht es jedoch noch nicht.
Ich wohne in einem Haus am Rande des Dorfes, ca.200m von der Schule entfernt. Das Haus dient der Korbwaren-Kooperative von Indoudou als Lager. Neben einem Wohnraum mit einer gemauerten Sitzecke kann ich ein Schlafzimmer, Bad und Küche nutzen. Wasser erhalte ich aus einer Tonne auf dem Dach, die täglich nachgefüllt wird. ... Mein Tag beginnt morgens kurz nach 6 Uhr, wenn die Sonne aufgeht. Als erstes muss ich dann meine Solar-Leuchte installieren, um abends für ein paar Stunden Licht zu haben. Nach einem einfachen Frühstück, das meist aus Müsli oder Knäckebrot aus Deutschland besteht (Brot gibt es hier nicht), fängt meine Arbeit an:
Kinder kommen in kleinen Gruppen zu mir nach Hause, um zu rechnen, lesen, schreiben und spielen. Leider ist die Situation der Lehrer hier im Niger nicht anders als die der Ärzte. Auch hier stehen die Gehälter seit nun 11 Monaten aus, und man ist erst zur Wiederaufnahme der Arbeit bereit, wenn mindestens 2 Gehälter rückwirkend gezahlt werden. Im gesamten Niger liegt der staatliche Schulbetrieb darnieder.
So unerfreulich und deprimierend diese Situation auch ist - ich arbeite mit den Kindern und freue mich über ihren Eifer und ihre Motivation. Da in der Schule keinerlei Lehrmittel vorhanden sind, ist es leicht vorstellbar, wie die Schüler/innen Anregungen zur eigenen Herstellung begeistert umsetzen: so wurden aus Autositzauflagen aus Holzperlen Einmaleins-Ketten hergestellt. Ergänzt durch Kärtchen mit Multiplikationsaufgaben haben wir nun ein ideales Lernspiel, das mittlerweile täglich im Einsatz ist. ... Im Bereich Lesen habe ich Wort-Bild-Kasten in Französisch als auch in Tamaschek erstellt. Ein mit feinem Sand bedecktes Tablett dient zu Schreibübungen. Sollten nach Anschaffung von Möbeln und Materialien noch Spendengelder vorhanden sein, sollen diese zum Kauf einer 'Schul-Ziegenherde' verwendet werden. Dadurch hätte die Schule ein Kapital, die Kinder eine Versorgung mit Milch und Käse. Der gelegentliche Verkauf eines Tieres könnte zur Anschaffung weiterer Materialien (z.B. auch Bücher und Möbel) dienen.
Vielleicht finden sich auch deutsche Schulen/Vereine, die eine Patenschaft für eine Nomadenschule übernehmen möchten und durch den Kauf einer Ziegenherde sinnvolle Hilfe leisten würden. Die deutschen Kinder hätten sicherlich viel Spaß daran, einige Ziegen in der Wüste zu haben. ..." .
Soweit die interessanten Nachrichten aus dem Niger.
Ich danke Euch allen für den bunten Bilderbogen, den Ihr von unserer Welt in Nord und Süd gemalt habt. Ich freue mich über Echo und Kritik von Euch - und ich wünsche Euch weiterhin erkenntnisreiche, aufbauende und fröhliche Erfahrungen und Erlebnisse.
Schließen möchte ich mit einem Wunsch, der auch von Siliva Muheim gekommen ist:
Ich wünsche Dir einen Himmel voller Sterne;
Sterne, die Dir den Weg weisen,
wenn Du im Zweifel bist;
Sterne, die für Dich leuchten,
wenn Du Dich einsam fühlst.
Ich wünsche Dir einen Himmel,
der Dich beschützt.

