Internationaler Christlicher Friedensdienst

Freiwilligenberichte

Diese Zusammenstellung aus Berichten von Freiwilligen vom Mai wurde von Ingeborg Ott bereitgestellt. Ingeborg war 1981/82 selbst EIRENE-Freiwillige in Irland. Sie verbindet die Berichte zu einer "Brücke" zwischen den EIRENE-Freiwilligen zusammen (vielen Dank für diese umfangreiche, ehrenamtliche Arbeit!)

Christian Nöll arbeitet im Omega House und der Bering Dental Clinic in Houston/USA.

Über die Zeit vor seinem Flug und die Suche nach einem Unterstützungskreis schreibt Christian:

"Es war für mich nicht einfach, andere Menschen, auch Freunde, um Geld zu fragen und das Geld einfach so anzunehmen. ... Ich habe es von keinem erwartet, daß er/sie mich unterstützt, es sollte seine/ihre ganz persönliche und ganz ungezwungene Entscheidung sein. Es war auch nicht einfach für mich, mit meinem Anliegen so stark an die Öffentlichkeit zu treten, mich der Öffentlichkeit so auszuliefern. ... Ich bin in dieser Zeit gewachsen, erwachsener geworden. Es war die erste große Entscheidung, die ich für mein Leben getroffen hatte. ... Was hat es aber auch für einen Spaß gemacht zu sehen, was man mit seinem Anliegen alles ins Rollen bringen kann, wenn man sich richtig dahinter klemmt, wenn man dahinter steht. Was war ich doch aufgeregt vor meinem ersten Interview mit der Presse. ... Ich konnte mit den Artikeln im großen und ganzen zufrieden sein. Es war allerdings schon enttäuschend, daß sich keiner aufgrund der Artikel bei mir gemeldet hat.

Doch dann gab es auch die ganz andere Erfahrung. Ich war so glücklich, als mir mein erster Unterstützer einen Umschlag in die Hand gedrückt hat. Schließlich konnte ich die kompletten 350 Mark im Monat durch Unterstützer abdecken, damit hätte ich anfangs wirklich nicht gerechnet. Ich war überwältigt! Danke! Danke auch an alle, die mir bei der ganzen Aktion auf verschiedenste Weise geholfen haben!"

Dieser Ausschnitt mag auch für die anderen Freiwilligen gelten. Fast alle haben mehrfach ihren Dank an die Unterstützergruppe ausgedrückt.

Christian fährt fort:

"Und dann gab es noch die Menschen, die mich in dieser Zeit begleitet haben. Es war eine wunderbare und sehr emotionale Zeit. .. Es war auch teilweise eine Zeit, in der man sich erst richtig kennengelernt hat. Diese Zeit hat mir noch deutlicher gemacht, wie viel mir doch all diese Menschen bedeuten, und wie viel ich auch ihnen bedeute oder auch nicht bedeute. Auch die jetzige Distanz zu diesen Menschen läßt mich einiges erkennen. ... Diese Zeit war aber auch mit Tränen verbunden, doch es waren keine Tränen des Abschiedsschmerzes, sondern es waren Tränen der Freude, so getragen und angenommen zu sein, mit so viel guten Wünschen auf den Weg geschickt zu werden."

36,5 Stunden hat die Fahrt im Greyhound-Bus vom orientation- Ort Baltimore bis nach Texas gedauert. Über Texas und Houston kommen einige Informationen:

"Texas ist 691,021 qkm groß und ist somit der zweitgrößte Staat der USA (nur Alaska ist noch größer), sowohl bezüglich der geographischen Fläche als auch der Bevölkerung (19.128.261 Einwohner). Von Norden nach Süden sind es 1.280 km und von Osten nach Westen sind es 1.237 km. ... In Texas gilt die Central Standard Time, also mitteleuropäische Zeit minus sieben Stunden.

Houston liegt in Texas' südöstlicher Ecke, gute 40 Minuten entfernt von der Küste. Houston ist die viertgrößte Stadt in den USA mit einer Einwohnerzahl von mehr als vier Millionen im Großraum."

Und nun einige Informationen zum Projekt:

"Vor 150 Jahren wurde die "Bering Memorial United Methodist Church" gegründet. Sie organisierte Pflegeteams für die Opfer der Gelbfieberepidemie in Houston im Jahr 1859 und half auch denen, die an Polio in den 40ern und 50ern erkrankten. Die Bering Church hat sich konstant für die kritischen Bedürfnisse der Gesellschaft eingesetzt. Aus diesem Geist und dieser Tradition wurde 1987 die 'Bering Community Service Foundation' gegründet, die sich um die Bedürfnisse von Menschen kümmert, die mit HIV/AIDS leben.

Christian arbeitet in zwei von mehreren Programmen der 'Bering Foundation', in der

"'Bering Dental Clinic', einer Zahnklinik, die ausschließlich HIV+ behandelt. Zahnärztliche Behandlungen sind für HIV Erkrankte von großer Bedeutung, da durch das geschwächte Immunsystem der Speichel seine übliche Funktion der Bakterienbekämpfung im Mund nicht mehr erfüllen kann. Neben der üblichen zahnärztlichen Behandlung wie Füllungen und Zahnprothesen werden auch andere Krankheiten behandelt, die bei einer Nichtbehandlung zu schweren gesundheitlichen Problemen führen können" und dem

"'Omega Haus', einem Hospiz mit acht Betten, das Pflege für AIDS Erkrankte im Endstadium zur Verfügung stellt. ... Auch hier sind alle Dienste kostenfrei! ... Seit der Gründung im Jahr 1986 haben bis heute mehr als 460 Bewohner im 'Omega Haus' gelebt. ..

Es ist schade, hören zu müssen, daß sich Teile von Familien aufgrund der HIV-Infektion oder egal aus welchem Grund auch immer, schon lange vor dem Tod der AIDS-Kranken von ihnen verabschiedet haben. Doch es ist gut für mich zu wissen, daß Menschen im 'Omega Haus' nicht allein sterben, es ist immer jemand für sie da. ... Ich mag den Gedanken sehr, daß alle Menschen, mit denen ich einen Teil meines Lebens verbracht habe, auch nach deren Tod immer um mich sind, mich durch mein Leben begleiten, mir wunderbare Gedanken zukommen lassen. Jeder Mensch, den man getroffen hat, hinterläßt eine Erinnerung, die einen in seinem Ich prägt".

Zum Schluß noch ein aufbauender Satz aus Indien, mit dem Christian seinen Bericht schließt:

Das Lächeln, das Du aussendest, kehrt zu Dir zurück.


Susann Bernhold ist ebenfalls Freiwillige bei den Bering-Omega-Community-Services in Houston. In Houston Downtown wohnt sie mit Christian im selben Haus. Sie arbeitet in einem anderen Programm, im Day Care Center:

"Wir bieten jeden Tag verschiedene Werk- bzw. Bastelarbeiten an oder machen Ausflüge. ... Aber das Wichtigste an unserem Job ist wohl das Zuhören und einfach nur Da-sein. Viele der Klienten haben keine anderen sozialen Kontakte mehr, da HIV bei vielen (ungebildeten) Leuten immer noch große Angst auslöst. Nicht nur Freundschaften oder Partnerschaften gehen auseinander, viele Klienten haben keinen Kontakt zu ihrer Familie oder Verwandten mehr. ... Zu Beginn meines Dienstes fiel es mir schwer, die Dinge die ich mache, als Arbeit zu betrachten. Ich spiele Gesellschaftsspiele, male und bastele den ganzen Tag und führe Gespräche, doch ich habe am Abend kein Resultat. Ich kann nicht sehen, nicht anfassen, was ich getan habe. ...

Also habe ich mir andere Aufgaben gesucht, habe angefangen hinter den Leuten herzuräumen und bin zu einem richtigen Putzteufel geworden. Doch richtig glücklich war ich mit meinem 'neuen' Job auch nicht, obwohl ich abends als Resultat meine Knochen gespürt habe. Außerdem habe ich von den Klienten herzlich wenig mitbekommen, was mich auch sehr gestört hat. Doch dann saß ich mit Omar, einem Klienten, im kleinen Garten, habe die Sonne genossen und eine Zigarette geraucht. Omar hat dann irgendwann angefangen, mir von seinem Streit mit der Leitung seines Pflegeheimes zu erzählen. Ich habe ihm in erster Linie zugehört und zwischendurch versucht, ein paar Ratschläge zu geben. Doch zwischendurch hat sich wieder der Putzteufel in mir gemeldet und mir ein schlechtes Gewissen gemacht, da ich schon seit 'ner Stunde in der Sonne saß und 'nichts' gemacht habe. Als Omar sich dann alle Sorgen vom Herzen geredet hatte und wir auf dem Weg ins Haus waren, sagte er: 'Danke, daß du mit mir geredet und mir zugehört hast.'

Da habe ich begriffen, daß die Klienten keine herumschwirrende Putzfrau, sondern eine ruhige und gelassene Person brauchen, die Interesse an Gesprächen und Beschäftigungen ausstrahlt. Es fällt mir zwar manchmal immer noch schwer es einfach zu akzeptieren und mich nützlich zu fühlen, doch ich arbeite daran!!

Oft werde ich gefragt: 'Wie kannst du nur mit Leuten arbeiten, die AIDS haben und wissen, daß sie über kurz oder lang sterben werden?' Darauf kann ich nur sagen, daß diese Menschen größtenteils dazu beitragen, daß ich hier so glücklich bin. Ich habe wohl noch nie so viel gelacht, noch nie so viel geweint, mich noch nie so schwach und hilflos und doch wieder so stark gefühlt, noch nie so viele Fragen gehabt und noch nie so viele Antworten gefunden. Alles was ich gebe, bekomme ich doppelt und dreifach zurück. Außerdem denke ich fast nie daran, daß viele dieser Menschen nicht mehr lange zu leben haben. ...

Doch es ist nicht immer leicht mit den Fragen, den Geschichten und den Problemen, mit denen ich jeden Tag konfrontiert werde, fertig zu werden. ... Ich habe aber immer die Chance, solche Erlebnisse mit Christian oder einem/einer der netten MitarbeiterInnen auszutauschen. ... Dann gibt es noch die Möglichkeit einer Selbsthilfegruppe für Leute, die mit HIV-positiven Menschen arbeiten. Für meine Psyche ist also auch gesorgt.

Ich kann nur noch mal sagen, daß ich mich hier pudelwohl fühle, glücklich bin und jeden Tag Amerika genieße."

Malte Hesse ist im Bethany Children's Home in Womelsdorf/Philadelphia.

Er schreibt:

"Die Landschaft und das Klima ist recht ähnlich wie in Deutschland, deshalb haben sich hier viele deutsche Aussiedler niedergelassen. Gegründet wurde Bethany im Jahr 1863 von einem deutschen Pfarrer zunächst in Philadelphia. Danach zog das Waisenhaus zweimal auf Grund der wachsenden Population um.

Bethany war ursprünglich ein Hotel, in dem die Kinder untergebracht wurden. Es gab nur ein Gebäude für die Jungs und Mädchen, die Verwaltung und auch die Kirche. ... Es kamen immer mehr Waisen nach Bethany. ... So entwickelte sich langsam eine Anlage mit 10 Cottages, einem neuen Büro und zahlreichen anderen Gebäuden. ... Bethany verfügt über eine eigene Quelle, die frisches Wasser direkt aus den Bergen bringt. ... Den Kindern wird hier neben Pool und Turnhalle besonders im Sommer noch eine Vielzahl von anderen Freizeitgestaltungen geboten.

Etwas Besonderes ist das 'Emergency Shelter', genannt 'Reed', so etwas wie ein Übergangskinderheim. Anders als in den anderen Cottages gibt es hier keine Hauseltern, sondern nur Betreuer. ... Oft bleiben die Kinder nur einige Tage oder Wochen im 'Reed' und werden dann entweder in Bethany aufgenommen oder gehen wieder dahin zurück, wo sie hergekommen sind. ... Das Shelterprogramm bringt mehr Geld ein und trägt deshalb die anderen Programme mit.

Ich darf jetzt schon zweimal die Woche bei der Nachhilfe helfen! Hierbei beschränkt sich meine Hilfe nicht nur auf 'Deutsch', sondern ich helfe, wo immer ich kann. ...

Ich werde weiter an meiner Homepage arbeiten, um Euch so einen noch besseren Einblick in mein Leben zu ermöglichen".

Lars Neumeister leistet seinen Dienst bei der Pesticide Action Network North America (PANNA) in San Francisco/Californien. Über PANNA liegen mir noch keine Informationen vor. Ich möchte Euch gerne an seiner farbigen Schilderung der 1 985 km langen Reise mit dem Greyhound-Bus vom Orientierungskurs in Colorado zu seinem Projekt in San Francisco teilnehmen lassen:

"Prärie, endlose Weite
Gräser, Wermut und Steinklee
ein paar Rinder
ein paar Ranches -
AMERIKA

Der Morgen - überwältigend schön - auf der einen Seite der Vollmond über den Bergen, auf der anderen Seite die aufgehende Sonne.

Zwischenstop in Reno, dann endlich Californien - blauer Himmel, schneebedeckte Berge, klare Bäche und Pinus ponderosa (Gelbkiefer) begrüßen mich, in Sacramento die ersten Palmen - nur noch zwei Stunden bis San Francisco. Dann Oakland und dann endlich - mein erster Kulturschock - schmutzige riesige Industriegebiete - Schmutz und Müll fliegen durch die Luft und verfangen sich im Stacheldraht der Zäune - und nirgends eine Menschenseele.

Der erste Blick auf San Francisco - Nebel - und Skyscraper, riesengroß. ... Dicht an dicht stehen diese Riesen da, Dunkelheit, Wind und Kälte dazwischen. Es ist nur der Bankdistrikt, beruhigt mich mein PANNA-Abholer Steve, der Rest von SF besteht aus zweistöckigen Holzhäusern.

Auf dem Weg zum Auto Kulturschock Numero zwei - sechstürige Autos, unzählige Touristen - und unzählige Obdachlose, meist schwarze Bettler - ich sehe sie, muß schlucken, gewiß, ich wußte davon, auch in Berlin, Hamburg, München gibt es sie - nicht aber in Finowfurt oder in Eberswalde, jedenfalls nicht in dieser Menge und Ausprägung".

Waltraud Meiners auf der Gould Farm in Monterey/Massachusetts zitiert einen Satz aus dem Buch "Gould Farm - A Life of Sharing": "Will Gould (der Gründer) übertrug (1913) christliche Prinzipien in die Praxis durch Einladung von depressiven 'guests' auf seine mit Hypotheken belastete Farm und engagierte sie zu nützlicher Arbeit und geistigen Spielen". Zur Umgebung und dem Leben auf der 'Gould Farm' schreibt Waltraud:

"Hier wohnten, lebten und arbeiteten die ersten Einwanderer aus Europa als Farmer. Als der Westen entdeckt wurde und die großen Farmen entstanden und sie nicht mehr konkurrenzfähig waren, zogen auch die Farmer von hier gen Westen. Die Farmen wurden u.a. aufgegeben, weil das Land hier sehr steinig ist und die Erdkrume sehr dünn. Heute ist das Land sehr waldreich und die Farmgebäude werden genutzt als Sommersitz für begüterte Bostoner und New Yorker. ... Die 'Berkshires' - so heißt das Hügelland hier - sind sehr beliebt für Wochenendtrips und als Urlaubsziel für die ganze Familie. Es gibt außer dem Wald auch sehr viele Seen und Bäche. Auch kulturell wird im Sommer viel geboten durch Freiluftkonzerte, Theateraufführungen und Kunstausstellungen. ......Zur 'Gould Farm' gehört ein Haupthaus und die umliegenden Gebäude. Das eigentliche Farmgelände mit Feldern und Ställen liegt ca. zwei Minuten entfernt. Es gibt dort Kühe, Schweine, Schafe, 3 Esel, 2 Lamas und Hühner.

Die Küche von 'Gould Farm' wird beliefert mit Eiern, Milch, Gemüse und Obst. Auch das 'Roadside Store' und Café, das an der Straße zum nächsten Ort liegt und von Mitarbeitern geführt wird, wird mit Erzeugnissen der Farm beliefert.

Die 'guests', ca. 30 von 70 Bewohnern auf 'Gould Farm', sind Menschen zwischen 17 und 60 Jahren mit Suchtproblemen oder/und sie sind psychisch krank. Sie leben auf 'Gould Farm', betreut von einem medizinischen Team und arbeiten 30 Stunden in der Woche entweder in der Küche, im Garten, auf der Farm oder im Wald. Es wird ihnen angeboten, hier zu lernen, z.B. pünktlich aufzustehen, zu den Mahlzeiten zu gehen und mit der Arbeit zu beginnen. Auch sollen sie hier lernen, ihr Zimmer aufzuräumen und zu reinigen und ihre persönliche Wäsche zu waschen. Durch die 'Meetings' und die gemeinsamen Mahlzeiten wird mehrmals täglich Kontakt zu ihnen gehalten; auch während der Nacht ist für jedes 'guest house' eine Person zuständig.

Das Arbeiten mit den 'guests' erfordert sehr viel Geduld und Toleranz, was mir manchmal schwerfällt. Es dauerte lange, für mich zu akzeptieren, daß sie ihren Wünschen entsprechend eingesetzt werden. In der Küche dürfen sie vorrangig Gerichte vorbereiten, während die Mitarbeiter die Aufräum- und Reinigungsarbeiten zu verrichten haben. Wenn sie frei haben möchten oder sich einen anderen Arbeitsplatz wünschen, wird dem umgehend zugestimmt".

Im Su Casa der Catholic-Worker-Gemeinschaft in Chicago/Illinois arbeitet Fabian Sattler. Ich habe keine großen Abweichungen in Euren verschiedenen Darstellungen des EIRENE-Ausreisekurses und der BVS-orientation entdeckt. Mir fällt die Auswahl schwer. Ich hoffe, Ihr seid einverstanden, wenn ich stellvertretend - zumindest für die, die den "anderen Dienst im Ausland" tun - Fabians Ausführungen dazu bringe.

"Die zwei Wochen (Ausreisekurs) waren wirklich hochinteressant, sie steigerten meine Vorfreude auf das Kommende noch enorm. Das Seminar bestand aus Großeinheiten wie Entwicklungspolitik, Gewaltfreiheit, interkulturelles Lernen, weiterhin aus länderspezifischer Vorbereitung und einfach vielen persönlichen Gesprächen mit außerordentlich netten Menschen, die in der gleichen Situation sind, dieser Zustand zwischen sicherem Leben in Elternhaus und Schule und dem völlig Neuen, Ungewissen, zwischen hier und nirgendwo, zwischen kleinen Ängsten und großen Hoffnungen. Außerdem gaben mir diese zwei Wochen die Möglichkeit, Abstand zu meiner Schulzeit und all den Abitur-Festereien, die wenige Tage zuvor noch tobten, zu gewinnen und mich innerlich schon einmal von Familie und Freunden zu verabschieden. ...

Für mich war von Anfang an klar, daß ich nicht zur Bundeswehr gehen wollte, aber für diesen Friedensdienst im Ausland gibt es natürlich viele verschiedene Gründe: Der Reiz des Unbekannten, des Neuen, der fremden Sprache und Kultur, die Herausforderung, die Chance, mal über den Tellerrand Schwäbisch Gmünd hinausschauen zu können, das Sich-Nie-Zufriedengeben mit seiner Situation, die Hoffnung, Menschen zu begegnen, die nicht meinen, einen genau zu kennen, um zu sehen, was sonst in diesem Leben möglich ist, Selbstfindung, Fernweh, dieses Land USA kennenzulernen, das doch in so vielen Dingen ein (schlechtes) Beispiel für Europa war und ist, doch vor allem der Wunsch, Menschen zu helfen, die wirkliche Hilfe brauchen, die meist wegen Ungerechtigkeiten in diese Situation gekommen sind, zu realisieren, was für ein verschwenderisches, ausbeuterisches und somit leichtes Leben wir so auf Kosten anderer führen. ...

Mein aufregender Flug brachte mich nach Denver, CO, in dessen Nähe mit Blick auf die Rocky Mountains die orientation meiner amerikanischen Volunteer-Organisation BVS stattfand. Auch hier durfte ich eine sehr nette Gruppe von Volunteers und Leitern und eine sehr gute Vorbereitung genießen. Es war nicht allzuviel von den typischen Vorurteilen gegenüber Amerikanern zu spüren, es war vielmehr ein gemeinsames Hin und Her im Projektfindungsprozeß, ein Erleben der anderen Kulturen (wir waren Amerikaner, Deutsche und ein Kroate), der Versuch von einfachem Lebensstil (wir hatten pro Mahlzeit und Person $ 1), Musizieren, Sport, die Mitarbeit bei der National Youth Conference (eine Art Kirchentag für alle Brethren-Jugendlichen, bei dem wir Youth Worker waren), ein Tag in einer Gastfamilie, hitzige Diskussionen, was erfreulicherweise schon da recht gut mit meinem Englisch möglich war, ein Tag in den Rockies und einfach ein Genießen dieser gemeinsamen Tage. Nur ab und zu fühlte ich mich ein wenig außen vor; das allzu strenge Gemeinschaftsgefühl, die ständige Bekundung des Glaubens und diese unglaubliche Fähigkeit, Emotionen freien Lauf zu lassen, waren mir ein wenig fremd".

Dann kommt Fabian auf seine Arbeit und sein Leben in 'Su Casa' zu sprechen:

"'Su Casa' wurde 1990 gegründet und war damals eine Residenz für politische Flüchtlinge aus Mittelamerika. Seit drei Jahren ist 'Su Casa' nun ein Zufluchtsort für heimat- und obdachlose hispanische Familien, d.h. für meist illegale Einwanderer aus Mittelamerika. (Das schafft für mich natürlich ab und zu Sprachprobleme). Die Familien kommen zu 'Su Casa' in äußersten Notsituationen. ... Unsere Aufgabe ist es dann, diesen Menschen eine sichere Umgebung zu geben, daß sie versuchen können, ihre teilweise schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten, ihre gesundheitliche Situation zu verbessern und einen Neuanfang zu machen. Wir unterstützen sie durch Beratungen, Englischunterricht, natürlich mit Kost und Logis, Möbeln, Hilfe bei der Arbeitssuche und den Versuchen, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und auch einfach, indem wir versuchen, eine gute Atmosphäre zu schaffen, Aktionen in der Gemeinschaft zu unternehmen, den Kindern Unterstützung zu bieten.

Die Catholic Worker Philosophie, die von Dorothy Day gegründet wurde, ist eine Bewegung und keine Organisation. Es unterscheiden sich verschiedene Catholic Worker Häuser sehr in Leitung und Schwerpunkten. Es gibt Häuser, die sich einfach auf Gastfreundschaft konzentrieren, andere richten ihr Augenmerk mehr auf Themen im Bereich 'Soziale Gerechtigkeit', manche haben gemeinsame Gebete, andere nicht, manche haben eine Art von Leitung und Struktur, manche haben eine Steuerbefreiung, Gelder aus öffentlichen und privaten Töpfen, manche zahlen Gehälter, andere vermeiden dies bewußt.

Die eigentlichen Schwerpunkte sind jedoch das Prinzip der Gewaltfreiheit, der Gemeinschaft, des einfachen Lebensstils, der schon erwähnten Gastfreundschaft und des Respekts vor jeder einzelnen Person, was sowohl Akzeptanz als auch die Herausforderung dieses Individuums beinhaltet.

Wir in 'Su Casa' haben im Moment sechs Familien, d.h. neun Erwachsene und 15 Kinder, was viel Leben in dieses alte Franziskanergebäude bringt und viel Arbeit für die fünf Vollzeit- und vier Teilzeit-Volunteers bedeutet.

Wir sind ein 'Hispanisches Haus' in einer 'Afrikanisch- Amerikanischen Nachbarschaft' im Süden von Chicago, was eine sehr arme und somit von Gewalt geprägte Gegend ist. Es ist verblüffend, wiaus dem Norden der Stadt zurückschrecken, wenn sie von meinem Zuhause hören. ... Natürlich, es ist nicht wie in Schwäbisch Gmünd, es passieren durchaus ein wenig unheimliche Dinge, man sieht überall Müll, Armut und Elend, man hört ständig Geschrei, Polizeisirenen und Weinen. Bandenkriege und andere Gewalt sind allgegenwärtig, in meiner Zeit hier gab es schon zwei 'Schießereien im Vorbeifahren' in unserer Straße, man merkt hin und wieder, daß man als Weißer nicht allzu gerne gesehen ist, aber ich erlebe viel intensiver die Freude und das Leben in dieser Gegend, die mein neues Zuhause ist. ...

'Su Casa' hat einen sogenannten 'New City Coop Club' ins Leben gerufen. Das Ziel dieses Clubs, in den schon etwa 20 Familien involviert sind, ist ein 'Nachbarn helfen Nachbarn'-System, in dem die Mitglieder ihre Fähigkeiten und Ressourcen austauschen. Im Moment läuft der Austausch fast nur zwischen 'Su Casa' und den Nachbarn, nicht zwischen den Nachbarn untereinander. Wir haben einen 'Gemeinschaftsgarten', in dem jeder anpflanzen kann, was er will, eine 'Kunst-Klasse', in der wir gerade eine unserer Hauswände bemalen, wir haben die sonntägliche Suppenküche, in der wir ca. 200 Menschen ein kostenloses Mittagessen anbieten, und ich habe eine neue 'Sport- & Circus-Klasse' für die Kinder aus der Nachbarschaft gegründet. ...

Neben diesen zwei Hauptaufgabengebieten hat 'Su Casa' außerdem seinen 'Rundbrief KAIROS' und jeden Monat eine Studentengruppe, die einmal das innerstädtische Leben kennenlernen möchte.

Manchmal denke ich bei all dem, daß wir zu viel versuchen und vielleicht den einzelnen Sachen nicht gerecht werden, aber andererseits empfinde ich es als großartig, wirklich jede Möglichkeit zu nutzen und zu versuchen, was geht. ...

Die Stadt Chicago ist wahrlich ein Reiz für sich, auch wenn mir nicht viel Zeit bleibt, all die Angebote zu nutzen. ... Es gibt viele schöne Plätze in Parks, am Strand, in den Straßenschluchten, in den verschiedenen Vierteln, zumal in Chicago so viele Kulturen zuhause sind. ... Das Zusammenspiel von Lake Michigan und all den Wolkenkratzern ist beeindruckend, all die kulturellen Angebote sind erschlagend, aber ich gebe mein Bestes, möglichst viel mitzunehmen: von Museen zu klassischen Konzerten, vom Chicago Jazz Festival zu den Rock-Veranstaltungen, von den vielen Theatern, bei denen ich mein ganzes Geld lasse, bis zum Baseball (das ist wirklich eine Kultur hier). Leider bleiben mir Bars, Clubs und Kneipen meist verschlossen, da die Amerikaner mich mit meinen 20 Jahren noch nicht für voll nehmen wollen.

Besonders spannend ist es jedesmal, aus der Glitzerwelt downtown, wo sich das Konsumland Amerika mehr von der Seite zeigt, die man sich so ausmalt, in den Süden von Chicago zu kommen, wo sich der Anteil der weißen Bevölkerung auf 5% reduziert, wo sich also der Durchschnitts-Amerikaner nicht mehr hintraut und wo mein Zuhause ist. Ich fühle mich hier wirklich zuhause.

Nur ab und zu denke ich, daß es schön wäre, mehr Zeit außerhalb 'Su Casas' zu haben, daß es nicht ideal ist, mit den gleichen Leuten am gleichen Ort zu arbeiten und zu leben, obwohl ich mich ausgesprochen wohl unter ihnen fühle.

Nach meiner Schulzeit, in der man eigentlich immer noch mehr tun könnte, als man schon getan hat, hatte ich mir eine Arbeit gewünscht, in der tagsüber hart gearbeitet wird, dafür dann aber irgendwann Schluß und der Kopf frei für anderes ist. Das war natürlich für 'Su Casa' ein törichter Wunsch. Hier gibt es zu viel zu planen (ich komme im Moment auf mindestens 12 Arbeitsstunden pro Tag und 6 oder 7 Arbeitstage in der Woche) und zu viele Erlebnisse, die einen nicht so einfach abschalten lassen.

Da ist Lilia, die täglich mit ihrer Krankheit zu kämpfen hat und jetzt schon planen muß, was mit ihren beiden Töchtern nach ihrem Tod passieren wird; da ist Alberto mit seinen vier Kindern, deren Mutter vor zwei Monaten gestorben ist, da ein Krankenhaus sie nicht aufnehmen wollte. ... Da ist Simon, der in den letzten zwei Wochen sechs Mal ins Krankenhaus gebracht werden mußte, weil er wegen Unterernährung sehr krank ist; da war Maribels Familie, die 'Su Casa' verlassen mußte, da sie aus lauter Frustration gewalttätig wurde; da war der Tag, an dem mir irgendein Hausbewohner mein Monatsgehalt von $ 50 aus meinem Zimmer gestohlen hat; da sind andere Freiwillige, die am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte sind und Tage, in denen es schwierig ist, sich als Gemeinschaft zu fühlen; da ist die Suppenküche, in der man das alltägliche Elend in unserer Gegend hautnah miterlebt; ... da sind Tage in 'Su Casa', an denen die Gäste sich nur bekriegen, anstatt sich in ihrer schweren Situation als Gemeinschaft zusammenzutun; ... da war, ich schäme mich, es nur als einen Punkt einer Aufzählung zu erwähnen, aber ich bin nicht in der Lage, es anders zu formulieren, die Nachricht von dem Tod eines Klassenkameraden, der mich sehr berührt hat, der dieses Gefühl, nach der Gebundenheit der Schulzeit nun frei für das Leben zu sein, zerstörte, der mir zum ersten Mal zeigte, daß ich sehr weit weg bin von Daheim, und der für mich das eventuelle Wiedersehen mit alten Schulfreunden nach meiner Zeit in Chicago noch schwieriger macht, da immer einer fehlen wird.

Es ist wahrlich nicht immer einfach, mit solchen Erlebnissen hier umzugehen, zu helfen, wo man selbst so hilflos ist.

Aber es gibt auch so viele Dinge, die einen beglücken, einen neu motivieren. Da ist Juanito, der von allen wegen seines Aussehens nur 'Chocolate' genannt wird, und der mich jedes Mal zum Lachen bringt, wenn ich ihn sehe; ... da ist Calvin, ein Junge aus der Nachbarschaft, der an einem Circus-Nachmittag Jonglieren und das Über-Scherben-Laufen erlernte, da war dieser Burger-King- Sonntag, an dem wir einen Kleinbus voller Hamburger geschenkt bekommen haben (es ist schon erstaunlich, was man als caritative Einrichtung alles umsonst bekommt); ... da ist Rodrigo, auf den ich gerade jede Nacht bis 2 Uhr warte, weil er endlich Arbeit als Tellerwäscher gefunden hat; ... die Tatsache, daß man auf der Straße und beim morgendlichen Joggen im Park von vielen herzlich gegrüßt wird; ... da ist Carlos, einer meiner Nachhilfe-Schüler, dem ich mit großem Vergnügen das englische Alphabet beizubringen versuche; ... da war der Abend, an dem ich traurig auf der Treppe saß und ein Kind kam und mir in gebrochenem Englisch sagte: 'I don't want to see that you're sad!' ('Ich will nicht, daß du traurig bist!'), mir sein Lieblingsstofftier überreichte und noch eine Weile meine Hand hielt; da sind insgesamt so viele Kinder, die so viel Freude und Phantasie besitzen, die mich jeden Tag wieder aufmuntern, die trotz oder gerade wegen ihrer schweren Vergangenheit ganz besondere Geschöpfe sind und die schon richtig gute Freunde von mir geworden sind. ...

Ich möchte diese beiden Seiten, die ich etwas durch einige Ereignisse zu schildern versuchte, ganz und gar nicht trennen oder gar gegeneinander aufwerten, sie gehören beide zu meinem Leben, lassen mich hier zuhause fühlen und bedeuten einfach so viel Leben. Ich habe das Gefühl, in vielen Situationen Dinge zu tun, die ich mir nie zugetraut hätte".

Ich habe Fabian deshalb so ausführlich zu Wort kommen lassen, weil ich denke, daß er vieles von dem ausgedrückt hat, was einige von Euch ähnlich erleben und empfinden.

Doris Erbe hat auch mit Kindern zu tun. Sie ist in einem Kinderentwicklungszentrum, genau, dem Trinity Presbyterian Child Development Center (CDC) in Austin/Texas.

Bevor Doris in die USA abreiste, hat sie

"vier Wochen in Marokko in einer Gastfamilie gelebt, um dort Arabisch zu lernen. Das ist mir zwar nicht ganz gelungen, aber dafür habe ich die arabische Kultur und viele marokkanische Traditionen und Gewohnheiten kennengelernt. ... Marokko war eine gute Vorbereitung ..., mit ganz anderen Sitten, Gewohnheiten und Ausdrucksweisen klar zu kommen, als ich es gewohnt bin. In dem Sinne ist Morokko im Vergleich zu den USA noch viel mehr anders als Deutschland. ...

Hier wohne ich in einem dieser amerikanischen Häuser ohne Zaun, außer für den Hintergarten, einstöckig, mit drei Schlafzimmern, zwei großen Wohnzimmern, Bad und Küche. Außer Vanessa, Aubra und mir wohnen dort u.a. auch eine Menge eigenartiger Insekten und einige Kakerlaken. ... Zum Glück sind aber rechtzeitig die Löcher in der Wand gestopft worden, durch die im Winter die Ratten hereinkamen. Und das Leck im Dach wird hoffentlich auch bald repariert, so daß es nicht mehr hereinregnet.

Es ist für mich schon zur Gewohnheit geworden jeden Morgen zum CDC zu fahren, es ist eine Art Vorschule. Ja, da habe ich nun gerade meine 13 Jahre Schulzeit erfolgreich beendet und fange wieder ganz von vorne an! Aber diesmal als Lehrerin. So nennen mich die Kinder zumindest. ... Langsam habe ich mich an die große Verantwortung gewöhnt, die es heißt, 7 - 12 Kinder zur gleichen Zeit zu beaufsichtigten und sie davon abzuhalten, zu streiten und einander zu hauen und sie zu kreativem Spielen anzuregen. ... Es wird friedliche Konfliktlösung angeregt mit "Gebrauche deine Worte!" ... Auch versucht das CDC, von Stereotypen wegzukommen. Es gibt dort sowohl Mädchen als auch Jungen, sowohl schwarze als auch weiße Kinder, sowohl Kinder aus guten als auch aus schlechten Familienverhältnissen und Kinder aus allen sozialen Schichten - und alle werden natürlich gleich behandelt. ... Nach acht Stunden Arbeit bin ich meist ganz schön müde. ... Von den 24 Stunden, die ein Tag hat, bleibt mir meist nach acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und mindestens zwei Stunden Fahrzeit nicht mehr allzuviel übrig. ...

Daß die Umstellung ganz gut geklappt hat, liegt sicher zum Teil daran, daß meine Sprachkenntnisse recht gut sind und ich noch jung und anpassungsfähig bin - aber auch die gute Vorbereitung durch EIRENE hat ihren Anteil daran. Und Euer Wille, mich zu unterstützen, gibt mir sehr viel Kraft und Mut."

Sebastian Klöppel engagiert sich bei der School of the Americas Watch (SOA Watch) in Washington/DC. Er berichtet:

"'School of the Americas Watch' ist eine Bewegung, die sich für die S c h l i e ß u n g der 'School of the Americas' (SOA) einsetzt. Sie wurde von Father Roy Bourgoise, einem katholischen Priester und ausgezeichneten Vietnam-Veteran, 1990 gegenüber den Toren Fort Bennings, Georgia, wo die 'School of the Americas' stationiert ist, gegründet.

Einige Jahre später wurde ein weiteres Büro in Washington von Carol Richardson eröffnet. Carol und Father Roy wurden im vergangenen Jahr zu einer halbjährigen Haftstrafe verurteilt und haben diese mittlerweile hinter sich. ...

Die 'School of the Americas' ist eine US-Army- Kampfausbildungsschule, unterhalten von US-Steuerzahlern, ausschließlich für lateinamerikanisches Militärpersonal.

Von der US-Army auf deren Basis in Panama 1946 gegründet, um den lateinamerikanischen Regierungen bei der Einführung stabiler Demokratien zu helfen, verlor die SOA bald an Ansehen. Eine ganze Anzahl von Absolventen - Gen. Hugo Banzer in Bolivien und Gen. Manuel Noriega in Panama - um nur zwei zu nennen, die Regierungsgewalt in ihren jeweiligen Staaten übernahmen und brutale Militärdiktaturen errichteten - haben Verbrechen begangen, Völkermord verübt und kontinuierlich Menschenrechte mißachtet. .. Zehn der im Pinochet-Fall genannten Offiziere, gegen die ermittelt wird, sind SOA-Abgänger. In El Salvador waren SOA- Abgänger an der Ermordung Erzbischof Romeros beteiligt.

Die 'New York Times' schrieb: 'Eine Institution, die so eindeutig nicht den amerikanischen Werten entspricht, ... sollte umgehend geschlossen werden'. ...

Der gewichtigste Teil unserer Arbeit ist die Öffentlichkeitsarbeit. .. Informationen und Recherchen über die SOA und deren Absolventen treffen hier von kleineren SOA Watch-Gruppen und insbesondere lateinamerikanischen und Menschenrechtsorganisationen ein. ...

Auch die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Kongreß und Senat ist Teil unserer Arbeit. Im September dieses Jahres fand die letzte Abstimmung im Kongreß über die Fortsetzung der finanziellen Unterstützung der SOA statt. Das Ergebnis fiel mit 201 zu 212 Stimmen zu unseren Ungunsten denkbar knapp aus. Diese Abstimmung zeigt aber auch, daß das Ende der SOA- Unterstützung durch den Kongreß in greifbarer Nähe ist. ...

Des weiteren übersetze ich momentan einen Teil unseres Informationsmaterials ins Deutsche. Dies bildet die Grundlage dafür, Kontakte in Europa, insbesondere natürlich zu Deutschland zu knüpfen".

..

Sebastian ist sehr ergriffen von einer Protest-Demonstration im November vor den Toren der US-Militärbasis 'Fort Benning', auf der sich die SOA befindet:

"Über 7 000 Menschen fanden sich ein: Menschen aus allen Staaten der USA, Kanada und Südamerika, Alte, Studenten, Kinder, Familien, Körperbehinderte, Priester, Mönche, Nonnen, Kriegsveteranen, Lehrer, Professoren - einfach alle möglichen verschiedenen Menschen mit dem Ziel, hier und jetzt für Frieden und Gerechtigkeit zu demonstrieren und mit der Forderung, die 'School of the Americas' zu schließen. Es wurde eine Litanei verlesen von Namen, Alter und Herkunft aller, die der Gewalt von SOA-Abgängern zum Opfer gefallen sind, ansonsten herrschte totale Stille. Gleichzeitig begann der Zug derer, die sich dazu entschlossen hatten, die auf die Straße gepinselte Linie, die 'Bannmeile' zu überqueren - sie alle wußten von der möglichen Konsequenz dieses Vergehens gegen geltendes amerikanisches Bundesrecht: im Höchstfall eine sechsmonatige Haftstrafe und bis zu 5 000 $ Strafe. ...

Insgesamt waren es 2 500 (!!!) Menschen, die in dieser äußerst beeindruckenden und bewegenden Situation friedlich und aus Überzeugung das Gesetz mißachteten und zivilen Ungehorsam praktizierten, um auf dieses Unrecht aufmerksam zu machen. Selbst die Military Police schien von dieser unerwarteten Menge und der ganzen Situation beeindruckt. Einem Soldaten flossen Tränen übers Gesicht und für einen Moment schien die Linie auf der Straße gar nicht zu existieren.

Es muß die unerwartet hohe Zahl der Linien-Übertreter und das große Medienaufgebot gewesen sein, welches die SOA-Führung dazu bewog, keinen der Teilnehmer aus dem Zug festzunehmen oder überhaupt die Personalien zu überprüfen....

Ich könnte noch Unmengen von diesen zwei Tagen erzählen, denn sie waren wirklich unheimlich beeindruckend und für mein Projekt erfolgreich. ... Ich habe eindrucksvoll erleben dürfen, wofür wir uns einsetzen, welchen Sinn unsere Arbeit hat und was für ein Potential speziell in dieser friedlichen aber entschlossenen und engagierten Protestbewegung steckt.

Natürlich verleitet es mich immer dazu, Vergleiche zu Europa und Deutschland zu ziehen. ... Oft fielen mir bisher Nachteile gegenüber Deutschland auf wie z.B. das Umweltbewußtsein, die Auswüchse des Kapitalismus, das vollkommen anders gestaltete Sozialsystem - falls man hier nach der 'wellfare reform' überhaupt von einem solchen reden kann. Es gibt aber auch positive Dinge zu berichten: Es gibt unzählige private Gruppen, Verbände, Vereine, Organisationen, die sich sozial engagieren. ... Auch diese Riesenmenge an Freiwilligen, wie ich einer bin, hat mich erstaunt, aber manchmal denke ich, was wären das für soziale Zustände, wenn es nicht diese Menschen geben würde. Auffällig ist auch die Tatsache, daß hier Freiwilligen- und ehrenamtliche Arbeit viel höher angesehen ist. .

Mir geht es insgesamt wirklich ganz gut - natürlich habe auch ich meine 'Durchhänger' und manchmal denke ich, ich hätte es auch einfacher haben können, aber dann gibt es schnell wieder Phasen (die Demonstration gegen die SOA war solch eine in extremer Form), die mich in dem, für das ich mich entschieden habe, bestätigen".

Es hat mich doch ziemlich mitgenommen, was ich alles aus Amerika von Euch gehört habe - deshalb brauche ich jetzt eine Teepause, bevor ich mich mit Euch nach Europa begebe.

Regina Bensiek lebt für ein Jahr bei den Schwestern von Grandchamp in Areuse in der Schweiz.

Über einen ihrer Rundbriefe setzt sie den Spruch:

Gott entschied sich,
Mensch zu werden
damit wir es auch können

Sie schreibt:

"Grandchamp ist nicht nur ein Ort der Stille, sondern auch, und vor allem, ein Ort des Empfangs, der Gemeinschaft und der Begleitung.

Außer mir arbeiten noch andere Freiwillige hier, die aus verschiedenen Ländern kommen - aus England, Holland, Belgien, Samoa, dem Libanon oder Israel. ... Die drei Libanesinnen gehören alle unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an: Eine ist Maronitin, eine gr.orthodox und eine Schiitin. ... Bei den Retraiten der Gruppen geht es häufig um innere Heilung. Sehr viele Menschen suchen einfach einen Ort, wo sie sich ganz und gar, mit Leib, Geist und Herz, geborgen fühlen können. ...

Manchmal kommen auch Kindergruppen mit ihren Religionslehrern, nehmen an den Gebetszeiten teil und picknicken hier, was immer recht erfrischend ist. Auch die internationale Studentengruppe - 50 Männer und Frauen aus 40 Ländern - vom Ökumenischen Institut für Theologie in Bossey bei Genf, brachte viel Schwung und Leben herein. ...

Es kommen aber nicht nur Gäste hierher. Die Schwestern nehmen auch 'draußen' an verschiedenen Aktivitäten teil, z.B. an einer Konferenz mit dem Thema 'Gewalt in den Städten - eine Herausforderung für die Kirchen?' oder an einem Themenabend der Ökumenischen Konsultation. Manche der Mitglieder arbeiten auch bei 'Kairos Europa' mit der Absicht, eine Koalition zu bilden, um durch Gesetze die regionale Wirtschaft und Fragen der Umwelt zu regeln und den totalen Markt zu begrenzen. ...

Hier leben die Schwestern wie moderne Urchristen: Alle haben alles gemeinsam, keine nennt etwas ihr eigen. Jede bekommt, was sie nötig hat, und jede gibt und nimmt und arbeitet gemäß ihren Fähigkeiten. Alle versuchen, dazu beizutragen, daß Mitschwestern und Gäste sich hier wohlfühlen, zur Ruhe kommen und Frieden finden. ...

Mein verschwindend kleiner Beitrag zum Frieden verwirklicht sich mit den Menschen, mit denen ich jeweils lebe. Den Ort meines Engagements muß ich nicht erst suchen, denn er ist genau dort, wo ich bereits bin. Es geht nicht darum, ein neues Engagement einzugehen, sondern das jetzige bewußt zu leben und zu vertiefen. Alles, was ich tu (oder lasse) kann friedenstiftend sein, jede Begegnung und Bewegung. Es beginnt morgens beim Aufstehen, wenn ich mich frage, wie ich denen, die mir heute begegnen und mir selbst gegenüber, gesonnen bin. Bin ich nicht auch verantwortlich für das, was ich ausstrahle, Wohlwollen oder Mißmut? ... Den Versuch, meinen oft auf mich selbst begrenzten Horizont auf etwas Größeres hin zu weiten, bin ich noch nicht leid geworden... .

Jeden 3. Montag im Monat fastet, wer möchte und kann, zugunsten eines bestimmten aktuellen Anliegens (heute z.B. Solidarität mit den Arbeitslosen und jenen, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten müssen). Es ist eine heilsame Erfahrung, Hunger zu spüren, und er wird oft zum Zeichen für den anderen Hunger, die Sehnsucht nach geistiger und geistlicher Neuorientierung. Umweltschutz und eine allgemeine Sehnsucht nach Gesundheit im Sinne von seelisch-körperlichem Wohlbefinden sind durchaus Zeichen der Zeit in diese Richtung... .

Abschließend und rückblickend kann ich sagen, daß die Monate zu Beginn dieses Jahres bisher die schwersten für mich waren. Ich hatte zu lernen, noch besser auf die Signale des Körpers zu achten und zu akzeptieren, daß ich nicht mehr alles kann, was ich möchte. Andererseits sind meine Übungen der Kontemplation dichter geworden, was mir wiederum viel Kraft und Freude gibt. Wenn die Gedanken und die Nebel allzu tief hingen, konnte ich hin und wieder in luftigen, lichten Jura-Höhen erleben, daß die Sonne noch scheint - jedesmal eine Offenbarung, die mich zutiefst froh und dankbar stimmte. ..."

Bei Climate Network Europe (CNE) in Brüssel/Belgien arbeitet Inga-Lena Heinisch. Sie erklärt Ihr Projekt:

"CNE ist ein Teil des weltweiten Climate Action Network und ist die Zentralstelle für Westeuropa.... Ein Teil unserer Arbeit basiert darauf, daß wir versuchen, die Arbeit der 75 Mitgliedsorganisationen zu koordinieren und den Informationsfluß am Laufen zu halten.

Ein weiterer Teil unserer Arbeit ist, die internationalen Klimaverhandlungen zu verfolgen. Da die EU eine der Hauptrollen in den internationalen Klimaverhandlungen spielt, ist es wichtig, daß wir in engem Kontakt mit der EU stehen. ...

Unser Büro besteht nur aus einem Raum. Wie Ihr Euch vorstellen könnt, ist er mit fünf Leuten, fünf Computern, vier Telefonen, der Bibliothek, den Aktenordnern und einem Tisch, an dem wir zusammen Mittag essen, ziemlich voll. Manchmal ist es etwas stressig, wenn mehrere telefonieren, ein Besucher da ist, ein Computer nicht funktioniert und der andere ist gerade abgestürzt. Aber, Gott sei Dank, herrscht hier ein sehr freundliches Klima, und wir verstehen uns gut. ...

Letzte Woche habe ich mir die Sitzungen des Europäischen Parlaments zu Umwelt und Energie angehört. Insbesondere die Umwelt-Sitzung war sehr interessant. Es wurden Luftverschmutzung, Recycling von Autos und Umweltgefahren in der ehemaligen Sowjetunion besprochen. Dahingegen war die Energie-Sitzung ein einziges Chaos. Im Vorfeld war beim Drucken der Dokumente einiges schief gelaufen, so daß schwer war zu verfolgen, worüber gesprochen wurde, zum anderen hat der Vorsitzende die Parlamentarier stets mit Vornamen angesprochen (woher soll ich wissen, wer Bernd ist???) und viele Punkte wurden verlegt oder ganz aus der Agenda gestrichen. ..."

Über ihr Umfeld in Brüssel sagt Inga-Lena:

"Ich lebe im ICA, einem Jugendhotel, in dem insbesondere Praktikanten und Freiwillige wohnen, die für längere Zeit in Brüssel sind. Zur Zeit leben im ICA etwa 30 Leute, die aus Holland, den USA, Schweden, Ungarn, Frankreich, Spanien, Schottland und Italien kommen. Mein Freundeskreis ist dadurch sehr international, und es ist interessant, Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern kennenzulernen. ...

Im ICA habe ich auch die ersten Erfahrungen gemacht, was es heißt, Deutsche zu sein und was andere von mir erwarten, wie ich mit der deutschen Vergangenheit umgehen soll. Vor ein paar Tagen haben Olaf und Herbert aus Holland überlegt, wie der Vorname von Mussolini ist. Da er ihnen nicht eingefallen ist, haben sie mich gefragt. Als ich ihn auch nicht wußte, haben sie gesagt, daß ich ihn aber wissen müsse, da er ein guter Freund von Hitler war. Eine Situation, bei der ich aber geflüchtet bin, war das Fußball- Länderspiel zwischen Deutschland und Holland. Fast jeder Holländer hat mir im Vorfeld gesagt, daß ich seine Sprüche gegen Deutschland nicht auf mich persönlich beziehen soll, aber während des Spiels habe ich ziemlich deutlich gemerkt, wie tief die holländische Besetzung durch die Deutschen in ihren Köpfen sitzt. ..

Wie man sich denken kann, gibt es hier in Brüssel viele Praktikanten und Freiwillige, die in Umweltorganisationen arbeiten. Vor ein paar Wochen haben wir die 'Green Staigiare Group' (Grüne Praktikanten Gruppe) gegründet. Wir treffen uns einmal pro Woche. Bisher waren wir bowlen, in verschiedenen Pubs, in einem klassischen Konzert, hatten eine Kochsession und haben uns gestern eine Vorlesung von Reinhard Loske (Grüner MEP) angehört.

Ich bin sehr froh darüber, daß ich die Chance bekommen habe, für 12 Monate hier zu sein und möchte sie auf keinen Fall missen. .."

Max Böge ist auch in Brüssel, im Foyer Branche der Arche. Max zitiert einen Ausschnitt aus den Zielen der 'Arche':

"'Fundamentalste Rechte eines Geistigbehinderten sind: Das Recht auf Leben, auf Pflege, auf ein 'Bei Sich', auf Erziehung, auf Arbeit, aber auch auf die tiefsten Bedürfnisse des Wesens Mensch, auf Lieben und Geliebt werden, das Recht auf Freundschaft, auf Gemeinschaft und ein sinnerfülltes Leben'". Dann fährt Max fort:

"Als Jean Vanier, ein Marineoffizier und Philosophieprofessor Geistigbehinderte, die in der gefängnishaften Lebensstille von Psychiatrien untergebracht waren, kennenlernte, war er von ihnen beeindruckt, von ihren Lebensbedingungen hingegen entsetzt. Als Konsequenz daraus entschlossen er und ein Priester sich, mit diesen Behinderten gemeinsam in einer Kommune zu leben, ihnen dadurch das Ausleben ihrer Menschenrechte möglich zu machen. Das war im Jahre 1964. ... Heute erstreckt sich die 'Arche' über alle Kontinente. ...

Die 'Arche'-Gemeinschaft in Brüssel besteht aus fünf Foyers mit jeweils zwischen 4 und 10 Behinderten und 3 bis 6 Assistenten. ...

Die erste Zeit war einfach nur schön. Alles war aufregend, jeden Tag lernte ich Menschen, meine Aufgaben, das Leben hier und vor allem die Behinderten besser kennen. Das, was ich tat, machte mir Spaß, schnell entwickelte sich zu jedem der Behinderten eine Beziehung und ich hab' so viel gelacht. Immer gab es etwas zu tun und das genoß ich. ...

Auf dem Ausreisekurs besprachen wir ein Phasenschema des Dienstes, dessen Anfangsperiode, die wohl zumeist berauschend glücklich ist, als 'Honeymoon' bezeichnet wurde. Danach (nach ca. 3 Monaten) folgt dann die 'Hölle auf Erden', die Phase großen Unglücks und Zweifelns.

Mir ging es so gut, daß ich die 'Hölle auf Erden' schon fast erwartete, quasi als ausgleichende Gerechtigkeit. Jetzt, nach fünf Monaten ist sie jedenfalls noch nicht erschienen und auf sie warten tu ich längst nicht mehr".

Max erlebt auch schwierige Zeiten im Zusammenleben und

"Selbstverständlich gibt es Gegebenheiten in der 'Arche', die mich stören. Ich mag es nicht, wenn Jean Vanier, der sicherlich Beeindruckendes geleistet hat, überhöht wird. ...

Gleiches gilt für die Behinderten. ... Der Behauptung, daß d i e Behinderten ehrlich, wahrhaftig, alle liebenswürdig etc., etc. sind, kann ich nicht zustimmen. Jeder ist Individuum mit Eigenarten, Seiten und den verschiedenstfarbenen Facetten wie jeder andere Mensch auch.

Andere Seiten der 'Arche', wie ich sie kennengelernt habe, machen mich glücklich, hier zu sein. Gebündelt Menschen zu begegnen, die Ideale haben und dies zu leben suchen. ..."

Ebenfalls in einer Arche, im Foyer Moriya, allerdings in Frankreich, in Paris leistet Sibylle Kraus ihren Freiwilligendienst. Hier einige Auszüge aus ihren Rundbriefen:

"Schon nach acht Wochen Aufenthalt wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, die Verantwortlichkeit für das Foyer zu übernehmen. Das war für mich so unglaublich schnell und ich war überwältigt von dem Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde. ... Die fünf Jungs in meinem Foyer sind meiner Ansicht nach leicht behindert, ansonsten wäre das Zusammenleben mit unausgebildeten Assistenten auch unverantwortlich. Ich mag mein Foyer und bin begeistert, wie offen ich empfangen wurde und wie schnell ich akzeptiert wurde. Das ist nicht in allen Foyers so, denn verständlicher Weise haben einige der Foyerbewohner Probleme mit dem häufigen Wechsel der Assistenten. ... Leider gibt es in vielen 'Arche'-Gemeinschaften einen Mangel an Assistenten, und auch wenn mir diese Idee der Behindertenbetreuung als sehr unterstützungswürdig erscheint, finde ich es doch schade, daß sie scheinbar nur so schwer zu verwirklichen ist. Die langjährigen Mitarbeiter erscheinen mir sehr zuversichtlich und ich frage mich, ob sie krampfhaft an etwas festhalten, ich die Situation überspitzt sehe, oder sich die Anzahl der Assistenten wirklich jedes Jahr ändert und dieses Jahr nun mal knapp bestückt ist. ... "

Im zweiten Rundbrief schreibt Sibylle:

"Anfang Februar habe ich der Gemeinschaft meine Entscheidung mitgeteilt, nicht mehr 'die Verantwortliche' heißen zu wollen.

Ich fühle mich einfach noch nicht genug vertraut mit den Ideen der 'Arche', mich selbst noch zu unsicher und außerdem besteht in meinem Kopf eine noch sehr stark ausgeprägte Autoritätsvorstellung, die ich mit dieser Aufgabe nicht sofort kombinieren konnte. ... An der Situation innerhalb des Foyers ändert das nicht besonders viel, bis darauf, daß ich mich viel erleichterter fühle und mir nicht mehr wie die unangenehme Oberchefin zwischen zwei gleichaltrigen Mitassistentinnen vorkomme. ...

Dieser Wechsel der Bezeichnungen ist nach meinem Ermessen eher symbolischer Art. Er verhilft mir aber enorm dazu, die ganze Sache etwas streßfreier anzugehen und mich nicht selbst fertig zu machen für Dinge, die eben immer mal schief gehen können.

Daß ich ausgerechnet in Paris gelandet bin, ist eine richtig gute Sache. Allerdings bin ich so eingespannt in der 'Arche', daß ich die vielen kulturellen und weiß nicht welche Möglichkeiten noch gar nicht richtig ausgekostet habe. Das muß und wird sich aber noch ändern. ..."

Jörg Carls ist in der Nähe von Paris, in Charenton. Er berichtet:

"Ich habe meinen Platz hier bei Emmaus-Liberté angetreten, einer Organisation, die ihren Hauptsitz (ein altes, leicht baufälliges Backsteingebäude, angeblich ein altes Kloster) am Rande der Stadt Paris im östlichen Teil hat. ...

'Emmaus' ist eine Organisation, die vor rund 50 Jahren von Abbé Pièrre gegründet wurde und deren Ziel es ist, für Menschen, die in Not geraten sind, als Sprungbrett für einen Wiedereinstieg in ein geregeltes Leben zu dienen. Die Hauptaufgabe dieser Organisation besteht darin, zwei Hauptbedingungen für ein würdiges Leben, wenigstens jeweils für eine Handvoll Menschen, herzustellen, nämlich eine Unterkunft sowie Arbeit. ...

Unsere Kommunität hat drei Filialen, in denen getrennt Möbel, Kleidung und Elektroartikel sowie Bücher sortiert und einigermaßen aufpoliert zu günstigen Preisen weiterverkauft werden. Von dem Erlös wird die Kommunität unterhalten, ein Taschengeld an die Compagnons ausgezahlt und teilweise werden sogar noch weitere Projekte, z.B. in Benin finanziell unterstützt. ... Der Großteil der Compagnons wohnt in der Hauptkommunität (Kloster). ... Hier leben und arbeiten ungefähr 15 männliche Wesen auf engem Raum zusammen. Dabei treten zwangsläufig Reibereien auf. Da meine momentanen Zeitgenossen sowieso nicht gerade in die Kategorie 'Engel' passen (es sind einfach Personen, die in gewisser Hinsicht durch Ereignisse in ihrem Leben rauher wurden und jeder von ihnen schleppt so seinen Sack von Problemen mit sich rum), und wenn dazu dann noch Probleme in der Kommunität auftauchen, kann es ab und zu passieren, daß diese Probleme, die sie belasten, ihr Verhalten aus der Bahn gleiten läßt. Zum anderen kommt es zwangsläufig bei der Arbeit gelegentlich zu Problemchen - einer hat geschlampt, ein anderer muß dadurch mehr arbeiten, was dem natürlich überhaupt nicht paßt, da er sowieso schon viel zu viel arbeitet - und so weiter und so fort. Um aber auch die positive Seite der Medaille zu zeigen, kann dies, wenn die äußeren Umstände günstig sind, ein äußerst charmanter und locker zum Spaßen aufgelegter bunter Haufen sein, mit dem sich hervorragend quatschen läßt, mit denen man aber einzeln absolut ernste Gespräche führen kann, die einen auch selbst zeitweise ins Nachdenken versetzen. ...

Zu den eher persönlichen Erfahrungen hier kann ich bis jetzt nur sagen, daß hier eine Realität herrscht, auf die mich die Schule nicht vorbereiten konnte, und daß ich quasi aus dem Dauerurlaub Schule, denn so habe ich es mehr oder weniger empfunden, in einen Arbeitsalltag reingekommen bin, an den ich mich erst einmal gewöhnen mußte. ...

Es ist aber ein schönes Gefühl, die Menschen, die mir hier bis vor fünf Monaten fremd waren, langsam aber sicher näher kennenzulernen und ein Teil der Kommunität zu werden. ..."

Einige Erfahrungen von Jörg decken sich mit denen von Nicole Schlögel bei Emmaus, obwohl die Situation in Belfast/Nordirland eine ganz andere ist.:

"Während 'Emmaus' in Paris offensichtlich sehr erfolgreich mit ihrem Second Hand Laden ist, mußten wir hier in Belfast leider unseren Laden schließen. 'Emmaus' wird statt dessen verschiedene Stände bei sogenannten 'car boot sales' (vergleichbar mit unseren Flohmärkten) haben. ...

Mir ist in den letzten Wochen klar geworden, daß das englische Wort 'homeless' einen viel größeren Personenkreis umfaßt als unser deutsches 'obdachlos', und 'Emmaus' in Belfast soll Zuflucht sein für alle Menschen ohne Heimat. ... Da unsere Gemeinschaft sehr klein ist, hat sie große Ähnlichkeit mit einer Familie und wir versuchen, den Heimatlosen nicht nur ein Dach über dem Kopf und Arbeit zu bieten, sondern vielmehr ein Zuhause. Wer also hier einziehen und mitarbeiten will, muß nicht zwangsläufig auf der Straße schlafen, sondern einfach aus dem Leben in einer 'Emmaus'-Gemeinschaft profitieren und etwas dazu beitragen wollen. ...

Meine tägliche Arbeit ist sehr vielseitig. Einerseits arbeite ich im Garten der Gemeinschaft, pflanze und ernte unser Gemüse. Wir versuchen, uns, was Gemüse betrifft, weitgehend selbst zu versorgen. Leider gab es allerdings auch in diesem Bereich einen gewaltigen Rückschlag zu verbuchen: die Kartoffeln in einem unserer Gärten sind irgendwelchen gefräßigen Würmern zum Opfer gefallen und gut 3/4 der Ernte ist durchlöchert und nicht zum Verzehr geeignet. ...

Mittwochs arbeite ich ab dieser Woche an unserem Stand im Art College. Wir werden dort wie vorher in unserem Laden Second Hand Klamotten verkaufen. ...

Ein weiteres Aufgabengebiet für mich wird hoffentlich bald Nachhilfe in Deutsch und Übersetzen und Tippen für Studenten sein. Ich habe an der Belfaster Uni Angebote am Schwarzen Brett ausgehängt und warte auf Reaktionen. Dies ist eine Auswirkung, die das Schließen des Ladens für uns alle hat. Wir können alle kreativ sein und eigene neue Einnahmequellen für 'Emmaus' finden. ...

Ein sehr wichtiger Teil meines Friedensdienstes hier ist das Leben in der 'Emmaus'-Gemeinschaft. Dies kann unter Umständen sehr viel Energie kosten. ... Was die anfallenden Hausarbeiten betrifft, arrangieren wir uns prima. ... Was am meisten Energie kostet, ist das Eingehen auf die verschiedenen Bedürfnisse der Mitbewohner und das gilt natürlich für uns alle. An einigen Tagen ist da schon einiges an Spannung zu spüren. ... "

Die Bombe in Omagh, die 29 Menschen getötet hat, wirkte natürlich auch in Belfast nach. Nicole schreibt:

"Die Atmosphäre in den Straßen war sehr angespannt. Ich erinnere mich noch gut an die Schweige-minute, die in der Woche darauf eingehalten wurde. Alle haben für eine Minute die Arbeit eingestellt und es war totenstill in der Stadt. Ich war zu dieser Zeit unterwegs in die Stadtmitte und mir hat die schwere Luft Tränen in die Augen getrieben. An einer Kirche haben hunderte von Menschen Schlange gestanden, die ganze Straße runter alle mit ernsten Gesichtern und ohne ein Wort. ...

Nun noch einige Worte zu meiner Freizeitgestaltung: ... Jedes zweite Wochenende leiste ich es mir, tanzen zu gehen, was meistens ziemlich lustig ist. ...Viel Zeit und Geld hab' ich verschwendet auf der Suche nach einer Disco, die g e n a u s o ist wie meine Lieblingsdisco zu Hause. Irgendwann bin ich dann drauf gekommen, daß ich entweder Trübsal blasen kann, weil ich keine finde, was ja auch logisch ist, denn ich bin nun mal nicht in Deutschland, oder hier etwas finden kann, was mir a u c h gefällt. Seitdem ich das begriffen hab', hab' ich 'ne Menge Spaß hier. ... "

In Belfast ist auch Lars Kirchner. Er arbeitet im Wishing Well Family Centre und schreibt:

"Der erste Monat bei Wishing Well begann für mich mit dem 'Summer Scheme'! Das ist ein Programm speziell für Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich während der Sommerferien keinen gemeinsamen Urlaub leisten können.

Neben Tagesausflügen ... standen auch Kinobesuche auf dem Programm. Leider kann ich nicht gerade sagen, daß wir mit den Filmen 'Godzilla' und 'Dr.Dolittle' pädagogisch wertvolle Streifen sahen. Während Godzilla kräftig in New York City aufräumte, torpedierten sich unsere Kids gegenseitig mit Popcorn, Chips, Dosen und was sonst noch zu finden war. Wir hatten so unsere Mühe, diese Schlacht, welche durch ständige Urlaute wie Gorrr- Gorrr, Urrg, Brrr u.s.w. begleitet wurde, unter Kontrolle zu bringen. Unheimlich frustrierend fand ich aber auch, daß sich die Kinder niemals bei den Betreuern für kostenlosen Eintritt noch für gelassene Nerven bedankten. ...

Zur Zeit haben wir 24 katholische und protestantische Kinder im Kindergarten. Am Anfang hatte ich leichte Schwierigkeiten wie zum Beispiel Berührungsängste und Hemmungen, die ich bis heute noch nicht ganz überwunden habe. Ich versuche aber, mich intensiv und bestmöglichst mit den Kindern zu beschäftigen und zu identifizieren und so haben wir beim Spielen, Kneten, Toben und Malen immer recht viel Spaß." Später sagt Lars:

"Bis heute erfreue ich mich jeden Tag an meiner Arbeit im Kindergarten. Es wird niemals eintönig oder langweilig, weil eben jeder Tag so seltsam anders ist. Plötzlich erwische ich mich selbst, über Sachen nachzudenken, an die ich vorher nie gedacht oder überhaupt nicht gesehen habe. Die große Welt nochmals durch Kinderaugen zu sehen, ist für mich eine sehr wertvolle Erfahrung, welche ich hoffentlich nicht vergessen werde. Natürlich kostet es mich auch eine ganze Menge Kraft und Geduld, immer die richtigen Worte zu finden.

Jeden Dienstag werde ich nach wie vor von unseren lieben Pensionären mit allerlei süßen Leckereien verwöhnt. Sie spielen noch mit derselben Leidenschaft Bingo wie vor ? 10 oder 20 Jahren. ..."

Seine persönliche Situation schildert Lars so:

"Das Haus, in dem ich die nächsten 17 Monate wohne, steht in einem protestantischen Stadtteil von Belfast. ... Meine beiden Nachbarhäuser sind versiegelt, was nicht gerade ein Vorteil ist. Ratten und Tauben haben es in Besitz genommen und fühlen sich sichtlich und riechlich super wohl. ... Ich habe mehr und mehr das Gefühl, in einer Tropfsteinhöhle zu wohnen. Ständig sind die Fensterscheiben beschlagen und die Wäsche trocknet nur sehr langsam. Mein Versuch, ein Feuer zu machen, ging komplett in die Hose - spätestens als das gesamte Wohnzimmer in Rauch und Nebel versank. ... Naja, jedenfalls ist für die nächste Woche ein Schornsteinfeger bestellt. ...

Was ich sehr vermisse, sind Kochrezepte (die lachen mich hier aus für das, was ich zusammenbraue!), Waschmaschine und ein Fahrrad. Freundlicherweise hat mir aber Linda, meine Chefin, angeboten, meine Wäsche mitzuwaschen. Sie hat selbst 11 Kinder, da dürften meine Unterhosen nicht sehr auffallen. ..."

Das furchtbare Bombenattentat in Omagh hat auch Lars sehr erschüttert:

"In den folgenden Tagen war die Stimmung in Belfast sehr bedrückt aber auch gespannt. Gerade auch in meiner Gegend waren die Nächte sehr unruhig - ständig heulende Sirenen und ein in der Luft stehender Hubschrauber raubten mir fast den letzten Nerv. Zum Glück gab es aber keine weiteren Ausschreitungen. ... Jedenfalls ist jetzt aber wieder mehr Bewegung in den Friedensgesprächen zu verspüren. Im Gegensatz dazu hat man heute die 'Peaceline' zwischen dem protestantischen Viertel Alliance und dem benachbarten katholischen Ardoyne um einen Meter erhöht. Auf Wunsch der Anwohner (beider Seiten) beträgt die Höhe nunmehr vier unüberbrückbare Meter.

Ich habe mich darauf gefragt, was sich wohl die kleinen Kinder dabei denken. Es scheint noch ein langer Weg bis zur Versöhnung zu sein. Umsomehr fühle ich mich aber hier in meiner Arbeit bestärkt. ..."

Mit Kindern hat auch Gunna Bittroff zu tun. Sie macht Dienst im Frauenhaus (Women's Aid) in Belfast. Dazu sagt sie in ihrem ersten Rundbrief:

"Women's Aid ist eine Organisation, die mehrere Frauenhäuser in Belfast sowie auf dem Land hat. ... Als eine der wichtigsten Aufgaben wird die Betreuung der Kinder angesehen, denn vielfach kommen die Frauen an mit mehreren Kindern, die all die Situationen von häuslicher Gewalt oft jahrelang miterleben mußten und dadurch eigentlich die Hauptbetroffenen sind. Viele Seminare sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Mütter werden durchgeführt, um für die Problematik sensibel zu machen.

Ich arbeite für Women's Aid als Kinderbetreuerin. Anfangs war das für mich ganz schön schwer. Verstehe ich schon schlecht die englische Sprache, so wird dies noch erschwert durch den nordirischen Akzent und diesen dann noch in Kindersprache, das hat mich anfangs verzweifelt gemacht. Außerdem war ich ja nie so eine phantasievolle Spielgefährtin für Kinder, dies war anfangs alles sehr problematisch. Ich fühlte mich über- und unterfordert, wagte kaum, vor Hemmungen den Mund aufzumachen und befürchtete, nie einen Kontakt sowohl zu den Kindern als auch zu den Frauen herstellen zu können. Nun nach zwei Monaten sieht das doch schon ganz anders aus. Mein Englisch ist immer noch nicht brillant, obwohl mir das von den freundlichen irischen Frauen immer erzählt wird, aber ich habe gelernt, daß es nicht so furchtbar ist, wenn ich mal freundlich ausgelacht werde, oder wenn die Kinder mich hin und wieder so anschauen, als sei ich ein Wesen von einem anderen Stern. Ich verstehe in der Zwischenzeit fast alles, die Kinder wenden sich an mich, haben sich an mich gewöhnt, und da ich ja eine runde freundliche Großmutter bin, mögen mich auch die meisten. ... Selbst ich bin in der Zwischenzeit doch schon beträchtlich phantasievoller und geschickter geworden.

Jetzt habe ich angefangen, sonntags zu arbeiten, wo ich dann die einzige Mitarbeiterin bin, an die sich die Frauen wenden können. Dadurch bekomme ich auch direkter die einzelnen Schicksale der Frauen mit, die manchmal wirklich schrecklich sind. Oft empfinde ich es sehr hilfreich, daß ich keine junge Frau mehr bin. Erstens denke ich, erzeugt es mehr Vertrauen, und es erschreckt mich nicht so sehr, wenn die Atmosphäre im Haus manchmal schwer oder aggressiv ist, denn das enge Zusammenleben von so vielen Frauen aus allen Schichten der Bevölkerung, und vor allem für Nordirland wichtig, mit verschiedenen Religionen, ist nicht frei von Konflikten. ...

Ich denke, meine wichtigste Erfahrung in dieser Zeit ist, wie schwer es ist, wenn einem plötzlich die Sprache als Kommunikationsmittel fehlt. Oft dachte ich, alle jungen Menschen sollten solch eine Zeit in der Fremde erleben, damit sie toleranter z.B. ihren ausländischen Mitbürger betrachten. Auch war es spannend und lehrreich und auch schmerzlich für mich, plötzlich nicht mehr als tüchtig und kompetent betrachtet zu werden. Oft fühlte ich mich so dumm, daß ich glaubte, ich würde das nicht länger aushalten.

Es ist wirklich erstaunlich, daß sich dies alles nach so kurzer Zeit so geändert hat, aber es ist sicher auch zu einem großen Teil den wirklich immer liebenswürdigen Frauen zu verdanken, mit denen ich zu tun habe. Fast jeden Tag habe ich irgendein nettes Erlebnis, welches mich beglückt und beschenkt. ..."

Ebenfalls in Belfast ist Stephan Giese. Er arbeitet bei Tools for Solidarity (TFS). Wie könnte das griffig übersetzt werden: ''Werkzeuge aus (für) Solidarität", "Solidarisches Werkzeug", "Solidaritätswerkzeug"???? Jedenfalls steht in Stephans erstem Rundbrief:

"Wir sind zur Zeit fünf Leute, die ganztags beschäftigt sind. ... Jeder hat die gleiche Verantwortung, die Meinungen der einzelnen sind gleich gewichtet. Alle Entscheidungen werden über einen Konsens gefällt. Das ist ein tolles System, nur für mich etwas ganz Neues. Ich mußte gleich vom ersten Tag an Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. ...

Meine Aufgabe besteht zur Zeit hauptsächlich darin, Werkzeuge zu reparieren (eine Arbeit, die echt super interessant ist; ich hätte niemals gedacht, daß es so viele verschiedene Werkzeuge gibt), zu lernen, wie man sie benutzt und mit anderen Leuten, die nur einmal in der Woche in die Werkstatt kommen und helfen wollen, zusammenzuarbeiten. ...

Seit vier Wochen haben wir auch ein Programm mit 'Give and Take' ('Gib und Nimm'), das ist eine Organisation, die versucht, schwer erziehbaren Kindern/Jugendlichen, die vom 'Weg' abgekommen sind, zu helfen und ihnen durch eine Ausbildung, wie z.B. bei uns, später vielleicht eine Chance auf einen Arbeitsplatz zu ermöglichen. Einer dieser Jugendlichen arbeitet dreimal die Woche mit uns zusammen. Er ist von der Schule geflogen und nimmt an dem Projekt teil, anstatt ins Gefängnis zu gehen. Ich weiß nicht, was er getan hat, aber bestimmt nichts Gutes! Er ist ein netter Kerl, aber sehr schwer zu motivieren. Er hat nur Interesse für die Werkzeuge, die man als Waffen benutzen könnte. Er ist sehr nervös, liebt es, in der Werkstatt zu randalieren, kann aber auch Tage haben, wo er einfach seine Arbeit erledigt und zufrieden nach Hause geht. ...

Die Werkzeuge, die wir reparieren, werden hauptsächlich nach Tanzania verschickt. Dort haben wir eine Partnerorganisation, genannt SIDO (Small Industries Development Organisation), die für uns die einzelnen Gruppen besucht, entscheidet, ob die Gruppen, die die Werkzeuge anfordern, diese auch wirklich benötigen, und uns dann die Werkzeuganforderungen zusendet. ... Gerade in diesem Moment haben wir eine Nachfrage für 54 Werkzeugkisten. Wir haben 7 verschiedene Typen von Werkzeugkisten: für Schreiner, Hausbauer, Auto- und Fahrradmechaniker, Gärtner, Schuhmacher, Schmiede und Schneider. ...

Zur Zeit läuft auch eine Nähmaschinenaktion in Belfast. Wir sammeln mit der Hilfe einer anderen Organisation alte, handbetriebene Nähmaschinen ein. Viele Menschen, auch in Deutschland, sehen diese Maschinen nicht mehr als Werkzeug an und schmeißen sie einfach weg oder halten sie als nette anschauliche Blumentopfgeräte - welche Verschwendung, in Afrika können sich Menschen mit Hilfe diese Maschinen Geld verdienen - sich etwas zu essen kaufen und überleben - in ihren Häusern.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit ist die Öffentlichkeitsarbeit. Wir versuchen, den Menschen zu verdeutlichen, ihnen zu vermitteln, daß wir nicht so weiterleben können, wie wir es bisher tun. Unser Reichtum, unser problemloses Leben ist nur deshalb möglich, weil wir andere Menschen, andere Länder ausnutzen. Wieviel würde wohl unser Kaffee oder Tee kosten, wenn er fair gehandelt würde? ...

Wir versuchen auch, den Menschen hier das Recycling näher zu bringen. Hier in Nordirland wird so gut wie überhaupt nicht recycled. ...

Nun bin ich schon 3 Monate in Belfast und komischerweise gefällt mir diese Stadt. Das Leben ist hier ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich möchte nicht leugnen, daß man den Konflikt täglich spürt, ich will auch nicht sagen, daß der derzeitige Frieden ein wirklicher Frieden ist, aber man kann sich hier wohl fühlen, man kann glücklich sein auch ohne Luxus, ohne politische Stabilität. So wie es die Menschen hier seit Jahren gewohnt sind. .."


Aus einem anderen gebeutelten Land liegt vom letzten August ein Rundbrief von Johannes Ganser vor. In Sarajewo/Bosnien leisten er, Sina Balke und Rüdiger Ratsch-Heitmann einen Friedensdienst. Johannes, Sina und Rüdiger"leiten zur Zeit zusammen mit einer anderen 'Schüler-Helfen-Leben' (SHL)-Mitarbeiterin ein multiethnisches Jugend-Sommer-Lager in Ungarn. Dieses Mal 50 km westlich von Budapest veranstaltet SHL, wie schon in den vergangenen Jahren ein Sommerlager für 15 Jugendliche aus allen drei Teilen Bosnien-Herzegovinas und für 15 Jugendliche aus Deutschland. Das Ziel dieser Sommercamps ist zum einen die Begegnung von jungen Serben, Kroaten und Moslems, die auf einem solchen Camp ganz nebenbei erfahren, daß die Altersgenossen der anderen Volksgruppe Menschen wie sie selbst sind mit ähnlichen Alltagssorgen, Wünschen und Problemen. Weiterhin haben Jugendliche aus Deutschland die Möglichkeit, selbst ihren Horizont zu erweitern, etwas über das Leben in einem zu Deutschland sehr verschiedenen Land zu erfahren - und nicht selten haben Jugendliche während einer solchen Reise beschlossen, sich auch weiter für 'Schüler-Helfen- Leben' zu engagieren.

Bisher ist das Camp ein voller und in diesem Maße nicht erwarteter Erfolg. Von Beginn an ist die doch sehr große Teilnehmergruppe zu einer Einheit zusammengewachsen, auch nach dem Ende der inhaltlichen Workshops bleiben sie zusammen, sitzen ums Lagerfeuer, reden und singen.

Selbst über das heikle Thema Krieg und die gedankliche und räumliche Trennung Bosniens wurde schon oftmals gesprochen, auch heiß - aber trotzdem sehr fair und offen diskutiert. Die Teilnehmer haben schon nach wenigen Tagen die so tief in den letzten Jahren in die Köpfe von außen hineingepreßte Trennung der Volksgruppen überwunden und neue Freunde gefunden.

Bei der Zwischenauswertung gestern abend sagten viele, daß das Camp mit das schönste Erlebnis der letzten Jahre ist - was will man sich mehr erhoffen?

Wir hoffen bei solchen multiethnischen Camps immer auch besonders auf einen Multiplikatoreffekt - Zuhause im Freundeskreis und in der Schule werden die Teilnehmer von ihren neuen Erfahrungen berichten, und der Abbau von Vorurteilen wird wenigstens in der neuen Generation bei immer mehr Jugendlichen möglich. ..."

Um das Nord- und Südprogramm von EIRENE zu verbinden, möchte ich zu guter Letzt wieder aus einem Brief von Maria und Alo Müller-Giebels zitieren:

"Niamey, den 23.12.1998.

Wir sind mit EIRENE übereingekommen, daß wir jeweils 3 Monate des Jahres hier im Niger einen freiwilligen Kurzzeitdienst übernehmen. Nun sind wir zum zweiten Male hier. ...

In den letzten Jahren fiel im Niger so wenig Regen, daß in manchen Gebieten eine Ernte kaum stattfinden konnte. ... In diesem Jahr dagegen ... hat es sehr viel und regelmäßig geregnet, so daß die Ernte, im Bezug zu den hiesigen Bodenverhältnissen, gut war. ... Viele Menschen jedoch, besonders jene, die in der Nähe des Niger-Flusses lebten, verloren ihre Hütten oder Häuser durch die Regenfälle und leben bis heute in Notunterkünften am Stadtrand von Niamey oder bei Verwandten. Wenn es hier regnet, dann oft in Sturzbächen, und das trägt natürlich sehr zur Erosion bei. ...

Aber aufs Ganze gesehen war der Regen doch ein Segen nach den Dürrejahren. Außergewöhnlich gut war die Ernte dort, wo die Bauern die Zai-Methode angewandt haben. Ihr erinnert Euch: Im letzten war die Nahrungsmittelhilfe an das Ausgraben von Löchern für die Hirsesaat gebunden. Es wurden Löcher von 20 cm Durchmesser und 25 cm Tiefe ausgehoben und mit Mist gefüllt, den man im Gourmantché-Gebiet gut sammeln kann, weil die Peul- Viehzüchter und Nomaden regelmäßig mit ihren Herden vorbeiziehen. Der Vergleich der Ernteergebnisse dieses guten Jahres hat besonders eindrucksvoll gezeigt, daß die Zai- Anbaumethode der konventionellen Anbaumethode erheblich überlegen ist. ...

Wir sind froh, daß die Nahrungsmittelhilfe in diesem Jahr nicht erforderlich ist und daß wir eine andere Arbeit machen können. Nahrungsmittelhilfe ist immer auch problematisch, weil sie die Eigeninitiative der Menschen bremst oder sogar lähmt, wenngleich sie notwendig sein kann, um Menschen gegen den Hungertod oder andere schlimme Folgen des Hungers zu schützen.

Seit geraumer Zeit kommen aus den Dörfern der Gourmantché Anfragen, ob nicht eine Hilfe möglich wäre zur Errichtung von Dorfapotheken. ... Wir haben in den ersten Wochen bei den verschiedenen in Niamey ansässigen Organisationen und auch bei den Stellen des Gesundheitsministeriums Daten gesammelt, die Auskunft geben über die Lage im Gesundheitssektor auf der nationalen Ebene. Das Bild ist nicht rosig. ... Ab Januar sollen in 3 repräsentativen Dörfern Versammlungen mit der Bevölkerung stattfinden, um die Lage im lokalen Bereich zu ermitteln und ein genaueres Bild zu bekommen. Es wird mit partizipativen Methoden gearbeitet, die möglichst viele Menschen mit einbeziehen. Das ist nicht leicht, wenn man daran denkt, daß zu 90% der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann. ... Wir möchten, daß sich die Dorfbewohner bereits durch die Befragung selbst in Bewegung setzen, um das für ihre Gesundheit zu tun, was ihnen möglich ist. Ohne Eigeninitiative der Bevölkerung ist jedes 'Entwicklungsprojekt' nämlich zum Scheitern verurteilt. Und die Leute werden zu passiven Almosenempfängern erzogen und degradiert.

Alo hatte noch einen anderen Auftrag, den er inzwischen in die Tat umgesetzt hat. Schon jahrelang treibt ihn die Tatsache um, daß die afrikanische Sonne ein unerschöpfliches Energiereservoir darstellt, das genutzt werden müßte, zumal in Ländern wie dem Niger, wo die Wüste stetig voranschreitet. In Burkina Faso hat er bereits Solarkocher gebaut. Einige Zahlen machen die prekäre Lage im Niger sofort deutlich: 90% der Haushalte benutzen (notgedrungen) Brandholz, um ihren täglichen Energiebedarf zu decken, d.h.: sie gebrauchen es für die tägliche Nahrungsmittelzubereitung. ... Jedes Jahr verschwinden 200 000 Hektar Fläche mit Baumbewuchs, während das Maß der Wiederaufforstung nur 3 000 Hektar pro Jahr beträgt. Der Zustand der völligen Entwaldung zeigt sich bereits am Horizont. Die Nutzung der Solarenergie auf breiter Basis wäre also e i n e der dringend erforderlichen Maßnahmen.

Die afrikanischen Mitarbeiter von EIRENE-PAAP (Programme d'Appui à l'Autopromotion Paysanne) in Agadez haben Interesse angemeldet, den Solarkocher SK 12 der Entwicklungshilfeguppe der Staatlichen Berufsschule in Altötting kennenzulernen, einen Solarkocher mit Parabolreflektor, der es erlaubt, in einem Durchgang das Essen von bis zu 20 Personen zu kochen. ...

Die Leute von PAAP brauchten nicht erst davon überzeugt zu werden, daß die Nutzung der Solarenergie hier sinnvoll ist. So hat Alo mit zwei Mechanikern des PAAP einen Musterkocher gebaut. .. Es ließe sich denken, daß im nächsten Jahr in Agadez eine kleine Kocherwerkstatt entsteht. Aber darüber entscheiden hier die Leute selbst, nachdem sie mit dem Kocher ihre Erfahrungen gemacht haben und nachdem sie überlegt haben, unter welchen Bedingungen sich ein solches Kocherprojekt durchführen ließe. Jedenfalls haben die Animatoren schon ausgerechnet, daß man kein Jahr braucht, um den Kocher zu bezahlen, wenn man allein den Betrag von 500 CFA zugrunde legt, den das Brandholz für die Mahlzeiten (in den Städten) täglich kostet. ...

Niamey bietet das gleiche Bild wie im Vorjahr: Viele Bettler und Straßenverkäufer, die einem unbedingt etwas aufdrängen wollen, auch wenn man schon beteuert hat, daß man es nicht braucht. Es ist nicht immer gut zu ertragen, wenn man so bedrängt wird, aber wir erinnern uns auch schnell wieder daran, daß zwei Drittel der Bevölkerung im Niger mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze lebt. Ihr Jahreseinkommen beträgt weniger als umgerechnet 250 DM. So kann man vieles verstehen. ...

Die Verhältnisse hier haben uns von neuem klargemacht, daß wir vor allem in unseren Ländern den Druck verstärken müssen, damit zum 'Jubiläum 2000' ein bedingungsloser Schuldenerlaß für die armen Länder der Erde durchgesetzt wird."

Verabschieden möchte ich mich heute mit einem Spruch, den Fabian Sattler geschickt hat:

Das Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum oder Wohlstand.
Das Gegenteil von Armut ist Gerechtigkeit.
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