Internationaler Christlicher Friedensdienst

Rückblickend merkt man schnell, dass die Arche eben doch ein in sich relativ abgeschlossener Mikrokosmos ist

Michael Braun schreibt in seinem letzten Rundbrief über das bisher intensivste Jahr seines Lebens, über seine weitere Verbindung zur Archegemeinschaft und Zukunftspläne (August 2008)

Michael Braun Mainz, den 22. August 2008



ARCHE PARIS

RUNDBRIEF NUMMER VIER

DIENSTBEGINN: 2. SEPTEMBER 2007


Liebe Spenderinnen, liebe Spender, liebe Familie und liebe Freunde,


zum letzten Mal sitze ich vor dem Bildschirm und frage mich, wie ich meinen Rundbrief einleiten soll. So viele Bilder sind in meinem Kopf, so viele Erinnerungen an das, was fast schon Vergangenheit ist. Fast, aus zwei Gründen. Wir schreiben den 15. August. Am 24. August werde ich noch ein letztes Mal für drei Wochen in die Arche Paris zurückkehren, um meinen Dienst – nach vier Wochen Sommerpause – standesgemäß abzuschließen. Aber der zweite Grund ist noch wichtiger: Wenn man ein ganzes Jahr lang mit sieben anderen Menschen auf engstem Raum gelebt hat, kann man nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden und das will man auch nicht. Aus den Begegnungen, die ich in diesem Jahr gemacht habe, sind Freundschaften, teilweise sogar sehr gute Freundschaften, geworden, die ich mir, das ist wenigstens der Plan, so lange wie möglich bewahren möchte. Da wären sowohl die Assistenten und behinderten Personen der Arche zu nennen als auch einige andere Eirene-Freiwillige.


Im Moment bin ich jedenfalls im Urlaub. Rückblickend merkt man schnell, dass die Arche eben doch ein in sich relativ abgeschlossener Mikrokosmos ist. Wenn ich jetzt – außerhalb des Foyers – banalen Dingen nachgehe, Nachrichten schauen, mich mit Freunden treffen, bin ich überrascht, wie sehr einen das Gemeinschaftsleben in gewisser Weise eingeschränkt hat. Kurz zusammenfassen kann man diese Überlegungen so, dass ich letzten Endes außerhalb der Arche nur für mich selbst verantwortlich bin, innerhalb derselben aber für mich und ein ganzes Foyer, fünf behinderte Menschen inklusive. Das ist – so betrachtet – schwer zu verdauen. Aber auch eine Wahnsinnserfahrung.


Ich habe dieses Jahr in der Arche mit Sicherheit eines der schönsten und intensivsten Jahre meines bisherigen und – ohne pessimistisch klingen zu wollen – wahrscheinlich gesamten Lebens verbracht. Schon das gemeinschaftliche Zusammenleben mit sieben anderen Menschen, völlig gleich, ob mit oder ohne Behinderung, in einer Wohnung ist eine Herausforderung. Aber da hört es schließlich nicht auf: Unser Foyer stellt nur einen kleinen Teil der über 120-Mann starken Pariser Archegemeinschaft dar. So viele Menschen, so viele Lebensgeschichten, dass es manchmal anstrengend, immer aber bereichernd ist.


Wie bereits gesagt, einfach abhauen geht da nicht. Der Beweis: Alle, ausnahmslos alle Assistenten vom letzten Jahr sind dieses Jahr bereits einmal oder sogar mehrmals in Paris vorbeigekommen. Oft ist es so, als sei man nie fort gewesen. Immerhin lebt die Arche von stark geregelten Tagesabläufen und Strukturen und man sitzt schnell lachend zusammen, wenn man merkt, dass Paul immer noch jeden Abend zur selben Zeit vor die Tür tritt, um an der Farbe des Himmels das Wetter des nächsten Tages vorauszusagen – genauso wie er es wahrscheinlich seit seiner Ankunft im Foyer Le Gué, also vor 25 Jahren, immer gemacht hat. Dazu hat Jana mir neulich etwas gesagt, wozu ich ihr nur zustimmen kann: Solche kleinen sympathischen Rituale oder sogar Macken fehlen nichtbehinderten Menschen. Für sowas haben wir keine Zeit, weshalb ich froh bin, mir wenigstens ein Jahr meines Lebens für genau das Zeit genommen zu haben.


Was erwartet mich in meinen letzten drei Archewochen? Die erste der drei Wochen wird mit Sicherheit relativ entspannt, da die meisten behinderten Archebewohner noch im Urlaub sind und dementsprechend nur zwei von vier Foyers geöffnet sind. Die doch noch Anwesenden schlafen aus (so hoffen es zumindest die Assistenten) und ansonsten hat man – wie im Urlaub – relativ viel Budget, um in Paris und Umgebung Ausflüge zu machen und gut zu essen.

Danach allerdings kommen die Neuen an. Wenn ich nochmal für so kurze Zeit nach Paris zurückfahre, dann liegt das auch daran, dass alte Assistenten benötigt werden, um den Übergang zu den neuen herzustellen. Das heißt für mich, dass ich Anfang September die Menschen, denen im nächsten Jahr meine Aufgaben, mein Zimmer, mein Leben zufällt (so fühlt es sich wenigstens an!), auch noch einarbeiten muss. Eine ganz schöne Zumutung.


Nein, ganz so sehe ich die Sache nicht. Es ist zwar wahr, dass es ein sehr komisches Gefühl sein wird, zu sehen, wie jemand innerhalb dieser zwei Wochen exakt meine Rolle übernimmt, aber ich habe mich freiwillig dazu entschieden, diesen Übergang noch mitzumachen. Einerseits spielt dabei jedenfalls mein „Beschützerinstinkt“ eine Rolle, der mir sagt, dass es gut ist zu wissen, wer denn da nächstes Jahr das Foyer Le Gué zusammenhält (und dass sie es bitte auch so tun, wie ich das für richtig halte), andererseits will ich auch für mich wissen, wen ich denn da am Hörer habe, wenn ich demnächst telefonisch den Kontakt zur Arche suche. Insofern freue ich mich, ein bisschen Zeit zu haben, um die neuen Assistenten kennen zu lernen.

Außerdem sind wir im September letzten Jahres auch in den Genuss gekommen, Clara und Karim bei uns zu haben. Denn am Anfang ist man überfordert.


Jana ist schließlich schon weg und Maryuri bleibt sowieso noch bis Januar, weil sie auch verspätet ihr Jahr begonnen hatte. Also doch eine beruhigende Konstante.

Mit Jana und Maryuri habe ich eine letzte gemeinsame Woche in Barcelona verbracht. Der Abschied von Jana ist mir wirklich sehr schwer gefallen und wir mussten beide unsere Tränen wegdrücken. Immerhin war das Gemeinschaftsleben für mich genauso von Vorteil wie für die Behinderten, die in der Arche leben: Immer war jemand da, wenn es mir schlecht ging, immer konnte ich mich irgendwo ausweinen, und immer war es ganz seltsam, wenn Jana im Urlaub oder auf Seminaren, jedenfalls nicht anwesend, war. Danke, Jana, für das wunderschöne Jahr, das ich mit dir verbringen durfte, egal, wie schnulzig das für alle anderen Leser klingt. Du weißt, was ich meine. Lass uns für immer in Kontakt bleiben. Jeden Donnerstagabend um 23 Uhr auf Skype oder so. Ja?

Für eben diese anderen Leser noch eine kurze Erklärung: Ein Jahr lang war Jana das erste, was ich morgens nach dem Aufstehen gesehen habe, und das letzte, was ich vor dem Schlafengehen gesehen habe. Trotzdem haben wir uns fast nie gestritten (und wenn, dann lag es an mir). Unsere Zimmer lagen einander direkt gegenüber und so haben wir uns wirklich so gut wie jeden Abend mit Bises einander „Bonne nuit!“ gewünscht. Das prägt. Jana, ich werde dich wirklich vermissen.


Ich habe noch eine andere Art und Weise gefunden, mit der Arche in Kontakt zu bleiben. Ich werde mich weiterhin engagieren. Seit einigen Jahren haben ehemalige deutsche Assistenten der Arche Paris in Berlin ein Netzwerk aufgebaut, welches den Kontakt zu den Parisern aufrecht erhält. Zu den wichtigsten Aktionen gehören stetige Kommunikation über den Arche-internen Blog und regelmäßige Besuche und Treffen. Am wichtigsten jedoch ist, dass das deutsche Netzwerk jedes Jahr einen Assistenten und zwei behinderte Archebewohner zu sich für ein langes Wochenende nach Berlin einlädt. Das wird schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich so gemacht. Ich werde – entgegen Ihren Erwartungen – diesem Netzwerk nicht beitreten.

Stattdessen haben Jennifer, eine englische Mitassistentin und sehr gute Freundin, die nächstes Jahr in London studieren wird, und ich uns angeboten, ein solches Netzwerk auch für Großbritannien zu gründen (da ich die nächsten beiden Jahre dort verbringen werde). Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen, würde aber vermutlich einen so schön klingenden Namen wie „Le Réseau Britannique de l’Arche à Paris“ tragen. Unser Ziel ist es, neben dem permanenten Kontakt mit den Parisern, es dem deutschen Netzwerk so schnell wie möglich gleich zu tun und ein paar Leute für ein langes Wochenende nach Großbritannien einzuladen.


Wie geht es sonst bei mir weiter. Berechtigte Frage, die Sie sich (vielleicht) stellen. Am 14. September geht es, wie gesagt, zum letzten Mal mit dem superpraktischen ICE direkt vom Pariser Ostbahnhof zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter nach Mainz, wahlweise mit der S8 oder der S9.

Nach zehn Tagen in Mainz geht es für eine Woche zum Rückkehrerseminar von Eirene nach Neuwied, wo ich endlich alle Frankreich- und Belgien-Freiwilligen sowie die seit dem Ausreisekurs längst überfälligen USA-Freiwilligen wiedertreffe.


Anfang Oktober dann werde ich nach England fliegen, wo ich englisches und französisches Recht studieren werde. Es handelt sich hierbei um einen Doppeldiplomstudiengang zwischen der Universität Cambridge und der Universität Paris II Panthéon-Assas. Wenn alles gut geht, verbringe ich die nächsten zwei Jahre in England und die darauffolgenden zwei Jahre in Frankreich. Deutschland wird mich also weiterhin nur in den Ferien sehen. Soviel dazu.


Vor allem, ja vor allem möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Unterstützung bedanken. Soviel ist klar: Wenn Sie mir nicht dabei geholfen hätten, die erforderliche Summe für meinen Spenderkreis aufzubringen, wäre es nie zu meinem Jahr in der Arche Paris gekommen. Was für mich aber noch viel mehr zählt, ist das Vertrauen, das Sie auf diese Weise in mich gesetzt haben und das mir Rückhalt gegeben hat und auch weiterhin geben wird. Das macht für mich den wahren Unterschied. Wenn ich Rundbriefe geschrieben habe, habe ich dadurch, dass ich versucht habe, Ihre Sichtweise anzunehmen, eine Distanz zu meinem Projekt aufbauen können, die mir eine große Stütze war. Besonders habe ich mich dementsprechend auch über die große positive Resonanz gefreut. Es ist schön zu wissen, dass es daheim Menschen gibt, die mit Interesse verfolgen, was ich erlebt habe und erlebe.


In diesem Sinne möchte ich auf meine obenstehende Adresse verweisen, da ich, auch wenn es ab jetzt keine regelmäßigen Rundschreiben mehr gibt, nicht aus der Welt bin. Meine E-Mail-Adresse funktioniert immer und sobald ich in Cambridge ankomme, habe ich auch eine eigene Adresse.


Bei der ganzen Abschiedsstimmung möchte ich eins allerdings klarstellen: Ich verabschiede mich von der Arche (und auch das nur sehr bedingt), nicht von Ihnen. Deshalb will ich mich hüten, Ihnen alles Gute zu wünschen, und wünsche Ihnen stattdessen vorübergehend einen schönen Restsommer!


Bis bald, Michael






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