Internationaler Christlicher Friedensdienst

Der Friedensdienst hat meine Perspektive, mein Denken, mein Ich verändert

Marie Heiderich berichtet von den letzten Wochen in der Emmaus-Gemeinschaft in Paris (eine Lebensgemeinschaft mit Obdachlosen) und den letzten 3 Monaten ihres Dienstes, den sie in der Emmaus-Gemeinschaft in Madagaskar verbrachte. (Oktober 2007)

Liebe Leute,

ein weiteres Kapitel meines Lebens ist abgeschlossen. Der Friedensdienst hat meine Perspektive, mein Denken, mein Ich verändert und ich kann mit einer gefestigten Weltanschauung die Zukunft angehen. Die letzten Monate bei Emmaüs waren turbulent, abwechslungsreich und für mich sehr erfüllend- die schönste Zeit des Jahres. Ich hatte mir schlussendlich die französische Sprache untertan gemacht, die Beziehungen zu meinem Mitmenschen wurden immer persönlicher und herzlicher und selbst die große Stadt fühlte sich endlich als mein Zuhause an. Dazu gab es im Emmaüs- Leben einige Ereignisse, die den Alltagstrott unterbrachen und mir ermöglichten, mich frei und zum größten Teil selbstbestimmt deren Vorbereitung zu widmen:

Der Sonderverkauf auf dem „Salon Emmaüs“, einer Messe zu Gunsten von Emmaüs International gestaltete sich als dynamisch- chaotische Aktion mit hohem Spaßfaktor und ansehnlichem Erfolg.

Für kurze Zeit später war die große 35-Jahrs-Feier unserer Gemeinschaft geplant, weshalb ich die Instandsetzung der Außenanlagen übernahm. Zur Freude der Gemeinschaftsmitglieder fand ich immer neue Malerarbeiten und machte meinem Spitznamen „Petit Oiseau“ alle Ehre, indem ich schließlich selbst die Schornsteine des Nachbargebäudes strich.

Im Vorfeld der Feierlichkeiten erstrahlte die Gemeinschaft nun im ungewohnten Glanze einer Weltoffenheit, Unbeschwertheit und Vorfreude, vorgelebt durch die temperamentvollen Gäste aus Portugal, Brasilien und Madagaskar. Die Hochstimmung hielt bis um vier Uhr nachmittags des Festtages, als ein gewaltiges Unwetter auf die rund 400 Gäste niederging und das festliche Treiben kurz vor seinem Höhepunkt abgebrochen werden musste.

Mit dem Fest war der Endspurt meines Emmaüs- Jahres eingeläutet, ich übernahm eine neue, verantwortliche und fordernde Aufgabe: Die Koordination der Wohnungsausräumungen in der Telefonzentrale.

Außerdem bereitete ich mich auf den letzten Akt meines Dienstes vor, dem einmonatigen Besuch und Praktikum in der Gemeinschaft „Emmaüs Vie“ auf Madagaskar.

Madagaskar

Diese Reise wurde für mich eine sehr prägende und spannende Erfahrung, von der ich Euch in diesem Brief hauptsächlich berichten möchte: Bereits im Januar hatte ich Pascal, den Verantwortlichen der madagassischen Emmaüs Gemeinschaft kennen gelernt, hatte begeistert von seinen Projekten und Ideen gehört und war von ihm kurzerhand in sein Land eingeladen worden. Lange Zeit hielt ich das Projekt für unrealisierbar, doch als Jacques, unser Verantwortlicher auf meinen Wunsch alles andere als ablehnend reagierte, konnte ich Schritt für Schritt an der Realisierung arbeiten und schließlich für den 26. August ein Flugticket erstehen. Zu diesem Zeitpunkt sollten auch Pascal mit seiner Frau Laurence nach Madagaskar zurückkehren, da sie zuvor zum Anlass unserer Feier nach Paris gekommen waren und danach auf der Suche nach Unterstützung Emmaüs Gemeinschaften in Frankreich, Italien und Deutschland besucht hatten; Nachdem ich mein Zimmer geleert und in Kisten verpackt hatte und mir am Vorabend meiner Abreise von den Emmaüs Compagnons ein bewegender Abschied bereitet worden war, konnte ich mich mit freiem Kopf und offenen Augen auf die Fahrt begeben.

Erste Eindrücke

Bei meiner Ankunft war mir sofort klar, dass das Erlebnis Madagaskar in keinem Photo, keinem Bericht adäquat und nachfühlbar eingefangen werden könne. Nur die hautnahe Begegnung mit dieser Welt kann zu einem Verständnis des afrikanischen Lebens führen. Mein erster Eindruck war ein großes Wimmeln. Auf dem Weg nach Hause bahnte sich das Auto seinen Weg durch die Straßen, zwischen Hühnern, Ochsenkarren und Pousse- pousse Rikschas. Dunkelhäutige Menschen mit ganz erstaunlichen Lasten auf den Köpfen kreuzten von Kindern gefolgt die Fahrbahn und standen in krassem Kontrast zu den Botschaftern der weißen, westlichen Welt, die ihnen auf den Werbeplakaten nahe legten, sich von der „Bank Of Africa“ ihre Träume erfüllen zu lassen oder sich mit Coca- Cola das Leben zu versüßen. Ein weiterer gewöhnungsbedürftiger Effekt war, dass ich als Weiße (madagassisch Vazaha, sprich „Wasa“) allerorts für Aufsehen sorgte. Die Kinder riefen mir „Bonjour Vazaha“ hinterher, in der Stadt wurde ich von Bettelnden umringt, und beobachtet fühlte ich mich auf Schritt und Tritt. Schön war aber auf der anderen Seite, dass meine Anwesenheit häufig für ein Lächeln auf den Gesichtern sorgte und mein persönliches Verhalten ihr Bild der Weißen entscheidend prägen konnte. Eine schöne Verantwortung.

Die Madagassen

Auffällig besonders für Europäer, die sich häufig schwer tun, afrikanische Gesichter zu unterscheiden, ist die physiognomische Unterschiedlichkeit der Madagassen. Man erkennt deutlich afrikanische Grundzüge, die jedoch mit indisch- südostasiatischen Elementen und sogar Schlitzaugen kombiniert sind. Jede, der 18 auf Madagaskar lebenden ethischen Gruppen hat seine eigene Herkunftsgeschichte, gemeinsam sind ihnen jedoch die Sprache und die geringe Körpergröße. So hatte ich zum Beispiel die durchschnittliche Größe eines madagassischen Mannes und erfuhr das erste Mal im Leben, was es heißt, groß zu sein. Die Madagassen verfügen über einen enormen kulturellen Reichtum- weder die Herrschaft der Araber bis ins 19. Jh. die Christianisierung durch die Engländer noch die französische Kolonialzeit konnten die madagassischen Traditionen und ihren ausgeprägten Ahnenkult verdrängen. Selbst heute wird auf Madagaskar ein Leben zwischen westlichen Einflüssen und Traditionsbewusstsein geführt, junge Leute tanzen genauso begeistert auf Techno, wie auf madagassische Volkslieder. Obwohl die Mehrheit der Madagassen den christlichen Glauben praktiziert, spielen ihr Ahnenkult und diverse Rituale im Familienleben eine große Rolle. Beispielsweise wird, um die Toten am Leben im Diesseits teilhaben zu lassen, in fünfjährigen Abständen die sog. „Totenumdrehung“ gefeiert. Alle Toten werden aus den Familiengräbern herausgeholt, in neue Tücher gewickelt und von den jungen Männern in einer Zeremonie um die Gräber getragen. Damit werden sie an ihre Verantwortung gegenüber ihren Vorfahren erinnert und der Familienzusammenhalt gestärkt.

„Wir sind im Herzen reich, haben Familie, Kultur und Gottvertrauen- doch nach außen sind wir arm“

Madagaskar gehört zu den ärmsten Ländern der Welt, trotz des fruchtbaren Bodens herrscht bei der Landbevölkerung große Armut, durch Landflucht wachsen die Slumgürtel um die großen Städte und große Teile der Bevölkerung leben durch Betteln von der Hand in den Mund. Mit weniger als einem US- Dollar pro Tag und Person bleibt nichts, um in die Zukunft zu investieren oder für den Krankheitsfall zurückzulegen. Soziale Sicherheit ist ein großer Traum- Hunger und Obdachlosigkeit allgegenwärtige Gefahren. Gerade in der Millionenstadt Tananarive war für mich die Armut am bedrückendsten. Das Stadtbild wird geprägt von Straßenverkäufern, die ihre Ware am Körper tragend von morgens bis abends versuchen, Besen, Salatschleudern oder Satellitenschüsseln an die Passanten zu verkaufen, die natürlich nur im seltensten Fall ihre Haushaltseinkäufe spontan zwischen ihren städtischen Besorgungen tätigen. Zudem handelt es sich bei den Produkten nahezu ausschließlich um Importgüter geringer Qualität, die der madagassischen Wirtschaft schaden und von indischen und chinesischen Großhändlern zu verhältnismäßig hohen Preisen an die Straßenverkäufer abgegeben werden. Diese bestätigen, dass sie trotz all ihrer Bemühungen maximal 2-3 Produkte pro Tag verkaufen, damit allerdings besser überleben können in der Provinz, wo es kaum Arbeit gibt. Am Bestürzendsten ist natürlich die Vielzahl der bettelnden Kinder, denen man höchstens ein paar Bonbons oder Kekse, allerdings kein Geld geben sollte, da sie es meistens an ihre alkoholabhängigen Eltern abzugeben haben. Sehr geschockt hat mich die Geschichte eines sechsjährigen bettelnden Mädchens, das als Kleinkind von seiner Großmutter in ihrer brennenden Hütte vergessen wurde, weshalb aus dessen Kopfhaut seitdem kaum noch Haare wachsen. Politscher Hintergrund dieses Schicksals sind die „Säuberungsmaßnahmen“ des ehemaligen Präsidenten, der in Slumgebieten Feuer legen ließ, auf diese Weise allerdings die obdachlos Gewordenen nicht, wie geplant, auf Land sondern vielmehr ins Stadtinnere vertrieb.

Emmaüs Vie Madagaskar

An diesem Problem setzt auch die inzwischen sechsjährige, kleine Gemeinschaft „Emmaüs Vie“ an, indem sie obdachlosen jungen Menschen Arbeit und Wohnung gibt, ihnen eine Ausbildung ermöglicht, und Kunsthandwerkerfamilien beschäftigt, sodass sie durch Ausübung ihres Handwerks ihrer Familie den Lebensunterhalt sichern können. Das französische Emmaüs Prinzip des Gebrauchtwarenverkaufs kann natürlich in einem Land nicht funktionieren, in der sogar leere Flaschen und rostige Wasserhähne auf der Straße verkauft werden. Aus diesem Grund hat die Gemeinschaft begonnen, manuelle Wasserpumpen in einer eigenen Werkstatt zu produzieren und sich durch deren Verkauf aus eigener Kraft zu finanzieren. Die Compagnons führen die Installation landesweit durch, geben den Kunden eine Einführung in die Funktionsweise der Pumpe und haben auf diese Weise schon abgelegenen Dörfern Zugang zu Trinkwasser ermöglicht. Dieses Prinzip funktioniert einwandfrei, gibt der Gemeinschaft finanzielle Sicherheit und erlaubt sogar vorsichtige Investition in neue Projekte, denn an Energie, Ideen und Dynamik mangelt es ihnen am wenigsten.

Vielversprechende Projekte

Pascal, der Verantwortliche der Gemeinschaft, hat sich zum Ziel gesetzt, die Nutzung erneuerbarer Energien in seinem Land voranzutreiben, und begonnen, leistungsstarke Windräder zu bauen, für die, noch bevor die serienmäßige Produktion begonnen werden kann, bereits große Nachfrage besteht. Während meines Aufenthalts hat außerdem der erste selbstgebaute Solarofen den Praxistest bestanden. Völlig ohne die Verbrennung von Gas oder Holz können Spiegeleier gebraten, Wasser erhitzt und Reis gekocht werden. Das Groß- und Langzeitprojekt der Gemeinschaft ist zudem die Konstruktion eines autonomen Dorfes, des „Village Emmaüs“, ca. 50 km von der Hauptstadt entfernt auf dem Lande. An dieser Stelle sollen die zurzeit stark dezentralisierten Gemeinschaftsaktivitäten gebündelt werden. Die Compagnons und die, mit der Gemeinschaft zusammen arbeitenden Kunsthandwerker sollen vor Ort leben und arbeiten und sich durch Landwirtschaft und Viehzucht selbstversorgen können. Energie und Wasserversorgung werden durch Windrad- und Pumpenbetrieb sichergestellt. Die Anfänge auf dem 30ha großen Gelände sind gemacht, der Bau des Gemeinschaftshauptgebäudes ist fertig gestellt, einige Reisfelder bereits angelegt und eine Anzahl Compagnons sogar schon vor Ort fest installiert. Doch die Entwicklung geht trotz der großen Motivation und Arbeitsbereitschaft der Compagnons nur sehr schleppend voran, da es an Werkzeug, Arbeitsgerät und finanziellen Mitteln fehlt. Mein Aufenthalt Zum Glück konnte ich im Rahmen meines Aufenthalts die Zusammenarbeit zwischen „Emmaüs Vie“ und den deutschen Emmaüs Gemeinschaften durch Übersetzungen unterstützen und damit die zugesicherten Hilfslieferungen in die Wege leiten. Weiterhin konnte ich bei einer Pumpeninstallation auf dem Lande mithelfen und einen Katalog der von „Emmaüs Vie“ angebotenen Kunsthandwerksprodukte anfertigen. Neben der Arbeit war für mich natürlich vor allem das Leben in einer madagassischen Familie, bei Pascal, Laurence und ihren zwei Kindern spannend und bereichernd. Ich hatte Gelegenheit, in diverse Bereiche des Madagassischen Alltags hereinzuschauen, die einem weißen Besucher des Landes normalerweise verborgen bleiben. Ich war auf den Großmärkten, wo wir Bohnen, Reis und Papayas kiloweise kauften und kleine Jungs als Ferienjob die Halbzentnersäcke zu den Autos trugen, ich konnte die Näherinnen in den Slums besuchen, die neben ihren Schlafkojen mit handbetriebenen Nähmaschinen Körbe und Taschen aus Bast herstellten und nahm sogar teil an einer Familienfeier zum Anlass des Todes eines Onkels von Pascal. Für mich waren es die schönsten Momente, in denen ich mich als Weiße in der Welt der Madagassen offen und herzlich aufgenommen fühlte und merkte, dass meine Anwesenheit und mein Interesse ein bisschen zur Völkerverständigung beitragen konnten. Trotz der teilweise schockierenden Bilder ist mir ein äußerst positiver Gesamteindruck verblieben, da ich im madagassischen Volk Vieles gefunden habe, das ich in unserer Gesellschaft vermisse. Durch die schwierigen Lebensbedingungen sind selbst junge Menschen ernsthafter, natürlicher und verantwortungsbewusster. Auf Grund ihrer geringen Ansprüche können sie großzügiger sein und finden viel leichter Zufriedenheit und Freude, was sich ganz auffallend in den zwar gezeichneten aber lachenden Gesichtern wiederspiegelt. Beeindruckt war ich außerdem von dem immensen Familienzusammenhalt in der Großfamilie. Die Familie übernimmt bei ihnen die Rolle einer Sozialversicherung bei uns, in Krankheits-, Todes-, oder Katastrophenfällen können sich die Betroffenen auf ihre Hilfe verlassen.

Was nehme ich nun von dieser Erfahrung mit in mein weiteres Leben?

Zuerst einmal das unmittelbare Bewusstsein darüber, auf wessen Kosten unsere konsumorientierte Gesellschaft ihren Reichtum auslebt. Es fällt schwer, die Armut in den Entwicklungsländern zu begreifen, wenn man sie nie mit eigenen Augen gesehen hat, nun schaffe ich es aber kaum noch, die Augen vor dem Elend zu verschließen. Ich fühle mich den Menschen, die mich dort so offen und bedingungslos aufgenommen haben nahezu verpflichtet, hier bewusster zu konsumieren, keine Nahrung zu entsorgen und vor allem unser Glück als solches zu begreifen und zu schätzen. Als immenses Glück sehe ich etwas für mich an, das nahezu jedem Madagassen meines Alters verwehrt bleibt, dass ich nämlich die Gelegenheit hatte, ein Jahr im Ausland zu verbringen, in neue Welten zu tauchen und eine fantastisch-bereichernde Unterstützung durch Eirene zu bekommen. Maßgeblich an der Realisierung dieses Jahres seid natürlich auch ihr, liebe Unterstützer, beteiligt gewesen. Ohne Euch hätte ich mich niemals viermal im Laufe des Jahres hingesetzt, über die vergangenen Monate reflektiert und mich bemüht, Außenstehenden an meinen Erfahrungen teilhaben zu lassen.

 Ich hoffe, auch Euch haben meine Berichte interessante Einblicke erlaubt, vielleicht mal kurz im Alltag innehalten lassen und möglicherweise sogar einige Probleme relativiert. Ich danke Euch noch einmal von Herzen für Euer Interesse und Eure Freigiebigkeit, und verbleibe

mit lieben Grüßen aus meinem neuen Zuhause in Münster,

Eure Marie Heiderich

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