Internationaler Christlicher Friedensdienst

all das, was mein Team mich lernen ließ, was sie mir mit auf den Weg geben, kann ich zur Zeit noch nicht in Worte fassen. Steinreich fühle ich mich.

Clara von Verschuer beschreibt die letzten Monate ihres Lebens und Arbeitens in der Archegemeinschaft in Paris - und beginnt, Zukunftsmusik zu komponieren... (September 2007)

Hallo ihr alle nah und fern!!! Wetterschwankungen. Pünktlich zum Wochenende des 14. Julis schenkte die Sonne den Franzosen uneingeschränkte Anwesenheit. Und am Nationalfeiertag selbst ging sie stolz und pünktlich unter, um der geplanten Explosion des Himmels in Glitzerregen und Farbfeuer Platz zu machen. Glücklicherweise war die Sprengung lediglich zwischen Trocadero und dem Eiffelturm vorgesehen, so blieb der Großteil Paris von dem teuren Qualm verschont.

Für mich, die ich mich mit ein paar Freunden auf den Wiesen des Champs de Mars vor dem Turm wieder fand, sprach diese kitschig-glamoröse Endzeitstimmung von unserem Abschied. Eineinhalb Wochen noch. Eineinhalb von ca. 40, die ich bereits hier verbracht habe. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, ob ich schon früher als vorgesehen nach Hause komme, doch die Verstreuung der Archler in alle Richtungen beginnt jedes Jahr vor den „Großen Ferien“, wenn die Foyers schließen, sich in Feriengruppen aufgeteilt wird und ein Großteil der Assistenten in ihr Heimatland zurückgeht. Und wie das so ist bemerkt man erst jetzt wirklich, was man aneinander hat… Was passierte in den letzten Wochen?

Auf dem Sprung

Nach meines Taizé-aufenthalts hörte das Reisen und Frankreicherkunden nicht auf. Foyers und Atelier vermischten sich in achtköpfige Gruppen und flogen Ende April in die Ostergemeinschaftsferien aus. Wir wohnten eine Woche lang auf einem „pädagogischen Bauernhof“ südlich von Rennes in der Bretagne und machten tagtäglich Ausflüge in kleine

Ortschaften, an Teiche und Meer(e), zu Artisanen mit feinstem Cidre und ließen uns von dem Bauern vor Ort die Umweidung der Kühe und eine selbstgebaute Sonnenuhr erklären. Den Kühen kamen wir nicht ganz so nah wie den Hühnern und dem Hahn (die zu dem Zeitpunkt nach den Präsidentschaftskandidaten benannt waren), welche von Baba mit der Hand am Kamm in den Armen gehalten wurden. Insgesamt war es eine erholsame und ruhige Zeit. Ich musste malwieder einsehen, dass Aktionsurlaube für solch heterogene Gruppen nicht zu erzwingen sind. Kaum war ich wieder zu Hause, kündigte sich das Eirene-Zwischenseminar an. Ich konnte es gar nicht erwarten die Leute meines Ausreisekurses wieder zu sehen und verabredete mich an dem verregneten Samstagmorgen des fünften Mais mit der Emmaüs-Freiwilligen Marie am Gare de Lyon (ein Pariser Bahnhof), um mit dem TGV (Schnellzug) in unbegreiflicher Geschwindigkeit gen Süden zu rasen. Und plötzlich…:

Grün! Knorpelige Bäume! Kühler Wind, nichts als Naturgeflüster- kann es sein, dass ich am Morgen selbigen Tages in der Hauptstadt aufgewacht bin? Mittendrin bekannte Gesichter- so sehen sie zumindest aus, doch welche Erfahrungen trennen die Truppe, die vor acht Monaten Papierschiffchen zum Abschied auf dem Mühlfluss hat schwimmen lassen und diese jungen Freiwilligen heute? Um das herauszufinden begaben wir uns ins Nirgendwo der Cevennen, nächtigten in einem verwinkelten Haus ohne Strom, jedoch abends durch Dutzende Kerzen beleuchtet. Dieses Haus gehört zu der Arche nach Lanza del Vasto, in der zwei meiner Mitfreiwilligen ihr Jahr verbringen. Die Gemeinschaften auf dem Lande leben nach der Philosophie Ghandis, den Prinzipien der Gewaltfreiheit und der Idee, auf den überflüssigen Luxus der modernen Konsumgesellschaft zu verzichten und so zum großen Teil in Autarkie existieren zu können. Die Spiritualität die der Gründer de Vasto den Archen eingehaucht hat ist gleichzeitig eine ganz eigene und nach allen Seiten geöffnete- sie zieht sich Inhalte und Rituale aus mehreren Religionen und Glaubensrichtungen.

Hand in Hand damit geht das Bewusstsein der Arbeit, dass jedes einzige Mitglied der Gemeinschaft ob einzelstehend oder in Familie lebend und auch jeder Vorbeikommende, ob für eine Woche oder 6 Monate dort, mit anpackt. Auf dem Feld, im Garten, im Haushalt, in Bäckerei, Käserei, im Stall, beim Holzhacken- man meint gar nicht wie existenziell all das ist und für uns doch so selbstverständlich verautomatisiert.

Obwohl ich niemals zuvor hergekommen war, schien mir das Umfeld so vertraut- Freunde aus der Gemeinschaft in Deutschland und meine Eltern hatten mir viel von ihren Eindrücken dort berichtet.

So kam ich einerseits durch den Ort schnell zur Ruhe, die Gespräche mit den anderen und die Entdeckung einer solch „alternativen“ Lebensweise wirbelten mich jedoch innerlich auf. Fragen, Fragen: Was mache ich aus den ansätzigen Idealvorstellungen, die sich in meinem Kopf begegnen? Kann ich sie überhaupt benennen, geschweigedenn in mein Leben adaptieren? Was mach ich mit meiner Liebe zur Natur, dem Vegetarierdasein, ein bisschen bio, ein bisschen links, mit der Musik, einem sozialen Engagement…

Mir wurden viele spannende Denkanstöße geschenkt- die intensivsten zum Thema Gemeinschaft, denn mir wurde durch die Struktur der unterschiedlichen Projekte auch wieder die Vielfalt gemeinschaftlichen Zusammenlebens bewusst gemacht.



Zurück im Foyer hieß es neben la Fête ein Ferienwochenende für uns acht zu organisieren und da uns von den angedachten nicht zu weit entfernten Arche-Gemeinschaften keine aufnehmen konnte, kamen wir auf den spannenden Gedanken ein paar Nächte im Zelt zu verbringen. Alle waren einverstanden- gesagt, getan. Samir fand einen netten Campingplatz 500m nah am wattigen Strand der Nordsee, den wir von Paris gut mit dem Minibus erreichen konnten. (Um diesen fahren zu dürfen machte nun auch ich endlich eine obligatorische Testfahrt durch die zugeparkten Einbahnstraßen der großen Stadt. Ca a marché!) Wir besorgten ein Sechs-Mann-Zelt und zwei Ein-Mann-Zelte, einige Luftmatratzen, luden unser Auto mit Kochinventar voll und los gings. Ein Experiment- denn wir konnten uns nicht sicher sein, ob sich jeder an die Umstände anpassen,

bzw. nicht früher oder später das Maulen der Luxus gewöhnten (und verwöhnten) Pariser Oberhand nehmen würde. Zudem war es von unserem Platz ein Stückchen bis zu den Sanitären Anlagen und wir prophezeiten ein ununterbrochenes Reißverschlussgeräusch während der Nächte, Stolpern über den Nebenmann und die wichtige Frage: „Sont où les toilettes, sont où?“ „Wo sind die Toiletten, wo?“ Doch die Sorgen waren unbegründet, selbst der fiese Normandie-Regen konnte uns nichts anhaben, in dem geräumigen Zwischenraum unseres Zeltes war es dafür umso gemütlicher.

Einer war besonders glücklich: E., der Autist. Der gelernte Pfadfinder lief unaufhörlich den Weg des Campingplatzes hoch und runter, ließ sein ehrliches Lächeln auf den Lippen stehen und spielte sogar Ball und Uno mit uns! (!!!) Viel zu früh mussten wir uns auf den Rückweg machen…

Die Freuden des Alltags

Juni

„Ich verlass mich voll und ganz auf euch, ihr schafft das alles ohne Probleme…“, mit diesen Worten verabschiedete sich unsere Responsable Chong Anfang Juni und verschwand in ein vierwöchiges Praktikum, welches sie im Rahmen ihrer Weiterbildung zur Sozialassistentin absolvieren sollte. Sie hatte einen Platz in einer Art Tagesstätte für polybehinderte Kleinkinder gefunden und schwärmte uns während den zwischenzeitlichen Treffen in dieser Zeit von den Kleinen vor, die weder alleine essen noch laufen können und in ihrer ruhigen Welt soviel Freude ausstrahlen.

Unzählige Termine kamen auf uns zu, Geburtstage und Gäste kündigten sich an, Freunde und Assistenten aus anderen Foyers kamen zum aushelfen. Insgesamt schienen alle Ereignisse und Tätigkeiten doch irgendwie schon auf das Ende des Jahres bzw. den Neubeginn im September zuzusteuern.

Zudem wurde uns schon seit einem Monat immer malwieder ein zukünftiger Volontär zugeschickt, der seine Probewoche bei uns bestreiten sollte und den Ernst des Foyerlebens in Bergen ungebügelter Wäsche oder seit einem Jahr ungeputzten Süßigkeitenschränken finden durfte ( ; (ganz ohne abschreckende Hintergedanken…). Es war spannend die verschiedenen Gesichter und Motivationen kennenzulernen, ihnen die alltäglichen Aufgaben näherzubringen- sie schließlich in das Leben reinzudenken und begreifen zu müssen, dass sie bald hier an unserer Stelle rasieren, putzen, Quatsch machen, einkaufen, schlafen, zurechtweisen, Wein trinken werden… Und wieso eigentlich kamen wir uns soviel älter vor, als alle die wir hier empfingen? Macht ein Jahr soviel aus oder ist es eben dieses eine Jahr, was uns durch alle Verantwortung- schluck- plötzlich so erwachsen sein lässt- reif vielleicht, eine schon recht lila Zwetschge…


„Ohne Probleme“ verging diese Zeit tatsächlich, für mich persönlich würde ich sie aber als eine abgeschwächte Form eines Stimmungstiefs bezeichnen. Die Lust im Foyer zu sein verging mir keineswegs, doch der starre Rhythmus machte mir zu schaffen. Wie wundervoll wäre es einfach mal einen Nachmittag im Bett liegen zu bleiben, gammelnd, Schokolade essend, um für niemanden als für sich selbst dasein zu müssen. Nicht ans Telefon zu gehen. Niemandem zuzuhören, keine Fragen zu beantworten, Problemstellungen ignorieren zu können… Ganz natürliche Bedürfnisse eben ( : Ich spreche sicher für Samir und mich wenn ich sage, dass wir in dieser Zeit wirklich wirklich müde (auch etwas faul) waren.

Wo kommt die Freiheit her?

Allerdings beschäftige mich die Frage wie viel Einschränkung die Freiheit der Behinderten im Foyer vertragen kann zu dieser Zeit noch einmal stärker.

Seit vier Monaten war B. im Foyer als er das erste Mal explodierte. Ein nichtiger Grund ließ ihn ausdrücken was sicher jeder Mensch in einer engen Lebensgemeinschaft früher oder später empfindet, sich bei einer behinderten Person, die diese Empfindung in ihre positiven Gedanken nicht einzuordnen weiß, allerdings noch erschreckender äußert. Das Gefühl von Einengung und Kontrolle. Sein ganzes Leben hat er bei seinen Eltern eine große Freiheit ohne wirklichen Rahmen genossen. Er freute sich darauf im Foyer auf unterschiedliche Leute zu treffen, ein Programm geboten zu bekommen, aber eben auch als erwachsener und unabhängiger Mensch behandelt zu werden.

Nach einem kleinen Streit lief er in sein Zimmer; er brüllte, ich weinte und wir konnten uns nach einem langen Wortwechsel darauf einigen, dass man sich selbst die Möglichkeit des Rückzugs aus dem zentrierten Foyerleben geben sollte und dass Unabhängigkeit auch Verantwortung für ein gelungenes Miteinander bedeutet. Uns allen geht es manchmal so und im Endeffekt (B:): „ geht’s uns doch gut, weil wir zusammen lachen können“.

Wenn es so einfach wäre. Viele der Personen sind nicht in der Lage sich so zu äußern und deshalb dürfen die Assistenten auch niemals vergessen sich so gut sie können in jeden Behinderten hineinzuversetzen, um zu verstehen, welche Einschränkung notwendig ist und wo gemeinsam weitergedacht werden muss.

Für jegliche Art von Müdigkeit war dann im

Juli

keine Zeit mehr, denn da begann nicht nur die heiße Phase der Abschiede, es sollten auch innerhalb der Arche vier Umzüge durchgeführt werden. Oder auch:

Ein großer Rotationsumzug.

Die Responsables hatten nach langen Diskussionen einigen Behinderten den Vorschlag gemacht, das Foyer zu wechselnaus unserem traf es B., der den Wunsch danach im letzten Jahr bereits geäußert hatte. Nach anfänglicher Betroffenheit begann er sich vor allem Sorgen um die praktische Durchführung zu machen, denn B. wird sehr unruhig wenn er den Ablauf von Ereignissen, im Grunde den seines alltäglichen Lebens nicht kennt. Das merkt man schon daran, dass in unserem Kalender bereits seit Mai alle seiner stattfindenden und ausfallenden Termine und Proben bis Ende Dezember notiert sind.

Bei uns setzte eine leise Unruhe erst ein, als wir den üppigen Inhalt seiner unzähligen Schubladen zu erfassenbegannen, all die Überraschungseierbauanleitungen, Comics, Taubenfedern, Marienbildchen… Obwohl er bloß ein paar Straßen weiter zog, war es nicht leicht ihn gehen zu lassen. Als er seine Tränen auf die Bildercollage, die er zum Abschied bekam, kullern ließ, da blieb im Foyer kaum ein Auge trocken. Und von Pierrot, der ja alles vergisst, wird man sicher noch ein paar Monate gefragt werden, warum Benoit denn einfach nicht mehr da sei.

Noch am Tag der sehr reibungslosen Umzüge packte F. ihre Taschen und Kartons bei uns aus. Alle freuten sich die junge Frau von 22 Jahren empfangen zu können, besonders aber Fr., die nun nach drei Jahren endlich Zuwachs an der weiblichen Front bekam. F. spritzig-kokette Art und autonomes Auftreten wurde von mehreren Seiten in etwa so umschrieben: „Elle fait un peu ce qu’elle veut“- sie macht ein bisschen was sie will- schaun wir also mal, was da auf uns zukommt und in welchem Maß wir noch mal an Strenge dazugewinnen müssen.

On part au départ Nach langem Abwiegen hat auch Chong beschlossen die Möglichkeit eines Foyerwechsels zu ergreifen und in „La Namasté“ den Posten der Responsablen zu übernehmen. Ihrer und Samirs Abschied wurden gleichzeitig im kleinen Kreise mit Musik, Torte und rührenden Worten gefeiert. Offiziell wurde das Gehen der Assistenten bei der „Sarabande de Départ“, als den Assistenten vor der gesamten Gemeinschaft gedankt wurde. Eine gemalte Traubenrebe nehme ich mit, die Frucht, die mein Hiersein getragen hat. Ich konnte sie von einem schlaraffenländigen Baum abpflücken, an dem Kiwis, Birnen, Bananen, Kirschen, Melonen, Erdbeeren und noch viele andere bunte Früchte zusammen gediehen.

Wie geht’s so?

Vor ein paar Monaten begann ich eine Liste anzufertigen mit all den Dingen, die ich von meinen Mitbewohnern hier erlernen konnte. Offenheit, Gehlieder und -reime, Begeisterung, urwitzige Spiele, die Garbe jeden Tag mit einer neuen Neugierde und weiten unwissenden Augen begehen zu können, Direktheit, wunderbare Sätze und Vokabeln, das „Da-sein“, Geduld, Joe Dassin- Songtexte, gefüllte Tomaten, den Witz im Natürlichen... Sie ist nicht vollständig, die Liste, und all das, was mein Team mich lernen ließ, was sie mir mit auf den Weg geben, kann ich zur Zeit noch nicht in Worte fassen. Steinreich fühle ich mich.


Zukunftsmusik.

Musik ist schon mal gut. Doch wo? Für mich stellte sich nach Chongs Entscheidung des Weggangs und ermutigenden Gesprächen mit unserem Direktor plötzlich die Frage: Kehre ich nach den Ferien für vier Wochen zurück in die Arche oder womöglich für ein ganzes Jahr? Zurück in die alte neugefühlte Freiheit oder Weiterarbeiten an dem Angefangenen? Mit einem neuen Team und neuen Ernergien/Verantwortungen in diesem vertrauten Rahmen bleiben? Ein einziges Jahr, das ist schon sehr kurz… Stillschweigend hab ich mich entschieden. Habe die Freundin meines Bruders, in Freiburg kontaktiert, um das Angebot eines Zimmers in ihrer WG anzunehmen. Wenn es klappt, mache ich ab Ende Oktober ein Praktikum beim Theater. Wenn es klappt, arbeite ich für

einige Zeit auf einem Bauernhof außerhalb von Freiburg. A voir- Zum schauen. Und wenn es nicht klappt, dann klappt mit Sicherheit etwas anderes, das Lust hat sich zu einem Stück Weg anzuschlengeln. Jetzt bin ich erstmal auf Reisen und dann hier und versuche mein bestes im Anlernen der neuen Assistenten.


Ja, nun ists tatsächlich September. Ich hoffe es kamen auf Grund der zeitlichen Unterschiede keine Verwirrungen auf, natürlich ist mittlerweile noch einiges geschehen, doch die letzten Wochen meines Dienstes, möchte ich doch in einem Extrabrief schildern und euch nicht alles auf einmal zumuten. Mir geht es jedenfalls prächtig und ich möchte noch einmal DANKE dafür sagen. Also: DANKE!!!, dass ich in diesem letzten Jahr von allen Seiten unterstützt wurde, schriftlich, finanziell und persönlich durch eure Besuche.

Gehabt euch wohl, der pustende Herbst kommt in frischer Farbenfreude uns zu holen.

Die Clara

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