Internationaler Christlicher Friedensdienst

Das Jahr in Frankreich hat mich verändert, reifen lassen und meinen Lebensweg in eine etwas andere Richtung gelenkt.

Hannah Schillinge berichtet über ihre letzte Zeit im Projekt Plaine de Vie in Frankreich - und wie diese Erfahrung ihre Zukunftspläne und Sichtweisen verändert hat. (September 2007)

Hannah Schilling,Freiwillige bei Plaine de Vie“ in Frankreich berichtet von ihrer letzten Zeit im Pojekt Sieben Tage ist es her, da packte ich all meine angesammelten französischen Erinnerungsstücke zusammen, feierte die letzten Atemzüge eines Lebensabschnittes und stieg voller Vorfreude auf einen Neuanfang in den voll beladenen Twingo meines Vaters ein, um in Richtung Heimat aufzubrechen. Hinter mir ließ ich Schokocroissants, fruchtige Tomaten und Menschen, die mir in den letzten Monaten viel Halt gegeben hatten. Es fehlt mir, mein „französisches Leben“. Mir fehlen die Begrüßungsküsse und das leichte, aber doch so freundlich zugeworfene„ca va“, die großen Milchkaffeeschalen, die französisch- schwingenden Chansons, der Duft nach frischer Erde. Mir fehlt das Graben, Pflücken, Schwitzen, mir fehlt der Himmel über meinem Kopf und die zerschürften Hände. Gerade die letzten Monate bei Plaine de Vie haben einen befreiten und ausgeglichenen Nachgeschmack und einmal zurück in Deutschland wird mir natürlich all das Schöne, was ich während meines Friedensdienstes erlebt habe erst Recht bewusst. Die Zeit kurz vor Beginn meines Studiums in Marburg möchte ich nutzen, einen letzten abschließenden Brief über meinen Freiwilligendienst in Paris an euch zu schreiben. Mein letztes Lebenszeichen ist schon eine Weile her, es war Frühling und alles Leben war am Aufbrechen, Wachsen, Gedeihen. Ich hoffe, die Wunderblumen sind erblüht und haben euch durch den Sommer geleuchtet, so wie auch bei Plaine de Vie all die Zucchini, Tomaten und Gurken erblühten und uns reife Früchte brachten.

Die zweite Hälfte meines Dienstes begann mit dem Zwischenseminar in einer Archegemeinschaft in den waldigen Bergen Südfrankreichs, organisiert von EIRENE e.V. Diese Woche war eine besondere Erfahrung, denn die Bewohner der Arche von Lanza del Vasto haben ein außergewöhnliches Lebenskonzept: Einsam und idyllisch in Wald und Wiesen gebettet leben rund 30 Menschen nach den Idealen des Philosophen Lanza del Vasto in der Arche, einer mittelgroßen Hofanlage, sie betreiben eigene Landwirtschaft, haben eine Käserei, eine Bäckerei und abends leuchtet statt grellen Glühbirnen romantisches Kerzenlicht aus den Fensterscheiben. Der Alltag ist geprägt von spirituellen Ritualen, gewaltfreier Kommunikation und einem eben sehr ursprünglichen, ökologischen Konsum. Sei es warmes Wasser, Elektrizität, Luxus- und Globalisierungsgüter wie Bananen aus Papua-Neuginea, die Archemitglieder lehnen die heutige Konsum- und Leistungsgesellschaft ab und möchten der Außenwelt zeigen, dass ein anderes Leben möglich ist.

Auch wenn eine kritische Auseinandersetzung mit dieser sehr extremen Lebensform sicherlich angebracht ist, war ich fasziniert vom Alltag in der Kommune. Gemeinsam mit all den andern Freiwilligen, die mit mir einen Dienst in den frankophonen Ländern ableisteten, verbrachten wir acht entspannte, intensive und wohltuenden Tage in dieser besonderen Umgebung und ich hatte viel Zeit zum reflektieren, austauschen und Kraft tanken.

Nach diesem „Urlaub“ ging ich mit vielen neuen Gedankenanstößen zurück nach Paris. Schnell war ich wieder voll eingebunden in Plaine de Vie und bereitete mit meinen Kollegen den Tag der offenen Tür und die Studienreise in das Tal der Loire vor. „Les Portes ouvertes“ waren ein toller Erfolg und mit Freude erlebte ich, dass die Kinder Spaß an meinen vorbereiteten Wasserexperimenten hatten und gemeinsam mit den maraichers (unseren angestellten Gärtnern und Gärtnerinnen) präsentierten wir vielen neugierigen Interessenten und auch wohlbekannten Vereinsgesichtern unsere Gärten. Außerdem konnte man sich an einem reichhaltigen Buffet satt essen. Wir hatten Kuchen gebacken um vom Verkaufserlös unsere Studienreise mitzufinanzieren. Denn vier Tage volles Programm in und um Tours herum gehen natürlich auf den Geldbeutel. Charles, mein Arbeitskollege, und ich hatten alle Hände voll zu tun, um unser „Projekt Studienreise“ zu organisieren. Erst einmal musste ein Kostenvoranschlag errechnet werden, potentielle Unterstützer angeschrieben und überzeugt werden, ein mögliches Programm mit allen Teilnehmern ausgefeilt werden und alle aufkommenden Ängste, Wünsche, Fragen abgefangen und in Vorfreude umgewandelt werden. Mir hat es unheimlichen Spaß gemacht, herum zu telefonieren, Besichtigungen zu reservieren und einen Menuplan zu erstellen. Letzten Endes starteten wir dann am ersten Juliwochenende mit vielen Essenskisten, Programmpunkten und schönem Wetter im Gepäck in die Tourraine und verlebten dort vier erlebnisreiche Tage. Wir besichtigten den Schlossgarten in Villandry, das Gartenfestival in Chaumont, ein Aquarium über das Leben in der Loire und ein altes Hofgebäude, welches in die in der Gegend so zahlreichen Sandsteinfelsen höhlenartig geklopft worden war. Natürlich durfte auch eine unterirdische Grotte, Shoppingstunden und ein Spielabend nicht fehlen. Nicht alles verlief am Schnürchen, so gab es trotz vereinbarten Regeln Trunkenheitsstreitereien, was mir und auch dem Gruppengefühl sehr zu schaffen bereitete. Wieder einmal erkannte ich, wie wichtig gute Teamarbeit, Arbeitsbesprechungen und Gruppenrunden sind, wenn man mit dreißig nicht ganz einfachen Personen eine Freizeit gestalten möchte.

Ansonsten erlebte ich den Juli als einen sehr besonderen und entspannten Monat, denn ich arbeitete nur halbtags bei Plaine de Vie. Jeden Nachmittag nahm ich eineinhalb Stunden Transportweg auf mich um einen Französischkurs in Paris zu besuchen. Es lohnte sich, denn ich genoß es, theoretischen Input zu bekommen und einmal etwas Abstand von dem hektischen und chaotischen Arbeitsalltag in der Gärtnerei zu bekommen. Ich verbrachte die Vormittage meist auf dem Feld, genoss die Sonne und den Wind um meine Ohren und die Gesellschaft mit den maraichers.

Ich glaube, schon damals begann ich ein bisschen Abschied von Plaine de Vie zu nehmen, denn immer näher rückten meine Studiumsbewerbungen und mit ihnen eine ungewisse Zukunft, die mir immer schwerer auf den Schultern lastete. So verbrachte ich viele Abende im Internet um mich mit der so weit entfernt scheinenden deutsche Studentenwelt zu verbinden, und klickte mich von einer Möglichkeit zur nächsten in der Hoffnung, es würde plötzlich ein Studiengang aufflimmern, den mein Herz und Geist mit Freude ab Oktober beginnen könnte. Das Jahr in Frankreich hat mich verändert, reifen lassen und meinen Lebensweg in eine etwas andere Richtung gelenkt. So beschloss ich, das Sozialpraktische vorerst zu verlassen und mich von dem Individuum Mensch etwas fortzubewegen, um die komplexen Gesellschaftsstrukturen unserer und vergangener Zeit zu analysieren und zu verstehen. Denn als Freiwillige bei Plaine de Vie bekam ich auch einen Einblick in die Arbeitswelt und dessen Gesetze und Politik. Mir ist klar geworden, dass Sozialarbeiter noch so viel offene Ohren haben können, wenn sich nicht auch strukturell etwas verändert und unsere Leistungs- und Konsumgesellschaft umdenkt und Schwächeren genauso einen angemessenen Platz zum Leben gibt. Nur so kann eine „andere“ Welt Wirklichkeit werden…

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