Internationaler Christlicher Friedensdienst

Eine ereignisreiche Zeit liegt nun wieder hinter mir, sowohl Alltägliches als auch Außergewöhnliches erlebte ich in den letzten drei Monaten

Philipp Windeknecht berichtet über sein Leben und Arbeiten in der Lebensgemeinschaft "Arche" in Compiègne (Septbmber 2007)

Bereits Anfang März fing die spirituelle Vorbereitung auf Ostern an, die sich darin äußerte, dass das Essen freitags lediglich aus Reis bestand. Das zog sehr unterschiedliche Konsequenzen mit sich, da einerseits eine personne überaus zufrieden war, kein Gemüse mehr serviert zu bekommen und andererseits eine personne nachts während der Nahrungssuche von einem Stuhl gestürzt ist sowie eine andere personne mit dem Geld, das für einen Tanzkurs bestimmt war, die nächste Bäckerei gesucht und innerhalb von einer halben Stunde zwölf Croissants gegessen hat. Für Gründonnerstag luden wir unsere Fraternität und weitere Gäste in unser foyer ein und nach einem üppigen Mittagessen nach israelischer Tradition begann der spirituelle Teil des Tages damit, dass jeder ein Erlebnis berichtet, das ihn dieses Jahr außerordentlich bewegt hat. Das Erlebnis, das ich mit der Gruppe teilte, war, dass, als eine personne meines foyers an einer Archereise teilnahm und sie ein Haus zeichnen sollte mit Jesus, sich selbst und einer Person, die ähnlich ihr Leben beeinflusst, wie Joseph Jesus beeinflusste, sie mich ausgewählt hat. Danach fand die in der Arche bereits traditionelle Fußwaschung statt, während der jeder seinem Nächsten die Füße wäscht als Ausdruck der besonderen Beziehung untereinander und des Weiteren, um das Verhältnis personnes-Assistenten zumindest ein Mal im Jahr zu erweitern, da auch die personnes die Assistenten waschen und nicht wie im Alltag nur die Assistenten die personnes. Karfreitag wurde der Kreuzweg von den verschiedenen foyers der Arche in Compiègne nachgespielt, unser foyer illustrierte zwei Stationen, zu denen ich die entsprechenden Zeilen der Bibel vortrug. Ostersamstag folgte dann die Ostervigil und ein mitternächtlicher goûter. Ostersonntag feierten wir die Auferstehung Christi, nachdem sich die Archegemeinde im Klostergarten zur Ostereiersuche versammelt hatte, im Gemeinschaftssaal im Rahmen eines großen Mittagessens. Am folgenden Tag begleitete ich eine personne unseres foyers nach Paris, da ein zweiwöchiger Austausch zwischen einer personne der Archegemeinde Cognac und einer personne unseres foyers geplant und die „Übergabe“ in Paris vereinbart war. Solche foyer-Wechsel werden regelmäßig für diejenigen personnes organisiert, die mit ihrem foyer nicht zufrieden sind und somit wenigstens für einige Wochen im Jahr Abstand zu ihrem foyer bekommen. Konkret heißt dies in unserem foyer, dass eine personne sich autonomer fühlt als sie von uns (und den zuständigen Ärzten sowie Psychologen) eingeschätzt wird und ihr folglich nicht die Freiheiten eingeräumt werden, die sie sich erhofft. Das führt fast täglich zu Konflikten, die so weit gehen, dass die personne physische Gewalt anwenden will (und bereits angewandt hat). Daher wird jeder Austausch mit dieser personne von unserem foyer begrüßt, wenn auch die personnes, die im Gegenzug zu uns geschickt werden, nicht selten ein ähnliches Profil haben. Jedoch bewirkt der Wechsel des sozialen Umfeldes zumindest für die relativ kurze Zeit des Austausches, dass die personnes sich viel angenehmer in ihrem neuen als in ihrem gewohnten Umfeld verhalten. Um angemessen in Konflikten mit den personnes zu handeln, stellt die Arche Psychologen für die foyers nicht nur zur Verfügung, sondern verpflichtet die foyers, mindestens ein Mal pro Monat die Probleme und Konflikte des foyers zu analysieren. Ferner nehmen die Assistenten an sechs eintägigen Schulungen sowie zwei dreitägigen Weiterbildungen teil, wo von Erste-Hilfe-Kursen bis zu Diskursen über die Probleme von Menschen mit geistiger Behinderung im fortgeschrittenen Alter Einiges angeboten wird. Außerdem bietet die Arche den Assistenten eine einwöchige retraite (am ehesten mit „Besinnungsfahrt“ zu übersetzen) an, zu der ich Anfang März nach Spa aufgebrochen bin. Überraschenderweise fand die retraite in einem der ehemaligen Exilschlösser von Kaiser Wilhelm II. statt, das schon seit längerer Zeit von Ordensschwestern bewohnt wird. Um während dieser Woche wirklich zur Besinnung zu kommen, traten alle Teilnehmer nach einem Tag Vorbereitung ins Schweigen ein. Lediglich eine Stunde pro Tag wurde das Gespräch in Kleingruppen unter der Leitung der équipe da la retraite geduldet. Der Tagesablauf war sehr ungezwungen, neben Meditationsgruppen, theologischen Diskursen und (typisch belgischen) Mahlzeiten, blieb viel Zeit zum individuellen Reflektieren. Das anschließende Wochenende wurde als temps de ressourcement genutzt, was wörtlich „Selbstbesinnungszeit“ heißt, aber praktisch wird an diesem Wochenende versucht so viel wie möglich mit den personnes in Kleingruppen zu unternehmen. Unerfreulicherweise wurde ich einer äußerst unautonomen Gruppe zugeteilt (vier personnes waren an einen Rollstuhl gebunden), so dass ich befürchtete, dass sich die Ausflüge auf die Cafés im Umkreis von hundert Metern um das foyer begrenzen würden. Tatsächlich gestaltete sich das Wochenende aber sehr abwechslungsreich, wir besichtigten die Stadt Soissons, die Kathedrale von Laon sowie das Schloss und den Park von Chantilly. Zwar beinhalteten diese Ausflüge eine große Anstrengung für die Assistenten (und selbstverständlich ebenfalls für die personnes), aber die personnes zauberten immer wieder ein Lächeln auf unsere Gesichter. Während der letzten Monate erlebte ich weitere außergewöhnliche Wochenenden, wie das week-end d’assistants und das week-end d’équipe. Das week-end d’assistants sollte dazu führen, dass sich alle Mitarbeiter unserer Archegemeinde besser kennen lernen und sich über ihr Leben in und mit der Arche austauschen können. Dafür wurden alle personnes in anderen Archegemeinden, bei Freunden oder der Familie untergebracht. Das Wochenende ist in jeder Beziehung gelungen, neben Zeit zum Austausch und Reflektion standen Fußball und ein orientalischer Abend auf dem Programm. Ein week-end d´équipe war für dieses Jahr eigentlich nicht geplant, da auch für dieses Wochenende die personnes unseres foyers anderswo aufgenommen werden mussten. Dank der Einladung der personnes zu einer Hochzeit ehemaliger Assistenten in Chartres konnten wir drei Assistenten das nun „freie“ Wochenende nutzen, um nach Brügge zu fahren. Dort nahmen wir uns Zeit, um Brügge zu besichtigen und ans Meer zu fahren. Außerdem mussten noch Evaluierungen der personnes unseres foyers geschrieben und die für jedes Jahr obligatorischen Fotoalben angefangen werden. An das week-end d´équipe schloss ein Seminar von Eirene an, das im Süden Frankreichs (zwischen Zentralmassiv und Mittelmeer) in einer ehemaligen Arche von Lanza del Vasto stattfand. Um zur nächsten „Stadt“ zu gelangen, war mehr als eine halbe Autostunde notwendig und das Haus hatte keinen Anschluss an Elektrizität; die Gruppe der Teilnehmer und die pittoreske Landschaft ließen mich den mangelnden Komfort aber schnell vergessen. Eine wirklich unvergessliche Erfahrung erlebte ich, als wir einen Tag in einer anderen Arche von Lanza del Vasto halfen und ich mit einem Pferd und Eisenpflug gepflügt habe. Als ich nach Compiègne zurückkam, lebte ich wie gewohnt die positiven und negativen Seiten des foyer-Alltags: Wir feierten den Geburtstag einer personne unseres foyers. Eine andere personne erkrankte kurze Zeit später und nach zahlreichen Blutanalysen sowie einen Tag in der Notaufnahme wurden Windpocken diagnostiziert. Das beunruhigte mich sehr, da ich meinte, sie noch nie gehabt zu haben, eine Blutanalyse bestätigte jedoch, dass ich bereits in meiner Kindheit infiziert war. Trotzdem darf diese personne ihr Zimmer immer noch nicht verlassen und wird von den Assistenten nur mit Plastikhandschuhen berührt. Es erkrankte unglücklicherweise eine weitere personne, aber glücklicherweise nicht an den Windpocken, sondern an einer Magen-Darm-Grippe. Deshalb ähnelt mein foyer momentan einem Krankenhaus, eine Verbesserung der Lage ist jedoch schon in Sicht.

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