Internationaler Christlicher Friedensdienst

„Ich bin hin- und her gerissen zwischen Abschiedswehen, Unsicherheit und Vorfreude, was meine Zukunft angeht“

Anna Horneber berichtet und reflektiert über ihren Freiwilligendienst bei CIMADE/Beziers – ein Rückblick und Ausblick... (September 2007)

Hallo ihr alle!

Ich möchte diesen Brief mit einem großen DANKE beginnen, an alle, die mich während diesem Jahr auf ihre Weise unterstützt haben. Vielen Dank an alle meine Unterstützer, die mir den Dienst mit EIRENE ermöglicht haben und mich oft durch ihr Interesse, ihre Anregungen und ihre aufbauende Worte neu motiviert haben! Vielen Dank auch an alle EIRENE-Mitarbeiter, Teamer, Freiwilligen, dass ihr mir einen Rahmen gegeben habt, in dem ich diesen Dienst (er-)leben konnte und danke für die vielen Kontakte und Freundschaften und die Möglichkeiten, Erfahrungen zu teilen! Vielen Dank an alle Freunde, Verwandte und Bekannte und alle, die ich hier in Frankreich kennen gelernt habe.

Nach fast drei Monaten melde ich mich nun also nochmal bei euch – ein letztes Mal aus Béziers, bevor es in einer Woche zurück nach Deutschland geht. Es fällt mir schwer, zu beschreiben, wie es hier allgemein und in mir drin im Moment aussieht, weil es sich von Tag zu Tag und oft sogar von einem Moment zum andern komplett ändert. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Abschiedswehen, Unsicherheit und Vorfreude, was meine Zukunft angeht, zwischen Wiedersehensfreude und Alltagsproblemen und -freuden...

Also fang ich einfach mal da an, wo ich das letzte mal aufgehört hab. Seit dem letzten Rundbrief gab es einige Veränderungen. Ich hatte ein längeres Gespräch mit J.-P. über meine Situation und meine Schwierigkeiten in der Arbeit. Wir haben beschlossen, einmal pro Woche Bilanz zu ziehen. Ich erkläre dabei, was ich in der vergangenen Woche gemacht habe und wie es gelaufen ist und dann überlegen wir, was ich in der Woche darauf machen kann, was es zu tun gibt, wo ich mich einbringen kann, etc. Dieses wöchentliche Treffen hilft mir sehr und ich bedauere ein bisschen, dass wir das nicht von Anfang an gemacht haben... Ich bin zwar trotzdem oft noch unsicher, was meine Rolle ist, wie sehr ich mich einbringen will, kann und soll, aber zumindest gibt es einen klaren regelmäßigen Austausch über die Arbeit und das Drumherum. Eine weitere Konstante seit einiger Zeit ist der Unterricht mit A., einem 28-Jährigen aus Sierra Leone. Ich bringe ihm Französisch, lesen und schreiben bei und erkläre ihm nebenbei, wie man eine Weltkarte liest, wie die Erde entstanden ist oder wie die menschlichen Organe funktionieren. Es ist so schön zu sehen, wie er über alles staunen kann, wie ein kleiner Junge, wie er sich freut und sich tausendmal bedankt, wenn er etwas verstanden hat, sein Interesse und auch die daraus resultierenden Fortschritte. Diese Aufgabe ist zwar oft anstrengend, wenn er zum Beispiel meint, er sei «nichts wert» oder er sei «ein niemand» und ich ihn dann aufbauen muss, aber es macht mir auch sehr viel Spaß. Die letzten beiden Monate waren Sommerferien. Ich hab mich entschlossen, jede Woche einen Ausflug oder einen gemeinsamen Nachmittag zu organisieren. Wir waren ein paar mal am Meer und im Garten von CIMADE, ein kleiner Schrebergarten, der ca. 4km von Béziers entfernt ist, und einmal haben wir alle zusammen gegessen und dafür hat jeder ein Gericht aus seiner Heimat vorbereitet. Diese gemeinsamen Unternehmungen waren sehr schön und interessant. Wichtig waren dabei vor allem auch die Begegnungen der Familien untereinander, weil sie sich oft nicht sehr gut kennen – oder nur durch Alltagsprobleme und Streitigkeiten über Lärm, wer den meisten Dreck macht, wer nie putzt und wer die Waschmaschinen zu viel benutzt. Die Ausflüge waren außerdem auch eine gute Gelegenheit für die Résidents um die eigenen vier Wände mal zu verlassen, da die meisten doch kaum aus eigener Initiative etwas unternehmen. Bei denen, die abgeschoben sind, liegt das oft an der Angst vor Polizeikontrollen, aber sie sind alle generell oft sehr lustlos und resigniert. Jedenfalls waren diese Unternehmungen sehr bereichernd und ich hab mich auch sehr über die Unterstützung meiner Kollegen und vor allem von F. und Y. gefreut. Ansonsten mache ich viel mit den Kindern: spielen, malen, basteln. Ich unterhalte mich mit den Résidents und versuche zu helfen, wenn es Probleme gibt oder ich erzähl meinen Kollegen davon. Mit F. hab ich mich um den Schulanfang (Anmeldungen, Kantine, etc.) gekümmert und hab eine Réunion organisiert, um den Eltern zu erklären, wie die Schule in Frankreich funktioniert, auf was man achten muss, wozu die Kantine und die Schulversicherung da sind, etc. Wenn ich zurückblicke wird mir klar, dass die Arbeit, die ich hier geleistet habe nur entfernt mit der Asylbewerbung zutun hat. Mein Schwerpunkt war die Animation (vor allem der Kinder) und ab und zu Begleitungen zu Behörden oder kleine Übersetzungen und Verwaltungspapiere ausfüllen. Auch bei der Arbeit meiner Kollegen ist die Asylbewerbung an sich nicht die Hauptbeschäftigung, obwohl sie eigentlich im Zentrum der Arbeit steht. Für die Menschen, die im Moment im CADA leben, sind die Alltagsprobleme oft wichtiger, als die Asylbewerbung. Zum Beispiel kommt eine armenische Familie jeden Tag mit einem anderen Problem (Fahrtkosten, Ausbildungskosten, ...), aber als vor ein paar Wochen der Bericht für ihre Asylbewerbung geschickt werden musste, haben sie nicht einmal davon gesprochen und wir mussten ihnen eine Woche hinterherlaufen, bis sie sich bequemt haben, daran zu arbeiten – und das nicht, weil es ihnen schwer fällt, über ihr Leben zu reden, sondern weil ihre Geschichte komplett erfunden ist. Für uns stellt das ein großes Problem dar, weil der eigentliche Sinn unserer Arbeit dabei verloren geht. Es war und ist ja oft der Fall, dass die Asylbewerber, die hier sind, nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, weil sie nicht ehrlich sind oder das, was sie erlebt haben nicht ausreicht. In letzter Zeit haben wir aber verstärkt das Problem, dass für die Asylbewerber selbst die Asylbewerbung nur noch zweitrangig ist und damit Mittel zum Zweck, nämlich dem Zweck, wenigstens vorübergehend eine geregelte und legale Aufenthaltserlaubnis zu erhalten – selbst wenn sie wissen, dass ihre Asylbewerbung aussichtslos ist. Das demotiviert alle und macht es natürlich schwer, weiter mit diesen Menschen zu arbeiten. Wir kommen uns dann oft ausgenutzt vor, weil sie uns und vor allem unsere Arbeit nicht ernst nehmen. Dadurch wird das Zentrum für Asylbewerber leicht zum Unterhaltungszentrum und das ist dann schwierig für mich, weil genau das die Arbeit ist, die ich eigentlich mache. Wenn ich mit den Kindern spiele oder Ausflüge organisiere, ist das immer ein Stück weit Unterhaltung. Trotzdem ist das Ziel dieser Arbeit, eine Basis zu schaffen, aufgrund derer man leichter an der Asylbewerbung arbeiten kann. Wenn die Menschen mit denen wir arbeiten selbst nicht mehr an die Asylbewerbung glauben und sie nur benutzen um eine Zeit lang geregelt hier sein zu können, verliert auch meine Arbeit ihre Berechtigung und ihren Sinn und das belastet dann auch die Beziehung zu den Résidents. Trotz allem verstehe ich mich aber immer noch gut mit ihnen und es fällt mir schwer, Abschied zu nehmen. Bei den Roma gibt es zur Zeit wieder einige Probleme: auf ein Grundstück kommen jede Nacht irgendwelche Typen mit Hunden und bringen alles durcheinander und erschrecken die Familien. Viele der Kinder gehen nicht in die Schule und die Sozialarbeiter haben zum Teil die Kantinen nicht bezahlt. Ansonsten läuft es weiter, wie bisher mit Alltagsproblemen und Behörden, die ihnen das Leben erschweren. Die Arbeit mit ihnen ist einfach sehr komplex und es ist erschreckend, wie ihnen auf allen Ebenen Steine in den Weg gelegt werden. Es gibt aber auch gute Entwicklungen, z.B. sind die Mitglieder einer Familie als Staatenlose anerkannt.

Im Foyer ist der Saal im Erdgeschoss seit ein paar Wochen endlich fertig und seit Anfang Juni steht mein EIRENE-Nachfolger fest. Er wird von Anfang an das wöchentliche Treffen mit J.-P. haben, was ihm hoffentlich den Einstieg etwas erleichtert. Seit meiner Ankunft hier hat sich auch vieles im Team verändert. Die Ankunft von F. und die Mitarbeit von Y., der zuerst Praktikant und dann über den Sommer Angestellter war, haben stark dazu beigetragen. Die Arbeit ist zwar nicht weniger geworden, aber da das Team jetzt größer ist, bleiben einfach mehr Zeit und Freiräume für Austausch und gegenseitige Unterstützung. Ich habe das Gefühl, alle sind ein bisschen sensibler für die Zusammenarbeit geworden, die Atmosphäre ist entspannter und alle Mitarbeiter ausgeglichener. Außerdem war ich auch wieder auf Reisen. Am ersten Juli war die Taufe meines Patenkindes Emanuel in Heringsdorf an der Ostsee. Das Fest war sehr schön, auch wenn ich nach der langen Zugfahrt müde war. Ich bin mit dem Zug von Béziers nach Norddeutschland gefahren und hab in Berlin noch einen Freund besucht. Auf dem Rückweg hab ich ein paar Tage in Brüssel und Paris bei anderen EIRENE-Freiwilligen verbracht. Es war schön von Miriam durch Brüssel geführt zu werden und bei Clara in der Arche alle EIRENE-Freiwilligen aus Paris wiederzusehen. Mit meinen Kolleginnen Céline und Francesca und Nadine, die letztes Jahr ein Praktikum im CADA gemacht hat, war ich ein Wochenende in den Pyrenäen. Wir sind mit dem «Train jaune» durch die Berge gefahren und nach einer ruhigen Nacht haben wir eine Wanderung gemacht und anschließend in einer Therme gebadet. Es war einfach wunderschön! Die letzten Monate waren so gefüllt mit – vorwiegend schönen – Erlebnissen und jetzt geht es so rasant aufs Ende zu, dass ich kaum Zeit und Raum zum Innehalten und Nachdenken finde und außerdem beschäftigt mich sehr die Verschlechterung der Lage und der Situation der Bevölkerung im Norden des Niger, wo so viele Menschen leben, die mir viel bedeuten. Da werde ich oft einfach von meinen Gefühlen überwältigt und würde am liebsten all diese lieben Menschen um mich herum umarmen oder ich fange ganz plötzlich an zu weinen. Ja, das Jahr ist nun fast zu Ende und es ist so viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wie ich das alles in ein paar Absätzen beschreiben soll. Am Montag hatten wir eine Réunion, in der wir über mein Jahr hier geredet haben: wie ich es erlebt habe, wo meine Schwierigkeiten lagen, was meine KollegInnen für einen Eindruck von meiner Arbeit hier hatten und haben und was sie eventuell beim nächsten Freiwilligen anders angehen können, beziehungsweise was sie beibehalten sollten oder wollen. Trotzdem fällt es mir schwer, die vielen Eindrücke und Gedanken, die in meinem Kopf herumschwirren auf das Wesentliche zu konzentrieren und zu ordnen. Zuerst mal muss ich sagen, dass das ganze Jahr viel besser verlaufen ist, als ich erwartet hatte. Es gab immer wieder sehr schwierige Phasen und vor allem der Einstieg war alles andere als ein Zuckerschlecken, aber ich bereue nicht, ein ganzes Jahr hier gelebt und gearbeitet zu haben. In diesem Jahr konnte ich so viel lernen, erLEBEN und erfahren. Durch das Leben hier in Frankreich hab ich eine Kultur erlebt und gelebt, die meiner in vielem ähnlich und dann doch wieder ganz fremd ist, und ich hab ein Stückchen Heimat gewonnen. Ich habe eine weitere Sprache wirklich sprechen und anwenden gelernt und viel über das Asylrecht und -verfahren in Frankreich und zum Teil in der EU und über die französische Verwaltung erfahren. All das wird mir sicherlich auch weiterhin sehr nützlich sein.

Für mich ist aber viel wichtiger, was ich über mich selbst gelernt habe, wie ich mich hier kennen gelernt habe – und die vielen Menschen, die meinen Weg gekreuzt haben, und wie ich die, die ich schon lange kenne, durch den Abstand neu kennen gelernt habe. Ich bin hier oft an meine Grenzen gestoßen und hab gemerkt, wo viele meiner Schwächen und Stärken liegen. Die vielen Dinge, die sich haben durch mein Herkommen auf einmal geändert haben, haben mich oft auch überfordert: die erste Erfahrung in der Arbeitswelt, das Leben in einer Stadt, allein zu leben und deshalb auch nicht immer jemanden zum Reden zu haben. Trotzdem war alles in allem ein schönes und wichtiges Jahr für mich mit vielen guten Erfahrungen und Entdeckungen, mit lieben Menschen, die mich begleitet haben, ein Jahr, in dem ich neue Blickwinkel entdeckt und gewonnen habe und auch so manches von meinen Können und Wissen in der Arbeit und auch privat anwenden konnte. In der Arbeit war mein Schwerpunkt – wie schon gesagt – die Animation, Arbeit mit den Kindern und mit den erwachsenen Résidents. Sehr schön war zum Beispiel als wir die Mauer bemalt haben, die Weihnachtsfeier im Januar mit Plätzchen backen und Geschenken und das gemeinsame Mittagessen und anschließendes Basteln mit den Kindern. Die schönsten Erlebnisse für mich waren nicht die Ausflüge, weil es doch auch sehr anstrengend war, alles zu organisieren, sondern die Begegnungen mit den Menschen hier: eine Einladung, ein Gespräch, ein Lächeln und die Dankbarkeit fürs Zuhören von Menschen, die den ganzen Tag nur in ihrem Zimmer sitzen und sich langweilen und Sorgen über ihre Situation machen. Es ist schön zu sehen, wie ich mit kleinen Gesten und Handlungen, z.B. gemeinsam einen Kuchen backen oder ein einfaches Lächeln, so viel bewegen kann. Ich freue mich auch sehr über die kleinen Veränderungen und Entwicklungen der Kinder, aber auch der Erwachsenen und im Umgang miteinander, wie sie offener und fairer miteinander umgehen und sich schätzen und ernst nehmen lernen. Eine russische Familie hat drei Kinder, die oft geschlagen werden – und vor allem oft grundlos. Als ich angekommen bin, waren die einzigen Kommunikationsarten der beiden Jüngeren D. und S., Drohgebärden oder Schreien. Nach und nach hat Djabraïl angefangen, zu zeigen, was er will, ohne zu schreien und sich von mir Dinge erklären zu lassen, ohne mich abzuweisen, zu schlagen oder mir den Stinkefinger zu zeigen. Inzwischen akzeptiert er auch, wenn ich ihn zurechtweise und er hat angefangen auch mit den anderen Kindern direkt zu kommunizieren. Dabei spielt sicher auch sein Alter eine Rolle und dass die Eltern sich inzwischen ein bisschen mehr um ihre Kinder kümmern – leider aber immer noch nicht viel und sehr unkonsequent und ungern. Durch meine Präsenz und Aufmerksamkeit fast jeden Tag ist zwischen den Résidents und mir eine gute Beziehung entstanden. Die Kinder und die meisten Erwachsenen bringen mir viel Vertrauen entgegen und dadurch erfahre ich dann oft Dinge, die helfen, ihre Geschichte besser zu verstehen oder ich kann ihnen klar machen, dass es wichtig und zu ihrem Vorteil ist, wenn sie offen und ehrlich mit uns sind. Zum Beispiel hat eine tschetschenische Familie eine Weile in Österreich gelebt bevor sie hierher gekommen sind und dort haben sie den Status als Flüchtling nicht bekommen, obwohl fast alle ihre Verwandten hier als Flüchtlinge leben. Damit sie in Frankreich (also in einem anderen EU-Land) eine Asylbewerbung machen können, müssen sie eigentlich nochmal in ihr Land zurück und von dort direkt hier ankommen. Sie haben also gesagt, dass sie nicht direkt von Österreich hierher sondern nochmal zurück nach Tschetschenien und erst dann hierher gekommen sind. Sie haben uns davon nichts gesagt, aber da sich vorher CIMADE in Montpellier um das Dossier gekümmert hat, kannten wir die ganze Geschichte. Der Vater hat große Gesundheitsprobleme und als ich länger mit ihnen diskutiert habe, waren sie bereit mir Gutachten von Ärzten aus Österreich zu geben – aus der Zeit in der sie offiziell in Tschetschenien waren. Daraufhin gab es noch ein paar Missverständnisse, aber letztendlich und nach mehreren Gesprächen haben sie verstanden, dass wir auf ihrer Seite stehen und dass sie ehrlich sein können ohne dass es ihnen schadet. Wenn ich jetzt zurückschaue, merke ich, dass es doch eine ganze Menge kleiner Aufgaben gab, die ich erledigt habe: Anrufe machen und entgegen nehmen, versuchen, den Menschen, die mit Problemen herkommen zu helfen, Begleitungen zu Behörden (Rathaus, Post, Sozialamt, Anwalt, Krankenhaus, ...), mündliche und schriftliche Übersetzungen (Italienisch, Englisch, Deutsch), Reunionen organisieren, Informationen an die Familien weiterleiten, Französischunterricht geben, Passfotos ausdrucken, Kleider sortieren, aufräumen, Informationen über die Asylbewerbung an sich und die jeweiligen Herkunftsländer recherchieren und diversen Papierkram erledigen: Geburtsurkunden beantragen, Anträge ausfüllen (z.B. für die Krankenversicherung), Briefe verfassen (z.B. an den Präfekt) oder diverse Bescheinigungen (für Unterkunft, etc.) ausstellen und noch vieles mehr. Außerdem habe ich ab und zu Menschen, die sich für die Arbeit von CIMADE interessieren, besucht, von der Arbeit berichtet und darüber diskutiert. Und ich habe durch die Session von CIMADE (am Anfang meines Dienstes), durch eine Reunion in Paris, durch die CLA (die Kommission, die entscheidet, wer in welches CADA kommt) und die Besichtigung der CRR (die Kommission, die nach einer ersten Ablehnung des Asylantrags entscheidet, ob der Asylbewerber als Flüchtling anerkannt wird) einen besseren Überblick über das Umfeld der Arbeit bekommen. Bei diesen ganzen Arbeiten sieht man oft kein unmittelbares Resultat, und es ist einfach deshalb wichtig, weil es jedem der Menschen, mit denen ich hier arbeite, ein bisschen hilft, den Alltag erleichtert und eventuell ein bisschen Sicherheit vermittelt. Vieles kommt mir aber auch so überflüssig vor und es ist auch sehr kraftraubend, wenn man für eine Anfrage zehn Papiere ausfüllen und mindestens drei Telefonate führen muss. Der Bürokratieapparat hier ist mindestens genauso schlimm, wie in Deutschland! Die Arbeit mit den Résidents direkt, die Beziehungen, haben mir meistens mehr Spaß gemacht, waren aber auch anstrengender und so war ich froh, dass es einigermaßen abwechslungsreich war und ich mich auch mal ins Büro und an den Computer flüchten konnte. Die Arbeit mit den Résidents ist insofern anstrengend, weil ich sehr auf das Gegenüber angewiesen bin. Sie sind oft lustlos oder sind nicht da, wenn ich etwas mit ihnen klären muss und es fällt mir oft schwer, das nicht persönlich zu nehmen. Ich komme mir dann manchmal ignoriert oder ausgenutzt vor. Es ist auch schwer, wenn ich mir dauernd irgendwelche Probleme anhöre und die meisten davon nicht lösen kann, wenn es um grundlegende Probleme geht – wie z.B. ohne Papiere in Frankreich zu leben – oder um Probleme, die ich theoretisch lösen könnte, die aber nicht in meinen Aufgabenbereich fallen oder wo die Résidents nur zu unselbstständig oder zu lustlos sind, sich selbst darum zu kümmern. Ganz oft werde ich beispielsweise gefragt, ob ich irgendwo anrufen kann, obwohl die betreffende Person das ganz gut selbst erledigen könnte. Mein eigenes Gleichgewicht, wann ich was wie viel arbeite, zu finden, fällt mir (noch) sehr schwer und ich bin deshalb oft müde und ausgelaugt. Ich habe aber auch gelernt, bestimmte Situationen auszuhalten und wie wichtig es ist, zu beachten, was ich brauche, will und kann und danach zu handeln. Ich bin ein bisschen selbstbewusster geworden, habe mich selbst besser kennen gelernt und weiß meistens, was ich brauche oder was mir fehlt. Es gelingt mir aber nicht in jeder Situation: oft traue ich mir weniger zu als ich könnte, habe Angst, Fehler zu machen und das hält mich davon ab, etwas zu wagen. Manchmal weiß ich auch nicht, was brauche oder selbst wenn ich es weiß, passiert es mir, dass ich meine Grenzen nicht oder nur schwer akzeptieren kann. Zum Beispiel hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich später in die Arbeit gekommen bin als meine KollegInnen, oder wenn ich früher gegangen bin – und auch, wenn ich mal einen Tag lang Email-Kontakte gepflegt und im Internet recherchiert habe. Ich hab mich dann entweder schlecht gefühlt und mir die ganze Zeit Druck gemacht oder ich habe mich gezwungen, länger zu bleiben oder etwas «Sinnvolles» zu tun. Dazu muss ich aber auch sagen, dass meine KollegInnen auf einem sehr hohen Niveau (mit Kompetenzen in sehr vielen verschiedenen Bereichen) und vor allem wahnsinnig viel arbeiten. Da die Arbeitszeiten auch sehr ungeregelt und unterschiedlich sind, war für mich auch nicht ganz klar, was von mir erwartet wird und ich hab mich am Anfang nicht getraut, offen darüber zu reden. Ich denke, das ist wirklich eine meiner größten Schwierigkeiten, dass ich mich – oft unnötig – schuldig fühle, wenn ich sehe, dass andere mehr tun, dass ich sehr hohe Erwartungen an mich selbst habe und dann davon ausgehe, die andern hätten dieselben Erwartungen und dass die Gleichberechtigung sehr stark in meinem Denken verankert ist und ich deshalb nicht akzeptieren kann, dass ich andere Bedürfnisse, andere Fähigkeiten und andere Vorstellungen und Wünsche habe. «Was gleich ist, ist nicht unbedingt gerecht und was gerecht ist, ist nicht unbedingt gleich.» Auf manchen Gebieten bin ich aber auch lockerer und toleranter geworden, zum Beispiel, was Verhaltens- und Arbeitsweisen und kleine Marotten meiner KollegInnen angeht (Unordnung, rauchen, Direktheit und Sarkasmus, wo ich es früher für unangebracht, unsensibel gehalten hätte). Und gegen Ende meines Dienstes bin ich auch offener geworden und habe mich eher getraut über Schwierigkeiten zu reden. Ich sehe den Erfolg meines Jahres auch ein bisschen darin, dass sich für meinen Nachfolger und hoffentlich alle darauf folgenden, schon eine Menge verändert hat und ein bisschen Struktur da ist, die den Einstieg erleichtern kann. Ja, ich werde die Menschen, die Arbeit und auch einfach das Leben hier sicher vermissen. Ich bin froh und dankbar für die Kontakte, die Erfahrungen und Erlebnisse, die Entdeckungen und die Entwicklungen!

Mit all diesem Reichtum werde ich am Samstag mit meinen Eltern meine Heimreise antreten. Die letzten Septembertage werde ich dann in Neuwied beim Rückkehrerseminar von EIRENE verbringen, bevor ich für ein paar Wochen zu Hause sein werde. Ich habe beschlossen, mir erst mal noch ein Jahr Zeit zu nehmen, meine Freiheit zu genießen und weiter die Welt zu entdecken – in meinem Rhythmus – bevor ich meine Entdeckungen durch ein Studium erweitere. Ich merke einfach, dass ich noch nicht bereit dazu bin, mich wieder auf etwas einzulassen, wo ich mich für einige Jahre mehr oder weniger festlegen muss, und dass ich erst studieren will, wenn ich es wirklich will und nicht, weil es die anderen erwarten. Es fällt mir nicht ganz leicht, ich bin oft unsicher und lass mich durch andere noch mehr verunsichern, weil alles so unklar ist und ich nicht weiß, wohin mein Leben weitergeht, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich diese Zeit für mich brauche und wenn ich daran denke, dass mir die ganze Welt offen steht, macht mich dass einfach glücklich! «... it makes me strangely peaceful, to know I've not arrived, got no truths staffed in my pocket, no answers cut and dry. The map is ever changing...» (Kathy Spatschek) Ich habe schon einige Pläne für die kommende Zeit: Mitte, Ende Oktober fahr ich nach Taizé, wo ich einen Monat verbringen werde. Am ersten Dezember fliege ich mit meiner Oma zu meinem Onkel und seiner Familie nach Malawi (im südlichen Afrika) und Weihnachten werde ich dann wieder daheim verbringen. Anfang Januar fahre ich wahrscheinlich nochmal nach Taizé um für ein paar Monate dort zu bleiben. Anschließend würde ich gerne ein paar Praktika machen (wahrscheinlich vorwiegend im Ausland: Schweden, Irland und vielleicht Israel und Niger) und habe ich mich auch schon über ein paar Organisationen und Projekte informiert. Es gibt noch so viel zu sehen, zu entdecken und zu erfahren – in der Welt und in mir selbst...

«Möge die Strasse dir entgegen kommen und der Wind dir den Rücken stärken, möge die Sonne dir warm ins Gesicht scheinen und sanfter Regen deine Felder tränken – und bis wir uns wieder sehen, möge Gott dich in seiner schützenden Hand halten.» (Irischer Segen)

Herzliche Grüße von Anna

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