Internationaler Christlicher Friedensdienst

Es öffnen sich stets unbekannte Türen. Um diese entdecken zu können, habe ich mir ein Jahr Zeit genommen...

Marcel de la Chevallerie berichtet von dem Anfängen und Aufgaben in der der Arche St. Antoine in Frankreich. (November 2006)

Liebe Rundbriefleser, Während meiner Friedensdienstrecherchen letzten Sommer stieß ich auf EIRENE. Bis dato sagte mir der Name nichts. Da es vielen sicherlich ähnlich ergeht, hier eine Selbstbeschreibung von EIRENE: „EIRENE ist ein ökumenischer, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der als gemeinnütziger Verein in Deutschland, als Träger des Entwicklungsdienstes und des so genannten „Anderen Dienstes im Ausland“ (anstelle des Zivildienstes in Deutschland) anerkannt ist. 1957 wurde EIRENE von Christen verschiedener Konfessionen gegründet, die sich der Idee der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten und ein Zeichen gegen die Wiederaufrüstung und für das friedliche Zusammenleben setzen wollten. Zu den Gründern gehören die historischen Friedenskirchen der Mennoniten und der Church of the Brethren, die noch heute mit dem Versöhnungsbund und den EIRENE – Mitgliedern zählen. In über 40 Jahren sind mehr als 1000 Freiwillige und Entwicklungshelferinnen mit EIRENE in Afrika, Lateinamerika, sowie Europa und den USA im Rahmen eines Auslandsdienstes tätig gewesen.“ Politische Aktionen und vor allem die Idee von EIRENE, Leid in der „Dritten Welt“ auch an seinem Ursprung durch Projekte in der „Ersten Welt“ zu bekämpfen, hat mich beeindruckt. Aus dieser Idee heraus vergibt EIRENE den Projektplatz, den ich erhalten habe. Ich bewarb mich im November letzten Jahres. Zwei Wochen vor der Ausreise wurde mir bewusst, dass in Deutschland nicht mehr viel Zeit verbleibt. „Das letzte Mal“ tauchte zunehmend häufiger auf. Neben einigen Erledigungen, die vor allem mein Reisegepäck betrafen, traf ich mich mit fast allen Leuten, die ich kannte, um mich zu verabschieden. In der letzten Woche hatte ich manchmal nur eine oder zwei Stunden für eine Verabschiedung Zeit, da bereits die nächste an stand. Es war ein Verabschiedungsmarathon, der anstrengend war. Mit der Abreise war diese intensive Zeit mit einem Mal vorbei. Seit ich von EIRENE bescheid bekommen habe, dass ich mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Arche St. Antoine in Frankreich leisten kann, freute ich mich auf den Ausreisekurs der mit etlichen anderen EIRENE - Freiwilligen stattfinden würde. Aus den Seminarerfahrungen mit EIRENE (Info- und Bewerbungsseminar) war ich mir sicher, dass ich interessante Menschen treffen werde – und so war es. Wir bildeten eine ungewöhnlich homogene Gruppe, in der offen gesprochen werden konnte. In den zwei gemeinsamen Wochen lernte ich nicht nur mich, sondern auch 20 andere Freiwillige besser kennen. Das volle Programm gab uns neben persönlichen und interpersönlichen Übungen einen Einblick in die Organisation EIRENE. In kleinen Gruppen interviewten wir z. B. EIRENE – Mitarbeiter oder spielten ein Polizeiverhör als abendliches Spektakel. Für mich war es sehr interessant einen Einblick in eine Entwicklungshilfeorganisation zu bekommen. Professionelle Entwicklungsarbeit in Nicaragua lernten wir hautnah von zwei von EIRENE entsandten Entwicklungshelfern, die unmittelbar nach Deutschland zurück kamen, kennen. Alles in Allem war der Ausreisekurs eine hilfreiche Einstimmung auf den Dienst. Im Nachhinein tut es gut zu wissen, dass es um einen herum mehrere Anlaufstellen gibt, an denen bekannte Gesichter einen ähnlichen Dienst wie ich leisten und ähnliche Fragen und Eindrücke haben. Das ermöglicht spannende Korrespondenzen, die mit den meisten Freunden aus der Schule leider nicht möglich sind, da für diese unsere Situation schwer nachzuvollziehen ist. Einige Eirenis werden mich und werde ich noch besuchen. Ich hatte mich so an die Leute und die neuen Freunde des Ausreisekurses gewöhnt, dass eigenartig war, nach dem Ausreiseseminar plötzlich wieder allein zu sein und die Reise Richtung Projektplatz anzutreten. Durch Menschen aus allen Ecken Deutschlands im Ausreisekurs und ein Wochenende bei Verwandten nahe der französischen Grenze lernte ich vor allem das für mich vorher unbekannte Westdeutschland kennen und bedauerte ein bisschen, in ein fremdes Land aufzubrechen, wo wieder der Prozess des Kennenlernens von vorne beginnen würde. Konkret merke ich dies hier in Frankreich nicht nur geographisch, sondern auch politisch, kulturell, geschichtlich – selbst in Buchläden, die sonst ein oft besuchter, fast schon vertrauter Ort waren, kannte ich bisweilen kein einziges Buch, keinen Autor, keinen Verlag. Mein Projekt, die Arche von St. Antoine, hingegen, war mir durch die einwöchige Projektreise nicht ganz unbekannt. Ähnlich wie bei der Projektreise, wurde mir ein Zimmer zugewiesen und ich wurde in Ruhe gelassen. Erst am nächsten Tag begrüßten mich während der Arbeit nach und nach die bekannten Gesichter. Grundsätzliches über die Arche wusste ich bereits vor meiner Ankunft. Sie wurde 1987 von 13 Erwachsenen mit 11 Kindern gegründet und ist seitdem auf ca. 60 Personen (12 Familien und einige Einzelne) angewachsen. Die Lebensweise der Arche ist von Lanza del Vasto inspiriert. Dieser traf 1937 Gandhi und sah in seiner Philosophie des Friedens und der Gewaltfreiheit die Lösung für menschliche Probleme. 1943 veröffentlichte Lanza del Vasto sein bekanntestes Buch „Pélerinage aux Sources“ (wörtlich: „Pilgerschaft zu den Quellen“, dem Sinn nach: „Rückbesinnung auf Wesentliches“). Die Bedeutung des Buches und der Philosophie des Friedens und der Gewaltfreiheit muss vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges verstanden werden. Mit seiner Frau gründete Lanza del Vasto 1948 seine erste Kommunität, die er symbolisch „Arche“ nannte: ein gewaltfreies Leben in Frieden in Zeiten, in denen die menschliche Hand durch Technik und Wirtschaft das Potential besitzt, die Welt zu zerstören. Die Lebensphilosophie Lanza del Vastos wird theoretisch durch seine Bücher und praktisch durch Mitbewohner der Arche, die damals mit ihm zusammen lebten, übermittelt. Wesentliche Punkte sind das einfache Leben in angestrebter Autarkie und die christliche Religion. Die Arche in St. Antoine ist eine von drei Archen in Frankreich. Sie ist durch den Gästebetrieb bedingt, der sich an bestimmten Normen orientieren muss, die modernste Arche. Internet, Fax, Beamer …, sind ebenso, wenn auch teilweise sehr alt, vorhanden. Das ehemalige Klostergebäude, in dem die Arche wohnt, wird nur zur Hälfte von der Arche selbst genutzt. Aufgrund der verbleibenden Kapazitäten lag es nahe, einen Gästebetrieb anzufangen. Dementsprechend hat sich die Arche folgende Grundsätze gegeben, die von denen der anderen Archen etwas abweichen: - Empfang von „Pilgern unserer Zeit“ - Christlicher Glaube in Ökumene. Tägliche Gebete, u.a. - Persönliche Arbeit für ein Selbstbewusstsein in Frieden - Arbeit an menschlichen Relationen: Akzeptanz des anderen,… für eine menschlichere Gesellschaft. Wer den Brief bis hier gelesen hat, kennt nun einige Gründe für die Strukturierung des Tages, die wie folgt aussieht: Morgens um 8. 15 Uhr beginnt das Gemüseschälen mit der ganzen Kommune in der Küche. Um 9.15 Uhr findet eine Meditation mit anschließender Andacht bis um 10.00 Uhr statt. Dann wird bis 12 Uhr gearbeitet und nach dem Essen um 12.30 Uhr die Arbeit um 14.15 Uhr wieder aufgenommen. Um 18.00 Uhr ist Arbeitsschluss, um 18. 30 Uhr das Abendgebet und dann optional ein Abendbrot mit den Gästen um 19.00 Uhr oder im Zimmer bei mir. Abends essen die Familien bei sich. Die Arbeit hingegen kann man nicht als strukturiert bezeichnen. Neben einigen Tätigkeiten, die sich wiederholen, wie Küchendienst, Frühstücksvorbereitungen oder Gemüse schälen, wechselt die Arbeit ständig: je nach Dringlichkeit dessen, was getan werden muss und je nach Person oder Gruppe, mit der ich zusammenarbeite. Gleich zu Beginn hat man mir einige Verantwortungen zugewiesen, die kleinere Reparaturen im Haus, Staubsauger auslehren, Frühstück (teilweise für 100 Personen) und Autowaschen umfassen. Diese Verantwortungen beanspruchen aber nur einen kleinen Teil der Arbeitszeit. Der Fülle der verschiedenen Arbeiten wegen, zähle ich einige Arbeiten auf: Holz für den Winter stapeln, Holz in alle Etagen bringen, Schrott im Anhänger zur Müllhalde fahren, Zimmer renovieren (streichen etc.), Räume für Gruppen vorbereiten, Gartenarbeit, Kabel verlegen, Haushalt, Schornstein säubern … Egal, was ich hier tue, macht es immer Spaß, da ich selten alleine arbeite und während der Arbeit die Archebewohner oder Gäste kennenlerne. Durch die verschiedenen Nationalitäten der Kommunebewohner und der Gäste bilden sich nicht selten internationale Arbeitsgruppen mit mehr als 6 Nationalitäten. Weiterhin bin ich in einer Kommission „Vie communautaire“ (kommunitäres Leben), die sich um alle die Kommune als ganzes betreffenden Angelegenheiten kümmert. Alle zwei Wochen habe ich mit einer Deutschen und einem Brasilianer, die jeweils nur für 3 Monate bleiben, ein Treffen mit einem Ehepaar aus der Kommune, die uns in unserer Zeit begleiten und uns über die Arche an sich informieren. Ein weiterer Punkt, warum die Arbeit nie langweilig ist, sind die netten Leute der Arche. Sie haben immer ein offenes Ohr. Ich muss vielleicht auch erwähnen, dass das Arbeitsverständnis insgesamt anders ist. Hier wird nicht des Geldes, sondern der Arche wegen gearbeitet. Der religiöse und der kommunitäre Kontext in den die Arbeit eingebettet ist, schafft eine angenehme Arbeitsatmosphäre, da so die Arbeit einen Wert birgt, der jenseits des Geldverdienens herrührt. Kurz: sinnvolle Arbeit macht Spaß. Meine Eindrücke der Arbeit sind nicht für Frauen repräsentativ, da es grob eine Trennung der Arbeit für Männer und Frauen gibt. Männer arbeiten eher physisch, Frauen mehr im alltäglichen Haushalt, vor allem im Gästebetrieb (ich erinnere an die 100 Betten!). Dies hat rein physische Gründe. Mein Kontakt zu Jugendlichen beschränkt sich hauptsächlich auf eine Fünfergruppe von Freiwilligen, die je ungefähr für 3 Monate hier bleiben. Ständig kommen aber Gäste, auch Jugendliche, mit denen ich mich austauschen kann. Da die Arche auch ein Ort der Diskussion und des Engagements ist, kommen viele Gruppen übers Wochenende hierher, um zu arbeiten. Jedes Wochenende bekomme ich durch Gespräche am Mittagstisch oder abends einen kleinen Einblick in die Tätigkeit der Gruppen. Manchmal entwickelten sich spannende Gespräche, die bis spät abends andauerten. Die Kinder der Archebewohner bekomme ich größtenteils nur am Wochenende zu Gesicht. Es gibt einen von den Jugendlichen eingerichteten Raum („Club“), in dem man sich abends trifft. Billardtisch, Kicker, durchgesessene Sofas und ein herrliches Chaos mit wunderbaren, gefundenen und über die Zeit angesammelten Gegenständen schaffen eine Atmosphäre, die mich häufig an Berliner Hinterhof – Anarchocafés denken lässt. Etwas Besonderes sind Feiern, die manchmal schon Wochen vorher vorbereitet werden, und so eine außergewöhnliche Atmosphäre schaffen. Alle ziehen an einem Strang und geben ihr Bestes, damit die Feier schön wird. Dann kann es sogar zu sonst unüblichen Arbeitszeiten, wie z. B. von 21.00 – 22.30 Uhr kommen. So eine Vorbereitungsphase erlebte ich die letzten zwei Wochen, in denen wir Männer ein Fest für die Frauen vorbereiteten. Wir haben eine Musikgruppe auf die Beine gestellt, die aus zwei Jungs aus der Kommune, der Brasilianer, ein Gitarrist aus dem Dorf und mir besteht. Jeden Abend probten wir in den noch nicht endgültig renovierten Kellerräumen bei zum Teil eisiger Kälte. Der Brasilianer musste sich immer mindestens zwei Pullover und eine Jacke überziehen. Nach der Feier werden wir mit der Band unsere eigene Musik zu spielen versuchen. Die Feier an sich ist unbeschreiblich. Vielleicht kann man sich vorstellen, welche Energie sich entlädt, wenn eine Feier so lange vorbereitet wird. Ansonsten kann ich nur eins empfehlen: herkommen. Selbst das kann aber schwierig werden, da die Arche während mancher Feiern keine Gäste aufnimmt, aus Angst, diese würden durch den ersten Eindruck der feiernden Arche zu der Meinung kommen, die Arche sei ein übergeschnappter Haufen christlicher Verrückter. Das gilt zum Beispiel für die Feier, von der ich berichtete. Allein die Tatsache, dass Männer für Frauen und später auch umgekehrt, Frauen für Männer, eine Feier vorbereiten, scheint zunächst unverständlich. Welche Gründe genau dahinter stehen, würde hier zu erklären, den Rahmen sprengen. Allgemein braucht es seine Zeit, die Arche zu entdecken. Immer wieder wird mir stückweise dieses oder jenes erklärt. Nach und nach erfahre ich von zahlreichen Engagements, in denen die Arche oder Archebewohner involviert sind. So bekomme ich einen Einblick in Politik, Soziales, Religion, die Menschen hier, Lebensgeschichten, physische Arbeit, kommunitäres Zusammenleben, …und letztlich: mich selbst. Es öffnen sich stets unbekannte Türen. Um diese entdecken zu können, habe ich mir ein Jahr Zeit genommen.

Soweit der immer zu kurze Bericht – Viele Grüße Marcel

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