Internationaler Christlicher Friedensdienst

Es ist einfach zu schön, endlich da zu sein: in meinem Projekt, in meinem neuen Zuhause für ein Jahr, in meinem neuen Leben - und schon alte Bekannte wieder zu sehen.

Aische-Kristin Westermann lebt in der Gemeinschaft „La Borie Noble“ in Frankreich und erkläert uns, was es für sie bedeutet und welche Aufgaben bzw. welche Freuden es für sie bringt. ( März 2007)

FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN > Mein Projekt heisst "Arche nach Lanza del Vasto". Lanza del Vasto war ein > italienischer Adliger, der nach Indien reiste um dort Ghandi zu begegnen > und als sein Schüler von ihm "Shantidas" genannt zu werden; der, der den > Frieden bringt. Als Lanza del Vasto zurück nach Europa kam, versuchte er eben > dies zu tun, indem er die gewaltfreien Gemeinschaften der Arche in > Südfrankreich nahe Montpellier gründete. Ihre Grundsätze basieren wie gesagt > auf Gewaltfreiheit, aber ebenso auf eine einfache Lebensweise(kein fliessend > heisses Wasser, Kerzen statt Elektrizität, Handarbeit) und politischen > Aktivismus(Kriegsgegner, anti OGM, anti nukleare Energie uvm.). > Und in einer dieser Gemeinschaften lebe ich nun seit ca.4 Monaten, der > Arche "La Borie Noble" die zur Zeit ca.20 feste Mitglieder zählt, Kinder > eingeschlossen. Neben den festen Mitgliedern, die 'engagés' heissen, gibt es > hier stagières,d.h.Praktikanten. Diese stagières bleiben zwischen 1 Woche, > einigen Monaten und einem Jahr, so wie ich. Als Langzeitpraktikant(longstagière)ist es üblich, in einem festen Arbeitsbereich zu arbeiten. Von denen gibt es hier mehrere: die Bäckerei, die durch die Herstellung von Brot die Gemeinschaft in zweierlei Hinsicht versorgt, und zwar einmal schlicht und ergreifend als Nahrungsmittelliferant und dann durch den Verkauf als Einnahmequelle; der Garten, der eine weitgehend vom Grosskonsum unabhängige Versorgung durch Gemüse und Obst gewährleistet; die Hotellerie, die sich um die Koordinierung und den Empfang der Gäste kümmert; die Töpferei, in der Tonwaren für die Gemeinschaft, aber hauptsächlich für den Verkauf produziert werden; die Farm, die durch Kornanbau die Bäckerei versorgt, Kartoffeln planzt und mit ihren Kühen die notwendige Milch für die Käserei liefert. Die Käserei wiederum stellt Hartkäse, Joghurt, Quark, Butter und Frischkäse her.

Meine Arbeitsbereiche sind die Käserei und die Töpferei. Als "fromagière", also Käserin, stelle ich im Moment 1x die Woche Käse, Butter, Quark und Joghurt her. Ausserdem organisiere ich den Käsekeller, wo der Hartkäse zum reifen lagert und entscheide, wann, wie viel und welcher Käse gegessen werden kann. Die Käserei nimmt insgesamt die meiste Zeit in Anspruch, insgesamt 3 Tage in der Woche. Die restlichen 3 Arbeitstage verbringe ich mit töpfern und meiner Wäsche, die hier von Hand gewaschen und vom Wind getrocknet wird.

Insgesamt ist das Leben hier in drei Ebenen unterteilt: 1.der Arbeitsebne, 2.der Gemeinschaftsebene und 3.der religiös/spirituellen Ebene. Diese sind in das Alltagsleben wie folgt integriert: von 7:oo-7:3oh morgens und19:oo-19:3oh abends besteht für diejenigen, die möchten, die Möglichkeit zur gemeinsamen Meditation; von 7:3o-8:3oh und von 19:45-2o:3oh sind Frühstück und Abendbrot, zu denen die stagières kommen und gemeinsam essen können-die Familien essen für sich. Von 8:3o-9:3oh wird unter Anleitung der Köchin(und ganz selten auch des Koches...) das Gemüse für das Mittagessen geschält und das Ganze nennt sich dann "La Pluche", will heissen "die Schälung". Um 9:3oh und 19:3oh finden die Gebete statt. Beim Morgengebet wird jeden Tag ein Text einer anderen Religion verlesen, ein Gebet gesprochen, gesungen und im Anschluss seinem Nachbarn ein guter Tag gewünscht-danach findet die Arbeitsverteilung statt. Das Abendgebet ist reicher an Gebeten und ohne verlesenem Text; es gibt einen Moment der Stille, in dem die Möglichkeit besteht seine Gedanken(Gebet) den anderen mitzuteilen und am Ende können allgemeine eher organisatorische Informationen ausgetauscht werden.

Um das Gemeinschaftsleben zu organisieren und einen regelmässigen Austausch untereinander zu gewährleisten, finden sogenannte "réunions" statt, in denen sich einmal nur die festen Mitglieder treffen und einmal die festen Mitglieder plus Langzeitpraktikanten. Hier besteht die Möglichkeit, sich einander soweit mitzuteilen, wie man mag. Das betrifft einmal so etwas wie "den Stand der Lage", was den Arbeitsbereich angeht(in meinem Falle z.B.die Käserei: ist genug Käse da, gibt es Pobleme bei der Herstellung, ist er auch noch gelb und rund usw.) und dann den seelischen und zwischenmenschlichen Zustand(fühle ich mich wohl, habe ich Fragen, Beschwerden usw.). Neben diesen formalen réunions gibt es noch die réunions für die Langzeitpraktikanten. Dafür ist ein Nachmittag der Woche reserviert. Alle zwei Wochen erhalten wir so etwas wie einen Unterricht über die Philosophie Lanza del Vastos, der von dem festen Mitglied der Arche das für uns 'verantwortlich' ist gegeben wird - dieses Mitglied ist auch unser Ansprechpartner, sollte es Probleme geben. Dieser Unterricht soll gewährleisten, dass wir neben dem Arbeits- und Gemeinschaftsleben der Arche auch eine theretische Grundlage über die Position und Motivation der Gemeinschaft erfahren. Ein nicht ganz unerheblicher Aspekt, wenn man hier längere Zeit leben wird. Die Woche die dazwischen liegt ist reserviert für ein lockeres Zusammenkommen der Langzeitpraktikanten, in dem eine private Sphäre geschaffen wird, um sich auch ausserhalb des Gemeinschaftstrubels zu begegnen, zu erzählen wie man was erlebt oder auch um einfach mal raus zu lassen, was einen an der Gemeinschaft nervt und wie man alles viel viel besser machen würde...


NA, WIE GEHT ES UNS DENN SO?

Um es zunächst einfach auszudrücken: gut! Aber eigentlich beinhaltet diese Frage ja eine ganz andere, für den Rundbrief zentrale Frage, nämlich diese: Nun, wie ist es dir denn bis zu diesem "gut!" ergangen, das du jetzt für dich lebst? Und dafür muss ich meinen Kopf einmal weit nach hinten drehen und über meine Schulter zurürck blicken - wenn ich dann auch noch meine Augen zusammenkneife kann ich dies erkennen:

Vor ca.4 Monaten komme ich an dem Bahnhof Les Cabrils, der ungf.1,2km von der Arche entfernt ist, an und mir ist alles von der Projektreise her vertraut: das Gras, dass hier hoch zwischen den Schienen wuchert und auf den regen Zugverkehr in dieser Gegend hindeutet, die hohen Hügel mit ihren grünen Jacken, die Wölfe die einen gegenüber vom Bahnsteig anschauen, aber eigentlich Huskys und Teil der Hundezucht dort sind, und natürlich die blauen Wegweiser mit weissem Pinselstrich auf denen "Communauté de l'Arche" steht. So wie ich diese Worte lese, setzen sie auch schon den Haufen Ameisen in meinem Bauch in Bewegung, die anscheinend nur darauf gewartet haben wie wild loszukribbeln. Dieses Gefühl hält sich hartnäckig und findet seinen Höhepunkt als ich in die Kücke der Gemeinschaft komme und jedem anwesenden überschwenglich 2 Küsschen links und rechts auf die Wange drücke und ihnen meinen Namen aufdränge - gefragt hat wahrscheinlich keiner, aber das ist mir in dem Moment auch egal! Es ist einfach zu schön, endlich da zu sein: in meinem Projekt, in meinem neuen Zuhause für ein Jahr, in meinem neuen Leben - und schon alte Bekannte wieder zu sehen.

Eine alte Bekannte war für mich auch die Käsere der Borie, von der ich von Anfang an wusste, dass sie mein Arbeitsbereich sein würde. Um Käse herzustellen muss man ja erstmal wissen, wie das überhaupt geht - und das galt es nun zu lernen. Meine Vorgängerin hat mich in ihren letzten und meinen ersten 4 Tagen eingearbeitet. Ich habe also meine ersten "tomme"(Käseleiber)hergestellt. Soweit, so gut. Dann waren wir alleine: die Käserei, das Käsehandbuch und ich - und das war mir alles andere als geheuer. Denn ich war gestresst, genervt oder einfach gesagt: überfordert. Mit der Zeit habe ich dann lernen dürfen, mich gut zu organisieren - denn zeitliche Organisation in einem Arbeitsprozess ist die Lösung, um den Stress in Ordnung zu wandeln. Es war und ist immer noch ein schönes Gefühl zu sehen, wie so alle Teile deines Alltaglebens beginnen, sich wie ein Puzzle zusammen zu fügen, auf dem dann ein Mensch zu sehen ist, der durchatmen kann.

Zudem bekam ich Hilfe von 2 weiteren stagières, die mir durch ihre Mitarbeit die Möglichkeit geben, hier auch einen Lebens- und Arbeitsbereich zu haben, der nicht bis zum Rand mit Milchprodukten gefüllt ist. Zur Zeit ist das die Töpferei, in der ich über den Winter vom Töpfer der Borie, der gleichzeitig auch der Gärtner ist, lerne, aus einem Klumpen Ton mittel einer Drehscheibe und meiner Beinkraft Dinge wie Tassen, Essschalen und Deckel herzustellen. Wenn ich töpfere und dann spühre, wie die Erde unter meinen Händen Form annimmt, wenn ich sehe, wie innerhalb von 15 Minuten aus diesem Klumpen Ton etwas wie eine Schale wird, dann bin ich glücklich, das füllt mich aus. Ich glaube nicht, mich erinnern zu können, dass eine Schulnote jemals die Art von Wirkung auf mich hatte. Das war, denke ich, bis vor kurzem auch noch mein Käseproblem: das Ausgefülltsein bei der Arbeit. Doch durch meinen Urlaub anfang Neujahr konnte ich Abstand gewinnen, und der hat mir gezeigt, dass das Hauptproblem in meinem "emotionalen Gedächtnis" lag. Durch die Negativerfahrung(Stress) am Anfang kam auch ein automatische Negativassoziierung mit der Käserei zustande, die ich jetzt abgelegt habe. Ich bin froh, dass ich bis zu diesem Moment gekommen bin, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben alles einfach stehen und liegen lassen zu können - so konnte ich die Freude die diese Arbeit eigentlich birgt mehr entdecken und es geniessen, meine ersten fertiggereiften Käse in den Händen zu halten und ihn zu essen.

Da ich meinen Urlaub schon mal erwähnt habe, gehe ich auch noch kurz genauer auf ihn ein, obwohl er ja nicht direkt etwas mit dem Projekt zu tun hat - anyway!! Kurz nach Neujahr habe ich mir 10 Tage Auszeit gegönnt - 10 Tage Käse, Arche und Kerzenpause! Zusammen mit Mareike(meiner fantastischen, hochverehrten, mit-mir-esoterisch/spirituell-mitabhebenden und mir viel Freude un Lachen bringenden Archenachbarin ;) ging es auf und davon Richtung Süden und Entspannungszone. Die hat in Longomaï bei Arles angefangen, einer anderen Gemeinschaft in Südfrankreich, die aber im Gegensatz zur Arche 1.kommunistische Wurzeln hat, 2.atheistisch ist und 3.so gut wie kaum organisiert ist(im Vergleich zur Arche!!) - wir wollten halt mal eine etwas andere Gemeinschaft kennenlernen. Die meisten Pluspunkte kriegt Longomaï von mir für die heissen Duschen, die ich schon prinzipiell jeden Tag genutzt habe, und für das lange Ausschlafen. Das Tollste aber war, dass wir M. kennengelernt haben, der uns mit zu seiner Freundin M. nach Aix-en-Provence genommen hat, wo wir über das Wochenende bleiben konnten. Aix ist ziemich gross und so waren wir über die Zeit damit beschäftigt in Cafés zu sitzen, Konzerte zu besuchen und auf dem Markt rumzuschlendern. Zudem war zufällig Winterschlussverkauf und das bedeutete, dass die Leute sich zu tausenden totgeshopped haben. Ich habe das Ganze eher misstrauisch beäugt und habe es eher wenig genossen. Da kaufen sich in dem eine Laden Menschen für 120 euro eine Badehose, in dem anderen einen roten Hut, den sie schon in grün auf dem Kopf haben und wieder in einem anderen Laden kloppen sich Kinder um das letzte aus Taiwan importierte Barbypferd - es fällt mir schwer, da nicht den Stempel "Bekloppt!" aufzudrücken. Aber jeder muss für sich selber entscheiden, was ihn glücklich macht - wenn es denn seine eigene Entscheidung ist... Ich denke, ich bin auf einem gut Weg, um zum Ökolandei zu werden, man darf mir Glückwunschkarten schreiben. Aber zurück zum Thema: nach einer sehr schönen Zeit mit M. und M. sind wir zurück nach Montpellier getrampt, haben dort eine Nacht verbracht und sind durch die Gegend gebummelt, in die Kirche gegangen und haben einen "Chanson und skurile Skatche"-Abend besucht - genial! Am nächsten Tag sind wir dann zu A., einer Freundin in Bézier, gefahren um ihren Geburtstag zu feiern, Bézier anzuschauen und mal bei CIMADE, wo A. arbeitet, vorbeizuschauen(CIMADE kümmer sich um Papiere für Flüchtlinge aus Afrika und Tschetschenien und für Roma). Abends sind wir dann zurück nach Hause gefahren. Das ich nach dem Urlaub krank war wundert mich nicht - der Wechsel zwischen den zwei "Welten" ist mir wohl auf den Magen geschlagen, ebenso das ewige Geschaukel im Bummelzug zurück...! Krank zu sein war für mich schon ein kleines Ereignis, schiesslich war es das erste Mal, dass ich alleine Nachts über meiner Kotztüte hang, ganz ohne familiären Beistand. Tags darauf haben sich dann zwar natürlich viele lieb gekümmert, aber das ist schon etwas anderes. Danach habe ich mich ganz pathetisch gefragt: "Heisst das erwachsen zu werden? Alleine zu kotzen? Vielleicht auch. Ich würde es jetzt nicht zum Kriterium erheben.

Ein klitzekleiner thematischer Bruch, um an dieser Stelle zum letzten grossen Thema zu kommen: Spiritualität. Ich kannte bis jetzt nicht viele Leute, die ich als besonders spirituell bezeichnen würde - mich selbst eingeschlossen. Jedoch habe ich immer gespürt, dass da eine Seite in mir ist, die mehr will. Mehr suchen, mehr entdecken - mehr leben! Mein grösster Denkfehler bis jetzt war es wohl, Spiritualität und Religiösität strikt zu trennen, bzw. den spirituellen Aspekt der Religion nicht erkannt zu haben. Wie dem auch sei, jedenfalls atmet diese Seite in mir hier kräftig auf. Ich meditiere, kann in Gebeten(denen der Arche und generell) vieles für mich finden. Mir beginnt der Begriff "Gott" etwas zu sagen und ich lese, lese und lese. All das nährt mich unheimlich, heilt Wunden und es öffnen sich mir innere Türen wie noch nie. Allein dafür, gäbe es all die anderen schönen Dinge hier nicht, hat sich mein Kommen schon gelohnt. Das Wundervolle an der ganzen Sache ist, dass ich hier damin nicht allein bin. Viele Menschen hier teilen diese Seite des Lebens mit mir, das macht mich reich ist gut zu wissen - niemand ist eine Insel!

ABSCHLISSENDE WORTE

Gut zu wissen tut es auch, dass viele Menschen daheim oder sonst wo in der Welt mir den Rücken stärken und mich mit dem, was ich hier tue unterstützen: ein GROSSES Dankeschön dafür - wenn ich euch nicht hätt'!!

eure Aische

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