Internationaler Christlicher Friedensdienst

„Die Erfahrungen, die ich hier mache sind sehr gegensätzlich und langweilig sind sie nie.“

Clara von Verschuer lebt und arbeitet in der Arche Paris mit Menschen, die eine geistige Behinderung haben. In ihrem ersten Rundbrief gibt sie einen Einblick in ihren Freiwilligendienst. (Dezember 2006)

Weit und nah. von einem Romantiker Heute Abend rief mich Pierrot* in den Innenhof, um mir anhand des klaren Himmels zu beweisen, dass das Wetter morgen gut wird. Ich konnte keinen Stern erkennen, was ich ihm auch sagte. „Na dort!“ Ich legte den Kopf in den Nacken. „Direkt gegenüber von dir- siehst du ihn denn nicht?“ Nicht zu fassen, was ich alles übersehe- es scheint Lichtjahre entfernt und ist in Wirklichkeit doch direkt gegenüber ( :…

Meine Überlegungen reichen bislang soweit, dass ich es in diesem ersten offiziellen Unterstützerkreisrundbrief nicht bei einem steifen Bericht belassen möchte. Und, dass ich ganz unmittelbar mit Ausschnitten meiner ersten tagebuchartigen Notitzbucheinträge beginne, die ich dann genauer ausführen oder gegebenenfalls übersetzen werde.

Θ Bon voyage…gute Reise auf dem Weg der neuen Zeit. Wir schreiben den 17. September 2006 in einem fremden Land. Je suis vraiment arrivée et je vais rester. Chong a coupé les ongles de Nicolas, puis il est tout de suite retourné chez ses cartes. (Ich bin wirklich angekommen und ich werde bleiben. Chong hat Nicolas’ Nägel geschnitten, anschließend ist er sofort zu seinen Karten zurückgekehrt.) Aber ich sollte wohl ausnahmsweise mal am Début anfangen. Als Mama und Papa am Freitag in der Bannmühle ankamen, hatte sich der größte Teil der Eirenetruppe schon verzogen. Unter anderem die Teamer (Organisatore, Seminarcrue…). Papa lief geschäftig neben dem Auto auf und ab, murmelnd und unsichtbar Verhandlung führend (Er hatte einen Telefonstöpsel im Ohr). Der Vectra war voll bis oben hin, nachdem wir mein Restgepäck eingeladen hatten. Zuviel Abschied. A bientôt, à je-sais-pas-quand, bizarre…(Bis bald, bis ich-weiß-nicht-wann, seltsam…) Nachdem…geht noch nicht. Das Seminar war zu umfassend, intensiv, einprägend. Mein Lebensweg beginnt auf dem Brüssler Spielplatz. Wie es den anderen wohl geht? Werden sie den Anfang meistern?

Ja, am Anfang meines Dienstes stand nicht die Ausreise ins Nachbarland, sondern die nach Neuwied, ein mittelgroßes Städtchen am Ufer des Rheins nördlich von Koblenz. Dort befindet sich die Eirene-Geschäftsstelle. Die Organisation, bei der ich mich vor nun fast einem Jahr um einen Auslandsdienst beworben habe und die mich während der Zeit hier begleitet. Es handelt sich um einen ökumenischen (Ökumene: Verbindung, Zusammenschluss verschiedener christlicher Konfessionen), internationalen Friedens- und Entwicklungshilfedienst, der Freiwillige und Entwicklungshelfer in vier Kontinente der Welt entsendet. Die Projekte, mit denen Eirene dort zusammenarbeitet, sind vielfältig: Einrichtungen für Obdachlose, Flüchtlinge, Menschen mit Behinderungen, Straßenkinder; Resozialisierungs-, Alphabetisierungs- und ökologische Projekte sind nur einige davon. Und da es Eirene besonders am Herzen liegt, ihre Freiwilligen auf ihren Auslandsaufenthalt vorzubereiten, sie kennen zu lernen und eine Verbindung unter ihnen zu schaffen, wurden ich und die 22 anderen am 4.9.2006 also zum Vorbereitungsseminar in das mittelgroße Städtchen am Ufer des Rheins nördlich von Koblenz gelockt, in Mehrbettzimmer gepackt und in Diskussionen und Gruppenarbeiten aufeinander losgelassen. Im Grunde bestanden die Tage daraus, Eirene selbst und den verschiedenen Projekten mit dazugehörigen Ländern näher zu kommen, organisatorische Fragen unseres Dienstes betreffend zu klären, uns und unsere Motivation zu reflektieren, uns spezifisch als Friedensdienstler mit all unseren Vorurteilen und unseren Erwartungen entsprechend vorzubereiten.

Nach einer Woche zogen wir dann mit Sack uns Pack aufs Land in eine stillgelegte Mühle nahe Mainz. Weinberge, ein kleiner Badefluss mit Kanus, eine Feuerstelle neben großen weißen Tippies, ein bröckelndes, duftendes Balkenhaus mit hohen Decken über knarzenden Böden und lachendes Wetter empfingen uns und gaben uns tagtäglich die besten Möglichkeiten unsere Freizeit zu genießen. So eine Truppe Menschen trifft man nicht alle Tage. Wenn auch alle auf unterschiedliche Art, so haben wir doch den gemeinsamen Wunsch uns für und mit anderen zu engagieren- in einem anderen Land, umgeben fremder Kultur. Diese Offenheit für einen nicht ganz einfachen Lebenswandel war in dieser zweiwöchigen Begegnung stark zu spüren und wurde von den Teamern sensibel und kreativ eingebunden. Ich sage es nicht von vielen Zeiten, doch diese war unvergesslich. Tatsächlich konnte ich dann auch einige mit „bis bald“ verabschieden, denn vier meiner Mitfreiwilligen haben ihre Projekte in und um Paris, ein weiterer befindet sich nur eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Wir verabredeten uns also für die folgende Woche vor Notre Dame.

Recht pünktlich gegen elf trafen wir dann in der Rue de la Saida ein, Papa parkte den „Transporter“ vor der geschlossenen marokkanischen Botschaft und da war es dann: Das Gué! Was soll das denn sein, das Gué? Es ist mein hiesiges Zuhause (Foyer) in der Arche von Paris. Aaah… und was ist die Arche? Ein großes hölzernes Schiff? Ein bisschen. (Ich hole nun aus) Als vor 42 Jahren der junge Kanadier Jean Vanier nach Frankreich kam und sich überlegte drei geistig behinderte Menschen aus der geschlossenen Anstalt zu holen, wollte er ihnen auf einfache Art und Weise ein familiäres, geschütztes und lebenswürdiges Umfeld bieten. Natürlich wusste er noch nicht, dass er die erste Arche gründen (bauen) würde, dennoch war es der Anfang der von nun an auf der ganzen Welt herbeigeführten Zusammenkunft behinderter und nichtbehinderter Menschen zu kleineren und größeren Archegemeinschaften. Und seither hat sich auch nur an ihrer Geschichte, nichts aber an der Idee der Arche geändert. Sie will keine Einrichtung oder Institution sein, sondern ein Ort, wo man in innerer Freiheit leben und sich geborgen fühlen kann ohne als Behinderter von dem gesellschaftlichen Gefüge abgeschottet zu sein. Diese Idee wurde aus der christlichen Nächstenliebe geschöpft, dem Glaube daran, Gottes Wunsch gefolgt zu sein. Es muss gesagt werden, dass die Arche in ihren Anfängen durchweg katholisch war(und ist es heute teils noch ist)- sie wurde erst ökumenisch und interreligiös geprägt, als die erste Gemeinschaft in Indien öffnete. Von den katholischen Traditionen und dem spirituellen Alltag ist in der Pariser Arche nicht soviel zu spüren, was mir anfangs ziemlich fehlte (natürlich weniger die katholischen Traditionen ( : ). Dies hängt sicher auch damit zusammen, dass sie von einem etwas anderen Klientel gegründet wurde- nämlich in den 70er Jahren von ein paar alternativen Hippie-Studenten, die zunächst sowohl behinderte Menschen, als auch Obdachlose in ihre eher unorganisierte Kommune aufnahmen. Schnell haben sich aus dieser die noch heute vorhandenen vier Foyers gegründet, die alle unkenntlich in Häusern oder Wohnungen in der Pariser Nachbarschaft liegen. Höchstens 15 Minuten Fußmarsch muss man auf sich nehmen, um von einem zum anderen oder auch zum Büro mit den hohen Archetieren zu gelangen. In jedem Foyer werden 5-6 geistig behinderte Menschen (in der Arche einfach „personnes“ genannt) und 3-4 Assistenten empfangen. Viele gingen sofort davon aus, dass ich mit behinderten Kindern arbeiten würde, tatsächlich handelt es sich aber um Erwachsene von Anfang zwanzig bis Ende sechzig. Ein jeder von ihnen hat seinen Arbeitsplatz und ist mehr oder weniger eigenständig.

Der Name meines Foyers „Le Gué“ bedeutet soviel, wie „die Furt“. Tragt euch gegenseitig, um nicht nass zu werden...

Chong empfing mich an der Tür, ein lächelnder junger Mann tauchte daneben auf und half mir sogleich mit den Tonnen an Gepäck, die mein neues Zimmer betreten sollten. Das gleiche, welches ich schon während meiner Semaine d’essaie bewohnt hatte. Semaine d’essaie- meine Probewoche, die ich bereits im Juni nach dem mündlichen Abi hier absolviert habe, damit die Arche mich und ich die Arche kennen lernen konnte. Schon dort verliebte ich mich in das kleine helle und herzliche Foyer le Gué und begann die ganz verschiedenen Bewohner in ihren Eigenheiten kennen zu lernen. Auch die 23jährige LaosFranzosin C. war damals schon da, noch als Assistentin, jetzt als Responsable (Verantwortliche) des Foyers. Der junge Mann entpuppte sich als mein deutsch-algerischer Mitassistent S., der nur zwei Wochen vor mir angekommen war. Die Hälfte der Gué-Belegschaft war en week-end und so hatte ich genug Zeit, um es mir durch Tücher und Bücher wohnlich zu mache. Da. Mit Piano, direkt unterm Fenster. Das elektrische Klavier war der Grund, weshalb Papa und Mama mich mit dem Auto nach Paris gebracht haben. Es ist entspannend abends/nachts mit Kopfhörern auf den Ohren den Fingern ein bisschen Bewegung zu geben. Mittlerweile nehme ich auch Unterricht- wie ein Wunder hat es sich ergeben, dass eine mit meiner Tante befreundete Pianistin ein paar Straßen entfernt wohnt und mich als Schülerin aufgenommen hat. Samstagabend, nach einer gemütlichen Sofarumhänge sind S. und ich von Foyer zu Foyer gezogen um einen deutschen Freiwilligen nach dem anderen einzusammeln. Ja- tatsächlich handelt es sich um acht an der Zahl und einen unsere Sprache beherrschenden Briten. Grauenvoll irgendwie. In Frankreich angekommen und gleich am ersten Abend nur deutsch sprechen? Es war seltsam und ich habe inständig gehofft, dass es nicht dabei bleibt, denn dazu bin ich nicht gekommen. Natürlich ist die Bereitschaft für ein soziales Engagement im Ausland in einem Land mit Wehrpflicht wie Deutschland und so allgemeiner Studienbeginnverzögerung größer. Diese ist für die meisten jungen Franzosen undenkbar, ob nun im Ausland oder nicht, nach der Schule soll das Studium folgen, nur nicht ungebildet alt werden… Sicher ist es zwischenzeitlich auch entspannend, sich ohne katastrophale Umschreibungskonstruktionen ausdrücken zu können, mittlerweile wird aber auch unter uns nur noch in die Muttersprache umgeschaltet, wenn wir uns abends treffen. Erstaunlich war es auch festzustellen, dass die Teams eben fast ausschließlich aus freiwilligen Assistenten für ein Jahr und keinerlei gelernter Sozialassistenten bestehen. Die Arche ist also auf das Engagement junger Menschen angewiesen. Der jährliche Wechsel des Teams bringt so einerseits neues Leben, andererseits auch eine ständige, nicht ganz einfache Umgewöhnung für die personnes im Foyer mit sich. Viele sind in dieser Phase aufgeregter, angespannter, und ich frage mich, wie es ihnen gelingt so schnell neues Vertrauen zu den fremden Assistenten aufzubauen, denen doch wieder alles von vorne erklärt werden muss.

Erklärt werden muss viel, am meisten aber lernt man doch durchs beobachten, ausprobieren, irren. Und mit welcher Aufgabe wird man zuerst vertraut? Mit dem „Ménage“, dem Haushalt, der jeden morgen mit dem Frühstück machen beginnt und nachdem die personnes in den Arbeitshilfszentren ihre Aktivitäten aufgenommen haben in Form des Wischen, Saugen und Putzens weitergeht. Bügeln, wenn es mir jetzt auch leichter fällt, gehört zwar auch dazu, wird aber eher in Angriff genommen, wenn sonst nichts zutun ist. Kehren dann nachmittags alle Bewohner von ihren Aktivitäten zurück und wurde auf so anstrengende Dinge wie eine Dusche nehmen bestanden, ist natürlich irgendwann großer Hunger angesagt. So spazieren wir jede Woche mit einem unbeschriebenen Check bewaffnet in den nächsten Franprix(„Ehrlichpreis“) und füllen die Einkaufswägen mit den Zutaten für die Menüs, die die personnes für die folgenden Tage auf die Liste gestellt haben. Uns ist es abends dann überlassen, in die immerwiederkehrenden Reis-Nudel-Erbsen- Hackfleisch- Fruchtyoghurt-Gerichte Abwechslung zu bringen. Es macht Spaß, auszuprobieren, Mamas selbstgebautes Kochbuch um Rat zu fragen, nachts Schokoladenkuchen zu backen (was ich theoretisch alle paar Tage müsste, denn immer wenn P. seiner Ansicht nach ein Spiel gewonnen hat, schulde ich ihm 115€ oder einen Schokoladenkuchen). Auch die zahlreichen Geburtstagsfeiern lassen uns zu Zauberern riesiger Büffets werden. Und garantieren Stress für den gesamten Tag davor. Insgesamt hab ich wohl noch nie so eine feierfreudige Vereinigung wie die Arche kennen gelernt. Erst kürzlich hat ein Mitassistent mit großen Augen festgestellt, dass hier nüchtern möglich ist, was sonst mit Alkohol heraufbeschworen wird.

Natürlich gibt es auch noch etwas anderes als die Zelebrationen von Mahlzeiten. Beispielsweise machen wir ständig Termine bei Ärzten, deren Berufsbezeichnung ich bislang noch nicht kannte (ihr lieben Leser, was bitte ist ein Ophtalmologe?) Anschließend sitze ich dann grübelnd in französischen Durchgangswartezimmern, die nur teilweise eine Rezeption zu brauchen scheinen… Erfolgreich war der Besuch dann, wenn ich zum Ende ein langes Rezept für alle benötigten Medikamente in die Hand gedrückt bekomme. Es ist nicht leicht zu akzeptieren, welche Mengen an harten Neuroleptika und Psychopharmaka sich teilweise in den Medikamentenetuis befinden müssen. Verantwortungen dieser Art wurden mir allerdings erstmals nach meinem Einstiegsmonat zuteil, als ich zwei Referenzen zugesteckt bekam. Das bedeutet, dass ich mich um zwei personnes meines Foyers intensiver kümmere- nicht unbedingt in der Begleitung im Alltag, jedoch in dessen Organisation und Administration. Verwaltung der Finanzen, medizinische Versorgung, Kontakt mit den Eltern…

Unsere dreiköpfige Equipe grübelt natürlich auch gemeinsam über Verhalten und Probleme der personnes nach und hält die Ergebnisse schriftlich fest. Von großer Effizienz sind diese mehrstündigen Teambesprechungen, in denen wir eigene Erfahrungen und Erlebnisse teilen, die Woche durchplanen, Neuanschaffungen besprechen und zwischendurch sehr viel lachen. Das Foyerleben ist sehr komplex und muss von der abendlichen Toilette bis zu der nächsten Verkehrsausweißerneuerung durchorganisiert sein. (Dies ist auch an der Vielzahl der von den Franzosen so geliebten „Réunions“ (Versammlungen) zu erkennen.) Für uns ist das wichtig, besonders aber für die personnes, die gewarnt sein wollen, wenn ihr so schön durchstrukturierter Tagesablauf gestört werden sollte.

Tja und dann bin ich noch einen Vor- und einen Nachmittag in der Woche in dem in der Arche integrierten Atelier zugegen, ein kleines Haus mit Garten, wo die schwerer behinderten personnes herzlich in kleinen Kreativgruppen empfangen werden. Hier kämpfe ich beim Kerzen machen gegen undichte Wachsformen und lerne das in Frankreich erst kürzlich in Mode gekommene filzen. Es kann ziemlich ermüdend sein, immer wieder aufs Neue zu erklären und zu motivieren, genauso wie sich ständig zu den sehr ausgedehnten Pausen in den Versammlungsraum zu begeben. Wo jedoch Musik gemacht wird… Eines Tages, wir hatten ausnahmsweise einen recht unpädagogischen Zeichentrickfilm geguckt, begann in der Pause J. ein Lied vorzutragen. Einer nach dem anderen schloss sich an, ganz ohne Scham, mehr oder weniger verständlich wurden Chansons und Popsongs gesungen, gebrüllt und geflüstert, sich bewegt und gefreut. Mir wurde klar, dass es zwar bedeutsam ist gemeinschaftlich zu singen, es jedoch auch oder gerade für sie eine ganz starke Wichtigkeit besitzt, sich allein vor anderen zu präsentieren, ihre Darbietung gewürdigt zu wissen.

Auch wenn ich es wollte könnte ich die Lieder aber nicht mitträllern, obwohl ich die absoluten Hits an französischen Schlagern langsam lerne. Mit der Sprache klappt es insgesamt ganz gut, wenn sich die Worte auch oft genug im Kopf verdrehen, falsch verknüpfen, Karussell fahren und das meistens genau dann, wenn ich ein wichtiges Gespräch führen muss. Manchmal werde ich meiner Aussprache wegen gelobt, manchmal sofort als Deutsche erkannt. Letzteres passierte mir sogar einmal ohne ein Wort gesagt zu haben: Ich stand an einem kleinen Obststand und überlegte, welche Rebe Trauben ich nehmen sollte. „Ääääh…“ „Sind Sie Deutsche?“ „Wieso, sieht man mir das an?“ „Nein, man hört es. Franzosen sagen ‚eeeeeuh’ („öööh“ gesprochen), Deutsche sagen ‚ääääh’ wenn sie zögern!“

Und dann befinde ich mich ja nicht gerade irgendwo im zentralisierten Frankreich. Wo habe ich mich da reingesetzt? Warum hab ich Paris gewählt? Manchmal weiß ich es nicht mehr. Lärm, todeswütige Autofahrer, rote Smog-Abendhimmel, unverhältnismäßig viele mit Plastikblumendekoration lockende Bestattungsinstitute in einer Straße und wo man hinschaut Touristen, die den Charme der Stadt der Liebe in den Gemäuern und die Gemäuer auf den Abbildungen ihrer Linsen wieder finden wollen. Nachts auf der Seine habe ich die doch nicht immer aufdringliche Schönheit wiederentdeckt. Diese fand ich dann weiterhin zufällig, in großen und kleinen Ecken und Menschen. Der Durchschnittspariser wandelt natürlich genauso wenig umher, wie jeder andere Durchschnittsmensch. Die Stadt ist so vielfältig, ich komme mir eher vor wie in einem verrückt interkulturellem Gewusel, welches mir leicht zuviel werden kann, mich jedoch nicht automatisch anonym werden lässt. (Wo sonst laufen nackte grüne Menschen mit Klohocker auf dem Kopf durch die Gegend?) Parallel werde ich überschüttet mit kulturellen Angeboten, Konzerten und Ausstellungen aller Art, denen ich zu meinem Unmut doch nur sehr minimal nachkommen kann. Ein freier Tag in der Woche ist schnell verflogen und obwohl wir an den Wochenenden mit den personnes oft Ausflüge machen, müssen diese immer an deren Belastbarkeit angepasst sein und fordern von uns ständige Aufmerksamkeit, Überwachung.

Über wenig Freizeit möchte ich mich aber gar nicht beschweren, denn ich wohne eben hier mit allen unter einem Dach und kann daher nur schlecht von geregelten Arbeitszeiten- generell der Trennung von Knochenarbeit und persönlichem Vergnügen- sprechen. Die offiziellen zwei Stunden Freizeit täglich schwanken meist zwischen einer und vier. Wenn ich jetzt aber diese Zeit darauf verwende eine Krippe aufzubauen oder einen Adventskalender zu basteln, ist das dann Arbeit, Vergnügen oder vergnügliche Arbeit? Die Krippe steht hinter mir, das umliegende Moos hab ich aus dem Park nebenan geklaut, da es zum nächsten Wald doch ein bisschen hin ist. Leider, so muss ich oft feststellen. Und merken, dass ich wohl eher nicht zum Stadtmensch werde.

Ja, die Erfahrungen, die ich hier mache sind sehr gegensätzlich und langweilig sind sie nie. Ich lerne so viele wunderbare Menschen kennen, ihre liebevolle und ihre aggressive Art, ihre autonome und ihre hilflose Ader, viele spannende Macken. Ich tauche in einer kurzen Zeit sehr tief in die Privatsphäre der personnes meines Foyers ein, weiß allerdings auch genau, dass es nicht anders geht, wenn ich diese große und manchmal bleischwere Verantwortung für sie tragen will. Es sind keine Kinder, was uns auch immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird, doch oft denke ich mir, dass Eltern sich ähnlich fühlen müssen. Im Foyer sind natürlich alle gleichberechtigt, doch unsere Stellung verlangt eben Verfügbarkeit, die ich bisher nicht gewohnt war. Ich verabschiede mich durch ein Szenario mit dem Autisten E., welches vielleicht viel mehr als der ganze unstrukturierte Brief zeigt, wie es mir hier geht.

Die Clara

Wenn Etienne sich ins Bett gelegt hat und man im Begriff ist, das Licht seines Zimmers auszumachen, dann hebt er ein letztes Mal seinen Kopf: „Wie viel Uhr ist es?“ Ich schau auf die Uhr: „Viertel vor zehn.“ „Das ist ein schlechter Zeitpunkt zum weinen.“ Als ich ihn an meinem ersten Abend ins Bett brachte, wusste ich noch nicht, dass dieses Frage- Antwortspiel zu seinen Standartsätzen gehört. Aber es war klar, dass es keine Stunde auf seiner Uhr, die er nicht lesen kann, wert ist, in Traurigkeit zu verbringen. Wie alles macht das Leben in der Arche auch nicht immer Spaß, zerrt vielleicht, nervt. Doch das scheint immer lächerlich, wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, für wen ich es tue und mit wem ich anschließend lachen kann.


*aus datenschutzrechtlichen Gründen sind alle Namen in diesem Brief geändert worden.

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