Das Gewirr von Emotionen, dem ich mich mit einem Mal gegenüber sah, hatte eine seltsame Wirkung. Ich habe meine eigene Kraft bemerkt. Ich habe gemerkt, was tatsächlich in der Macht eines jeden Einzelnen steckt.“
Judith Tröndle berichtet von Ihren Leben in der Archegemeinschaft von Jean Vanier in Paris/Frankreich (Mai 2006)
Liebe Unterstützerinnen, liebe Unterstützer, liebe Familie, liebe Freunde!
Der Frühling in Paris ist erwacht.
Die Vögel haben ihren Konzerttermin auf den frühen Morgen verlegt, die Parks stehen in voller Blütenpracht und selbst in die trübsten Gemüter schleichen sich die fröhlichen Gedanken des Frühlings ein.
Bereits mehr als ein halbes Jahr ist nun vergangen, seitdem ich meinen Freiwilligendienst angetreten habe. Höchste Zeit also, Euch wieder mal ein wenig an meinem Leben in der Arche teilhaben zu lassen.
Foyernews
Zunächst einmal ist eine große Veränderung im Foyer Viim anzukündigen. Frau M. die ich Euch in meinem letzten Rundbrief vorgestellt habe, hat ihr persönliches Projekt verwirklichen können und wohnt jetzt, im Rahmen des „Service de Suite“, in ihrer eigenen Wohnung. Sie hat einen Ansprechpartner des „Service de Suite“, der sie einmal in der Woche besuchen wird, lebt darüber hinaus aber eigenständig.
Gleichzeitig ist bei uns im Foyer eine neue Person hinzu gestoßen. Ein junger Mann namens J., der bislang bei seine Mutter gelebt hat. Er wird zunächst für eine Woche und, wenn alles gut läuft, für drei Monate das Foyerleben mit uns teilen. Danach wird entschieden, ob sich beide Seiten ein
langfristiges Zusammenleben vorstellen können.
Was den Alltag im Foyer betrifft, ist zwischenzeitlich eine entspannte Routine eingekehrt. Neben den alltäglichen Arbeiten wie Kochen, Putzen, Einkaufen und Hilfestellung in der Hygiene geben, sind einige regelmäßige Programmpunkte ausschlaggebend für den Archealltag.
Die Woche beginnt mit einem Gemeinschaftsessen, dass für alle Mitarbeiter der Foyers, des Büros und des Ateliers angeboten wird.
Ein wichtiger Tag der Woche ist der Dienstag. Jede zweite Woche haben wir Freiwilligen eine Fortbildung zu diversen praktischen Themen wie „Hygiene“, oder „Sicherheit“, aber auch in Bezug auf den pädagogisch- psychologischen Standpunkt im Umgang mit geistigen Behinderungen. D.h. konkret, es werden Themen wie „Gefühlsleben der Behinderten“ und „psychiatrische Behandlungen“ bearbeitet.
Im Verlaufe des Nachmittags findet das wöchentliche Treffen des „Foyerteams“ statt, bei dem Zeit für persönliche Reflektionen ist, die Termine der Woche besprochen werden und zu jeder Person im Foyer der Verlauf der letzten Woche und die derzeitige Verfassung betrachtet wird.
Der Dienstag Abend ist der sog. „Foyerabend“. Dieser wird mit einem gemeinsamen Aperitif eröffnet, bei dem jeder von seiner letzten Woche erzählt. Anschließend wird gegessen. Nach dem Essen wird ein gemeinsames Gebet angeboten. Hierbei wird eine Kerze herumgegeben und jeder hat die Möglichkeit ein persönliches Gebet zu sprechen. Beendet wird der Abend schließlich mit einer gemütlichen Tasse Tee.
Des Weiteren findet für alle Freiwilligen einmal im Monat ein Treffen mit der Verantwortlichen für die Freiwilligen statt. Hierbei können persönliche Schwierigkeiten oder Probleme im Foyer zur Sprache gebracht werden. Für das Foyerteam gibt es zusätzlich ein monatliches Treffen mit einer Psychologin, um eventuelle Problemsituationen zu reflektieren.
Am Wochenende werden in der Regel Ausflüge mit den anderen Foyers unternommen und ein wenig gemeinsame Freizeit und Ruhe genossen.
Um Euren Eindruck von den Menschen, die hier zusammenleben, noch etwas plastischer werden zu lassen, werde ich Euch auch in diesem Rundbrief, zwei weitere Personen des Foyers vorstellen, Herr P. und Herr F.
Herr P. ist mit 68 Jahren das älteste Mitglied der Archegemeinschaft Paris. Seine Eltern leben nicht mehr, aber er hat zwei Schwestern bei denen er die Sonntage verbringt. Jeden Montag erzählt er uns dann, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, dass er ein frisches Bier getrunken hat, während wir im Foyer nur Wasser bekommen hätten.
Seine große Leidenschaft besteht darin, kleine Streiche zu spielen. Sei es, die Gläser beim Essen bis zum überlaufen mit Wasser zu füllen, den Goldfisch des Foyers zu ärgern, oder mit allem möglichen Müll, Flaschen Papier usw. Türme zu bauen. Anschließend beteuert er, es sei jemand anderes gewesen und er zählt dabei alle möglichen Personen auf, die selbstverständlich weder anwesend sind, noch in irgend einer Weise etwas damit zu tun haben. Das scheint P. aber nicht im geringsten zu stören . Gelegentlich muss man ihn ein wenig in seine Grenzen weisen, ansonsten machen seine Streiche aber große Freude.
Herr P. ist oft gefangen in seinen Ängsten, was ihn gelegentlich an seine Grenzen bringt. In solchen Situationen kommt sein großes Repertoire an Schimpfwörtern zum Einsatz, die er in voller Lautstärke einzusetzen weiß. Es tut ihm gut, wenn man ihm viel erklärt, dann ist er in der Regel einsichtig.
Das Zimmer von Herrn P. ist wohl die spannendste Attraktion im Foyer Viim. Überall befinden sich große Türme aus allem Erdenkbaren (Hefte, Bücher, Scheren, Spielsachen…). Insbesondere sein Bett ist, im wahrsten Sinne des Wortes, „vollgestapelt“. Man könnte den Eindruck eines großen Chaos gewinnen, aber das Gegenteil ist der Fall. Alles hat seinen exakten Platz und seine Ordnung. Jeden Abend um 9:15 Uhr, verschwindet P. in seinem Zimmer und räumt sein Bett frei, um es am nächsten Morgen um 5:30 Uhr wieder zu „ordnen“. Die exakte Einhaltung des Tagesablaufs ist für ihn sehr wichtig, deshalb trägt er seinen wichtigsten Schatz, seine Armbanduhr, immer gut sichtbar über Pullover und Mantel. Fragt man ihn nach dem Grund, antwortet er „um die Uhrzeit sehen zu können!“. Gelegentlich gibt er seiner Uhr einige Küsse und bringt damit alle zum Lachen.
Von Herrn F. darf ich Euch leider kein Foto mitschicken, da seine Familie dies nicht gestattet. Ginge es allerdings nach ihm, dürfte ich euch ein ganzes Album zeigen.
Herr F. ist 45 Jahre alt und gehört der höchsten Adelsfamilie Frankreichs, der ehemaligen Königsfamilie, an. Wäre Frankreich heute noch eine Monarchie, wäre F. ein Prinz. Durchblicken lässt er seine Erziehung dann, wenn er seine Aufrechte Haltung beim Essen einnimmt.
Seine Begeisterung für Pferde ist das Erste, was bei einem Blick in sein Zimmer auffällt. Leider konnten wir auf seinen wiederholten Vorschlag, ein Pferd auf unserer Terrasse zu beherbergen, nicht eingehen .
Herr F. ist diejenige Person im Foyer, bei der ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts die größte Entwicklung beobachten durfte.
Vor etwa zwei Jahren, hat er begonnen zu sprechen, nach 43 Jahren des Schweigens. Im Oktober letzten Jahres konnten wir seine Medikamente absetzen, woraufhin er in seiner Persönlichkeit regelrecht aufgeblüht ist.
Er ist ein freundlicher junger Mann, der Stunden damit zubringen kann, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem er immer wieder ruft „wie geht’s Judith?“ und dabei lachend in meine Richtung winkt. Kommt man nach einem Freien Tag wieder ins Foyer zurückkommt, ist Herr F. der Erste, der fröhlich auf einen zugestürmt kommt. Anstrengend kann Herr F. dann sein, wenn er sich in den Kopf gesetzt hat, grundsätzlich alles nicht zu wollen, worum man ihn bittet.
Er hat eine nicht ganz einfache Beziehung zu Kindern, die in erster Linie damit zu begründen ist, dass er sich selbst noch immer wie ein Kind fühlt. Fragt man ihn nach seinem Alter, antwortet er „zehn Jahre“. Zum Zeitpunkt meiner Ankunft lautete die Antwort noch „sechs Jahre“, also auch er scheint eine innere Entwicklung bei sich wahrzunehmen.
F.besitzt, neben seiner kindlichen Art, aber auch eine sehr eindrückliche innere Größe und Schönheit, die ich ganz besonders während einer Woche wahrgenommen habe, in der ich ihn auf einem sog. „Retraite“ begleitet habe. In diesem Fall handelte es sich um eine religiöse Schweigewoche für die Personen. F. hat einen sehr tief verwurzelten Glauben. Sein Kreuz, das er selbst nachts um den Hals trägt, ist sein wichtigster Besitz.
Von dem „Retraite“ aus wollte F. eine Postkarte an seine Mutter und einen seiner Brüder schicken, zu dem er eine besondere Beziehung hat. Ich habe ihn gefragt, was ich ihnen denn schreiben soll. F. meinte daraufhin „Danke!...Das ist alles“.
„Arche-Urlaub“ in der Bretagne
In den Osterferien bin ich erstmals mit einer Gruppe von neun Personen in Ferien gefahren. Ziel der Reise war Perros Guirec, eine kleine malerische Stadt in der Bretagne. Gewohnt haben wir in zwei Bungalows auf einem Campingplatz direkt am Meer. Die Küste dort ist wirklich wunderschön und die vielen organisch geformten Granitsteine wirken beinahe wie lebendig.
Gleich zu Beginn wurde ich darauf hingewiesen, dass sich erfahrungsgemäß die Personen, nicht aber unbedingt die Assistenten wie im Urlaub fühlen.
Tatsächlich hat die Woche Gemeinschafts-urlaub viel Energie gekostet, da wir teilweise die Personen nicht sehr gut kannten und für einige von ihnen eine Woche Urlaub in der Gruppe ein großes Unternehmen ist. Letztlich haben aber alle schöne und aufregende Urlaubserinnerungen mitgenommen. Für einige ist die aufregendste Erinnerung wohl die Schiffsfahrt und die daraus resultierende Seekrankheit. Die schönen Erinnerungen sind mit Sicherheit die sonnigen Tage am Strand und für P., ganz besonders, das bretonische „Bananencrep“.
Wegweiser
Auf einige Monate in meinem Projekt kann ich ja jetzt bereits zurückblicken und habe mir somit ein inneres Bild gemacht, was ein Leben in der Arche bedeutet. Mehr und mehr richtet sich nun mein Blick auf die Zukünftigen Entwicklungen, denen die Personen und die zukünftigen Freiwilligen hier begegnen werden.
Es ist schön zu beobachten, dass das Projekt in stetiger Bewegung zu bleiben scheint. Umstände werden hinterfragt und gegebenenfalls korrigiert.
Die ganze Archegemeinschaft betreffend, führen die Wegweiser für die Zukunft in folgende Richtungen:
Im Rahmen des „Service de Suite“ ist ein neues Wohnkonzept geplant, bei dem die betreffenden Personen und die Freiwilligen in einem gemeinsamen Wohnblock, aber jeweils in ihren eigenen Wohnungen leben. Das Konzept ist für diejenigen Personen gedacht, die verhältnismäßig autonom sind, bei denen jedoch ein zu hohes medizinisches oder psychologisches Risiko besteht, um vollkommen selbstständig zu leben.
In Bezug auf das Konzept der Foyers, stellt man sich in der Arche auf eine, so seltsam das klingt, „erstmals auftretende Schwierigkeit“ ein, „das Alter“. Tatsächlich sieht man sich erstmals der Situation gegenüber, dass eine ganze Generation der Personen in ein Alter kommen, in dem sie mehr und mehr auf dauerhafte Unterstützung in ihrer Hygiene und medizinische Hilfe angewiesen sind.
Das sich die Frage des Alters in der Arche erst jetzt aufwirft, hat verschiedene Gründe. Zum einen liegen die Anfänge der Arche, mit der Gründung der ersten Gemeinschaft 1964, noch nicht sehr weit zurück und die einzelnen Gemeinschaften sind teilweise noch jung. Zum anderen ist es dem medizinischen Fortschritt zu verdanken, dass auch Menschen mit einer Behinderung, wie beispielsweise T. 21, die mit vielen körperlichen Einschränkungen einhergeht, eine höhere Lebenserwartung haben.
Es gehört zu den Grundsätzen der Arche, die Personen in ihrer Gemeinschaft, ein Leben lang zu begleiten. Es ist somit ein neues Foyer geplant, das in Konzept und Ausstattung, den Bedürfnissen von medizinisch stärker abhängigen Personen gerecht wird.
Die geplanten und bestehenden Projekte der Arche Paris tragen, meiner Meinung nach, Zeugnis davon, dass die Gemeinschaft tatsächlich ein bestehendes und sich lebendig weiterentwickelndes Zeichen ist. Ein Zeichen, das die Integration von gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen möglich ist.
Freiwilligendienst? Friedensdienst?
„Freiwilligendienst“ und „Friedensdienst“, beide Begriffe tauchen im Zusammenhang mit meinem Dienst im Ausland auf. Die Bezeichnung „Freiwilligendienst“ lässt sich verhältnismäßig einfach begründen, da man wohl kaum die Freiwilligkeit meines Dienstes bezweifeln wird. Mit dem Begriff „Friedensdienst“ steht es dagegen etwas anders.
Woraus begründet sich die Bezeichnung „Friedensdienst“?
Ist das Wort „Frieden“ nicht eines der Superlative, die gern gehört und verwendet werden, denen aber so schwer gerecht zu werden ist?
Wie kann ich denn behaupten, dass ich mich in den Dienst des Friedens stelle?
Im Verlaufe eines sonnigen Samstag Nachmittags im März, auf dem Weg nach Montmartre, setzte ich mich wieder einmal mit diesen und ähnlichen Fragen auseinander. Eine kleine persönliche Antwort ist mir an diesem Tag begegnet, die ich gerne mit Euch teilen möchte.
„In diesem Moment sitze ich auf den Stufen von Sacre Coeur und fühle mich, seltsamer Weise, sehr versöhnt.
Auf dem Weg hierher, in der Metro, ist mir eine Gruppe von jungen Männern aufgefallen, die sich, bereits beim Einsteigen, lauthals über jemanden lustig machten. Die „Halbstarken“ waren in scheinbar teuren Mänteln gekleidet und hatten einen arroganten Blick aufgesetzt. Sie hörten nicht auf zu lachen und fühlten sich offensichtlich sehr überlegen. Den Grund konnte ich nicht unmittelbar erkennen, aber es war eindeutig, dass sie sich wiederum über jemanden lustig machten.
Ich begann, nach und nach, den Ärger zu bemerken, der langsam in mir aufstieg.
Einige Metrostationen später sollte ich den Grund für ihr arrogantes Gelächter herausfinden. Ein junger Mann von vielleicht 18 oder 19 Jahren, mit geistiger Behinderung, verließ die Metro, neben ihm sein Vater. Der Junge nuckelte an einem Tuch, auf seinem Gesicht lag aber ein erstaunlich reifer Blick. Sein Vater stieg mit ihm aus und legte liebevoll seinen Arm auf die Schulter seines Sohnes.
In diesem Augenblick habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, warum mein Jahr in der Arche, den Namen „Friedensdienst“ trägt. Der Vater an der Seite seines behinderten Sohnes schien mir wie der Inbegriff eines Bildes für Frieden. Und Friedensdienst heißt dieses Jahr deshalb, weil ich an der Seite des Vaters und seinem Sohn stehe. Weil ich sie auf ihrem schwierigen Weg ein Stückchen begleite und gleichzeitig von ihren Freuden profitieren darf, die mir sonst verschossen bliebe. Ich habe das Glück an ihrem Leben teilzuhaben, anstatt meine Macht gegenüber einem „Schwächeren“ auszuspielen.
Auf der anderen Seite war da diese Wut gegenüber den arroganten jungen Männern.
Das Gewirr von Emotionen, dem ich mich mit einem Mal gegenüber sah, hatte eine seltsame Wirkung. Ich habe meine eigene Kraft bemerkt. Ich habe gemerkt, was tatsächlich in der Macht eines jeden Einzelnen steckt.“
Das ganze hat mich an ein bekanntes Zitat von Mahatma Gandhi erinnert:
„Durch bittere Erfahrung lernte ich die eine, wichtigste Lektion: mit meiner Wut umzugehen. Wie Hitze durch richtige Ausnutzung zu nützlicher Energie wird, kann unsere in Bahnen gelenkte Wut in eine Kraft verwandelt werden, die die Welt bewegen kann.“
Nach diesem Erlebnis ist mir die Bezeichnung „Friedensdienst“ ein wenig klarer geworden, nicht als superlativer Begriff, aber als Richtungsweisendes Ideal, dem es sich „in den Dienst zu stellen“ lohnt.
Verletzlichkeit macht Angst!
Es ist wirklich beeindruckend, in welch kurzer Zeit die Ideen von Jean Vanier in zahlreichen Arche-Gemeinschaften auf der ganzen Welt umgesetzt wurden. Man bedenke, dass die erste Arche-Gemeinschaft erst 1964 gegründet wurde. Heute gibt es bereits 360 Foyers und 126 Gemeinschaften in 31 Ländern.
Einige der Menschen mit geistiger Behinderung, die heute in Gemeinschaften der Arche leben, haben lange Zeit ihres Lebens in psychiatrischen Anstalten verbracht, eingeschlossen in einem einzigen Raum, einsam, ihren Ängsten und Aggressionen ausgeliefert, ohne menschliche Wärme und Zuneigung.
Ein Beispiel hierfür ist P. Mir ist noch selten ein Mensch mit einer solchen inneren Größe und Freundlichkeit begegnet. Gleichzeitig ist da dieser Schmerz, der ihm zugefügt wurde. Dieser scheint, selbst nach vielen Jahren, noch gelegentlich in seinem Gesicht sichtbar zu werden. Manchmal hat er einen Blick voll von tiefer Wut und Misstrauen.
Für sehr viele Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Krankheit ist das, was für P. Vergangenheit ist, noch immer Realität. Dabei stammt doch jeder von Ihnen aus einer Familie, hat Eltern, Bekannte und Grundrechte.
Welche Umstände bringen uns dazu geschwächte Menschen auf diese Weise abzuschieben, einzuschließen und so zu tun als gäbe es sie nicht?
Jean Vanier gibt hierauf eine einfache Antwort: „Verletzlichkeit macht angst“. Wir riskieren in schwächeren Menschen unseren eigenen Schwächen, unserer eigenen Verletzlichkeit zu begegnen. „Schwäche wirkt störend“, sie „lässt nicht genug Raum für Fortschritt“ und „es ist leichter sie sich aus den Augen zu schaffen“. Eine Art der „perfekten Verleugnung“, die erst dann nicht mehr zu greifen scheint, wenn wir selbst geschwächt und verletzlich werden, sei es durch einen Unfall, psychische Einbrüche, oder ganz einfach das Alter.
Auch gesellschaftlich bringt uns die Angst vor der Verletzlichkeit, die Abschiebung von Schwächeren, mehr und mehr an ein nicht mehr zu verleugnendes Limit. Es ist „teuer“, sich der Schwäche zu entziehen. Heime, Auffangstationen, Alterseinrichtungen sind finanziell nicht mehr tragbar.
Aktuell wurde in Frankreich ein neues Gesetz eingeführt, dass Behinderten ein höheres Maß an Selbstbestimmung und Recht auf Integration zuspricht. Es ist anzunehmen, dass dieses Gesetz im Zuge einer neuen Definition der EU, zur Integration von Behinderten, entworfen wurde. Diese Definition führt die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung nicht länger auf deren Behinderung zurück. Sie definiert als Grund, die Unfähigkeit der Gesellschaft, alle Menschen, in Bezug auf ihre Menschenrechte, zu integrieren.
Doch neben all dem Leid, dass durch die Abschiebung von Schwächeren, den Betroffenen zugefügt wird, geht uns, den scheinbar so Starken, ein echter Schatz an Menschlichkeit verloren.
Menschen mit einer Behinderung, alte Menschen, Verletzte und Geschwächte, nehmen einen sehr bedeutenden Platz in unserer Gesellschaft ein, gestehen wir ihnen diesen nur zu. Sie können uns unglaublich viel lehren, wofür uns viel zu häufig der Blick fehlt.
Sie lehren uns Menschlichkeit, sie zeigen uns, was es tatsächlich bedeutet „Mensch zu sein“.
Sie können nicht vor ihrer Verletzlichkeit davonlaufen. Setzen wir uns über diesen Umstand hinweg und nehmen wir sie in ihrer Verletzlichkeit an, können sie uns eine wunderschöne Überraschung bereiten. Sie lassen uns ihre „Schönheit“ erkennen.
Wir können in ihnen den Schatz erkennen, der uns alle verbindet, den Schatz „Mensch zu sein“, „menschlich zu sein“. Indem wir die „Schönheit“ einer Person erkennen, die bleibt, egal ob behindert oder nicht können wir uns letztlich selbst wieder finden.
Mit dieser Erkenntnis verfliegen große Ängste vor den eigenen Schwächen und der eigenen Verletzlichkeit. Der Blick richtet sich auf sehr viel tiefere Werte und lässt uns erkennen, was die eigene Person tatsächlich ausmacht, wer wir wirklich sind.
Wir können uns selbst entdecken, indem wir die Angst vor der Verletzlichkeit überwinden.
Das ist die schönste Erkenntnis, die ich aus meinem Jahr in der Arche mitnehmen werde.
Ich bekomme nicht selten Reaktionen, wie, „wir finden das ja toll was du machst, aber du darfst dich selber dabei auch nicht vergessen“ oder „man darf sich ja auch nicht aufopfern“. Es ist wirklich schwierig begreiflich zu machen, dass ich mich für die Menschen hier zwar eine Menge einsetze, im Endeffekt aber eigentlich ich diejenige bin, die in enormem Maße von dem Leben mit ihnen profitiert.
Für die Personen hier werden im nächsten Jahr wieder neue Freiwillige kommen, die sich vorgenommen haben, „etwas sinnvolles zu tun“. Und auch sie werden lernen, dass sie in erster Linie etwas sinnvolles für sich selbst tun und vielleicht für die Menschen die „mit ihnen kommen“ (Familie, Freunde, Unterstützer).
Ich persönlich habe in der, verhältnismäßig kurzen Zeit, in der ich hier bin, bereits Dinge mitgenommen, die ich vielleicht geahnt, aber mit Sicherheit nicht erwartet hätte. Dafür bin ich sehr dankbar und ich möchte mich auch bei Euch, als meine Unterstützer, nochmals sehr herzlich bedanken. Vielen Dank, dass ihr Euch mit mir auf dieses Jahr eingelassen habt.
Darüber hinaus freue ich mich schon sehr auf das baldige Zwischenseminar von EIRENE, dass Mitte Mai stattfinden wird und weitere Gelegenheit zur Reflektion bietet.
Bleibt mir noch, Euch einen schönen und ereignisreichen Frühling zu wünschen.
Herzlichste Grüße,
Eure Judith







