Internationaler Christlicher Friedensdienst

Man muss ihn einfach lieb haben, wenn er einen mit seinen kurzen Ärmchen umarmt und sagt „Je t´aime!“.

Adrian Clement berichtet von seinem täglichen Leben in der Arche Jean Vanier in Brüssel (April 2008)

 

Jetzt ist es so weit! … ich schreibe meinen ersten Rundbrief!


Es tut mir sehr sehr sehr leid, dass ich das erst jetzt mache… Er war ja eigentlich nach einem Monat vorgesehen. Ich musste die ganzen Erlebnisse nur erstmal selbst verarbeiten…


Nochmal für alle, die es schon vergessen haben: ich mache einen Freiwilligendienst in Belgiens Hauptstadt Brüssel. In diesem Dienst lebe ich mit geistig behinderten Menschen zusammen, um ihnen bei dem alltäglichen Leben zu helfen.


Also…. Ich weiß jetzt gar nicht, wo ich anfangen soll… es ist ja so viel passiert! Ok… ich wohne jetzt also in einem Haus mit 5 Behinderten, 3 anderen Assistenten (Valentina: Deutsche, 19 Jahre; Piotr: Pole, 26 Jahre und Sigita: Litauerin, 25 Jahre) und 2 Verantwortlichen (Sonia: Belgierin, 33 Jahre und Colett: Belgierin, 64 Jahre) zusammen.


Die Behinderten sind mir jetzt schon richtig ans Herz gewachsen, auch wenn sie manchmal anstrengend sind. Die Älteste von ihnen ist A. Mit ihren 74 Jahren hat sie jetzt niemanden mehr. Außerdem ist ihre geistige Behinderung auch erst mit dem Alter gekommen. Das schlägt sich in sofern nieder, dass sie viele Manien hat und sich z.B. den Mund immer 5 mal mit der Serviette abwischt oder immer 2 Tassen (das Getränk ist egal) zum Kaffetrinken zu sich nimmt, auch wenn sie gar keinen Durst hat. Meistens sitzt sie aber nur da und starrt vor sich hin. Manchmal liest sie auch ein Buch… aber so richtig begeistert ist sie nur, wenn sie mir über die Schulter gucken kann, während ich am Laptop bin… das macht sie richtig glücklich!


Dann ist da V.… unser Charmeur. Mit seinen 55 Jahren fragt er noch immer jedes Mädel, ob sie ihn heiraten möchte! Er hat Trisomie 21 (…das ist hautnaher Biologieunterricht Frau Söll! ^^). Dadurch sieht er so jung und kindlich aus. V. beschäftigt sich meistens damit, schöne Frauen aus Zeitschriften herauszutrennen, um sie dann liebevoll auf seinem Bett anzuordnen. Man muss ihn einfach lieb haben, wenn er einen mit seinen kurzen Ärmchen umarmt und sagt „Je t´aime!“. =S


V. ist 40 Jahre alt und spricht so schnell, dass ich sie meistens nicht verstehe und nur nicken und „Oui, oui…“ sagen kann… Sie braucht sehr viel Zuneigung und umarmt mich deswegen 3 mal am Tag. Wenn sie dann immer noch Aufmerksamkeit braucht, denkt sie sich irgendwelche Probleme aus und fängt dann „deswegen“ an zu weinen. Aber wenn sie zeichnet, können alle nur Bauklötzer staunen… mein Zimmer hängt jetzt schon voll von ihren Bildern.


C., die Vierte im Bunde, wird auch schon 40, ist sehr intelligent, kann aber trotzdem so gut wie nicht reden. Sie hat starke Probleme mit ihrer Aussprache und kann so z.B. kein „i“ aussprechen. „Oui“ (franz.: Ja) klingt dann bei ihr wie „Wonnnn“, was es sehr schwer macht sie zu verstehen. Dann ist sie auch eine ziemliche Egoistin und will am liebsten gleich alles haben und essen, was auf dem Tisch steht… man braucht nur mal weg zu schauen… und schwupps hat sie schon wieder 5 Zuckerwürfel in ihrem Kaffee… Aber dass sie jetzt abnehmen will und uns manchmal ganz unverhofft die Tür aufhält, oder einen Platzt am Tisch anbietet, lässt mich immer wieder erstaunen…


Zu guter Letzt kommt der „liebe“ D. (auch ungefähr 40 Jahre) … seine Lieblingsbeschäftigung ist es andere nachzuäffen und uns mit seinen andauernden Fragen zu nerven, von wem er denn morgen geweckt werde… Nachdem ich ihm dann zum 5 mal erklärt habe, dass ICH ihn am nächsten Morgen aufwecken werde, geht er wieder in seine Routine über, uns das Leben mit Kneifen und besserwisserischen Sprüchen schwer zu machen… oder er holt einen von seinen 10 Kalendern und lässt mich noch mal 5 mal bestätigen, dass er sich Mittwoch NICHT duschen muss…

Aber auch er fällt mir regelmäßig um den Hals und sagt mir, dass ich seine „petit vache“ (kleine Kuh) bin. Warum er das sagt, muss ich ihn mal fragen…


Das waren erstmal ein paar Zeilen, um mein „Foyer“ (franz.: ZuHause) besser kennen zu lernen. Ich habe mir überlegt, dass ein vierteljährlicher Rundbrief wohl sinnvoller wäre, als jeden Monat einen Kleinbericht zu erstatten.


Noch mal vielen Dank für all Eure / Ihre Unterstützung!

Bis zum nächsten Brief im Frühjahr!


Liebe Grüße

Adrian Clement



PS.: viele liebe Grüße an meine ganze Familie!



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