Wenn ich meine 4 Wochen Urlaub im Sommer mit einrechne habe ich heute also Halbzeit. Ganz realisiert habe ich das noch nicht, liegt doch noch so viel vor mir, was ich hier in Belgien oder überhaupt bis September noch vorhabe.
Martin Eller berichtet von seiner Arbeit im Projekt Téléservice de Jeunes, vom Fußball spielen und Karnevalszügen, vom Leben und Radeln in der Hauptstadt Belgiens. (Februar 2008)
Liebe Unterstützerin, lieber Unterstützer, liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,
draußen ist es gerade grau und windig, Meteorologen raten davon ab das Haus zu verlassen und in der Tat fühle ich mich gerade nicht wirklich geneigt dazu jetzt joggen zu gehen. Die Kombination aus Wochenende, schlechtem Wetter und der Tatsache, dass ich mich gerade nicht in einer anderen Ecke Europas herumtreibe oder Besuch da habe, ist allerdings optimal um meinen zweiten Rundbrief aufzusetzen. Genug Inhalt gibt es, wir wollen uns ja diesmal ein bisschen in der Länge zurückhalten. Sehr gefreut habe ich mich über das nette Feedback auf meinen ersten Rundbrief – mit umso mehr Freude mache ich mich jetzt also an die zweite Auflage. Auf geht's!
Wie die Zeit vergeht...
Nun ist es also schon März. Eigentlich schade, dass die Zeit so verfliegt. Wenn ich meine 4 Wochen Urlaub im Sommer mit einrechne habe ich heute also Halbzeit. Ganz realisiert habe ich das noch nicht, liegt doch noch so viel vor mir, was ich hier in Belgien oder überhaupt bis September noch vorhabe. Der Rückblick ist ähnlich voll gepackt. Momente wie jetzt, an denen ich zurückdenke, machen mir noch einmal mehr deutlich, wie schön doch das halbe Jahr bis jetzt war, wie viele Sachen ich erlebt habe und dass ich meine Erlebnisse auf keinen Fall missen möchte. Mit Weihnachten hat außerdem die Besuch-Saison begonnen. Es macht mir Spaß meinen Besuchern mein neues Lebensumfeld zu zeigen und mal wieder ein wenig Zeit mit „alten“ Freunden zu verbringen. Ich bin froh, dass ich schon im Herbst so viele belgische Städte erkundet habe, denn zur Zeit finde ich in meinem imaginären Terminkalender kaum Tage wie heute, an denen so etwas möglich wäre.
Diejenigen die noch ausstehen, u.a. Gent, müssen aber auf besseres Wetter warten, denn seit dem 8.2.2008 um 20 Uhr bin ich stolzer Besitzer eines funktionstüchtigen Fahrrads. Das es noch fährt ist bei seinem Lebenslauf schon fast ein Wunder. So trägt mein guter Drahtesel schon mindestens zwanzig Jahre auf seinen Schultern und wurde seit etwa zehn Jahren nicht gefahren. Dafür wurde er mir geschenkt.
Innerhalb der ersten 24 Stunden musste ich dann selbstverständlich gleich zwei Fahrradtouren machen. Die erste am selben Abend noch relativ ziellos ohne Stadtplan im dunklen und kalten Brüssel, die darauf folgende aber im Sonnenschein bei frühlingshaften 15°C nach Grimbergen, dass der ein oder andere eventuell schon mal gehört hat. Die Kleinstadt circa 20 Kilometer nördlich von Brüssel ist nämlich die Heimat eines der bekanntesten belgischen Biere, das nach seiner Herkunftsstadt benannt ist. Dort angekommen war dann natürlich der Verköstigung des Gerstensafts im Hof der alten Abtei Pflicht, wo bei warmer Abendsonne im Grünen neben der großen Kirche schon im Februar schnell die Zeit vergisst. Die Rückfahrt entlang des hässlichen Kanals, der beidseitig von tristen grau-braunen und teilweise heruntergekommenen Hallen und Fabriken geschmückt ist, konnte den bis dahin wunderschönen Tag nicht toppen. Zu schnell war die Sonne weg und mit ihr die angenehme Temperatur, die uns zuvor verwöhnt hatte. Die Lehre, die ich aus diesem Tag zog, war, dass vergleichbare Fahrradausflüge zwar zu wiederholen sind, aber erst ab April.
Ein weiterer positiver Nebeneffekt des Fahrrads ist, dass es den Arbeitsweg von fast zwanzig auf zehn Minuten reduziert und mir somit ein paar Minuten mehr Schlaf gönnt. Da ich aber ungern auf das Wetter vertraue, stehe ich doch lieber früher auf, als dass ich in strömendem Regen mit dem Fahrrad fahren muss.
Die Arbeit im Jugendzentrum
Seit Beginn des neuen Jahres gibt es für die Jugendlichen ein neues Angebot, das ich zusammen mit Xavier, dem neben mir jüngsten Animateur aus dem Team der Festangestellten, gestartet habe: Hallenfußball! Dieses Projekt schreibt zwar eine erst sehr kurze, dafür aber sehr erfolgreiche Geschichte. Jeden Freitag gehen wir mit einer Gruppe der Ältesten aus dem Jugendzentrum (ab Klasse 7 aufwärts) in einer Sporthalle in einem etwas weiter draußen gelegenen Stadtteil kicken. Die Halle können wir aufgrund guter Beziehungen und anderen glücklichen Umständen kostenlos nutzen.
Das Angebot ist so beliebt, dass wir mittlerweile eine Höchstgrenze von 20 Jungs festlegen mussten. (Mädchen nehmen wir immer so viele mit wie kommen. Die Zahl belief sich seit Projektstart auf höchstens null.) Generell haben jene Vorrang, die wir zum Beispiel von der Hausaufgabenbetreuung kennen, erst danach nehmen wir neue Gesichter mit, die wir jede Woche erneut haben. Was wir an dem Tag machen, an dem vor uns 25 treue Seelen stehen, die schon seit Anfang dabei sind, steht in den Sternen. Die Halle lässt sich zwar in zwei Spielfelder teilen, aber nicht in drei.
Dem überaufmerksamen Leser meines ersten Briefs fällt auf, dass Freitagabend in der Mitte meines Wochenendes liegt. Er versteht vielleicht auch nicht, dass ich die zusätzliche Arbeit auf mich nehme. Abgesehen davon, dass ich selber gerne mal kicken gehe, finde ich es aber auch wichtig, dass wir im Angebot des Jugendzentrums auch eine sportliche Aktivität haben. Und zwar nicht nur zum Ausgleich für die sonst kopflastige Hausaufgabenbetreuung, sondern auch weil ich zuvor viel zu oft folgenden Dialog mit den Jugendlichen hatte:
„Was hast du denn am Wochenende gemacht?“
„Fern gesehen und XBox gespielt.“
„Das ganze Wochenende?“
„Ja.“
Ich bin deshalb sehr froh und schon auch ein wenig stolz, dass das Projekt so gut fruchtet. Ich nehme mir aber die Freiheit, an einem Wochenende mit Besuch oder einem größeren Ausflugswochenende nicht zu „Mini-Foot“ (die korrekte Übersetzung von „Kicken“ ins Französische, weil man ja selbstverständlich nicht auf einem normalgroßen Feld spielt) zu gehen. Ersatz ist schnell gefunden, denn auch unter den ehrenamtlichen Animateuren sind ein paar Fußballer.
Ein weiteres Highlight meiner Arbeit im „Centre de Jeunes“ war die Teilnahme an einem Karnevalsumzug, der nach dem belgischen Prinzip alles anders zu machen erst am Freitag nach Aschermittwoch stattfand. Das hinderte uns nicht daran schon vor Weihnachten mit der Vorbereitung zu beginnen. Am Ende stand unsere Verkleidung als „Don Boscos Seemänner“, bestehend aus blau-weißem Matrosenhemd und einer Mütze. Darüber hinaus gab es große Ruder aus Schaumstoff, mit denen man den teilweise vorhandenen Zuschauern am Straßenrand freundlich einen auf den Deckel geben durfte. („Aber nicht gegenseitig, sonst sind sie weg!“ - geschah natürlich trotzdem, aber es war richtig lustig.) Darüber hinaus hatten wir sechs Kanus gebaut, die je von einem Kind getragen wurden. Damit waren wir verkleidungstechnisch auf jeden Fall in der Top Three von zehn teilnehmenden Kinder- und Jugendzentren aus unserem Viertel. Bei für Anfang Februar bestem Wetter (am Tag danach ging's direkt nach Grimbergen) ging es dann durch die Brüssler Innenstadt, selbst das große Boulevard Anspach wurde kurzzeitig für uns gesperrt. Eine Sambagruppe, die im Umzug direkt hinter uns lief rundete das ganze gelungen ab. Selbst der ein oder andere Straßenpassant, der nichts vom Umzug wusste, blieb stehen und rockte ein bisschen auf die wirklich fetzige Musik – bis er einen auf den Deckel bekam.
Der Shop Lézabi
Pünktlich mit dem neuen Jahr begann im Second-Hand Shop der Winterschlussverkauf, ganz so wie in den großen Geschäften. Mit dem Unterschied, dass es bei uns 50% auf alles gab – auch auf Tiernahrung. Ziel der Aktion war, sämtliche Ladenhüter irgendwie raus zu bekommen. Demnach wurde dann ab Anfang Januar auch nicht mehr nachgefüllt. So leerten sich nach und nach die Bestände, bis nur noch das übrig blieb, was auch meinem modisch sehr toleranten Auge auf Anhieb missfiel. Für die letzte Januarwoche wurde dann noch die 50-Cent-Woche ausgerufen. Alles wurde nun für einen halben Euro verkauft. Trotzdem blieben Sachen über, was mich in Anbetracht des ein oder anderen Fimmels nicht überraschte. Im Februar wurde dann alles neu aufgefüllt, mit einem mal gab es nun sehr viele wirklich schöne Kleidungsstücke in gutem Zustand, deren Anzahl nun aber wieder langsam abnimmt, bis wir im Juli dann Sommerschlussverkauf machen werden.
In einem Evaluationsgespräch mit meiner Verantwortlichen im Shop, dass wir ebenfalls Anfang Februar führten, bekam ich gesagt, dass ich ruhig noch mehr Verantwortung übernehmen solle. Ich hatte zwar bis dahin schon einige Male für mich selbst Initiative ergriffen, aber war gegenüber den weitestgehend betagten ehrenamtlichen Helferinnen nicht als weisende Verantwortungsperson aufgetreten. Auch war mir bis zu dem besagten Gespräch nicht klar, dass ich eigentlich die selbe Rolle einnehmen soll wie die anderen richtig Festangestellten. Gesagt, getan: Jetzt kommandiere ich nur noch rum und sitze Kaffee schlürfend in der Ecke. Nein, Spaß beiseite, ich habe mein Verhalten ob der neuen Erkenntnisse ein bisschen reflektiert und habe für die letzten Wochen ein positives Feedback mit einem „Weiter so“ bekommen.
Regierung unterm Weihnachtsbaum
Viele haben mich als Reaktion auf meinen Rundbrief in der letzten Zeit gefragt: „Was ist denn jetzt in Belgien politisch passiert?“ Deswegen hier ein kurzes Update. Am 23. Dezember ist eine Übergangsregierung angetreten, die für drei Monate angetreten ist, um eine Staatsreform auf den Weg zu bringen. Hierbei gilt der deutsche Föderalismus als Vorbild. Die ersten Eckpfeiler der Reform werden vorraussichtlich schon vor dem 23. März stehen. Der große Wurf wird für Juli angekündigt, da beginnt die derzeitige orange-blau-rote Koalition (in deutschen Farben etwa gelb-schwarz-rot, aber eben nicht ganz) zu schwanken und zu bröseln und damit auch die für Verfassungsänderungen nötige Zwei-Drittel-Mehrheit. Was also in drei Wochen passiert, kann derzeit niemand vorhersagen. Weite Teile der Bevölkerung (so weit wie ich sie beurteilen kann, also zumindest viele Bewohner Brüssels) wünschen sich ein fortschreiten der Staatsreform auf der Basis eines großen Konsens, wie die zwei Drittel der Stimmen im Parlament dafür zustande kommt, ist ihnen größtenteils egal.
Mit der Regierung zu Weihnachten hat's geklappt, haut es jetzt auch mit der Regierung für Ostern hin? Ich werde euch weiter auf dem Laufenden halten.
Was habe ich denn eigentlich für's Leben gelernt? - Teil 2
Früher dachte ich zwischen Rot und Weiß gibt es nur Pink und Rosa – und vielleicht noch Schweinchenrosa. Seit gestern weiß ich: Es gibt mindestens tausend verschiedene Rosas und Pinks. Ich habe mir im Shop Lézabi gestern nämlich mal die neuen Pyjamas vorgenommen, die wir von großen Kaufhäusern gespendet bekommen haben. Dummerweise kommen die nicht paarweise geordnet, sondern irgendwie durcheinander gemischt. Eigentlich hat man schon Glück, wenn man zwei wirklich zusammengehörende Teile (Oberteil und Hose) findet. Nachdem ich fast zwanzig zusammengehörige Pyjamas gefunden hatte, gab ich auf noch weitere zu finden und kombinierte nach Lust und Laune. Ich war total erstaunt, dass nichts farblich zusammenpasste, obwohl fast alles rosa war. Wenn ich dann doch mal zwei Rosas gefunden hatte die zusammenpassten, stellte ich frustriert fest das die Hose XL war und das Oberteil M – also wieder neue Kombinationen suchen. Letztendlich fand ich dann doch noch mehrere Zusammenstellungen, dennoch blieben circa zehn Hosen und Oberteile übrig.
Wie bereits erwähnt, hatte mein Fahrrad zehn Jahre lang keine Straße mehr gesehen. Deswegen mussten Schläuche und Mäntel erneuert werden. Beim Blick auf den alten Mantel stellte ich erstaunt fest, dass dort 27“ stand. Im Fahrradgeschäft klärte man mich auf: Früher wurden auch 27-Zoll-Räder hergestellt. Diese haben einen Durchmesser von 630 Millimetern, eine Sondergröße, für die aus Holland besondere Mäntel für mich bestellt werden mussten. Schläuche könne ich die eines 28-Zoll-Rads nehmen, meinte der Verkäufer. Als ich stutze und fragte, ob der Schlauch nicht zu lang sei, weil ein Zoll (etwa zweieinhalb Zentimeter) weniger Durchmesser einen deutlich kleineren Umfang bedeuten würde. Zu meiner Verblüffung ist das Gegenteil der Fall! Nein, ich hatte nicht falsch gerechnet und auch die Mathematik als Ganzes stimmt noch, aber die Bezeichnung 27“ ist im Grunde genommen falsch. So hat ein 27-Zoll-Rad in Wahrheit 28,25“ und hat somit nur 8 Millimeter Durchmesser als sein etwas kleinerer Bruder mit 28“.
Mit dieser Weisheit beschließe ich meine heutige Kurzgeschichte, die sich diesmal nicht Roman nennt, denn sie ist eine Seite kürzer als sein Vorgänger. Über Feedback würde ich mich sehr freuen und die, denen es noch nicht genug war, wenden sich bitte an mich für einen Roman.
Liebe Grüße, euer Martin







