Internationaler Christlicher Friedensdienst

Dann war es endlich so weit: es konnte losgehen! Am 15. September ging es nach Belgien, am 17. September begann meine Arbeit.

Martin Eller schreibt über sein WG-Leben in Brüssel, seine Arbeit im Jugendprojekt Téléservice, einen kleinen Exkurs zur belgischen Politik und dem Geheimnis der belgischen Fritten... (Dezember 2007)

 

Der erste Rundbrief



Liebe Unterstützerin, lieber Unterstützer, liebe Freunde, Bekannte und Verwandte,


Heute ist also der 10. Dezember 2007. Ein Tag wie jeder andere? Nein! Heute hat Martin es endlich geschafft seinen ersten Rundbrief fertig zu schreiben. Aber nicht nur das: heute ist auch der Tag an dem Belgiens politische Krise in die nächste Etappe übergeht. Lange ist es her, genau genommen sechs Monate und somit ein halbes Jahr, als ich noch nicht mal mein Abizeugnis in der Hand hielt, dass hier in Belgien wieder einmal Wahlen für das belgische Parlament abgehalten wurden. Doch bis heute, den 10. Dezember 2007, gibt es noch keine Regierung, weil sich keine Koalition findet. Undenkbar für Deutsche, weil es in Deutschland gemäß dem Grundgesetz nach drei Monaten Neuwahlen geben muss. Wären wir in Deutschland wäre also am kommenden Sonntag die dritte Bundestagswahl des Jahres 2007.

Aufgrund dieser Begebenheit und des denkwürdigen Datums, möchte ich in meinem ersten Rundbrief deshalb nicht nur von mir und meinen Erlebnissen hier in Brüssel erzählen, sondern auch einen kleinen Abschnitt dem Thema „Politik in Belgien“ widmen.



Zunächst einmal etwas zur Hauptperson dieses Romans


Seit 87 Tagen kann ich Brüssel nun schon mein Zuhause nennen. 87 Tage, die im Rückblick sehr schnell vergangen sind. Ja, ich habe mich mittlerweile gut eingelebt und genieße meine Zeit hier in Brüssel. Natürlich war die ein oder andere Hürde zu meistern und das ein oder andere Projekt in meinem Zimmer ist immer noch nicht abgeschlossen. Zu Beginn saß ich manchmal einige Abende in Folge hier in meinem Zimmer und hatte nicht die Lust und Kraft auf eigene Faust loszuziehen und die Stadt zu erkunden – dies machte sich unter anderem dadurch bemerkbar, dass ich das Gefühl hatte endlich mal Zeit zum Lesen zu haben. Das hat sich aber mittlerweile geändert: Unter der Woche freue ich mich, wenn ich einen Abend nicht auf Achse bin und mal wieder richtig Gitarre spielen kann und an meinen Wochenenden schaue ich mir des öfteren mal die ein oder andere Kleinstadt oder Metropole im Umfeld an. So war ich schon Ostende, Brügge, Paris und Liège und vor Weihnachten sind eventuell noch Antwerpen oder Gent und Aachen dran. Auf dem Programm für nächstes Jahr stehen auf jeden Fall eine Fahrradtour durch die Ardennen und ein Besuch im Hopfenmuseum in Poperinge – für beide Ausflüge will ich aber gutes Wetter abwarten und noch viel wichtiger: ein Fahrrad muss her!

Die ein oder andere Aufgabe bleibt also noch zu lösen, aber auch so ist es schon sehr schön und so ungefähr das, wovon ich vor einem Jahr noch geträumt habe.



Die Vorbereitung meines Dienstes


Es ist zwar erst knappe drei Monate her, dass ich hier in Brüssel mein FSJiA (Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland) begonnen habe, aber die Vorbereitung darauf begann schon vor über einem Jahr. Es war im August 2006, als ich dem Rat, sich möglichst früh um das Auslandsjahr zu kümmern, folgte und mich im Internet über verschiedene Träger und Dienstformen und -länder informierte. Nach dem die Akte dann einige Zeit ruhte, war ich im November 2006 auf einem Informationswochenende von EIRENE, auf dem ich die Organisation und ihre Projektangebote kennenlernen konnte. Unter dem begrenzten Angebot von französischsprachigen Kinder- und Jugendarbeit-Projekten gefiel mir damals schon mein heutiges am meisten. Alles nahm seinen Lauf: Ich schrieb meine Bewerbung, wurde zu einem Auswahlseminar eingeladen und schließlich bekam ich eine Zusage für mein Wunschprojekt. Mitte Mai fuhr ich dann auf meine Projektreise, eine Woche hier in Brüssel, in der ich mein zukünftiges Zuhause und meine neue Arbeitsstätte kennenlernen wollte. Sehr überzeugt kam ich aus Brüssel zurück und nach schönen letzten Sommerferien ging es dann Anfang September auf ein zweiwöchiges Ausreiseseminar, auf dem wir in vielerlei Hinsicht auf unseren Dienst vorbereitet wurden, aber auch die Möglichkeit hatten, andere Mit-Freiwillige kennenzulernen.

Dann war es endlich so weit: es konnte losgehen! Am 15. September ging es nach Belgien, am 17. September begann meine Arbeit.

An dieser Stelle möchte ich mich noch herzlich bei meinen Unterstützern bedanken, die mir diesen Schritt in einen neuen Lebensabschnitt ermöglicht haben. Vielen Dank!


Mein erster Arbeitstag


Noch keine zwei Tage war ich in Brüssel, da ging schon meine Arbeit los. Nach einem kurzen Gespräch mit meinem Chef, Marc, am Montagmorgen, bekam ich direkt frei um mir ein Konto zu eröffnen, eine Jahreskarte für die Metro (U-Bahn) zu besorgen und um mich in Brüssel wohnhaft zu melden. Um halb vier solle ich doch bitte zur Hausaufgabenbetreuung im Jugendzentrum sein, schickte mir Marc noch hinterher, als ich mich an eine der wohl unmöglichsten Missionen machte, alle drei Aufgaben innerhalb von vier Stunden zu lösen.

Zunächst wollte ich mir am Südbahnhof die Jahreskarte holen. Dort angekommen fand ich mich am Ende einer endlosen Schlange wieder. Eine sehr fachkundige Servicefachkraft erkundigte sich nach meinem Anliegen und erklärte mir im Folgenden, dass ich erstens als Nicht-Student nicht den Bedingungen des Jugendtarifs entsprechen würde und somit fast das doppelte für meine Karte zahlen müsse und zweitens als nicht Belgier meinen Reisepass vorzulegen hätte, der meines Wissens noch in Frankfurt in irgendeiner Schublade ruht. Frustriert gab ich Teil eins der Mission auf, zum Glück stellte sich im Laufe der nächsten Tage heraus, dass die Informationen der Servicefachkraft falsch gewesen waren. Dennoch stand ich in den folgenden Tagen insgesamt 7 Stunden an, manchmal um nach zwei Stunden festzustellen, dass die Verkaufsstelle jetzt schließen würde oder dass meine Mittagspause vorbei wäre und ich nun zurück auf die Arbeit müsse. Schließlich hielt ich nach etwa zehn Tagen stolz mein Metro-Jahresabonnement in der Hand.

Die anderen zwei Teile der Mission waren auch bis zum Nachmittag nicht erledigt: Für das Bankkonto musste ich mir einen Termin in der Folgewoche geben lassen, und die Einschreibung wird wohl erst im Februar oder März 2008 (!) die bürokratischen Mühlen der Stadt Brüssel durchlaufen haben.

So blieb der einzig erfolgreiche Teil meiner Mission, dass ich nicht zu spät zur Hausaufgabenbetreuung kam. Hier wurde mir gleich am ersten Tag die Verantwortung an einem Tisch mit Sechstklässlern übergeben, was zunächst eine große Herausforderung war. Sofort überfielen mich sechs Kinder aus allen Himmelsrichtungen mit Fragen zu ihren Hausaufgaben und wollten natürlich, dass ich ihnen zuerst helfe und nicht zuerst jemand anderem. Hinzu kam dann noch, dass ich mich noch nicht voll an das Französisch gewöhnt hatte und somit voll konzentriert sein musste, was bei dem Lärm phasenweise sehr schwierig war. Nach eineinhalb Stunden kamen dann die älteren Schüler, was einem deutlichen Abfall der Durchschnittslautstärke gleichkam, aber aufgrund des höheren Niveaus nicht unbedingt weniger anstrengend war. Um halb sieben war dann der erste Arbeitstag geschafft und ich auch.


Meine Arbeit


Ich arbeite in zwei Projekten meiner Organisation Téléservice mit.

Einerseits ist das die schon angesprochene Arbeit im Jugendzentrum, dass Téléservice (Marc und ich) zusammen mit drei Salesianern (katholischer Orden, der von Don Bosco gegründet wurde), Père Joseph, Yves und Xavier betreibt. Außerdem arbeitet Anne-Sophie in der „Equipe“ des „Centre des Jeunes Don Bosco-Téléservice“ mit, deren halbe Stelle von den städtischen und staatlichen Zuschüssen finanziert wird.

Der zweite „Service“ in dem ich arbeite ist der Shop Lézabi. Hier werden Kleidungsspenden entgegengenommen, sorgfältig überprüft und aussortiert, falls nötig im Atelier wieder in Schuss gebracht und dann im Laden verkauft. Die mögliche Preisspanne geht von 30 Cent bis 8,70€ für gebrauchte Kleidung, bei neuer bis 15€. Ein Pullover kostet etwa 2 Euro, eine Jeans etwa 3. Ziel ist hierbei nicht einen Gewinn zu erwirtschaften. Zwar ist der Shop Lézabi der „Service“, der das meiste Geld erbringt, Téléservice finanziert sich aber größtenteils durch Spenden und Subventionen.

Die Arbeit in den beiden Projekten verteilt sich auf fünf Arbeitstage, Sonntag bis Donnerstag. Sonntag- und mittwochnachmittags ist Animation. Sonntags haben wir generell mehr Zeit, sodass wir eigentlich immer das Jugendzentrum verlassen. Sei es um ins Schwimmbad zu gehen, in einen Park zu fahren um ein Geländespiel zu machen oder bei einem Detektivspiel in der Innenstadt einen gefährlichen Dieb zu überführen. Mittwochs basteln wir oft, backen gemeinsam oder spielen in einer nahegelegenen Sporthalle. Am Vormittag haben wir immer eine Teamsitzung, in der die Arbeit des Jugendzentrums vorbereitet und evaluiert wird. Häufig sprechen wir auch über einzelne Kinder, die uns in letzter Zeit aufgefallen sind und beraten, wie man weiter verfahren soll. Abgerundet wird die Arbeit im Jugendzentrum durch die Hausaufgabenbetreuung, bei der ich montags und dienstags jeweils von halb vier bis halb sieben mithelfe.

Im Shop Lézabi arbeite ich dienstags und donnerstags. Dort fange ich jeweils um 10 Uhr mit einer halben Stunde Kaffepause an, in der ich mich mit meinen Kolleginnen (Durchschnittsalter: geschätzte 63,27) über Gott und die Welt, aktuelle Politik, Ehemänner oder die Jugend von heute unterhalte. Danach geht es an die Arbeit, was für mich häufig bedeutet, dass ich Pullover, Hemden, Unterwäsche, Schlafanzüge oder Hosen auf Kleiderbügel hänge, mit einem Preis versehe und dann irgendwann den Laden mit dem was fehlt nachfülle. Ab und zu habe ich die ein oder andere spaßige Sonderaufgabe, wie z.B. ein Legoschiff aufzubauen, das mitgespendet wurde, zu überprüfen ob ein Puzzle vollständig ist oder Puppen mit Puppenklamotten zu bekleiden. Den Verkauf bekomme ich donnerstags von 14 bis 17 Uhr mit. Häufig sitze ich dann an der Kasse oder aber ich mache „Surveillance“. Das heißt ich passe auf, dass nichts geklaut wird. Dies passiert leider trotz der niedrigen Preise, was mich sehr schockiert hat. So hing eines Tages als ich den Laden aufräumte statt einer sauberen Secondhand Jeans mit Preisschild eine zweite abgenutzte und stinkende Jeans an einem Kleiderbügel, die ein Schlawiner im Austausch da gelassen hatte.

Die Arbeit im Shop ist oft sehr eintönig und lebt daher von den Unterhaltungen mit meinen Kolleginnen, die mir manchmal wie „Ersatzomas“ vorkommen. Ab und zu amüsiere ich mich daran, mich mit den vielen Kleidungsstücken zu verkleiden und dann z.B. als Detektiv mit langem Mantel und einem grauen Hut meine Arbeit fortzusetzen. Motivierend ist es auch, wenn man während der Öffnungszeiten mitbekommt, wie dankbar der ein oder andere Kunde für das Angebot ist.

Im Jugendzentrum ist die Arbeit teilweise sehr anstrengend. Vor allem Fahrten mit der Metro sind häufig ein Nervenspiel, gerade an Tagen, an denen wir mit 18 Kindern unterwegs sind und nur zwei Animateure sind. Das ist aber in der Regel nicht der Fall. Oft haben wir einen Schlüssel von 1:4; sowohl an den Kindernachmittagen, als auch bei der Hausaufgabenbetreuung. Im Team herrscht eine gute Atmosphäre, sodass die Arbeit mit den Kindern gleich noch mal viel mehr Spaß macht. Mittwochs wird mittags gemeinsam gegessen und sonntags werde ich häufig in die Don Bosco-„Communauté“ zum Abendessen eingeladen.



Die „Communauté du 22“


Hinter diesem zunächst auch für mich unschlüssigen Namen versteckt sich das Geheimnis meiner WG. Nein, ich bin nicht einer von 22 Bewohnern, aber die 22 ist unsere Hausnummer. Mit 13 Bewohnern bleiben wir unserem Namen aber auch nicht so weit hinterher. Meine Mitbewohner kommen aus allen Ecken Europas und vertreten fast alle noch lebenden Generationen. Nur bei mir, ich bin der jüngste, hört die Altersspanne auf. Was uns hier zusammenbringt ist wahrscheinlich die günstige Miete, für die man in Brüssel kein Zimmer solcher Größe und so einer Lage findet.

Das Haus, im Jugendstil erbaut und vermutlich seither nicht mehr saniert, gehört der Stadt Brüssel, die es zum Selbstkostenpreis an die aus allen Mietern bestehende ASBL (Association Sans But Lucratif = Verein ohne Gewinnabsichten) vermietet. So zahle ich für mein warmes Zimmer mit Telefon, Internet und Waschbecken weniger als 200 Euro im Monat und das bei Maßen von 30 m² und 140 m³. Mein Vorgänger hatte mir einen geringen Möbelbestand überlassen, der mit ein paar Erweiterungen vom Sperrmüll und mitgebrachten Kleinigkeiten aus Frankfurt mein Zimmer nun zum gemütlichsten und schönsten Zimmer des ganzen Hauses macht. Vor allem ein urbequemer und kuscheliger Ledersessel vollendete das Zimmer zur Perfektion – naja, bis auf die schon gut durchgelegene Matratze, die immer noch auf dem Boden liegt, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Bettgestell mit Ausmaßen von 160x200 sich in einer der schmalen Brüsseler Trams, die noch aus den 50er-Jahren datieren, ohne weiteres transportieren lässt.



Flamen versus Wallonen


Wie in der Einleitung schon durchsickerte, bin ich in Brüssel mitten in eine politische Krise hereingeraten, die sich mit der vergehenden Zeit immer weiter zuspitzt. „Noch sind wir zum Glück nicht im Baskenland, in Brüssel gehen zum Glück noch keine Bomben hoch“, meinte kürzlich ein Arbeitskollege scherzhaft und wollte damit den Konflikt herunterspielen. Es ist wahr, dass in Belgien die Phase der Regierungsbildung wohl traditionell immer länger dauert, als das in Deutschland der Fall ist. Hier gibt es jede Partei nämlich zweimal, einmal in der französischsprachigen und einmal in der niederländischsprachigen Ausgabe (ein wenig wie die CSU in Bayern und die CDU in Restdeutschland). So gibt es Parteien, die zwar die selbe Finanz- und Sozialpolitik unterstützen, in der aktuellen Diskussion um eine Staatsreform aber konträre Forderungen aufstellen. Wenn es nach den Wallonen geht, ist die Staatsreform nicht nötig: „Belgien hat immer funktioniert“. Die Wallonie, die zu Zeiten der Kohleförderung und Stahlindustrie der reichere der beiden Teile war, ist nun der ärmere Teil und flämisches Geld fließt hier in die Sozialkassen – so wie es vor Jahrzehnten anders herum lief.

Neu ist, dass mehrere flämische Parteien das für ungerecht empfinden und mehr Kompetenzen für die Regionen fordern. Vlaams Belang, eine ultrarechte Partei aus Flandern, tut dies schon seit vielen Jahren und hat in Flandern bei den Wahlen im Juni 25% der Stimmen errungen. Dies muss einer erschreckend hohen Zahl von Flamen gleichkommen, die ein Ende Belgiens fordern.

Hier in Brüssel läuft man solchen Leuten nicht über den Weg. An etwa jedem zehnten Haus hängt eine belgische Fahne aus dem Fenster und vor drei Wochen waren 35.000 Belgier auf der Straße um für die „Einheit“ zu demonstrieren. Klar, dass ich das hautnah mitbekomme, vor allem wenn man sonntagmorgens um neun Uhr von lautem Hubschrauberlärm aus dem Schlaf gerissen wird.

Ein Ende der Krise ist vorerst noch nicht in Sicht: Vorige Woche gab der designierte Ministerpräsident Yves Leterme seine Aufgabe der Regierungsbildung ab, nachdem es ihm in über fünf Monaten nicht gelungen war eine Koalition zu bilden. Nun darf es der ehemalige Ministerpräsident Guy Verhofstadt, der das Amt zur Zeit noch kommissarisch inne hat, erneut probieren.

Der Durchschnittsbelgier flucht derweil über die Politiker, die „Merde“ bauen, und nimmt den Krise nicht sehr ernst. Es kursieren Witze über den ein oder anderen Politiker oder den König, der als Garant für die Einheit Belgiens gesehen wird. Im frankophonen Radio hört man hoffentlich nicht ernst gemeinte Beiträge von Zuhörern, in denen jeder Wallone dazu aufgefordert wird die Heizung in seinem Zimmer zehn Grad höher als gewöhnlich zu regeln. Flandern ist nämlich flach wie eine Flunder. Ich habe die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben, dass Belgien noch eine probelgische Regierung bekommt, bevor der Meeresspiegel um weitere 85 Meter angestiegen ist, weil ich ansonsten auch in die Ardennen flüchten müsste.



Was habe ich denn eigentlich für's Leben gelernt?


Ich habe mir gedacht, diese Frage sollte ich von Zeit zu Zeit mal reflektieren. Hier einige Einblicke in das was ich als junger unerfahrener Deutscher hier im großen (naja...) unbekannten Belgien gelernt habe:

Zunächst kann ich konstatieren, dass der korrekte Gebrauch des Konjunktivs weder für meine Arbeit im Jugendzentrum oder im Shop Lézabi, mein Überleben oder meinen Freizeitvertreib von Nöten ist. Die Fähigkeit des grammatikalisch einwandfreien Gebrauchs bekommt somit von mir das Prädikat „unnütz“ zugewiesen. Sämtliche fälschlichen Anwendungen in diesem Brief – einen Gott werde ich nennen, der sie findet – möge man mir deshalb bitte nicht übel nehmen.

Kreativität und Schwindelfreiheit hingegen sind positive Eigenschaften. Diese waren gefragt, als die Glühbirne meiner Zimmerlampe eines Abends nicht mehr anging. Bei einer geschätzten Höhe von dreieinhalb Metern reichte es auch nicht mehr einen langen Arm zu machen. Zwar gibt es bei uns im Haus zwei Leitern, mit denen ich sogar an meine fast fünf Meter hohe Decke reichen kann, diese muss man aber an eine Wand anlehnen. Somit waren diese wenig hilfreich, den meine Lampe befindet sich (un)günstigerweise in der Mitte des Zimmers. Da es nicht reichte sich auf meinen Schreibtisch zu stellen, stapelte ich noch einen Stuhl oben auf. Oben angekommen stellte ich erfreut fest, dass ich mit den Fingerspitzen die Glühbirne drehen und austauschen konnte ohne vom Stuhl zu fallen.

Ich weiß nicht ob ihr folgende Erfahrung mit mir teilt, aber lasst euch sagen: Probiert es nicht aus und glaubt mir! Man sollte in einer Kneipe nie eine Diskussion mit einem 52jährigen englischen LKW-Fahrer beginnen. Nachdem er mir kurz höchst glaubwürdig meine Zukunft vorhergesagt hatte („You will not be another Eric Clapton“), schweifte er dann vom Thema Gitarre ab und widmete sich der Politik. Nachdem er mir einerseits zugestehen musste, dass ich viele gute Ideen habe, nannte er mich bald „zu sozial“ und im Satz drauf einen Kapitalisten. Auf jeden Fall wisse er, er habe ja über 30 Jahre mehr an Erfahrung, dass es spätestens in ein paar Jahrzehnten wieder einen Weltkrieg geben würde, den auch meine guten Ideen und Vorschläge nicht verhindern könnten. Ich und mein Kumpel ließen ihn dann sitzen, um ihm die Chance zu geben sich in Ruhe mental auf seine Kühlschranklieferung des nächsten Tages vorbereiten.

Ansonsten bin ich sehr schnell in die Welt des schnellen aber guten Kochens eingestiegen. Nein, das heißt nicht Mikrowellenzauberei: eine Mikrowelle gibt es bei uns in der WG noch nicht mal. Häufig gibt es Nudeln mit einer Sauce, die hauptsächlich aus dem besteht, was sich angebrochen in meinem Kühlschrank findet. Fast genauso oft mache ich mir aber Reispfannen, für die ich mittlerweile schon in der ganzen WG berüchtigt bin. Kartoffeln mache ich mir so gut wie nie, weil ich im Heimatland der Pommes frites, mir mindestens einmal die Woche eine Portion gönne.

Das Geheimnis der belgischen Pommes ist übrigens, dass sie zweimal frittiert werden und zwischendurch ein Luftbad genießen dürfen. Dazu gibt es dann eine fast zu große Auswahl an Saucen (je nach Pommesbude sogar über 50), von denen die meisten eine Mayonnaise mit einer bestimmten Geschmacksrichtung sind. Denen, die auch mal gerne ein bisschen scharf essen, empfehle ich hiermit Pili-Pili oder Samourai.

Somit würde ich gerne die Liste meiner Lebensweisheiten abschließen. Ich hoffe der Rundbrief war wenigstens halbwegs informativ und ist weder zu lang, noch zu kurz geraten. Falls ihr irgendwelche Fragen haben solltet, freue ich mich über Nachfragen. Auf jeden Fall wünsche ich euch noch eine schöne Adventszeit und ein frohes Fest.

Liebe Grüße, euer Martin

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