Internationaler Christlicher Friedensdienst

„Das Ende rückte in greifbare Nähe ... Ich bedenke das Ende dieses Jahres, aber tatsächlich realisiert habe ich es noch nicht.“

Sebastian Haug berichtet von seiner Arbeit und seinen persönliche Erfahrungen und Eindrücken in seinen letzten vier Monaten im Kinder- und Jugendprojekt Téléservice, im Zentrum von Brüssel (September 2007)

Fast ein Jahr ist es her, dass ich auszog, die Welt zu erkunden, fast ein Jahr atme ich jetzt Brüsseler Luft. Die letzten vier Monate über ist viel passiert, ich habe einen bewegten und abwechslungsreichen Sommer hinter mir – und der Abschied naht.

Mit EIRENE (www.eirene.org) bin ich im vergangenen September ausgereist, und meine deutsche Endsendeorganisation war es auch, die mich Anfang Mai ins frankophone Ausland lotste:

Das große Sommerfest des „Centre de Jeunes“ war für das darauf folgende Wochenende angesetzt. Bei all dem Vorbereiten, Planen, Besprechen und wieder Umplanen begleitete mich mein Nachfolger Martin, der für seine Projektreise nach Brüssel gekommen war.

Das Sommerfest lief plangemäß und ohne größere Komplikationen über die Bühne; beim Postenspiel im Quartier waren über vierzig Kinder unterwegs, und beim anschließenden Grillen wurde heiter geschmaust – das Salate machen am Vormittag hatte sich gelohnt.

Zur allgemeinen Zerstreuung und zur musikalischen Umrahmung des Abends gaben Aimé und ich ein kleines Konzert. Ausgestattet mit zwei Gitarren hatten wir ein kleines Repertoire zusammengestellt – und auch wenn so manche zweistimmige Partie wohl im Lärm der umhertobenden Kleinen unterging (die sich von der imposanten Darbietung nicht im Geringsten stören ließen) spendete unser Publikum wohlwollenden Applaus.

Mit dem Juni machte sich ein neues, zunächst leicht irritierendes Gefühl breit, dessen Bestimmtheit mit dem Fortschreiten des Monats merklich zunahm: Das Ende rückte in greifbare Nähe.

Meine Tage in der Ecole des devoirs waren gezählt. Ende Juni beginnen in Belgien die Sommerferien, und so waren die „examens de la fin d´année“, die Abschlussprüfungen, der letzte große Trommelwirbel meines Wirkens in der Hausaufgabenbetreuung. Die Vorbereitungen der Secondaires verliefen geregelt und konstruktiv. Meine Hilfe war vor allem in Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften gefragt – und in den letzten Tagen vor dem großen Countdown fand ich mich dann doch eins ums andere Mal von Tisch zu Tisch rennend. Wenn trotz intensivem Arbeiten und zügigem Vorwärtskommen zu viele Fragen unbeantwortet geblieben waren, saß ich auch noch nach Feierabend am großen Tisch, links von mir Mamadou, dem beim Gedanken an die Physikprüfung am nächsten Tag die Sorgenfalten auf die Stirn gemeißelt schienen.

Bei den Primaires, den jüngeren Semestern, ging es bis zum Schluss gewohnt turbulent zu. Mein Mädchentisch hatte sich eingespielt, dank der nicht aufgegebenen Hausaufgaben wurde vor allem gespielt – und Assiyetou kam Ende Juli, Mitten in den großen Ferien, mit freudestrahlendem Gesicht am Brüsseler Hafenbecken auf mich zugeschossen – sie hatte ihr Jahr bestanden.

Nicht nur die Ecole des devoirs, auch die allsonntägliche Animation ging ihrem Ende entgegen. Zum gebührenden Abschluss hatten wir die „Grande Sortie“ nach Huizingen angesetzt:

Einen ganzen Tag lang machte unsere muntere Schar den großen Park samt Schwimmbad vor den Toren Brüssels unsicher – und mit scheinbar stundenlangem Schaukeln auf dem Abenteuerspielplatz und viel Sonnenschein ging auch dieser Teil meines Brüsseler Arbeitsalltags zu Ende.

Mein Sommer, die letzte große Etappe meiner Arbeit bei Téléservice, war in drei Abschnitte unterteilt: Zwei Wochen Camp mit den Kindern in den Ardennen, vier Wochen Urlaub, zwei Wochen Animation in Brüssel.

Das Camp in Pesche, einem kleinen Dorf in den Ardennen, nicht weit der französischen Grenze, warf seine Schatten voraus: Bereits Anfang des Jahres hatten mein Chef Marc und ich uns mit den Pfadfindern getroffen, die als Animateure das Camp mitleiten sollten. Die Anmeldungen der Kinder kamen im Mai und im Juni, Material musste gewartet und nachgekauft, logistische Herausforderungen bewältigt und das Programm geplant werden.

Und schließlich machte ich mich auf in die Ardennen, gemeinsam mit 15 Pfadfindern und 33 Kindern. Die Reise durch die Zeit stand im Mittelpunkt unserer Unternehmungen. Eine immense ehemalige Scheune, ausgestattet mit Küche, sanitären Anlagen und viel Gebälk, war für die kommende Zeit unsere Welt; das Wetter hatte nicht immer Einsehen, doch schon beim kleinsten Sonnenstrahl, und oft auch bei Regen war der große Garten, die anschließende Wiese und die umliegenden Felder und Wäldchen vom lebendigen Wuseln Brüsseler Stadtkinder erfüllt.

Zwischen Antike, Zukunft, Steinzeit und den 80er Jahren hin- und herreisend entwickelte sich schnell ein „Lageralltag“. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, die Gesamtorganisation in Händen zu halten. Im Zweifelsfall war also immer ich zuständig… Und so fand ich mich sowohl schon leicht feuchte Schlafsäcke waschend vor dem Waschbecken als auch Geld zählend am Küchentisch wieder, hatte alle Hände voll zu tun beim Wunden verarzten, Trösten und Schlichten (die paar ruhigen Minuten als Steinzeitposten auf einem abseits gelegenen Feldweg, in Erwartung der nächsten Geländespielgruppe, sind in meiner Erinnerung der einzige Moment erholsamer Stille).

Beim lebendigen Dauerprogramm eines Camps ergibt sich der intensive Kontakt mit den Kleinen ganz von selbst; für eine Woche ersetzt die neue Umgebung Elternhaus, Schule und sonst bekannte Umgebung. Der Eingewöhnungsphase der ersten Stunden und Tage folgt das Gefühl, nie woanders gewesen zu sein als in dieser verwinkelten Scheune, mit diesem bunt gemischten Haufen überquellenden Lebens.

Für die traditionell während der zwei letzten Augustwochen stattfindenden Sommeranimationen bekam unsere Equipe erfreulicher Weise internationalen Zuwachs: Sechs junge Erwachsene, jeder aus einem anderen europäischen Land und mit einer anderen Muttersprache, fanden sich bei uns im als „Chantier international“ ausgeschriebenen Centre ein. Und so waren wir zu zwölft um die etwa vierzig Kinder Tag für Tag im Zaum zu halten – ungeahnt angenehme Ausgangslage! Ob im Park, im Schwimmbad oder auf dem Bauernhof: Das Programm lief wie am Schnürchen, die Kinder waren zufrieden – und wir jeden Abend ziemlich müde und geschafft. Was uns aber nicht davon abhielt, die Brüsseler Nächte zu genießen…

Noch bin ich mitten drin, in meinem Brüsseler Leben. Vergangene Woche war ich wie gewohnt im TéléShop, habe etikettiert, sortiert und verkauft und die herzliche Atmosphäre genossen.

Am Freitagabend war es dann soweit: Das von langer Hand geplante große TéléShop-Abschiedsessen stand vor der Tür. Gemeinsam machten wir uns auf Richtung Laeken; meine vorausdenkenden Kolleginnen hatten die Hälfte eines Chinarestaurants reserviert. Über zwanzig Personen fanden sich um die große Tafel versammelt, die Stimmung war ausgelassen, und natürlich musste ich auch eine kleine Rede halten.

Nach mehr als fünf(!) Stunden des gemeinsamen Feierns (selbst die zum Teil über achtzigjährigen „Ersatzomas“, wie sie sich liebevoll nennen, hielten durch bis nach elf) machten sich die Ersten auf den Heimweg. Das Abschiednehmen dauerte lange; mit guten Wünschen, lieben Worten und Küssen überhäuft fühlte auch ich einen sanften Hauch der Wehmut. Bis Mitternacht saßen wir noch zusammen – ein wirklich fürstliches Abschiedsgeschenk!

Ja, noch zwei Wochen, und dann heißt es Aufbrechen. Zunächst nach Neuwied, wo mein letztes EIRENE-Seminar offiziell meinen Dienst beendet und ich all die wiedersehe, die mit mir vor einem Jahr in die Fremde aufgebrochen sind. Und dann - ein neuer Lebensabschnitt: Die Politikwissenschaften ziehen mich nach Berlin, das nächste große Abenteuer beginnt.

Ich bedenke das Ende dieses Jahres, aber tatsächlich realisiert habe ich es noch nicht.

An Euch alle schon einmal ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung und das Interesse während meiner Brüsseler Zeit – sobald ich meine Zelte in Berlin aufgeschlagen habe werde ich mich noch einmal bei Euch melden.

Pour la derničre fois des salutations bruxelloises,

Sebastian

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