Neue Arbeit, neues Zuhause, neue Sprache, neue Stadt – ja, mir geht es gut!
Sebastian Haug beschreibt sehr ausführlich seine interessante Tätigkeit bei Teleservice in Brüssel. (Dezember 2006)
Meine lieben Unterstützerinnen und Unterstützer, Rundbriefleserinnen und Rundbriefleser!
Ich möchte Euch mit diesem Brief einen ersten Überblick meines neuen Lebens und insbesondere meiner Arbeit hier in Brüssel geben – schließlich verdanke ich Eurer Unterstützung die famose Möglichkeit, meinen Zivildienst in belgischen Gefilden zu leisten!
Meine Entsendeorganisation in Deutschland,
EIRENE
www.eirene.org
Seit knapp 50 Jahren engagiert sich die gemeinnützige Organisation EIRENE im Entwicklungsdienst. Der Name ist Programm: An den verschiedensten Orten dieser Welt setzt sich EIRENE für den Frieden ein, in Südamerika, in Afrika, und seit über 20 Jahren auch in den „entwickelten“ Ländern dieser Erde. Das „Nordprogramm“ schickt Freiwillige in die Industrieländer, nach Westeuropa und in die USA, wo besonders die Arbeit mit Randgruppen und sozial Benachteiligten im Vordergrund steht.
EIRENE begleitet mich in meinem Dienst mit Seminaren und ist mein Ansprechpartner bei Fragen zu Versicherungen oder anderen bürokratischen Regelungen.
Neue Arbeit, neues Zuhause, neue Sprache, neue Stadt – ja, mir geht es gut!
Eine besondere Erfahrung war der „Ausreisekurs“ Anfang September: 20 zukünftige EIRENE-Freiwillige in Aufbruchstimmung, eine einfühlsame Teamergruppe, eine alte Mühle am Fluss samt sommerlicher Ausgelassenheit – die Beschäftigung mit sich und den anderen, die Erfahrung in der Gruppe war sehr intensiv.
Ein schöner Beginn für den neuen Lebensabschnitt!
Meine Organisation in Brüssel,
ESPACE SOCIAL - TELESERVICE
27-28, Boulevard de l´Abattoir
B - 1000 Bruxelles
« Téléservice », das ist die Idee eines sozialen Miteinanders im Gefüge Stadt, die Idee der breit gefächerten Hilfestellung im Alltag.
Seit über vierzig Jahren besteht die Organisation im Herzen Brüssels bereits. Aus einem Sorgentelefon für Jugendliche ist mit den Jahren ein „espace social“ geworden, ein Raum für die sozial Schwachen, ein Raum für Menschen, die mit einzelnen Facetten des komplizierten Alltagslebens nicht alleine fertig werden. Am Rande des innersten Stadtzentrums gelegen, ist „Téléservice“ vor allem Anlaufspunkt für die vielen Immigranten, die im Zentrum und den angrenzenden Stadtteilen Molenbeek und Anderlecht leben. Die meisten haben ihre Wurzeln in Marokko, im Kongo oder in Mauretanien; belgische Bürger gibt es fast keine in diesem Teil Brüssels.
Auf zwei miteinander verbundene Gebäude verteilt bietet die Organisation auf mehreren Etagen ihre verschiedenen Dienste an: Der Telefondienst ist Anlaufspunkt bei allen möglichen Fragen, Juristen beraten und unterstützen bei finanziellen oder bürokratischen Problemen. Für die Menschen ohne Obdach gibt es eine spezielle Anlaufstelle im Gebäude, wo sanitäre Anlagen, eine Tasse Kaffee und das gemeinsame Gespräch einen festen Anlaufspunkt im sonst sehr ungewissen Alltag bieten. Familien-, Drogen- und psychologische Beratungsstellen, der Secondhand-Laden im Erdgeschoss, die Kinder- und Krankentransportorganisation, die Jugendabteilung mit Nachhilfe, Gruppenleiterausbildung und Beratungsgesprächen – Téléservice bietet eine breite Palette an Angeboten und Unterstützungsmöglichkeiten. Besonders für die Menschen auf der Straße und die Bewohner der „quartiers populaires“.
Meine Arbeit gliedert sich in mehrere Teile:
Zum einen arbeite ich im „Centre de jeunes“, der Unterabteilung „Téléservice-Don Bosco“: Gemeinsam mit meinem Chef M. und meinen Kollegen J. und Y., die dem katholischen Orden von Don Bosco angehören, bin ich festes Mitglied im Planungsteam der Hausaufgabenbetreuung und der Animation.
Das „Centre“ befindet sich ein paar Straßen weiter im Stadtzentrum. Dreimal die Woche findet im Anschluss an die Schule hier die „école des dévoirs“, die Hausaufgabenbetreuung statt: Knapp vierzig Jugendliche zwischen zehn und siebzehn Jahren kommen regelmäßig, um hier ihre Hausaufgaben zu erledigen, auf Arbeiten zu lernen oder gezielt Nachhilfe in einzelnen Fächern zu nehmen.
Gemeinsam mit etwa einem Dutzend Freiwilliger, die über die Woche verteilt das Planungsteam unterstützen, wird so die Möglichkeit geboten, die Bildung der Kinder auch neben der Schule zu fördern. Viele Jugendliche haben daheim kaum die Möglichkeit, Unterstützung bei Eltern oder Geschwistern zu suchen. Manche Familien sind erst seit wenigen Jahren in Belgien, nicht wenige Eltern sind Analphabeten. Hinzu kommt, dass in manchen Haushalten kein Platz für eine ruhige Ecke zum Lernen ist, manchmal fehlt schlicht ein Tisch. Auch die Einstellung zu regelmäßigem und konzentriertem Lernen wird lange nicht von allen Eltern vorgelebt oder unterstützt. Schritt für Schritt ist es so die „école des dévoirs“, die neben der Schule das geregelte Lernen im Alltag vermittelt. Neben der Hilfe bei den Hausaufgaben und fachlicher Unterstützung wird auch auf das spielerische Lernen wertgelegt; vor und nach der festgelegten „Lernzeit“ kommen die verschiedensten Spiele aus dem großen Fundus auf den Tisch. Und oft ist es schwer, zum Aufbruch zu mahnen, zu groß ist die Begeisterung für die Spiele mit Zahlen und Wörtern.
Besonders für viele Kinder, die daheim kaum mit Büchern in Kontakt kommen, ist die „Leseecke“, ein kleiner Raum mit Kissen und Bücherregalen, wo nach Herzenslust geschmökert werden kann – sowohl mit einem Animateur, als auch alleine.
Von Anfang an habe ich in der „école des dévoirs“ voll mitgearbeitet. Besonders bei den Jüngeren sind alle Animateure ununterbrochen eingespannt, viele Kinder brauchen eine sehr intensive Begleitung, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Ich war erstaunt, wie gut die Arbeit schon am ersten Tag funktioniert hat – das Sprachproblem war bei weitem nicht so hoch wie angenommen.
Schon seit den ersten Wochen habe ich meine eigenen Schützlinge, mit denen ich regelmäßig arbeite. Besonders bei den Kleinen kann ich in allen Fächern helfen, die gegenseitige Akzeptanz ist die Basis für die lockere Atmosphäre mit den Kindern – sehr gering waren die erstaunten Äußerungen über meinen begrenzten Wortschatz („Il ne sais même pas parler francais!“). Gemeinsam helfen wir uns durch die gewundenen Hausaufgabenpfade, mit Hingabe werden mir noch nie erblickte Wörter erklärt, und was französische Rechtschreibung betrifft habe ich anscheinend eine gute Schule durchlaufen – für das Niveau der Jüngeren reicht es auf jeden Fall!
Bei den „Secondaires“, den älteren Schülern, deren alltrimesterliche Examen letzte Woche begonnen haben, beschränke ich mich bis jetzt noch auf Englisch, Mathematik, Latein und Geschichte. Aber auch hier kann ich an erstaunlich vielen Stellen helfen, und jede gelöste Aufgabe ist auch für mich ein kleines Erfolgserlebnis.
Neben der Hausaufgabenbetreuung arbeite ich im „Centre de jeunes“ Mittwoch- und Sonntagnachmittags zur Animation.
Mittwochs wird gebastelt und gemalt, wir spielen draußen im Park oder im großen Schulhof nebenan, auch eine kleine, von mir angestoßene Theatereinheit hat schon Früchte getragen. Ab halb vier ist dann der große Spielsaal geöffnet. Mehrere Tischtennisplatten, Tischkicker und Billardtische sind genauso begehrt wie Springseile oder Brett- und Kartenspiele. Die Kinder zwischen sechs und zwölf, die regelmäßig zur Animation kommen, sind sehr anhänglich. Meistens funktionieren das gemeinsame Spielen und die verschiedenen Unternehmungen sehr gut, selbst eine Gruppe von über dreißig Kindern (was bei drei oder vier Animateuren dann doch recht stressig werden kann) lässt sich normalerweise gut handhaben. Manchmal aber reichen schon drei kleine aufgedrehte Rabauken, um eine Metrofahrt zur nervenaufreibenden Angelegenheit werden zu lassen…
Sonntags stehen die verschiedensten Unternehmungen auf dem Programm: Mal geht´s ins Schwimmbad, mal ins Museum oder zum Spielen in den Wald. Wir waren in den letzten Wochen im Zirkus, bei einem Kindermusikspektakel und in einem großen Sportsaal. Abwechslung ist also geboten, und für mich ist dieser Sonntagnachmittag immer auch ein schöner Wochenendausklang (wenn nicht gerade die Stresskompanie durchs Musikinstrumentenmuseum gefegt ist und ein abenteuerlicher Rückweg bevorsteht…).
Mein dritter Aufgabenbereich liegt im großen Gebäude von Téléservice: Im Téléshop wird vor allem Kleidung aus zweiter Hand verkauft. Die ankommenden Säckeberge an bereits Gebrauchtem zu sortieren, zu waschen, gegebenenfalls zu flicken und für den Verkauf herzurichten, das ist die Aufgabe der über siebzig Freiwilligen im Téléshop. Eine sechsköpfige, muntere „Equipe“ leitet den Laden und ist für die Belange der Freiwilligen (fast ausschließlich Damen gehobenen Alters) sowie für das Funktionieren des kleinen Unternehmens verantwortlich.
Mir wurde im Téléshop ein sehr herzlicher Empfang bereitet: Als einziger Jungspund und dazu noch rares männliches Wesen hatten mich „Equipe“ samt Freiwilligenheer ohne großes Zutun meinerseits gleich ins Herz geschlossen. Das Interesse und die Hilfsbereitschaft sind groß, immer wieder bekomme ich kleine Sachen für meine „ménage“, meinen sich noch im Aufbau befindenden Haushalt zugesteckt. L., die die Nähwerkstatt unter ihren Fittichen hat und ursprünglich aus Vietnam kommt, versorgt mich immer mal wieder mit vorgekochten Spezialitäten. Meine extrem langen Vorhänge sind eine Téléshop-Spezialanfertigung, auch eine Konzertkarte fürs belgische Nationalorchester hab ich schon zugesteckt bekommen. Die Atmosphäre ist entspannt und leutselig, die gemeinsamen Kaffeepausen ausgedehnt und gesellig.
Ich arbeite donnerstags und am Dienstagmorgen im Téléshop. Vormittags unterstütze ich die Mannschaft in der großen Kleiderkammer im Keller beim Sortieren, Körbetragen und Auszeichnen. Außerdem muss der Ladenraum für den Verkauf hergerichtet, Preise kontrolliert und herrenlose Kleiderbügel eingesammelt werden. Um zwei Uhr öffnen sich nachmittags die Türen für die Kundschaft.
Ich stehe entweder hinter der Kasse oder bin als mehr oder weniger eloquente Beratung zwischen den Kleiderständern tätig. Gleichzeitig muss auch immer ein wachendes Auge in die verschiedenen Ecken des Ladens huschen – zu oft kommt es leider vor, dass trotz der niedrigen Preise geklaut wird. Die Téléshop-Klientel ist eine bunt gemischte Truppe; neben vielen vermummten Müttern aus dem Viertel kommen regelmäßig auch Obdachlose oder ältere Leute vorbei. Die angebotene Ware entspricht nicht immer der neuesten Mode, aber die Qualität der Kleidungsstücke ist gut, und so ist der Laden am Boulevard de l´Abattoir für viele ein beliebte Einkaufsmöglichkeit.
Neben den bereits beschriebenen Arbeitsbereichen finden regelmäßig „réunions“ statt, Belgier scheinen eine große Vorliebe für Sitzungen und Meetings zu haben…
Es gibt immer etwas vorzubereiten, das Programm für die Animation muss geplant, Infoblätter für die Kinder zusammengestellt werden. Treffen mit Sozialpädagogen verschiedener Organisationen oder Besichtigungen anderer „école des dévoirs“ kommen hinzu, und wenn dann mal wirklich nichts akut ansteht gibt es immer noch scheinbar unzählbare Ordner voller Anwesenheitslisten, die sortiert und geordnet werden wollen. Meistens ist jedoch so viel los, dass mir diese spannende Unterhaltung erspart bleibt.
Während der Herbstferien waren wir mit einer kleinen Gruppe für einen Tag in Brügge, und so kenne ich mit Gent jetzt schon zwei der schönsten flämischen Städte.
Mitte November habe ich eine Jugendgruppe für ein Wochenende in die Ardennen begleitet. Bis auf einen unglücklichen Zwischenfall am Bahnhof, wo zwei unserer Jungs in eine üble Schlägerei verwickelt waren, verlief die Unternehmung zur allgemeinen Zufriedenheit - und mir wurde der Unterschied zwischen dem aufgedrehten Haufen großstädtischer Jugendlicher und dem heimatlichen Pfadfinderstamm ein ums andere mal bewusster…
Neben meinem vielfältigen Arbeitsfeld ist es im Besonderen meine neues Zuhause, das mein „vie bruxelloise“ nachhaltig prägt: Die „Communauté du 22“ in der rue de l´Association, im innersten Stadtkern von Brüssel gelegen, wenige Minuten vom königlichen Schloss und der Kathedrale entfernt, ist mein aktueller Lebensmittelpunkt.
In dieser bunt gemischten Lebensgemeinschaft residiere ich in einem fünf Meter hohen Prachtzimmer, in der „bel étage“ eines alten Patrizierhauses (dessen Glanz definitiv der Vergangenheit angehört). Sechs Belgier, ein Franzose, eine Italienerin und zwei Deutsche gehören zu meiner neuen „Ersatzfamilie“ – ich fühle mich sowohl im Haus als auch in meinem frisch renovierten Zimmer (was einige Anstrengungen gekostet hat, dank der Hilfe von allen möglichen Seiten jedoch schließlich einen mehr als passablen Wohnraum darstellt) pudelwohl.
Die Abende und Wochenenden sind ausgefüllt, Brüssel hat immer neue Seiten zu bieten. Neben einem immensen kulturellen Angebot sind es vor allem die neuen Bekanntschaften, die das Stadtleben so spannend machen. Ich singe inzwischen in einem Studentenchor und versuche mich seit zwei Wochen in der Improvisation an einer Akademie (eine skurrile Angelegenheit, über die noch genauer berichtet werden wird…). Die spontane Lebensweise sagt mir sehr zu, das Schmeißen meines kleinen Haushaltes mit Wäschewaschen, Einkaufen und Co bereitet mir soweit keine Schwierigkeiten – ich genieße die Selbstständigkeit und bin gleichzeitig froh über die lebendige Gemeinschaft in der Communauté. Ich hab mich eingewöhnt, bin akklimatisiert, Freundschaften sind am wachsen.
Neue Arbeit, neues Zuhause, neue Sprache, neue Stadt – ja, mir geht es gut!
Euer
Sebastian







